Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Sebastian Conrad

Kolonialismus und Postkolonialismus: Schlüsselbegriffe der aktuellen Debatte

Auswirkungen auf unterworfene Gesellschaften und Effekte auf die Kolonisierenden

Den unmittelbarsten Niederschlag hatte der Kolonialismus in den unterworfenen Territorien selbst. In zahlreichen Gesellschaften wurde die Fremdherrschaft als eine tiefe Zäsur empfunden, und auch im Rückblick und in der öffentlichen Erinnerung erscheint sie als fundamentaler Einschnitt. Tatsächlich wurden viele Gesellschaften im Zuge kolonialer Interventionen nachhaltig verändert und transformiert. Die Maßnahmen reichten von der Bestallung politischer Autoritäten über Infrastrukturprojekte, der Ausrichtung der Wirtschaft an den Bedürfnissen der Metropole bis hin zu Eingriffen in die Gesellschaftsstruktur, das Bildungswesen und den kulturellen Wertehorizont.

Gleichwohl erreichten sie nicht alle. Zwar beanspruchten viele kolonisierende Staaten eine totale Lenkung und Kontrolle der beherrschten Bevölkerungen. In der Praxis war es damit allerdings häufig nicht weit her. Vor allem in ländlichen Regionen war die Präsenz des Kolonialstaats meist auf "Inseln der Herrschaft" beschränkt. Auf einen britischen Kolonialbeamten in Indien kamen 28000 Einheimische; in Nigeria war das Verhältnis sogar 1 zu 54000. Die Kolonialmächte waren für die Kontrolle der Territorien daher auf intermediäre Gewalten angewiesen, also auf lokale Eliten, an die Herrschafts- und Rechtsprechungsbefugnisse übertragen wurden. Vor allem das britische Empire setzte auf diese Formen indirekter Herrschaft.

In jedem Fall waren die Auswirkungen auf die kolonisierten Bevölkerungen uneinheitlich. Insgesamt wird man den sozialgeschichtlich transformativen Charakter kolonialer Interventionen jedoch nicht übersehen können. Eine Reihe von Eingriffen – etwa ins Bildungs- und Rechtssystem – haben das formale Ende der Kolonialzeit überlebt; zum Teil wirken dadurch geschürte Konflikte bis in die Gegenwart nach.

Lange Zeit hat sich die Forschung vor allem für die Auswirkungen der Herrschaft auf die abhängigen Nationen in Afrika, Lateinamerika und Asien interessiert. In jüngerer Zeit sind jedoch auch die Rückkoppelungen und Effekte auf die kolonisierenden Gesellschaften zunehmend in den Blick geraten. Imperiale Expansion setzte auch in Europa, Japan und den USA soziale Gruppen voraus, die sich mit diesem Ziel identifizierten; zugleich schuf die territoriale Ausweitung auch in den Metropolen ein koloniales Bewusstsein: Die Imperien waren immer auch "zu Hause" präsent.

Auf der Ebene der Imagination trugen Kolonialausstellungen und Völkerschauen, Dioramen und Vortragsreihen, Brettspiele und Kolonialwarenläden, Zeitschriften und Kolonialromane dazu bei, das koloniale Projekt in breiteren Bevölkerungsschichten zu verankern. Manche erhofften sich von den Kolonien die Lösung sozialer Probleme zu Hause und setzten darauf, Reformprojekte – von der Stadtplanung über medizinische Experimente oder eine neue Bodenordnung – in den Kolonien zu testen, bevor sie auch in Europa Anwendung fanden.

Über diese konkreten Rückwirkungen hinaus ist jedoch zu beobachten, dass soziale Akteure zunehmend in einem imperialen und globalen Referenzrahmen dachten und agierten. Ein gutes Beispiel dafür ist die Zivilisierungsmission. Sie richtete sich am Ende des 19. Jahrhunderts nicht nur auf die Kolonien, sondern auch auf unterprivilegierte Schichten im Innern. Auch in Europa wurden "Vagabunden", Landstreicher und andere nicht-sesshafte Bevölkerungsgruppen zum Gegenstand einer Sozialpädagogik, deren Rhetorik und Praxis sich von der Kulturmission in Übersee kaum unterschied. "Fremde" und "Wilde" – das waren die Termini, die Landstreicher in Deutschland, Unterschichten in den Londoner Arbeitervierteln und "Eingeborene" in Afrika gleichermaßen bezeichneten.

