Blick in das Münchner Hofbräuhaus am Platzl. Foto: M. C. Hurek

24.9.2012 | Von:
Alexandra Baronsky
Irene Gerlach
Ann Kristin Schneider

Väter in der Familienpolitik

Reaktion der Väter

Wie reagierten die Väter in Deutschland darauf, dass sie von der Familienpolitik zunehmend dabei unterstützt und von ihr auch dazu angehalten wurden, sich aktiv am Familienleben zu beteiligen? Rückschluss auf diese Frage bietet zum einen der Umfang, in dem sie von den ihnen zur Verfügung stehenden vereinbarkeitspolitischen Maßnahmen Gebrauch gemacht haben. Während in den 20 Jahren, in denen das Erziehungsgeld in Kraft war, maximal 4,6 Prozent der Antragsteller männlich waren, stieg ihr Anteil beim Elterngeld seit seiner Einführung im Jahr 2007 von 7,5 Prozent auf aktuell 25,3 Prozent an. Inzwischen beteiligt sich demnach jeder vierte Vater an der Maßnahme.[24]

Zum anderen gab es in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder Einstellungsbefragungen, welche die Haltungen von Männern zu ihrer Geschlechterrolle und zu Vaterschaft erhoben haben. Während sich bei der ersten großen Einstellungsbefragung deutscher Männer durch Helge Pross im Jahr 1978 noch ein Großteil der Befragten hauptsächlich als "Ernährer“ verstand, waren es bei einer Befragung im Auftrag des Familienministeriums im Jahr 2009 zum Beispiel nur noch 38 Prozent, die dieses Rollenverständnis äußerten. 46 Prozent der befragten Männer unter 45 Jahren sahen sich aktuell oder in Zukunft hingegen eher als "aktive Erzieher“.[25]

Väter als Zielgruppe der deutschen Familienpolitik – eine Bilanz

Der Vergleich der vereinbarkeitspolitischen Instrumente des Mutterschaftsurlaubsgeldes, des Erziehungs- und des Elterngeldes verdeutlicht, dass sich die Haltung in der deutschen Familienpolitik gegenüber Vätern in ihrer Eigenschaft als Betreuer und Erzieher von Kindern grundlegend gewandelt hat. Waren sie im Falle des Mutterschaftsurlaubsgeldes noch von der Maßnahme ausgeschlossen, wurden sie beim Erziehungsgeld zwar formal einbezogen, jedoch durch die finanzielle Ausgestaltung des Gesetzes nicht wirklich bei aktiver Vaterschaft unterstützt. Anders im Falle des Elterngeldes: Hier wird ihnen durch den Lohnersatz die Auszeit vom Beruf nicht nur ermöglicht, die Partnermonate bieten ihnen zusätzlich einen handfesten Anreiz dafür.

Die Diskursanalyse hat gezeigt, dass die frühere Zurückhaltung der Familienpolitik gegenüber Vätern daran lag, dass Kinderbetreuung beinahe ausschließlich als Frauensache empfunden wurde und dass kein Interesse daran bestand, Frauen zur Erwerbstätigkeit zu ermuntern. Das änderte sich grundlegend im Zuge der "Nachhaltigen Familienpolitik“ ab Anfang des neuen Jahrtausends. Um mit den Folgen des demografischen Wandels umgehen zu können, ist seither sowohl eine Stärkung der Frauenerwerbstätigkeit als auch eine Steigerung der Geburtenrate erwünscht. Eine partnerschaftliche Arbeitsteilung im familiären Bereich gilt als strategisch wichtiger Baustein, um beide Ziele erreichen zu können. Folglich wurde die Unterstützung aktiver Vaterschaft auf politischer Ebene nicht aus normativen Gründen im Sinne einer Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern geboren, wie in der geschlechtersensiblen Wohlfahrtsstaatsforschung gefordert, sondern aus den genannten volkswirtschaftlichen Gründen. Ungeachtet dessen haben Maßnahmen wie das Elterngeld eine Entwicklung hin zu einer partnerschaftlicheren Arbeitsteilung innerhalb der Familien angestoßen und wurden im Nachhinein auch so gerechtfertigt.

Ihre Wirksamkeit ist an der Reaktion der Väter erkennbar, die den Gesinnungswandel in der Politik grundsätzlich widerspiegelt. Das ist sowohl anhand der Einstellungsbefragungen ersichtlich, als auch an der steigenden Inanspruchnahme des Elterngeldes. Dieser Befund bestärkt den Kenntnisstand in der geschlechtersensiblen Wohlfahrtsstaatsforschung, wonach staatliche Politik einen Einfluss auf die gelebten Rollenbilder ausübt. Eine solche Feststellung schließt jedoch keinesfalls die Wirkung kultureller Leitbilder aus, die ihrerseits unter anderem von politischen Maßnahmen geprägt werden und diese wiederum prägen. Zudem wird dadurch auch nicht die Bedeutung anderer Faktoren wie der Persönlichkeit des Vaters, des familiären und sozialen Umfeldes sowie seiner Bildung und der Situation am Arbeitsplatz in Frage gestellt.

Fußnoten

24.
Vgl. BMFSFJ (Hrsg.),Familienreport 2010. Leistungen, Wirkungen, Trends, Berlin 2010; Statistisches Bundesamt, Pressemitteilung vom 27.6.2012 – 221/12. Elterngeld: Erwerbstätigkeit von Frauen führt zu höherer Väterbeteiligung, online: www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressekonferenzen/2012/Elterngeld/pm_elterngeld_PDF.pdf?__blob=publicationFile (1.9.2012).
25.
Vgl. Helge Pross, Die Männer. Eine repräsentative Untersuchung über die Selbstbilder von Männern und ihre Bilder von der Frau, Hamburg 1978; BMFSFJ (Hrsg.), Einstellungen und Lebensbedingungen von Familien 2009. Monitor Familienforschung, Beiträge aus Forschung, Statistik und Familienpolitik, Berlin 2009.