Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Asiye Öztürk

Editorial

Kolonialismus – verstanden als Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis – ist ein Tausende Jahre altes Phänomen. Wird der Begriff heute benutzt, ist weithin die Epoche des neuzeitlichen Kolonialismus gemeint, die im Zeitalter der "Entdeckungen" im 15. Jahrhundert beginnt. Im Rahmen der "europäischen Expansion" erreichte er im 19. und 20. Jahrhundert seinen Höhepunkt als weite Teile der Welt unter direkter oder indirekter europäischer Herrschaft standen. Gerechtfertigt wurde das europäische Ausgreifen häufig damit, den Rest der Welt durch und für europäische Werte zu "zivilisieren".

In den Kolonien materialisierte sich ein ambivalentes Bild: Neben Widerstand gegen die europäische Fremdherrschaft gab es lokale Statthalter der Kolonisierenden; während Teile der ansässigen Eliten Europa zum Vorbild für die Moderne nahmen, bewahrten sich andere ihre eigenen Ideen von Fortschritt. Während viele der einstigen Kolonialgebiete – etwa Brasilien oder Indien – mit ihrer Unabhängigkeit den Pfad einer weitgehend selbstbestimmten Entwicklung einschlugen, stockt der Staatenbildungsprozess anderer – etwa des Kongo – bis heute. Ökonomisch profitieren die Kolonialstaaten bis heute von dieser Epoche: Als Ressourcen- und Absatzmärkte halfen die Länder des Globalen Südens den Reichtum Europas zu mehren.

Im Vorwort zum viel zitierten Werk Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde" (1961) bezeichnete Jean-Paul Sartre die europäische, in diesem Fall die französische, Kolonialherrschaft als "Striptease unseres Humanismus" und zog eine vernichtende "Bilanz" dieser "Zivilisierungsmission": Der Humanismus "war nur eine verlogene Ideologie, die ausgeklügelte Rechtfertigung der Plünderung. (…) Dieses Geschwätz von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Liebe, Ehre, Vaterland, was weiß ich. Das hinderte uns nicht daran, gleichzeitig rassistische Reden zu halten: dreckiger Neger, dreckiger Jude, dreckiger Araber. (…) Unsere teuren Werte verlieren ihre Flügel, von nahem betrachtet wird man nicht einen einzigen finden, der nicht mit Blut befleckt ist." Die Historisierung des Kolonialismus sowie die politische, juristische und psychologische Aufarbeitung seiner Verbrechen stehen auch heute in vielerlei Hinsicht noch am Anfang.