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6.11.2012 | Von:
Peter Massing

Die vier Dimensionen der Politikkompetenz

In der Politikdidaktik besteht Konsens darüber, dass Urteilsfähigkeit ein zentrales Ziel des Politikunterrichts ist. Die Diskussion dazu hat sich bisher im Wesentlichen auf Begründungsmöglichkeiten politischer Urteile konzentriert und dabei vernachlässigt, dass es unterschiedliche Arten von Urteilen gibt, die ebenfalls erheblichen Einfluss auf die Begründung haben. Urteile sind zunächst nicht politikspezifisch. Politisch sind sie nur dann, wenn sie Aussagen über Politik enthalten.

Im Unterricht gibt es zahlreiche Gelegenheiten, Feststellungsurteile zu fördern. So setzt sich jedes auf die sachliche Erarbeitung eines Gegenstandes zielende Unterrichtsgespräch aus einer Fülle von Feststellungsurteilen zusammen. Feststellungsurteile ergeben sich zum Beispiel auch, wenn Texte analysiert werden.

Für Erweiterungsurteile gibt es ebenfalls viele Fördermöglichkeiten. Auch dafür lassen sich unter anderem Unterrichtsgespräche und Textanalysen nutzen. Besondere Bedeutung gewinnen aber Makromethoden wie das Planspiel und die Pro-Contra-Debatte oder kooperative Lernformen.

Die Fähigkeit, Werturteile abzugeben, ist immer dann erforderlich, wenn im engeren Sinne über politische Ziele und Entscheidungen gesprochen wird. Dafür werden den Lernenden verschiedene Maßstäbe und Perspektiven vermittelt. Die Makromethoden Pro-Contra-Debatte und Fallanalyse wie auch einige kooperative Lernformen haben eine besondere Nähe zum Werturteil.

Zum Entscheidungsurteil können Lernende unter Berücksichtigung unterschiedlich schwieriger Entscheidungssituationen aufgefordert werden. Folgende Makromethoden sind besonders geeignet, Entscheidungsurteile zu fördern: die Fallanalyse, die Fallstudie, das Planspiel und die Pro-Contra-Debatte.

Gestaltungsurteile weisen wahrscheinlich den höchsten Schwierigkeitsgrad auf. Dem Urteilenden geht es dann wie einem Problemlöser, der zwar ein klares Ziel hat, aber nicht unmittelbar weiß, wie es zu erreichen ist. Die Fähigkeit, Gestaltungsurteile zu formulieren, lässt sich mit Makromethoden fördern, etwa der Fallstudie, dem wirklichkeitssimulierenden Planspiel oder der Bearbeitung von Gründungssituationen.

Politische Handlungsfähigkeit

Handeln ist durch eine Reihe kognitionspsychologischer Verarbeitungsmuster geprägt. Wahrnehmungen, Gedanken, Emotionen, Fertigkeiten und Aktivitäten werden in koordinierter Weise eingesetzt, um entweder Ziele zu erreichen oder sich von nicht lohnenden oder unerreichbaren Zielen zurückzuziehen.[10] "Die Gesamtheit der einer Person zur Verfügung stehenden Handlungskonzepte und Handlungsschemata bezeichnet man als Handlungskompetenz."[11]

Politisches Handeln findet immer im Bezugssystem einer politischen Ordnung statt. Es lässt sich analytisch unterscheiden in kommunikatives politisches Handeln und in partizipatives politisches Handeln. Mit kommunikativem politischen Handeln sind Gespräche oder Diskussionen über Politik im sozialen Umfeld gemeint sowie die Nutzung der politischen Berichterstattung der Massenmedien. Ziele des kommunikativen politischen Handelns sind unter anderem, politisches Wissen zu erwerben, seine politische Meinung zu sagen, Freunde und Bekannte für die eigenen politischen Ansichten zu gewinnen sowie Unsicherheiten in einer komplexen und nicht unmittelbar erfahrbaren politischen Umwelt zu reduzieren. Partizipatives politisches Handeln ist freiwilliges Handeln, das von der Teilnahme an Wahlen und Abstimmungen über parteibezogene, Gemeinde-, Wahlkampf- und politikerbezogene Aktivitäten, legalen Protest und zivilen Ungehorsam bis hin zur politischen Gewalt reicht.

