Demonstranten ziehen am 08.06.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) durch die Innenstadt, um gegen die Polizeiaktionen gegen die kapitalismus-kritische Occupy-Bewegung vor einer Woche zu demonstrieren. Sie laufen dabei auf der selben Route, auf der am 1. Juni fast 1000 Menschen von der Polizei aufgehalten und stundenlang eingekesselt worden waren Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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11.6.2012 | Von:
Dieter Rucht

Massen mobilisieren

Konkurrierende Erklärungsversuche

Die diversen Erklärungen für unterschiedliche Massenphänomene, angefangen von der Panik über Modeströmungen bis hin zu revolutionären Erhebungen, lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen.

Auf der einen Seite wird die Masse als ein diffuser und amorpher Haufen angesehen, der in seinen Stimmungen und Gefühlen sowie daraus resultierenden Handlungen hochgradig manipulierbar ist. Von dieser Auffassung ist die bereits erwähnte „klassische“ Massenpsychologie geleitet, die vor allem von Gustave LeBon und Gabriel Tarde geprägt wurde. Als Substrat der Masse gelten ungebildete, affektgeleitete und von externen Reizen hochgradig abhängige Menschen, die durch Agitatoren gelenkt und gleichgeschaltet werden. Dabei soll es zu einer gleichsam seuchenartigen Ausbreitung von Ideen und Verhaltensmustern kommen. Nicht zufällig florierte diese Sichtweise in dem von revolutionären Erhebungen geprägten Frankreich: Der Aufstand der Pariser Kommune von 1871 bildete den unmittelbaren Erfahrungshintergrund der Vertreter einer sich wissenschaftlich gebärdenden, aber faktisch vorurteilsbeladenen „Psychologie der Massen“, so der Titel eines der Hauptwerke der damaligen Zeit. Diese Denktradition, wenngleich zumeist in abgeschwächter Form und später als contagion approach bezeichnet, reicht bis in die Gegenwart. Bestätigen nicht die euphorisierten, den „totalen Krieg“ bejubelnden Massen im Nationalsozialismus, bestätigt nicht das geballte Auftreten der heutigen „Wutbürger“ die These von der Gedankenlosigkeit, Verführbarkeit und der Reizbarkeit der Masse?

Auf der anderen Seite wird betont, dass das Auftreten und Verhalten von Massen nur selten durch spontane Gefühlswallungen oder gar manipulative Verführungskünste zustande kommt. Vielmehr ist es Resultat eines vorangegangenen Prozesses der organisierten Mobilisierung. Diese Sichtweise wird insbesondere im Ansatz der Ressourcenmobilisierung vertreten, der seit den 1970er Jahren vor allem in den USA und nachfolgend auch in anderen Ländern Bedeutung erlangt hat. Mobilisierung umfasst dingliche Aspekte, etwa Geld und infrastrukturelle Mittel, aber auch immaterielle Vorgänge der Motivierung, Problemdeutung und Überzeugungsarbeit, in denen affektive, kognitive und evaluative Momente zusammenwirken. Diesen letztgenannten Aspekten hat sich vor allem der Forschungsansatz des Framing zugewandt.

Was bei flüchtigem Anblick als gesichts- und strukturlose Masse erscheinen mag, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein strukturiertes Kompositum, das durch das Wirken und die zumindest partielle Präsenz von Gruppen, Organisationen und Netzwerken, teilweise auch vermittelt über Hinweise und Ankündigungen der Massenmedien, vorübergehend zustande kommt. Den Kern derer, die sich an einem Massenprotest beteiligen, bilden organisatorisch eingebundene Mitglieder beziehungsweise Aktivisten. Ihnen kann sich eine mehr oder weniger große Zahl organisatorisch ungebundener Einzelpersonen beigesellen. Aber auch diese haben sich in aller Regel erst aufgrund von vorangehenden Informationen, Aufrufen und Gesprächen zur Beteiligung entschieden. Auf einer ersten Stufe haben alle Protestierenden einen Prozess der Konsensmobilisierung, also einer gelungenen Sensibilisierung für eine bestimmte Problemlage und Problemsicht, durchlaufen. Darüber hinaus bedarf es einer Aktionsmobilisierung, also wirksamer Motivationshilfen zum konkreten Engagement. Voraussetzung dafür ist die Überwindung bestimmter Beteiligungsbarrieren,[3] etwa Aufwand an Zeit, finanzielle Kosten, Skepsis gegenüber Organisatoren, Zweifel am Erfolg sowie attraktive sonstige Angebote, seine Zeit zu verbringen.

