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Nissan passenger cars are ready for shipping at the manufacturer’s pier in Yokosuka, southwest of Tokyo, May 19, 1995. Nissan keeps on exportation of their products to the United States in spite of a trade sanction on Japanese luxury cars by the United States.
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27.6.2012 | Von:
Christian Neuhäuser

Faires Wachstum und die Rolle der Unternehmen

Die weit verbreitete Meinung, dass ökonomisches Wachstum das zentrale Mittel zur Steigerung der Lebensqualität der Menschen sei, hat sich inzwischen als zumindest einseitig verkürzt erwiesen.[1] Der ausschließliche Fokus auf die Steigerung der produzierten Güter und Dienstleistungen oder die verfügbaren Zahlungsmittel hat eine Vielzahl von Problemen nicht gelöst oder sogar verschlimmert. Dies lässt sich an drei zentralen Beispielen verdeutlichen. Erstens kann ökonomisches Wachstum zu zunehmender Ressourcenknappheit und Umweltverschmutzung führen sowie den Klimawandel auf bedrohliche Weise beschleunigen. Ökonomisches Wachstum ist also nicht unbedingt ökologisch nachhaltig.[2] Zweitens kann ökonomisches Wachstum zwar die verfügbare Gütermenge für alle über das Niveau absoluter Armut steigern, führt aber weder zum Abbau sozialer Ungleichheit noch zur Überwindung relativer Armut. Ökonomisches Wachstum ist also nicht unbedingt fair. Drittens kann ökonomisches Wachstum die Lebensqualität der Menschen verschlechtern, beispielsweise durch immer längere Arbeitszeiten, immer mehr Konkurrenzkampf und gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen. Ökonomisches Wachstum ist also nicht unbedingt sozial.[3]

Der Blick auf das Wachstum der Güterproduktion allein reicht also nicht aus, um zu bestimmen, ob die Lebensqualität der Menschen in einem Land steigt oder nicht. Es kann durchaus sein, dass die als Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessene Wirtschaftsleistung in Deutschland kontinuierlich steigt und zugleich das Land immer weniger nachhaltig, immer unfairer und immer weniger sozial wird. Dahinter stecken zwei Probleme, die das BIP als Indikator für eine Verbesserung der Lebensqualität ungeeignet machen: Es lässt keinen Vergleich der individuellen Lebenslagen zu, dabei geht es am Ende immer um die Lebensqualität einzelner Menschen und nicht bloß die Gesamtleistung einer Volkswirtschaft; und Lebensqualität beschränkt sich nicht auf ökonomische Güter, sondern es geht um eine Vielzahl von Chancen, Freiheiten und Fähigkeiten für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung. Ökonomischer Druck und Flexibilität, Armut und Ungleichheit, Umweltzerstörung und Klimawandel können den Menschen zahlreiche Chancen und Freiheiten nehmen und verhindern, dass sie die nötigen Fähigkeiten für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung ausbilden und ausleben können.

Es gibt zwei Möglichkeiten, um mit dieser Diagnose umzugehen. Die erste besteht darin, auf Wachstum als Maßstab ganz zu verzichten und stattdessen nach anderen Konzepten des Wirtschaftens zu suchen. Das hat jedoch eine Reihe von gravierenden Nachteilen: Eine Steigerung der Wirtschaftsleistung stellt weiterhin eine wichtige Voraussetzung für eine wohlhabende Gesellschaft dar, nur Wohlstand und Lebensqualität erschöpfen sich nicht darin.[4] Außerdem trägt eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft wesentlich zur sozialen Integration der Gesellschaft bei, weil sich alle Menschen als grundsätzlich freie Marktteilnehmer begegnen können. Schließlich baut solch eine Marktwirtschaft eine freiheitsschützende Machtbalance zwischen Staat und Gesellschaft auf.[5] All dies spricht dafür, auf eine wettbewerbsorientierte Marktwirtschaft nicht zu verzichten, und solch eine Marktwirtschaft muss aus ökonomischen Gründen immer wachstumsorientiert sein, damit sie funktionieren kann.

