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Die vier Dimensionen der Politikkompetenz


6.11.2012
Die politikdidaktische Diskussion zur Kompetenzorientierung wird seit längerer Zeit geführt. Dennoch lag bisher kein theoriegeleitetes umfassendes Kompetenzmodell vor.[1] Diese Lücke soll das Konzept der Politikkompetenz schließen,[2] das ein solches zur Diskussion stellt. Seine Entwicklung erfolgt durch Rückgriff auf Ergebnisse der Kognitionspsychologie, der Erziehungswissenschaft und der Politikwissenschaft, die aus politikdidaktischer Perspektive ausgewählt und miteinander verknüpft werden. Das Modell der Politikkompetenz beansprucht, die fachbezogenen Dimensionen des Lehr-Lern-Prozesses zu beschreiben und dabei mit den normativen Zielvorstellungen der Politikdidaktik kompatibel zu sein.

Kompetenzbegriff und Modell der Politikkompetenz



Die intensive Diskussion zu Kompetenzen in unterschiedlichen Wissenschaften und in der Praxis hat bisher wenig zur Klärung des Begriffs beigetragen. Die Autorin und die Autoren des Modells der Politikkompetenz haben sich für den Kompetenzbegriff von Franz Emanuel Weinert[3] entschieden. Danach geht der Kompetenzbegriff über den kognitiven Bereich hinaus und umfasst auch Handlungskompetenzen, die individuelle Orientierungen, Einstellungen und Erwartungen einschließen. Kompetenz stellt die Verbindung von Motivation/Einstellung, Wissen und Können im Handlungsvollzug her. Das Modell der Politikkompetenz wird in vier Kompetenzdimensionen ausdifferenziert; diese sind: Fachwissen, Politische Urteilsfähigkeit, Politische Handlungsfähigkeit sowie Politische Einstellung und Motivation (vgl. Abbildung in der PDF-Version). Darüber hinaus wird die Kompetenzdimension Fachwissen in Fachkonzepte, die anderen Dimensionen in Kompetenzfacetten unterteilt.

Die Kompetenzdimensionen bleiben aus Gründen der Praktikabilität begrenzt, sind aber eng miteinander vernetzt: So beeinflusst das politische Fachwissen zum Beispiel die politische Urteilsbildung. Es fördert aber auch die politische Einstellung und Motivation und ist Grundlage politischen Handelns. Politische Einstellung und Motivation fördern die weitere Aneignung von Fachwissen und ermutigen zu politischen Urteilen und zum politischen Handeln. Es sind also kreislaufähnlich vernetzte Dimensionen. Im Lehr-Lern-Prozess kommt es darauf an, bezogen auf die Kompetenzdimensionen, die entsprechenden kognitiven Fähigkeiten zu entwickeln und dabei die subjektiven Aspekte der Aneignung zu berücksichtigen.

In anderen Kompetenzbeschreibungen der Politikdidaktik erscheint gelegentlich Analysieren als eine eigene Kompetenz.[4] Das Modell der Politikkompetenz sieht Analysieren jedoch als integrierten Teil der Kompetenzdimensionen. Da die Wahl der Analyseart im Wesentlichen abhängig ist vom Gegenstand der Analyse und dessen Zugänglichkeit für eine bestimmte Fragestellung,[5] ergibt es wenig Sinn, dafür abstrakt eine eigene Kompetenzdimension zu definieren.

Fachwissen



Der Kompetenzdimension Fachwissen liegt ein Wissensbegriff zugrunde, in dessen Zentrum konzeptuelles Wissen steht. Dieses unterscheidet sich sowohl von Faktenwissen als auch von fachlichem Einzelwissen. Konzeptuelles Wissen sieht von konkreten Erfahrungen ab und kategorisiert stattdessen deren Merkmale und Kennzeichen.[6] Konzepte erlauben das Abrufen von bedeutungs- und wahrnehmungsbezogenen Wissensinhalten aus dem Gedächtnis. Wird konzeptuelles Wissen in einer Anforderungssituation abgerufen, werden die vorhandenen und zur Situation passenden Konzepte netzartig verknüpft. Es aktualisiert sich eine Wissensstruktur, die umso differenzierter ist, je mehr Konzepte vorhanden sind.

