Die Kamerunstraße in Köln, Relikt des Kolonialismus.

23.10.2012 | Von:
Kien Nghi Ha

Die fragile Erinnerung des Entinnerten - Essay

Leben wir in Deutschland aufgrund der historischen Errungenschaften der europäischen Aufklärung und des westlichen Universalismus in einer säkularisierten, von Irrationalität und ideologischen Zwangsvorstellungen weitgehend befreiten Gesellschaft? Wie die jüngste Vergabe des Friedensnobelpreises an die Europäische Union zeigt, hat dieses Selbstbild die eigendynamische Tendenz sich als self-fulfilling prophecy in einem surrealen Zwischenraum zwischen dem imaginierten und dem ersehnten Selbst zu verselbstständigen. Es ist ein selbstreferenzieller Diskurs, der an der komplexeren Realität mit seinen uneindeutigen Grenzen zu scheitern droht.

Auffällig ist auch, dass mithilfe orientalistischer, rassistischer oder antiziganistischer Zerrbilder und Stereotypen die "Anderen" als binäre Opposition zum vernunftbegabten westlich-demokratischen Subjekt kreiert werden. Umso größer war daher die Überraschung für das "westliche Expertentum" als das unerwartet große Verlangen nach Freiheit, Demokratie und Menschenrechten der "arabischen Massen" zum nicht möglich gehaltenen Ausbruch des "Arabischen Frühlings" führte. Die aus innerem Antrieb in Gang gesetzte "Arabellion" kann auch als Krise dualistisch geprägter Welt- und Menschenbilder gelesen werden. Das dahinterstehende Motiv, universalistische Werte und die Fähigkeit zur Selbstkritik und Aufklärung vor allem als westliche Attribute zu monopolisieren, steht im Konflikt mit komplexeren und realistischeren Analysen.

Auch innenpolitisch spielt diese grundlegende und oftmals als nicht überbrückbar gedachte Grenzziehung in der Frage der Zugehörigkeit zum "gesellschaftlichen Wir" in Sinne eines Foucaultschen Dispositivs eine ausgesprochen fundamentale Rolle:[1] Die rückwärtsgewandte Suche nach einem hegemonialen, kulturell und ethnisch möglichst homogenen nationalen Kollektiv erfüllt eine sinn- wie identitätsstiftende Symbolfunktion. In ihrer subjektkonstituierenden, gesellschaftspolitischen und kulturbildenden Bedeutung reichen die Auswirkungen dieser Identitätspolitik weit über den Bereich der Migrations- und Integrationspolitik hinaus.

Diese diskriminatorisch kodierte Binarität, die Menschen entlang historisch etablierter Machtdynamiken und ethnisch-kultureller Identitätsmodelle in "Zugehörige" und "Fremde" aufspaltet, reartikuliert in Gesellschaften mit latenter kolonialer Prägung meines Erachtens nach die Grenzziehungen des colonial divide.[2] Davon zeugt die langanhaltende Schwierigkeit vieler Weißer[3] Deutscher anerkennend mit kultureller Differenz und Diversität im Einwanderungsland umzugehen. Im Alltag werden interkulturelle Dialogansätze oftmals durch den regelmäßigen Aufschrei von sogenannten Überfremdungsängsten überschattet. Die jahrelang verschleppte Implementierung von europaweit gültigen Anti-Diskriminierungsstandards[4] durch unterschiedliche Regierungen lässt Zweifel aufkommen, ob Diskriminierungsfreiheit tatsächlich erwünscht ist. Obwohl weder fundierte Praxiserfahrungen noch Evaluationen vorlagen, ließ sich der damals zuständige Bundesinnenminister Otto Schily in seiner Politik offenbar vom folgenden Glaubenssatz leiten: Seiner Meinung nach wäre die Rücknahme des Anti-Diskriminierungsgesetzes "ein echter Beitrag zum Bürokratieabbau".[5] Demgegenüber wurde im selben Jahr (2005) unter der Ägide desselben Ministers mit immensen bürokratischen Aufwand die obligatorischen Integrationskurse für alteingesessene Migrantinnen und Migranten sowie Neueingewanderte aus Nicht-EU-Staaten mit einem beträchtlichen Sanktionssystem eingeführt. Sie werden in diesem unfreiwilligen System kollektiv als kulturell unterentwickelte Menschengruppen mit politischen Devianzen angesehen, die daher wie Schülerinnen und Schüler der Aufklärung, Kontrolle und gegebenenfalls auch der Bestrafung bedürfen, um integrierbar gemacht zu werden.[6]