Die beiden genannten grundlegenden Erklärungen von Massenmobilisierung unterscheiden sich markant hinsichtlich ihrer Komplexität, empirischen Evidenz und systematischen Untermauerung. Die schlichte, auf einem simplen Reiz-Reaktions-Schema beruhende massenpsychologische Deutung mag durchaus auf Grenzfälle kollektiven Verhaltens zutreffen. Menschenmengen können relativ spontan zusammenkommen. Und sie mögen unter bestimmten Voraussetzungen in eine Art kollektiven Rausch verfallen, sich in ihren Affekten wechselseitig bestärken und weitgehend enthemmt auf bestimmte Reize reagieren. Aber auch in noch so turbulenten, von Wut und Enthemmung geprägten Situationen dürften Kosten-Nutzen-Kalküle eine Rolle spielen, beispielsweise die Überlegung, dass im Falle von Rechtsverletzungen, die aus der Anonymität der Masse heraus begangen werden, das Risiko der Strafverfolgung gegen Null tendiert. Im Übrigen entspricht die weitaus überwiegende Zahl von Massenprotesten nicht dem Bild von fanatisierten Horden. Vielmehr verlaufen diese Proteste geordnet und friedlich.

Zudem beruhen fast alle Massenproteste auf mehr oder weniger aufwändigen Mobilisierungsprozessen. Bei der in München im Dezember 1992 durchgeführten Lichterkette gegen Ausländerfeindlichkeit genügte ein Vorlauf von wenigen Tagen, um eine Massenkundgebung mit rund 400.000 Menschen zustande zu bringen. Dem ging allerdings eine lebhafte öffentliche Debatte über die sich häufenden Gewaltakte gegen Migrantinnen und Migranten voraus. Hinzu kam, dass diese Aktion von Journalisten initiiert wurde, die ihre Zeitung als Werbemittel einsetzen konnten. Andere Massenaktionen wie die Demonstrationen gegen die Berliner Tagung des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank im September 1988 oder gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm im Juni 2007 beruhten auf einer jeweils rund zweijährigen Vorbereitung und Mobilisierungsarbeit. Eine andere Massenaktion zog sich über Jahre hin, wie der Krefelder Appell der Friedensbewegung, zu dem sich zwischen 1980 und 1983 über fünf Millionen Menschen per Unterschrift bekannten.

Proteste unter freiem Himmel (Amtsdeutsch: Versammlungen und Aufzüge) bedürfen einer vorherigen Anmeldung bei lokalen Polizeibehörden beziehungsweise Ordnungsämtern. Davon ausgenommen sind lediglich Spontandemonstrationen, die sich auf ein unmittelbar davorliegendes Ereignis beziehen. Neben der generellen Meldepflicht, aus der sich auch Auflagen bezüglich Zeit, Ort und organisatorischem Rahmen der Veranstaltung ergeben können, setzen insbesondere größere Protestaktionen aufwändige organisatorische und logistische Vorleistungen voraus. Zu Massendemonstrationen aber werden sie erst, sofern zusätzlich günstige Rahmenbedingungen vorliegen. Dazu gehören allgemeine strukturelle Voraussetzungen, die durch konkrete und stärker situationsgebundene Faktoren in ihrer Wirkung verstärkt, aber auch konterkariert werden können. Beispielsweise kann ein Teil der Protestwilligen dadurch abgeschreckt werden, dass im Vorfeld von Massenprotesten Vermutungen geäußert werden, es könne zu schweren Ausschreitungen kommen. Auch restriktive behördliche oder gerichtliche Auflagen, die Diskreditierung von Protestinitiatoren oder auch extreme Wetterbedingungen können die Beteiligung an Protesten erschweren. Doch abgesehen von solchen Unwägbarkeiten: Welches sind die zentralen Bedingungen, die einen Massenprotest wahrscheinlich machen?

Fußnoten

3.
Vgl. Bert Klandermans/Dirk Oegema, Potentials, Networks, Motivations, and Barriers: Steps Towards Participation in Social Movements, in: American Sociological Review, 52 (1987), S. 519–531.