Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.
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Neokoloniale Weltordnung? Brüche und Kontinuitäten seit der Dekolonisation


23.10.2012
Die Vorstellung, dass einige Völker nicht in der Lage sind, sich selbst zu regieren, und daher auf die Hilfe von "zivilisierteren" Völkern angewiesen sind, die für sie freundlicherweise die Regierungsgeschäfte übernehmen, erscheint heutzutage ebenso absurd wie anachronistisch. Dennoch wird bisweilen auch Jahrzehnte nachdem fast alle Kolonien ihre Unabhängigkeit erkämpft oder gewährt bekommen haben, immer noch der Vorwurf des Kolonialismus laut: Wir lebten auch nach der formalen Dekolonisation nicht in einer nachkolonialen, sondern in einer neokolonialen Weltordnung.

Dieser Beitrag will diesem Vorwurf nachgehen und anhand einiger Beispiele die Brüche und Kontinuitäten untersuchen, die sich bei einer eingehenderen Beschäftigung mit der nachkolonialen Ära auffinden lassen. Dazu wird zunächst definiert, was unter Kolonialismus und Neokolonialismus zu verstehen ist, bevor Phänomene aus verschiedenen Bereichen – Weltwirtschaft, Militär, Entwicklungszusammenarbeit, Landwirtschaft, Biodiversität, Migration sowie Kultur und Medien – im Hinblick auf diese Definitionen diskutiert werden. Dabei wird auch darauf eingegangen, ob und inwiefern der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank "Instrumente der Ausbeutung" des Globalen Südens sind oder Globalisierung und Entwicklungszusammenarbeit als neue Formen des Kolonialismus zu bezeichnen sind.

Kolonialismus und Neokolonialismus



Der Historiker Jürgen Osterhammel definierte Kolonialismus wie folgt: "Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen der Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen."[1]

Die hier beschriebene ideologisch verbrämte Herrschaft über "kulturell Andersartige"[2] ist in dieser Form heute nicht mehr anzutreffen. Die Unabhängigkeitsbewegungen mussten manche Kriege führen, bevor die Weißen von ihrem Herrschaftsanspruch abrückten, doch überall – von Haiti (1804) bis Simbabwe (1980) – waren sie letztlich erfolgreich, und auch das Apartheidregime in Südafrika als letztes Relikt fiel 1994. Selbst die Menschen in den wenigen heute noch bestehenden Kolonien (wie Amerikanisch-Samoa oder den Niederländischen Antillen) genießen weitestgehend die gleichen Rechte im Hinblick auf politische Partizipation, und nennenswerte Unabhängigkeitsbestrebungen gibt es kaum. Offen die Universalität der Menschenrechte infrage zu stellen und Herrschaft über kulturell vermeintlich minderwertige Kollektive einzufordern, traut sich in der Öffentlichkeit (!) nicht einmal mehr die rechtsextreme NPD – auch sie bekennt sich zum "Recht der Völker auf Freiheit und Selbstbestimmung".[3] Die Brüche zur kolonialen Ära sind mithin offensichtlich.

Damit ist die Frage der Existenz des Kolonialismus im 21. Jahrhundert[4] jedoch noch nicht vollständig beantwortet. Denn zum einen existieren durchaus Kollektive, die gegenüber bestehenden Staaten ihr Recht auf Selbstbestimmung einfordern und andere Kollektive als Besatzungsmacht empfinden. Die Westsahara, Tibet und die palästinensischen Gebiete seien nur als drei Beispiele genannt, bei denen der Vorwurf des Kolonialismus näher zu diskutieren wäre. Zum anderen erwähnt Osterhammel auch den historisch gelegentlich vorkommenden Fall des informal empire als einer anderen Art der imperialen Interessensicherung, der "quasi-kolonialen Kontrolle", bei dem der "schwächere Staat (…) als selbstständiges Gemeinwesen mit eigenem politischen System bestehen" bleibt, aber nur "eingeschränkt souverän" ist.[5]

Elemente einer solchen vertraglich abgesicherten Souveränitätseinschränkung sind vielfältig: Am häufigsten anzutreffen sind Mitspracherechte des dominanten Staates bei der Regierung, Schutz seiner Staatsangehörigen vor einheimischer Jurisdiktion, die Stationierung seiner Truppen und die Festlegung der einheimischen Wirtschafts-, vor allem der Zollpolitik. Davon unterscheidet Osterhammel nichtkoloniale Einflussnahme auf der Grundlage militärischer oder wirtschaftlicher Überlegenheit, die allerdings nicht mit vertraglicher Kodifizierung von Sonderrechten einhergeht.[6]

In ähnlicher Weise wurde nach der Dekolonisation vom ghanaischen Präsidenten Kwame Nkrumah der Begriff des Neokolonialismus geprägt: Trotz formaler Souveränität würde das wirtschaftliche und politische System mancher Staaten von außen gesteuert. Unter diesen Bedingungen würden Auslandsinvestitionen nicht zu "Entwicklung", sondern zu "Ausbeutung" führen und die Kluft zwischen armen und reichen Ländern vergrößern. Neokolonial kontrollierte Staaten würden auch als Werkzeuge in Stellvertreterkriegen der Supermächte missbraucht. Somit sei Neokolonialismus die schlimmste Form des Imperialismus, da sich der dominante Staat durch die formale Souveränität der entsprechenden Staaten auch jeder Verantwortung und Rechenschaft entledigt habe.[7]

In der Folge wurde der Begriff oftmals als Schlagwort in der politischen Auseinandersetzung verwendet, um die vermeintliche Kontrolle der Länder der "Dritten Welt" durch solche der "Ersten Welt" anzuprangern, vor allem die Kontrolle über Ressourcen, Wirtschaftspolitik und Absatzmärkte, aber auch Abhängigkeiten in anderen Bereichen wie Kultur und Medien.[8]

An dieser Stelle offenbart sich ein Dilemma: Einerseits würden die betreffenden Regierungen und Unternehmen zu Recht einwenden, dass Bestrebungen zur Kontrolle der Ressourcen und Märkte zu ihrer Überlebenssicherung notwendig und in einem kapitalistischen beziehungsweise nationalstaatlichen System üblich und somit legitim seien.[9] Andererseits ist die faktische Kontrolle der Wirtschaft durch ausländische Akteure schwerlich mit den Vorstellungen nachkolonialer Unabhängigkeit in Einklang zu bringen.


Fußnoten

1.
Jürgen Osterhammel, Kolonialismus, München 1995, S. 21.
2.
Die Formulierung suggeriert ein statisches ("Welche Kultur hast Du?") oder sogar essenzialistisches Bild von Kultur und erscheint somit unglücklich. Darüber hinaus blendet sie aus, dass es im Kolonialismus oftmals nicht um kulturell, sondern um "rassisch" begründete Herrschaft ging.
3.
Sicherheitspolitische Grundpositionen der NPD, 7.9.2010.
4.
Vgl. Shalini Randeria/Andreas Eckert (Hrsg.), Vom Imperialismus zum Empire, Frankfurt/M. 2009.
5.
J. Osterhammel (Anm. 1), S. 25.
6.
Vgl. ebd., S. 26.
7.
Vgl. Kwame Nkrumah, Neo-Colonialism, the last stage of Imperialism, London 1965.
8.
Vgl. Roland Sturm, Neokolonialismus, in: Dieter Nohlen (Hrsg.), Lexikon Dritte Welt, Reinbek 2000, S. 546f.
9.
Über den letzten Punkt ließe sich sicherlich streiten.
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Autor: Aram Ziai für bpb.de
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