Die mangelnde Bereitschaft, die undemokratische Norm rassifizierter Privilegien wie Marginalisierungen etwa durch eine aktive Anti-Diskriminierungspolitik infrage zu stellen, steht in einem engen Zusammenhang mit der verdrängten und unsichtbar gemachten kolonialen Erfahrung der deutschen Gesellschaft und ihrem verborgenen Nachleben in der politischen Kultur. Wiederholt haben unterschiedliche empirische Untersuchungen attestiert, dass etwa ein Viertel der deutschen Bevölkerung über latent rechtsextreme und rassistische Einstellungen verfügt, die auf entsprechend wirkungsmächtigen Weltbildern basieren.[7] Die Forschungsergebnisse bestätigen die Persistenz diskriminierender Einstellungen und Annahmen in breiten Bevölkerungskreisen. Die strukturelle Verankerung überkommener Ideologeme, die nicht ohne die kolonialrassistische und antisemitische Vergangenheit Deutschlands denkbar sind und analysiert werden können, wirft unweigerlich politisch unangenehme Problemlagen auf. So stellt sich unter anderem die Frage, inwieweit koloniale und rassistische Elemente der deutschen Gesellschaft tatsächlich in einem republikanischen Sinne aufgearbeitet wurden. Ein republikanisches Verständnis misst beispielsweise Gesellschaftszugehörigkeit eben nicht mehr nach konstruierten "rassischen" Kriterien, die letztlich dem kolonialrassistischen Denken des 19. Jahrhunderts verhaftet geblieben sind.

Wie stark ein biologistisches Verständnis von gesellschaftlicher Zugehörigkeit im deutschen Kontext präsent ist, lässt sich an einem Klassiker des Desintegrationsdiskurses im Alltag ablesen.[8] Wann immer nicht "deutsch" (also nicht "europäisch") aussehende Deutsche gefragt werden, woher sie wirklich kommen und warum sie so gut Deutsch sprechen, findet eine Reinszenierung der gesellschaftlichen Grenzziehung und Ausweisung statt. Diese Praktiken orientieren sich an dem eurozentrierten Weltbild des geografischen und kulturellen colonial divide, der von einer festen Zuordnung von Raum, "Rasse" und Kultur zu einer unhinterfragbaren Einheit ausgeht. Obwohl das koloniale Modell von einem solchen starren Modell ausgeht, sind die Auswirkungen kolonialer Praktiken, wie Edward Said feststellt, weitaus ambivalenter: "No one today is purely one thing. Labels like Indian, or woman, or Muslim, or American are no more than starting-points, which if followed into actual experience for only a moment are quickly left behind. Imperialism consolidated the mixture of cultures and identities on a global scale. But its worst and most paradoxical gift was to allow people to believe that they were only, mainly, exclusively, white, or black, or Western, or Oriental."[9]

Die nach wie vor nicht aufgearbeitete koloniale Geschichte Deutschlands und ihre kulturellen Präsenzen sind meiner Meinung nach ein Kernproblem auf dem Weg zu einer Einwanderungsgesellschaft, die sich tatsächlich ihrer historischen Dimensionen und strukturellen Machtkonstellationen bewusst ist. Die Bewusstmachung und der Abbau kolonialer Altlasten und Strukturen im kulturellen und institutionellen Gefüge der Gesellschaft sind von elementarer Bedeutung, wenn wir tatsächlich alle gemeinsam mit unseren unendlichen Differenzen und trotz unserer unterschiedlichen geschichtlichen Ausgangsbedingungen gleichberechtigt in einer Rassismus abbauenden Gesellschaft leben wollen.

Fußnoten

1.
Vgl. Paul Mecheril, Wirklichkeit schaffen: Integration als Dispositiv, in: APuZ, (2011) 43, S. 49–54.
2.
Vgl. Ramon Grosfoguel, The Epistemic Decolonial Turn, in: Cultural Studies, 21 (2007) 2–3, S. 211–223.
3.
Wenn Begriffe wie "weiß" und "schwarz" eine politische Kategorie mit rassenkonstruktivistischer Bedeutung ausdrücken, wird die Großschreibung verwendet.
4.
Vgl. Online-Dossier "Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz" der Heinrich-Böll-Stiftung, 2006: http://migration-boell.de/web/diversity/48_533.asp« (12.10.2010)
5.
Zit. nach: Berliner Morgenpost vom 4.3.2005.
6.
Vgl. Kien Nghi Ha, Aufklärung, Bildungszwang oder Kolonialpädagogik?, in: Bülent Ucar (Hrsg.), Zur Bedeutung der Religion in der Integrationspolitik, Frankfurt/M. u.a. 2010, S. 403–424.
7.
Vgl. Oliver Decker/Elmar Brähler/Norman Geißler, Vom Rand zur Mitte, Berlin 2006; Oliver Decker/Elmar Brähler, Die Mitte in der Krise, Berlin 2010.
8.
Vgl. Mutlu Ergün, Kara Günlük. Die geheimen Tagebücher des Sesperado, in: Kien Nghi Ha/Nicola Lauré al-Samarai/Sheila Mysorekar (Hrsg.), re/visionen, Münster 2007.
9.
Edward W. Said, Culture and Imperialism, New York 1994, S. 336.
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