Es gibt aber eine Alternative zum Verzicht auf Wachstum. Sie besteht darin, nach einem neuen Maßstab für Wachstum zu suchen. Dann wird nicht mehr nur noch die Zunahme von Geld und Gütern gemessen, sondern es geht um ein ganzheitliches Verständnis von Wachstum. Was letztlich wachsen soll, ist tatsächlich die Lebensqualität individueller Menschen.[6] Dafür ist nicht nur die Zunahme ökonomischer Güter, sondern auch die Verbesserung ökologischer und sozialer Chancen erforderlich. Und das alles muss auf faire Weise ablaufen. Dieser zweite Weg ist eine attraktive Alternative zum engen und schädlichen Wachstumsverständnis des BIP.

Derzeit ist zwar noch offen, welches Modell sich zur alternativen Messung von Wachstum eignet. Hier wird jedoch davon ausgegangen, dass sich schon ein geeignetes Modell finden lässt, und daher wird im Folgenden zusammenfassend nur von fairem Wachstum gesprochen. Das erscheint angemessen, weil es ja auch bei Nachhaltigkeit eigentlich um Fairness zukünftigen Generationen gegenüber geht. Diese Idee eines fairen Wachstums soll hier mithilfe eines wichtigen Testfalls auf den Prüfstein gestellt werden. Dieser Testfall sind die Unternehmen als ökonomischer Motor der Gesellschaft. Denn immerhin geht es am Ende nicht nur darum, einen neuen Maßstab für Wachstum zu definieren und messbar zu machen. Vielmehr soll sich die gesellschaftliche Entwicklung auch an diesem neuen Maßstab orientieren.[7]

Wenn sich faires Wachstum in der Praxis bewähren und durchsetzen soll, dann haben Unternehmen aus mindestens drei Gründen eine wichtige Rolle zu spielen. Erstens können sie bereits dabei helfen, nach einem geeigneten Maßstab für Wachstum zu suchen. Dies liegt einfach daran, dass Unternehmen schon über großes praktisches Wissen bei der Messung wirtschaftlicher Prozesse verfügen. Sie vermögen daher gut zu beurteilen, welche Maßstäbe sich für ein faires und nachhaltiges Wachstum praktisch bewähren könnten. Zweitens müssen Unternehmen dabei helfen, diesen neuen Maßstab in der Praxis umzusetzen. Natürlich sind nicht nur Unternehmen für faires Wachstum zuständig, sondern auch andere Institutionen und Akteure. Eine wichtige Errungenschaft eines neuen Maßstabs für Wachstum besteht ja gerade darin, die gesellschaftliche Leistung beispielsweise von Nichtregierungsorganisationen oder Bildungsinstitutionen angemessen zu würdigen. Aber Unternehmen müssen sich an diesem Wandel aktiv beteiligen; denn stehen sie ihm als dominante ökonomische und zunehmend wichtiger werdende politische Akteure entgegen, dann wird solch ein Wandel kaum effektiv gelingen. Drittens können Unternehmen sogar als Vorreiter agieren und neue Wachstumsstrategien in Testläufen ausprobieren. Dazu sind sie aufgrund ihrer flexiblen Organisationsstruktur gut in der Lage und aufgrund eines gestiegenen Drucks aus der Zivilgesellschaft zumindest in manchen Fällen auch bedingt motiviert. Ein zufällig gewähltes, aber gutes Beispiel dafür ist die Nachhaltigkeitsstrategie von Puma: Der Hersteller von Sportbekleidung hat aufgrund der anhaltenden öffentlichen Kritik an derartigen Unternehmen eine zukunftsweisende Wachstumsstrategie entwickelt, deren Umsetzung auch öffentlich überprüft werden kann. Dafür hat Puma den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2010 gewonnen.