Politische Phänomene lassen sich im Grunde nur mit Hilfe konzeptuellen Wissens verstehen. Die Kompetenzdimension Fachwissen wird durch Fachkonzepte definiert und durch Basiskonzepte wie Ordnung, Entscheidung, Gemeinwohl strukturiert. Basiskonzepte sind die Grundideen des Politischen, das sie von Seiten des Wissens her charakterisieren. Fachkonzepte werden nicht aus einer Bezugswissenschaft wie etwa der Politikwissenschaft deduziert, sondern sind didaktische Entscheidungen.[7] Was immer politisch geschieht, es lässt sich mit Hilfe von Fachkonzepten im Kern verstehen – sie beschreiben in ihrer Gesamtheit das politische Grundlagenwissen und können den Basiskonzepten zugeordnet werden. Diese Zuordnung ist jedoch nicht logisch abgeleitet, sondern didaktisch begründet.[8] Fachkonzepte haben eine Struktur, die sich mit Hilfe konstituierender Begriffe weiter entfalten lässt.

Aufgabe des Politikunterrichts ist daher die Förderung und Strukturierung konzeptuellen Wissens der Lernenden. Aus der Kompetenzdimension Fachwissen und den dazugehörigen Fachkonzepten ergibt sich im Lehr-Lern-Prozess eine Reihe von Vorteilen. Damit Lernende Behauptungen und Meinungen nicht ungeprüft übernehmen, müssen sie verstehen, wie sich Wissen aufbaut. Nur wenn Lernende zum Beispiel erkennen können, aus welchen konstituierenden Begriffen sich Fachkonzepte zusammensetzen, können sie Behauptungen analysieren und deren Berechtigung prüfen. Erst dann sind sie in der Lage, weitere Begriffe in ihr Fachkonzept zu integrieren (weicher Conceptual-change-Prozess) oder Fehlvorstellungen durch das Streichen unpassender Begriffe zu korrigieren (harter Conceptual-change-Prozess).

Bei der Wissensvermittlung wird vom vorhandenen Wissen der Lernenden ausgegangen, um es kontinuierlich an das fachliche Wissen heranzuführen. Für die dazu notwendige Diagnose der Lehrkraft liefert die Kompetenzdimension Fachwissen eine strukturierte Vorlage. Im Verlauf des Wissenserwerbs lernen die Schülerinnen und Schüler die politische Fachsprache. Die Fachkonzepte repräsentieren dazu die angemessene Begrifflichkeit. Die Verwendung der Fachsprache führt zu einer größeren Chancengleichheit unter den Lernenden und nutzt insbesondere Lernenden aus "bildungsfernen" Schichten.

Politische Urteilsfähigkeit



Kognitionspsychologisch ist Urteilen ein Prozess, in dem eine Person einem bestimmten Objekt einen Wert auf einer Urteilsdimension zuordnet. Urteilsobjekte sind Gegenstände, Situationen, Personen, Aussagen, Ideen wie auch innere Zustände. Urteilsdimensionen klassifizieren oder skalieren die im Urteil getroffene Aussage.[9] Politische Urteile beziehen sich auf Aufgaben und Probleme des sozialen Nahraums, des politischen Systems sowie der internationalen Beziehungen. Darüber hinaus können politische Programme, Überzeugungen sowie politische Akteure Gegenstand politischer Urteile sein. Politische Urteile können auch normative Urteile sein, da das Politische zur Bewertung auffordert oder eine Entscheidung beziehungsweise eine inhaltliche Ausgestaltung verlangt. Die Qualität von politischen Urteilen hängt von ihrer logischen und deskriptiven Richtigkeit ebenso ab wie von der Plausibilität und Differenziertheit der vorgetragenen Begründung. Den Kern der inhaltlichen Qualität des politischen Urteils bildet die enthaltene politische Rationalität. Die politische Rationalität setzt sich aus der Zweckrationalität und der Wertrationalität zusammen. Sie lassen sich in die Beurteilungskategorien Effizienz und Legitimität fassen. Hinzu kommt, dass Politik multiperspektivisch beurteilt werden kann: Aus der Sicht der politischen Akteure, aus der Sicht der von der Politik Betroffenen und aus der Perspektive des politischen Systems.

