Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.
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Antikoloniale Bewegungen in Afrika. Drei Beispiele


23.10.2012
Unabhängigkeit war nicht unbedingt die zentrale Forderung aller antikolonialen Gruppen und Bewegungen – eine Tatsache, die ein wenig verschleiert wurde durch die Art und Weise, wie der Prozess der Unabhängigkeitswerdung von den politischen Eliten im postkolonialen Afrika inszeniert wurde. Einige von denen, die später als "Väter der Unabhängigkeit" bezeichnet wurden, haben sich sogar öffentlich gegen diese Option ausgesprochen wie der Senegalese Léopold Sédar Senghor; er erklärte im August 1958, dass die Unabhängigkeit eine "Katastrophe" wäre, wie der Historiker Ibrahima Thioub erinnert. Nur zwei Jahre später, 1960, erlangten 17 afrikanische Länder – darunter der Senegal – den Status eines unabhängigen Landes. Die Bewegungen, welche die Kolonialordnung infrage stellten, verfolgten sehr unterschiedliche Forderungen und Strategien. Waren sie "antikolonial", "nationalistisch", "separatistisch"? Die Antwort hängt sehr vom jeweiligen Land und vom Zeitraum ab, der betrachtet wird. Im Folgenden wird anhand von Beispielen gezeigt, was die Aktivisten beeinflusste und welches ihre Hauptforderungen und Strategien waren.

Zunächst lassen sich einige charakteristische Merkmale anführen, die allen Bewegungen gemein waren: Eine maßgebliche Rolle spielte der Zugang zur Bildung; viele der Aktivisten waren Lehrer, Ärzte oder Anwälte. Auch der Kontakt mit anderen Gesellschaften und ihren Lebenswelten beeinflusste sie: Viele hatten Europa während des Zweiten Weltkrieges als Soldaten erlebt und "nebenbei herausgefunden", dass auch Weiße untergeordnete Tätigkeiten verrichten konnten. Einige hatten US-amerikanische oder europäische Universitäten besucht und Kontakte zu den Gewerkschaften in diesen Ländern geknüpft. Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor war die Idee des Sozialismus – häufig neu interpretiert, um die Realitäten des Kontinents, insbesondere die unterschiedlichen Gesellschaftsmodelle, besser abzubilden. Der Panafrikanismus und die Idee einer afrikanischen Besonderheit, die sich in einer Art politischer Einheit konkretisieren konnte, hat zahlreiche "nationalistische" Führer geprägt. Auch Mahatma Gandhis Weg der gewaltfreien Aktion in Indien war ein wichtiger Impuls. Dennoch haben einige Bewegungen, die sich auf ihn beriefen, am Ende den bewaffneten Kampf gewählt, um ihre Ziele zu erreichen.

Die Frage der Gewaltanwendung hat auch die folgende Auswahl der Beispiele ein Stück weit vorgegeben: Hier haben wir den Fall Ghanas, wo die wichtigste nationalistische Bewegung mit friedlichen Mitteln an die Macht gelangte, oder Kameruns, wo der bewaffnete Kampf auf die Liquidierung der wichtigsten separatistischen Führer hinauslief, und schließlich Algeriens, wo sich die Nationalisten nach langem Krieg gegen die Kolonialmacht durchsetzten.

Algerien: Ende einer Illusion



Algerien wurde in Frankreich als Bestandteil des französischen Mutterlandes betrachtet. Es war die einzige wirkliche französische Siedlungskolonie in Afrika. 1960 lebten rund eine Million Europäerinnen und Europäer, darunter besonders viele aus Spanien und Italien, in Algerien – das waren etwas mehr als zehn Prozent der Bevölkerung. Dass es Frankreich gelang, das Land auch nach dem Ersten Weltkrieg unter Kontrolle zu halten, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Teile der algerischen Elite an die Idee der "Assimilierung" glaubten, das Versprechen, auf Dauer zu gleichberechtigten Bürgerinnen und Bürgern Frankreichs zu werden – ein Phänomen, das man in zahlreichen früheren Kolonien Frankreichs findet.

Doch wurde dieses Versprechen nie eingelöst, und das "algerische Bürgertum" begann, sich Gehör zu verschaffen. Der Historiker Bernard Droz, Autor des Buches "Geschichte der Dekolonisation im 20. Jahrhundert", schrieb, dass sich unter "diesem Einfluss eine erste Opposition abzeichnete, die Bewegung der ‚Jeunes Algériens‘, die um 1910 erstmals in Erscheinung trat".[1] Die Forderungen beschränkten sich jedoch auf das Wahlrecht für eine Minderheit der Bevölkerung und eine ebenso begrenzte politische Vertretung.