Doch kann man überhaupt, löbliche Einzelfälle einmal ausgenommen, von Unternehmen erwarten, dass sie sich für faires Wachstum einsetzen? Was genau kann von ihnen erwartet werden, und wie können sie dazu bewegt werden, faires Wachstum zu unterstützen? Auf diese Fragen soll es im Folgenden erste Antworten geben. Dabei wird deutlich, dass die Funktion staatlicher Politik, wenn es um ein anderes und faires Wachstum geht, nicht einfach nur darin bestehen kann, der Wirtschaft und anderen Sektoren durch gesetzliche Regelungen einen festen Rahmen vorzugeben. Vielmehr besteht die Aufgabe der staatlichen Politik auch darin, ein kluges Management anderer (politischer) Akteure aus der Zivilgesellschaft und Wirtschaft zu betreiben.[8]

Verantwortungsfähigkeit der Unternehmen

Einem wirkmächtigen Verständnis in der ökonomischen Theorie und Praxis nach besteht die Verantwortung von Unternehmen ausschließlich darin, ihren Profit zu maximieren. Dafür werden mehrere normative und konzeptionelle Gründe angeführt: Erstens folge aus der Steigerung des Profits auch eine Steigerung des BIP und damit des Wohlstandes. Zweitens seien Unternehmen zumeist privates Eigentum und daher auf die Interessen der Eigentümer an Gewinnmaximierung verpflichtet. Drittens könnten Unternehmen aus praktischen Gründen gar nicht anders als gewinnorientiert agieren, weil sie dem Diktat des an Wettbewerb orientierten Marktes folgen müssten. Viertens seien Unternehmen ohnehin nicht fähig, Verantwortung im eigentlichen Sinne zu übernehmen, sondern nur rein funktional auf Profitmaximierung ausgerichtete Organisationen.[9]

Auf den ersten Blick wirken diese Argumente überzeugend und haben entsprechend große Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Aber gerade unter einer veränderten Perspektive auf Wachstum, auch im Hinblick auf Fairness und Nachhaltigkeit, verlieren sie schnell einiges von ihrem Glanz. Besonders deutlich wird dies beim ersten Argument, das von einem engen Zusammenhang zwischen Profitmaximierung und gesamtgesellschaftlichem Wohlstand ausgeht. Wenn sich Wohlstand nämlich nicht mehr nur noch am BIP bemisst, sondern Aspekte der ökologischen Nachhaltigkeit und sozialen Fairness mitberücksichtigt, dann erscheint Gewinnsteigerung um jeden Preis plötzlich nicht mehr automatisch als unbedingt wünschenswerte Strategie. Im Gegenteil kann Gewinnsteigerung sogar auf Kosten der Umwelt und Fairness geschehen, beispielsweise durch massive Umweltverschmutzung, Massenentlassungen oder schlechte Arbeitsbedingungen und Bezahlung. Darüber hinaus nutzen Unternehmen möglicherweise ihr bereits vorhandenes Potenzial dazu, sich aktiv für Umwelt und Fairness einzusetzen, gar nicht aus. Immerhin werden sie danach auch nicht bewertet, und es gibt keine entsprechende Anreizstruktur.

Dies alles kann zugestanden und sogar als bedauerlich eingestuft werden, um dann trotzdem mit dem zweiten Argument daran festzuhalten, dass an der rein ökonomischen Profitorientierung von Unternehmen nichts falsch sei. Immerhin seien die meisten Unternehmen in Privatbesitz und agierten in einer freien Marktwirtschaft. Doch Privatbesitz bedeutet nicht, dass man mit seinen Dingen tun kann, was man will; zumindest nicht mehr, sobald andere Menschen negativ davon betroffen sind. Die eigene Freiheit erfährt ihre Grenzen bekanntlich durch die Freiheit der anderen, und das gilt insbesondere, wenn so gewichtige Dinge wie ökologische Nachhaltigkeit und soziale Fairness auf dem Spiel stehen.[10] Außerdem geht es keineswegs darum, die freie Marktwirtschaft abzuschaffen, sondern sie auf kluge Weise zu regulieren. Dies ist ein altbekannter Mechanismus. Inzwischen hat sich die Erkenntnis weit verbreitet, dass Märkte nicht unreguliert bleiben dürfen. Unreguliert können sie zwar nicht intendierte, aber trotzdem extrem negative Nebeneffekte verursachen wie massive Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit und Armut.[11]