Die Kompetenzdimension Politische Urteilsfähigkeit lässt sich in Facetten auffächern, die als unterschiedliche Urteilsarten beschrieben werden können. Das sind Feststellungs-, Erweiterungs-, Wert-, Entscheidungs- und Gestaltungsurteile. Feststellungs- und Erweiterungsurteile beziehen sich auf die Vergegenwärtigung und die analytische Erhellung von Sachverhalten. Als Sachurteile bestehen sie in der Regel aus einer Abfolge von Sätzen und müssen sich bezüglich der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit erläutern und begründen lassen. Sachurteile bilden die Voraussetzung von normativen Urteilen wie Wert-, Entscheidungs- und Gestaltungsurteilen. Feststellungsurteile erfordern im Wesentlichen zwei kognitive Tätigkeiten. Es handelt sich um das Beschreiben und das Kategorisieren. Erweiterungsurteile sind das Resultat vornehmlich dreier kognitiver Tätigkeiten, nämlich des Vergleichens, des Prüfens und des Schließens. Werturteile sind das Ergebnis evaluativer Handlungen. Es handelt sich beim Evaluieren im Wesentlichen um das Bewerten und das Stellungnehmen. Zu Entscheidungsurteilen kommt es, wenn darüber befunden wird, ob eine bestimmte Handlung ausgeführt werden soll oder nicht. Entscheidungsurteile basieren auf der Abfolge zweier eng zusammenhängender kognitiver Tätigkeiten, um das Abwägen und das Sich-Entschließen. Gestaltungsurteile kommen zustande, wenn sachliche Probleme einer inhaltlichen Lösung zugeführt werden. Sie setzen sich aus detaillierten Angaben über die gefundene Regelung zusammen und basieren auf Problemlösungsprozessen, in die vielfältige kognitive Handlungen involviert sind.


Fußnoten

1.
Ein erster Versuch war das bildungspolitisch motivierte und verbandspolitisch orientierte Modell der Gesellschaft für Politikdidaktik und politische Jugend- und Erwachsenenbildung: GPJE, Anforderungen an nationale Bildungsstandards für den Fachunterricht in der politischen Bildung an Schulen – Ein Entwurf, Schwalbach/Ts. 2004. Ein umfassendes Modell bezieht sich auf Fachwissen: Vgl. Georg Weißeno/Joachim Detjen/Ingo Juchler/Peter Massing/Dagmar Richter, Konzepte der Politik – Ein Kompetenzmodell (bpb-Schriftenreihe, Bd. 1016), Bonn 2010.
2.
Vgl. Joachim Detjen/Peter Massing/Dagmar Richter/Georg Weißeno, Politikkompetenz – ein Modell, Wiesbaden 2012.
3.
Vgl. Franz Emanuel Weinert, Concept of Competence – A Conceptual Clarification, in: Dominique S. Rychen/Laura H. Salyanik (eds.), Defining and Selecting Key Competencies, Göttingen 2001, S. 45–65.
4.
Als Beispiel vgl. Andreas Petrik, Der heimliche politikdidaktische Kanon, in: Ingo Juchler (Hrsg.), Unterrichtsleitbilder in der politischen Bildung, Schwalbach/Ts. 2012, S. 71–88.
5.
Vgl. Dieter Nohlen, Analyse, in: ders./Rainer-Olaf Schultze (Hrsg.), Lexikon der Politikwissenschaft, Bd. 1, München 20104, S. 17–20.
6.
Vgl. John Robert Anderson, Kognitive Psychologie, Heidelberg–Berlin 20013.
7.
Vgl. G. Weißeno et al. (Anm. 1).
8.
Vgl. J. Detjen et al. (Anm. 2), S. 31.
9.
Vgl. Tilmann Betsch/Joachim Funke/Henning Plessner, Denken – Urteilen, Entscheiden, Problemlösen, Berlin–Heidelberg 2011, S. 2, S. 12.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Peter Massing für bpb.de

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