Kompetenzfacetten des kommunikativen und partizipativen politischen Handelns sind: Artikulieren, Argumentieren, Verhandeln und Entscheiden. Artikulieren bezieht sich auf politische Positionen, das Fachwissen, das Meinen und Fühlen und hat zum Ziel, diese durch Verbalisierung im Unterricht zu zeigen und später öffentlich zu machen. Argumentieren hat Verständigung durch Nutzen- und Kostenabwägung zum Ziel. Durch Argumentieren wird versucht, einen oder mehrere Andere von einer Position zu überzeugen. Verhandeln orientiert sich an Kompromissen. Ziel von Verhandeln ist es, einen oder mehrere Andere dazu zu bewegen, die eigene Position oder eigene Ziele, zumindest aber wichtige Teile davon, zu akzeptieren. Dabei werden neben sprachlichen Mitteln (Argumenten) auch Verhandlungsmacht (zum Beispiel Drohungen) und/oder die Verfügungsgewalt über materielle Ressourcen eingesetzt. Entscheiden orientiert sich an dem Ziel, zu einem Ergebnis zu gelangen, indem zwischen Alternativen oder Varianten von Zielen, Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten im Hinblick auf Wertmaßstäbe oder sonstige Präferenzen gewählt wird. Jede dieser vier Kompetenzfacetten ist für die kommunikative und die partizipative politische Handlungskompetenz von Bedeutung, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung. Aus fachlicher Perspektive lässt es sich rechtfertigen, Artikulieren und Argumentieren eher dem kommunikativen politischen Handeln zuzuordnen und Verhandeln und Entscheiden eher dem partizipativen politischen Handeln. Dabei nimmt die Kompetenzfacette Argumentieren eine herausgehobene Stellung ein. Sie steht im Zentrum des kommunikativen politischen Handelns und schlägt gleichzeitig als wichtiger Teil von Verhandeln und Entscheiden eine Brücke zum partizipativen politischen Handeln.

Die Kompetenzfacetten Artikulieren und Argumentieren als Kern des kommunikativen politischen Handelns müssen im Politikunterricht bewusst gefördert werden. Artikulieren verlangt das Explizieren des Wissens und Fühlens der Lernenden in der Fachsprache. Methoden kooperativen Handelns wie zum Beispiel Brainstorming und handlungsorientierte Methoden wie die Talkshow stärken diese Fähigkeit.

Argumentieren verlangt neben sprachlichen vor allem logische Fähigkeiten, also die Fähigkeit zur Analyse der Funktion einzelner Argumentationselemente sowie die Fähigkeit des induktiven und deduktiven Schließens. Die Qualität des Argumentierens lässt sich verbessern, indem die Argumente mit den Fachkonzepten der Politik, mit politischen Urteilen und mit Einstellung und Motivation in Verbindung gebracht werden. Die Förderung der Artikulations- und Argumentationsfähigkeit der Lernenden verlangt von den Lehrkräften, dass diese regelmäßig die Argumentationsregeln betonen, auf Regelverletzungen hinweisen, Pro- und Contra-Argumente oder Einwände von den Lernenden explizit einfordern.

Zum Verhandeln gehören neben argumentativen Strategien, die der konsensuellen Entscheidungsfindung dienen, auch Strategien, die durch den Einsatz von Machtpotenzialen, Konfliktfähigkeit, ökonomischen Ressourcen oder Tausch versuchen, Verhandlungsprozesse abzukürzen und zu hierarchisch-autoritären oder hierarchisch-majoritären Entscheidungen zu gelangen. Diese lassen sich im Unterricht zwar nicht erfahren, sollten aber gewusst werden.

Entscheiden als Teil des realen partizipativen politischen Handelns lässt sich im Unterricht nur begrenzt fördern. Auch wenn Entscheiden durch kooperative oder handlungsorientierte Methoden geübt werden kann, bleibt es gegenüber der realen Politik unterkomplex. Allerdings lassen sich an konkreten politischen Fällen, Problemen, Konflikten oder Entscheidungsprozessen unterschiedliche Strategien und ihre Wirksamkeit analysieren, deren Ergebnisse den Lernenden dann als Fachwissen zur Verfügung stehen.

Fußnoten

10.
Vgl. Jutta Heckhausen/Heinz Heckhausen (Hrsg.), Motivation und Handeln, Heidelberg 20104.
11.
Walter Edelmann, Lernpsychologie, Weinheim 20006, S. 205.
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