Beharrlich auf die grundsätzliche Freiheit der Märkte zu insistieren, ist zugleich äußerst wichtig. Erstens bleibt ökonomisches Wachstum ein wichtiger Bestandteil eines umfassenderen Wachstumsbegriffs. Zweitens sind freie Märkte ein zentraler Bestandteil einer freiheitlichen Gesellschaft. Doch zugleich stellt sich die Frage, wovon beziehungsweise wozu Märkte eigentlich frei sein sollen. Wie schon gesagt, können sie nicht frei von jeglicher Regulierung sein. Die Regulierung muss allerdings transparent und marktneutral stattfinden, und sie darf das freie Agieren am Markt nicht unmöglich machen. Die Idee freier Märkte beinhaltet auch nicht, und das ist ebenso wichtig, dass sie frei von Moral sein müssen. Konsumenten können ihre Kaufentscheidungen durchaus an moralischen Gesichtspunkten ausrichten, immer mehr tun dies auch. Ebenso können Unternehmen ihre Produktion und ihren Handel an fairen und nachhaltigen Kriterien ausrichten, einige tun dies bereits, andere versuchen es zumindest.[12] Freier Handel und freier Wettbewerb sind also sowohl mit staatlicher Regulierung als auch mit einer Moralisierung der Märkte vereinbar. Daher stellt ein fairer Wachstumsbegriff das Privateigentum und die Freiheit der Märkte nicht infrage. Vielmehr ist er geeignet, die allgemeine Freiheit zu befördern, weil zugleich die Freiheit zukünftiger Generationen und massiv benachteiligter Menschen berücksichtigt wird.

An dieser Stelle setzt das dritte Argument gegen die Verpflichtung von Unternehmen auf faires und nachhaltiges Wachstum an. Eine entsprechende Regulierung und moralische Eigenverantwortung mag vielleicht wünschenswert erscheinen, sei aber ganz und gar unrealistisch, so der Einwand. Der globale Konkurrenzkampf an Märkten ließe weder zu, dass einzelne Unternehmen, noch dass einzelne Staaten auf einen anderen Wachstumsbegriff umschwenkten. Eine Selbstverpflichtung oder gesetzliche Regulierung würde die betreffenden Unternehmen so unrentabel machen, dass sie vom Markt gedrängt würden, gar keine Werte mehr generieren und nichts mehr zu irgendeinem Wachstum beitragen könnten.[13] Dies ist ein starkes Argument, denn es konfrontiert das Eintreten für einen neuen Wachstumsbegriff mit dem Einwand, zwar gute Absichten zu verfolgen, aber das Gegenteil zu erreichen, nämlich nur Werte zu zerstören. Zugleich ist dieses Argument jedoch auch zu zögerlich und unterschätzt kreative sowie innovative Wege der Regulierung und Übernahme von Verantwortung.

Tatsächlich besteht die zentrale Herausforderung darin, auf faires Wachstum umzustellen, ohne dadurch jegliche Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Natürlich wäre es blauäugig anzunehmen, dass solch eine Umstellung ohne Einbußen an rein monetär gemessenem Gewinn gelingen kann. Aber Einbußen bedeuten nicht sofort den Verlust jeglicher Konkurrenzfähigkeit, wie die zahlreichen Beispiele krasser Misswirtschaft selbst großer Konzerne zeigen.[14] Es kann also durchaus gelingen, für Unternehmen eine positive Anreizstruktur zu schaffen, sodass sie sich selbst darum bemühen, auf faires Wachstum umzustellen, ohne ihre Konkurrenzfähigkeit einzubüßen. Dies kann durch kluge Regulierungen und durch den Einsatz der Ressource Moral in der Zivilgesellschaft geschehen. Im nächsten Abschnitt soll es daher um die Frage gehen, ob dieser Ansatz wirklich eine Aussicht auf Erfolg besitzt.