Postkolonialismus

Viele der angesprochenen Aspekte sind nicht zuletzt dank der Anregungen der Postcolonial Studies ins Zentrum der Kolonialgeschichtsschreibung gerückt. Diese Forschungsrichtung ist in den 1980er Jahren entstanden, meist unter Bezug auf Edward Saids Buch "Orientalismus" (1978).[3] Die Perspektive ist jedoch älter, und bereits bei Mahatma Gandhi, Frantz Fanon oder Aimé Césaire in der Nachkriegszeit finden sich Positionen, die eine ähnlich gelagerte Kritik am kolonialen Diskurs formuliert haben. Die Postcolonial Studies stehen für einen in hohem Maße interdisziplinären Zugang, der vor allem in der Literaturwissenschaft und den Cultural Studies, aber auch in der Geschichtswissenschaft große Resonanz gefunden hat. Allgemein gesprochen zeichnet sich der Ansatz durch eine dreifache Schwerpunktsetzung aus.

Erstens gehen postkoloniale Kritiker davon aus, dass die Geschichte des Kolonialismus mit der formalen Unabhängigkeitserklärung nicht vorbei war. Zwar sind im Laufe der Nachkriegszeit die meisten ehemaligen Kolonien in die staatliche Souveränität entlassen worden; mehrheitlich in den 1960er Jahren, Mosambik und Angola jedoch erst 1975, Hongkong erst 1997. Mit der politischen Dekolonisation waren koloniale Beziehungen jedoch nicht mit einem Schlag beendet. Viele Abhängigkeitsverhältnisse, etwa auf wirtschaftlichem Gebiet, dauerten an und wurden seit den 1960er Jahren unter dem Stichwort des Neokolonialismus diskutiert. Hinzu kam, dass auch die Eliten in vielen neuerdings unabhängigen Staaten auf eine Form der Politik setzten, die sich von der Kolonialzeit nur wenig unterschied. In vielen Ländern setzten die im Zeichen der Nationsbildung stehenden Programme der Modernisierung die koloniale Entwicklungspolitik in Grundzügen – wenn auch mit neuem Personal – fort. Gandhi befürchtete daher, die neue indische Regierung würde lediglich English rule without the Englishmen praktizieren, eine Herrschaft also, die auf ähnlichen Prämissen und ideologischen Grundlagen beruhte wie der Kolonialismus auch.

Mit anderen Worten: Post-kolonial erschöpft sich nicht in einem zeitlichen "danach", beschreibt nicht einfach die Situation nach dem formalen Ende kolonialer Herrschaft. Postkoloniale Kritik zielt auch – das ist die zweite Bedeutung des post – auf die Dekonstruktion und Überwindung zentraler Annahmen des kolonialen Diskurses.

Das bringt uns, zweitens, zu der Bedeutung, die Vertreter der Postcolonial Studies den kulturellen und auch epistemologischen Grundlagen des Kolonialismus zusprechen.[4] Diese Privilegierung von Kultur war Teil der allgemeinen kulturellen Wende (cultural turn), der die Humanwissenschaften und auch die Geschichtswissenschaft seit den 1980er Jahren erfasste. Auf die Kolonialgeschichte bezogen hieß das, dass die wichtigsten Faktoren der Kolonisierung nicht in technisch-industrieller Überlegenheit, wirtschaftlicher Ausbeutung oder internationaler Konkurrenz gesucht werden. Noch fundamentaler seien kulturelle Dispositionen, die koloniale Expansion und Herrschaft überhaupt attraktiv und akzeptabel – und noch grundlegender: denkbar – machten. Ohne den zugrunde liegenden kolonialen Diskurs könne man weder die kolonialen Ambitionen der Propagandisten noch die Bereitschaft breiter Bevölkerungsgruppen, das Expansionsprojekt mitzutragen, verstehen; selbst auf Seiten der Kolonisierten wurden zentrale Annahmen dieses Diskurses geteilt.

Fußnoten

3.
Vgl. María do Mar Castro Varela/Nikita Dhawan, Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielefeld 2005; Robert Young, Postcolonialism: An Historical Introduction, Oxford 2001; Frederick Cooper, Kolonialismus denken. Konzepte und Theorien in kritischer Perspektive, Frankfurt/M. 2012; Ina Kerner, Postkoloniale Theorien zur Einführung, Hamburg 2012.
4.
Vgl. Sebastian Conrad/Shalini Randeria (Hrsg.), Jenseits des Eurozentrismus: Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt/M. 2002.
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Autor: Sebastian Conrad für bpb.de
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