Die erste Organisation, die offen die Unabhängigkeit des Landes forderte, war Étoile nord-africaine (Nordafrikanischer Stern). 1926 in Frankreich gegründet, strebte er die Vereinigung der aus dem Maghreb stammenden Arbeiterinnen und Arbeiter an, welche die Kolonialordnung bekämpfen wollten. Entstanden unter dem Einfluss der Parti communiste française (PCF) (Kommunistische Partei Frankreichs) löste er sich nach und nach von dieser und ging von einem maghrebinischen zu einem algerischen Nationalismus über. Eine seiner wichtigsten Forderungen war die Einrichtung von Schulen, in denen in arabischer Sprache gelehrt werden sollte. Zudem forderte er das Wahlrecht für alle und die Abschaffung des Code de l’indigénat (der einen rechtlichen Status begründete, durch den die Einheimischen Algeriens diskriminiert wurden, und der 1946 außer Kraft gesetzt wurde), zudem räumte er der Religion des Islams einen wichtigen Platz ein. Aus den Reihen des wiederholt verbotenen Étoile kam schließlich auch derjenige, der zum Begründer des algerischen Nationalismus werden sollte: Messali Hadj.

Weit weniger radikal in seinen Forderungen war Ferhat Abbas, der eher die Elite des Landes vertrat, die eine Assimilierung befürwortete. Abbas, Apotheker und Journalist, ging in den 1930er Jahren in die Politik. Auch er lehnte den Code de l’indigénat ab. Während des Zweiten Weltkriegs unternahm er zunächst einen Vorstoß bei den Behörden des Vichy-Regimes (1940–1944), dann bei den Exilstreitkräften der Widerstandsbewegung für ein freies Frankreich, um Zusagen hinsichtlich erweiterter Rechte für die muslimische Bevölkerung in Algerien zu erwirken – ohne Erfolg.

Diese Fehlschläge veranlassten ihn, im Februar 1943 das Manifeste du peuple algérien (Manifest des algerischen Volkes) zu veröffentlichen, in dem er die gleichberechtigte Teilhabe aller Einwohnerinnen und Einwohner Algeriens in politischen Angelegenheiten und eine eigene Verfassung forderte. Von einem Bruch mit Frankreich war noch immer keine Rede; es ging vielmehr um eine Art Föderalismus. Abbas sprach in dem Manifest auch die Frage der Landreform an (die Algerier hatten massive Enteignungen zugunsten der französischen Siedler hinnehmen müssen), und er forderte eine Anerkennung von Arabisch als gleichberechtigte Sprache neben dem Französischen. Auch die Rolle der Oulémas (islamische Rechtsgelehrte), die sich ebenfalls zu Beginn der 1930er Jahre organisierten, sollte nicht vernachlässigt werden. Sie haben zum Erwachen des algerischen Nationalismus beigetragen und propagierten die Rückkehr zur Reinheit des islamischen Glaubens, den sie der ausländischen Kolonialpolitik gegenüberstellten.

Keine der genannten Bewegungen, welche die Kolonialherrschaft verurteilten, stellte die Präsenz der Europäer in Algerien grundsätzlich infrage. Wie kam es dennoch zum bewaffneten Kampf und zum Fortzug der meisten Europäer, die doch zum Teil seit Generationen in Algerien gelebt hatten? Im Mai 1945, unmittelbar nach der Kapitulation Deutschlands, gerieten in Setif und Guelma, im Nordosten Algeriens, Feiern, die anlässlich dieses Ereignisses stattfanden, außer Kontrolle. Schüsse fielen, nachdem nationalistische Aktivisten eine algerische Flagge hochgehalten hatten. In der Region brachen Unruhen aus; etwa 100 Europäer wurden getötet. Im Zuge der folgenden Repression seitens der Kolonialverwaltung kamen mehrere Tausend Menschen ums Leben. Diese gewaltsamen Übergriffe stellten einen Wendepunkt in der Kolonialgeschichte Algeriens dar – und für einige Historiker auch in der Geschichte des französischen Kolonialismus. Die folgenden Jahre verliefen relativ ruhig, aber der politische Aktivismus schwächte sich nicht ab, im Gegenteil: Einige Gruppen trafen bereits Vorbereitungen für den bewaffneten Kampf. Laut Bernard Droz "verschaffte die Repression Algerien die trügerische Atempause eines friedlichen Jahrzehnts".

Ferhat Abbas setzte seine Bemühungen auf dem Gesetzesweg fort. Er gehörte der zweiten Verfassungsgebenden Versammlung in Frankreich an, deren Arbeit 1946 in der Verfassung der Vierten Französischen Republik mündete. Aber die weitreichendsten Anträge der einheimischen Repräsentanten – so plädierte Abbas an der Seite von Léopold Sédar Senghor für mehr Föderalismus – wurden in die endgültige Fassung nicht aufgenommen, und 1948 wurden die ersten Wahlen zur algerischen Nationalversammlung von den französischen Behörden manipuliert.


Fußnoten

1.
Bernard Droz, Geschichte der Dekolonisation im 20. Jahrhundert, Paris 2009, S. 199.
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Autor: Sébastien Martineau für bpb.de
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