Zuvor gilt es jedoch noch, das vierte Argument zu entkräften. Demnach seien Unternehmen einfach keine Akteure, die Verantwortung übernehmen können. Immerhin haben sie keinen Geist, mit dessen Hilfe sie freie und verantwortungsbewusste Entscheidungen fällen können, und besitzen keinen Körper, der sich bestrafen lässt. Beides sei für Verantwortung jedoch notwendig, so die übliche Annahme. Unternehmen seien bloße Organisationsstrukturen, die funktional auf bestimmte Ziele ausgerichtet seien, nämlich die Gewinnmaximierung.[15] Gegen diese so selbstverständlich erscheinende Annahme lässt sich durchaus verteidigen, dass Unternehmen Akteure sind, die zudem auch die Fähigkeit besitzen, verantwortlich zu agieren.

Es sind drei Gründe, die dafür sprechen, dass Unternehmen grundsätzlich verantwortungsfähig sind und ihnen daher auch eine Verantwortung dafür aufgebürdet werden kann, sich für faires Wachstum zu engagieren.[16] Wie die vorherige Argumentation gezeigt hat, ist es erstens wünschenswert, Unternehmen als verantwortungsfähige Akteure aufzufassen. Genau aus dem Grund sind sie beispielsweise auch Personen des Rechts. Ihnen wird die Verantwortung dafür übergeben, Verträge schließen zu können, weil es wünschenswert ist, dass sie es tun. Für sich genommen reicht dieses Argument natürlich nicht aus. Etwas ist nicht einfach schon deswegen der Fall, nur weil es wünschenswert erscheint. Aber es sprechen noch zwei weitere Gründe dafür: Zweitens erweisen sich Unternehmen in der Praxis als verantwortungsfähige Akteure. Sie können beispielsweise jede Verantwortung von sich weisen, wenn es zu einer Umweltkatastrophe gekommen ist. Oder sie können von sich behaupten, ihrer sozialen Verantwortung nachzukommen, beispielsweise wenn sie Wohltätigkeitsprojekte unterstützen. Dies zeigt schon einmal, dass sie die Sprache der Verantwortung verstehen. Genau das ist auch die zentrale Voraussetzung dafür, das eigene Handeln entsprechend ausrichten zu können. Drittens spricht theoretisch nichts dagegen, Unternehmen als Akteure aufzufassen. Faktisch tun wir das in unserem Umgang mit ihnen auch ständig. Natürlich sind sie nicht genauso Akteure wie Menschen. Aber sie haben alles, was es braucht, um selbstständig handeln zu können: Durch ihre Unternehmensstruktur verfügen sie über die Fähigkeit, reflektierte Entscheidungen zu fällen und Pläne zu machen. Durch ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verfügen sie über die Fähigkeit, diese Pläne in die Tat umzusetzen. Es kommt nur darauf an, dass sie ihre bisher an reiner Gewinnmaximierung orientierten Pläne durch andere auf faires Wachstum ausgerichtete Pläne ersetzen. Es ist also sowohl wünschenswert als auch möglich, Unternehmen als verantwortliche Akteure aufzufassen. Deswegen können sie dazu in die Verantwortung genommen werden, sich an fairem Wachstum zu orientieren. Das gilt allerdings nur soweit dies im Bereich ihrer Möglichkeiten liegt, solange sie also ihre Konkurrenzfähigkeit dadurch nicht verlieren. Alles andere wäre eine grobe Überforderung und daher kontraproduktiv.

