Demonstranten ziehen am 08.06.2013 in Frankfurt am Main (Hessen) durch die Innenstadt, um gegen die Polizeiaktionen gegen die kapitalismus-kritische Occupy-Bewegung vor einer Woche zu demonstrieren. Sie laufen dabei auf der selben Route, auf der am 1. Juni fast 1000 Menschen von der Polizei aufgehalten und stundenlang eingekesselt worden waren Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
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11.6.2012 | Von:
Dieter Rucht

Massen mobilisieren

Ausblick

Massenproteste sind voraussetzungsvoll. Bloßer Unmut, und sei er auch weit verbreitet, reicht nicht hin. Massenproteste kommen erst zustande, wenn ein ganzes Bündel weiterer Bedingungsfaktoren vorliegt. Im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte hat sich diese Bedingungskonstellation insgesamt kaum zu Lasten von Massenprotesten verschlechtert. Zwar rücken einerseits themenübergreifende Proteste zu ideologischen Grundsatzfragen – etwa Sozialismus, Liberalismus, Nationalismus – immer stärker in den Hintergrund. Die Protestthemen werden kleinteiliger, die Betroffenheiten gruppenspezifischer. Das Protestgeschehen wird damit insgesamt vielfältiger, bunter, schwerer überschaubar. Die Zahl der Proteste in der Bundesrepublik nimmt zu, während die durchschnittliche Beteiligung längst nicht mehr an die der 1950er Jahre heranreicht. Andererseits sind mit der Möglichkeit loser Verkoppelungen unterschiedlicher Themen, sozialer Milieus und Kommunikationsnetzwerken günstige Bedingungen entstanden, um in relativ kurzer Frist auch breite Allianzen für einzelne Kampagnen zu bilden, in deren Rahmen dann auch immer wieder Massenproteste möglich werden.

Die neuen Medien verbilligen und beschleunigen Mobilisierungsprozesse, insbesondere im Falle von Unterschriftensammlungen. Heute flankieren sie nahezu alle Arten von Offline-Protesten. Damit wird das Zustandekommen, die Größe und konkrete Form des Protests immer weniger berechenbar. Das zeigt sich insbesondere an Flashmobs und Smartmobs, die auf den Überraschungseffekt setzen und die Flüchtigkeit ihrer Aktion zum Programm erheben. Neben diesen medial überschätzten Protestformen haben jedoch die klassischen Straßenproteste keineswegs ausgedient. Die Platzbesetzungen von Kairo, Madrid und Manhattan sowie die in einigen Ländern anhaltenden Wellen von Massenprotesten haben gezeigt, dass die physische Präsenz im öffentlichen Raum nicht durch massenhafte, aber eben auch bequem zu beschaffende Mausklicks zu ersetzen ist.