Leistungsfähigkeit der Unternehmen

Was genau sollen Unternehmen in Bezug auf ein faires Wachstum leisten? Und wie lassen sie sich in eine Bewegung zur Umstellung auf faires Wachstum integrieren? Zur ersten Frage soll hier über einige generelle Bemerkungen hinaus nicht viel gesagt werden. Denn es wird sich erst im Laufe der Zeit praktisch herausstellen, wenn Unternehmen erst einmal damit beginnen, auf faires Wachstum zu setzen, was genau sie leisten können und was von ihnen erwartet werden kann. Allerdings lassen sich zumindest vier Eckpunkte für die Beteiligung von Unternehmen bereits in abstracto festhalten: Sie können sich an einem Reporting für faires Wirtschaften beteiligen, wie es eine Reihe von Unternehmen ja bereits leistet. Fraglos wird dieses Reporting an vielen Stellen einseitig und auch ein wenig geschönt ausfallen. Aber zugleich hilft es dabei, das Thema immer stärker im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Außerdem können Unternehmen aufgrund ihrer spezifischen Expertise dabei helfen, ein faires Konzept von Wachstum aussagekräftiger und besser messbar zu machen. Unternehmen sind immerhin sehr gut darin, Daten zu sammeln, zu verarbeiten und in aussagekräftige Informationen umzuwandeln.

Ferner können Unternehmen schon allein dadurch, dass sie sich einer Umstellung auf faires Wachstum nicht widersetzen, einen wesentlichen Beitrag leisten. Die Lobbyarbeit von Unternehmen und ihr ökonomisches Drohpotenzial sind eine wichtige politische Machtressource. Sie könnten diese Macht einsetzen, um eine Umstellung auf faires Wachstum ernsthaft zu gefährden. Stattdessen können sie ihren Einfluss aber auch dafür nutzen, diese Umstellung auf möglichst wettbewerbsneutrale Weise mitzugestalten.[17] Sie könnten genau dies als besondere Herausforderung begreifen, um ihre Managementkompetenzen dafür zu nutzen, neue und außerordentlich anspruchsvolle Aufgaben zu meistern.[18]

Außerdem können Unternehmen bereits jetzt ihren am Markt bestehenden Spielraum dazu nutzen, um selbst Schritt für Schritt auf faires Wachstum umzustellen. Sie können beispielsweise nachhaltiger wirtschaften oder kontrolliert fair gehandelte Ware beziehen. Oft sind dies nur kleine Schritte, die zusammen aber einen gewaltigen Sprung nach vorn initiieren können, weil sie ein grundsätzliches Umdenken und eine neue Idee von fairem Wirtschaften mit Blick auf ein faires Wachstum einleiten. Alles was es dafür braucht, ist die Bereitschaft und den Mut der Wirtschaftseliten, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Schließlich können Unternehmen durch Marketingkampagnen für ihre Orientierung an fairem Wachstum werben und dadurch neue Marktsegmente erschließen. Wenn sie ihre Produktion, ihre Dienstleistungen und ihren Handel auf faires Wachstum umstellen, dann muss sich die Nachfrage ebenfalls umstellen, sonst versackt die unternehmerische Initiative schnell, weil gar kein Markt zustande kommt. Allerdings dürfen sich Unternehmen auch nicht auf die Behauptung zurückziehen, sie könnten ja nichts tun, weil keine Nachfrage bestünde. Denn tatsächlich verfügen sie selbst über das Potenzial, erheblichen Einfluss auf die Nachfrage am Markt zu nehmen und können dies nutzen, um auch die Nachfrage in Richtung faires Wachstum zu bewegen.[19] Dann ist nicht mehr einfach nur "billiger besser“ und „Geiz geil“, sondern Nachhaltigkeit und soziale Kriterien zählen ebenfalls. Hier zeigt sich bereits, dass es nicht nur um Werbung geht, sondern dies vielmehr nur ein Teil eines gesamtgesellschaftlichen Narrativs ist, das sich in Richtung faires Wachstum verändern muss.[20]

Diese vier Eckpunkte sind nur erste Schritte. Sie zeigen, dass sich Unternehmen an der Umstellung auf faires Wachstum beteiligen können und – was vielleicht noch wichtiger ist – diese Umstellung nicht unbedingt überall dort aufhalten oder verhindern müssen, wo sie es könnten. Dennoch wäre es naiv anzunehmen, dass Unternehmen einfach so alle ihre Kräfte nutzen werden, um Schritt für Schritt auf faires Wachstum umzustellen. Zwar gibt es in vielen und auch in sehr großen Unternehmen zahlreiche Menschen, die solch eine Umstellung persönlich befürworten würden. Aber deren individuelle Fähigkeit, den Kurs insbesondere großer Unternehmen zu verändern, ist häufig sehr begrenzt.[21] Es bedarf also äußerer Anstöße in Form von negativen Sanktionen und positiven Anreizen. Negative Sanktionen können auf ein Problem und einen Handlungsbedarf aufmerksam machen, eine dauerhafte Umstellung können jedoch vor allem positive Anreize leisten. Es ist also durchaus akzeptabel, wenn von Seiten der Zivilgesellschaft ein moderates blaming und shaming betrieben wird, falls Unternehmen sich gegen ein faires Wachstum stellen und beispielsweise in der Nachhaltigkeit oder bei anständigen Arbeitsbedingungen eklatante Mängel aufweisen.[22] Genauso angemessen ist es natürlich, wenn sich der Gesetzgeber entscheidet, durch rechtliche Sanktionen unerwünschtes Verhalten zu verbieten und so gewissermaßen für Unternehmen zu kostspielig zu machen.

Doch derartige Sanktionen wären kaum besonders effektiv, wenn sie nicht durch positive Anreize flankiert würden. Denn immerhin soll es ja darum gehen, dass sich Unternehmen der Umstellung auf faires Wachstum nicht widersetzen und sich sogar innovativ daran beteiligen. Bei bloß negativen Sanktionen gäbe es wohl kaum eine Beteiligung, sondern reichlich Widerstand. Wie also kann es gelingen, für Unternehmen positive Anreize zu schaffen, sich an fairem Wachstum zu beteiligen? Letztendlich müssen zwei gravierende Veränderungen eingeleitet werden: Die Struktur der Märkte und die Struktur der Unternehmen selbst müssen sich ändern. Beide sollten für faires Wachstum zugänglicher werden. Der Einsatz für faires Wachstum muss sich für die Stellung am Markt und für die Stabilität im Unternehmen positiv auswirken, der Verstoß gegen die Kriterien des fairen Wachstums und eine allzu einseitige Orientierung an ökonomischem Wachstum dagegen negativ.[23]

Dies kann nur gelingen, wenn politische Regulierung und zivilgesellschaftliche Steuerung ineinandergreifen. Die Politik kann dafür sorgen, dass durch die Rahmensetzung solche Unternehmen belohnt werden, die auf faires Wachstum setzen. Die Zivilgesellschaft kann durch ihren Einfluss auf das Kaufverhalten der Konsumenten dafür sorgen, dass die Märkte für solche Unternehmen wachsen. Dies kann wiederum durch die Politik gestärkt werden, indem sie solche zivilgesellschaftlichen Prozesse unterstützt. Hier zeigt sich einmal mehr, dass die Aufgabe der Politik in zunehmend komplexen Gesellschaften nicht nur in direkter Regulierung besteht, sondern indirekte Regulierung durch das politische Management zivilgesellschaftlicher Prozesse immer wichtiger wird.

Ich danke Lisa Herzog und Marc Hübscher für wertvolle Kommentare.
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Fußnoten

1.
Vgl. Avner Offer, In Pursuit of the Quality of LifeOxford 1996; Tim Jackson/Ned McBride, Measuring Progress?, CES Working Paper, Nr. 11, 2005; Joseph Stiglitz et al., Commission on the Measurement of Economic Performance and Social Progress, CMEPSP Issues Paper, 25. Juli 2008.
2.
Vgl. Armin Grunwald/Jürgen Kopfmüller, Nachhaltigkeit, Frankfurt/M.–New York 2012, S. 68–75.
3.
Vgl. Franz Schultheis/Kristina Schulz (Hrsg.), Gesellschaft mit begrenzter Haftung, Konstanz 2005.
4.
Vgl. zu den verschiedenen Positionen: Karl-Heinz Paqué, Wachstum!, München 2010; Tim Jackson, Wohlstand ohne Wachstum, München 2011; Meinhard Miegel, Exit, Berlin 2011; Niko Peach, Befreiung vom Überfluss, München 2012.
5.
Vgl. Walter Eucken, Grundsätze der Wirtschaftspolitik, Stuttgart 2008, S. 175ff.; Friedrich August von Hayek, Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 2005.
6.
Vgl. Amartya Sen, Die Idee der Gerechtigkeit, München 2010, S. 253–280.
7.
Vgl. J. Stiglitz et al. (Anm. 1).
8.
Vgl. Arthur Benz/Nicolai Dose (Hrsg.), Governance – Regieren in komplexen Regelsystemen, Wiesbaden 2010.
9.
Vgl. Milton Friedman, The Social Responsibility of Business is to Increase its Profit, in: The New York Times Magazine vom 13.9.1970; Andrew Crane/Dirk Matten, Business Ethics, Oxford 2007, S. 42ff.
10.
Vgl. John Stuart Mill, Liberalismus, Stuttgart 1986, S. 23; John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Frankfurt/M. 1979, S. 274–282; ders., Gerechtigkeit als Fairness, Frankfurt/M. 2001.
11.
Vgl. Joseph Stiglitz, Im freien Fall, München 2010.
12.
Vgl. Ludger Heidbrink/Imke Schmidt/Björn Ahaus (Hrsg.), Die Verantwortung des Konsumenten, Frankfurt/M.–New York 2011.
13.
Vgl. Christian Neuhäuser, Unternehmen als moralische Akteure, Berlin 2011, S. 270–278.
14.
Vgl. David A. Ricks, Blunders in International Business, Oxford 2006; Stewart Hamilton/Alicia Micklethwait, Greed and Corporate Failure, London 2006.
15.
Vgl. Seumas Miller, The Moral Foundation of Social Institutions, Cambridge, MA 2009.
16.
Vgl. zur folgenden Argumentation: C. Neuhäuser (Anm. 13).
17.
Vgl. Karl Homann/Andreas Suchanek, Ökonomik, Tübingen 2005.
18.
Das Problem ist hier, dass es gerade unter Topmanagern kaum individuelle Vorbilder gibt, die einen entsprechenden Ansporn liefern. Genau dies müsste durch herausragende soziale Anerkennung gefördert werden.
19.
Vgl. Benjamin Barber, Consumed!, München 2008.
20.
Vgl. Jeremy Rifkin, Die dritte industrielle Revolution, Frankfurt/M. 2011.
21.
Vgl. Günther Ortmann, Organisation und Moral, Weilerswist 2010.
22.
Vgl. Iris M. Young, Inclusion and Democracy, Oxford 2000, S. 157ff.; dies., Responsibility for Justice, Oxford 2010, S. 133ff.
23.
Vgl. Marc Hübscher, Die Firma als Nexus von Rechtfertigungskontexten, Marburg 2010; ders./Christian Neuhäuser, Organisationsökonomik und Gerechtigkeit, in: Olaf J. Schuhmann/Hille Haker/Martin Schröter (Hrsg.), Marktwirtschaft und Menschenrechte, Tübingen 2012; Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik, Bern 1997; Bruce Ackerman/Anne Alstott, The Stakeholder Society New Haven 1999.