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29.11.2012 | Von:
Rudolf Leiprecht

Sozialisation in der Migrationsgesellschaft und die Frage nach der Kultur

Zum Kulturbegriff

In der Sozialgeschichte wurde Kultur, sofern der Begriff auf menschliche Aktivitäten bezogen war, lange Zeit als das Ergebnis eines Bemühens oder Schaffens beschrieben, das zur "Veredlung", "Verfeinerung" und/oder "Vervollkommnung" der Menschheit führte.[6] Daher wurde der Begriff oft auf künstlerische Ausdrucksformen bezogen, also auf Literatur, Theater, Musik, Architektur oder Malerei. Zugleich wurde Kultur auch als Gegensatz zur Natur verstanden, also im Sinne von Gesellschaft oder Zivilisation. In den Gesellschaftswissenschaften werden solche Begriffsfassungen heute entweder als zu beschränkt – Kultur lediglich als Ergebnis künstlerischen Schaffens[7] – oder als zu umfassend – Kultur als synonym zu Zivilisation[8] – eingeschätzt.

Allerdings gab es in der Sozialgeschichte zum Kulturbegriff auch eine Wendung, bei der dieses Bemühen oder Schaffen mit – je nach Konzeptualisierung – Stamm, "Rasse", Volk, Ethnie und/oder Nation verbunden wurde. Unterschiedliche Stämme, "Rassen", Völker, Ethnien oder Nationen brachten dann – in dieser Vorstellung – unterschiedliche "Kulturen" hervor, weshalb man schließlich das Wort Kultur auch zur Konstruktion einer – wie wir heute sagen würden – entsprechenden "Großgruppe" benutzen konnte. Da es zusätzlich die problematische Tendenz gab, Länder, Staaten und Gesellschaften als geformt durch eine einzige "Rasse" oder eine einzige Ethnie zu betrachten, lässt sich heute im Alltag beobachten, dass Kulturen vielfach als homogene "Großgruppen" gesehen werden, deren Synonyme eben Länder, Gesellschaften, Staaten, Völker oder Nationen zu sein scheinen. Daran gekoppelt sind in aller Regel Essenzialisierungstendenzen, also wenn behauptet wird, dass eine Kultur eine ursprüngliche Essenz, Wesenhaftigkeit oder Eigentlichkeit in sich trägt, deren Wirkung sich in unveränderbarer Weise stets aufs Neue zeigt und die bewahrt werden muss, da es sonst – etwa bei vernachlässigter "Pflege" oder einem Verlust an "Reinheit" durch kulturelle Mischung – zu Degeneration und Niedergang kommt.

Mittlerweile setzen sich auch im deutschsprachigen Raum (zumindest in der Wissenschaft) nach und nach neuere Kulturbegriffe durch, die solchen Vorstellungen nicht mehr entsprechen. Damit werden auch ältere Konzeptualisierungen von Kulturen als geschlossene "Kreise", "Kugeln" oder "Inseln", die sich abstoßen, nicht verbinden können oder isoliert entwickelt haben, überwunden.

Es bilden sich Kulturbegriffe heraus, die – im Gegenteil – Momente der Dynamik, Überschneidung, Vermischung und Unabgeschlossenheit betonen. Kultur wird hier definiert als ein Phänomen auf einer Makro- oder Mesoebene, und der Begriff kennzeichnet ein System von Zeichen, Symbolen und Bedeutungsmustern (wie Werte, Normen, Rituale, Routinen, Gebräuche, Traditionen, Mythen), die sich auch in Strukturen und Gegenständen gleichsam "materialisieren" können. Dabei geht es stets um Prozesse und Resultate von "Aktivitäten", die in der Menschenwelt stattgefunden haben und stattfinden.[9] Innerhalb eines "Sozialraums" lassen sich mit diesem Kulturbegriff dann Bewegungen von und Austauschprozesse zwischen kulturellen Elementen beschreiben, wobei dominierende und dominierte "Gebilde" (wie Sub- und Teilkulturen, Dominanzkulturen) entstehen, die unter anderem auf der Grundlage von "Kräfteverhältnissen" benutzt werden können, um innerhalb von und mit kulturellen Elementen Auseinandersetzungen zu führen.

Für eine im Alltagsdiskurs immer noch zu beobachtende Reduktion auf "Nationalkultur" und damit einhergehende Homogenisierungen und Essenzialisierungen eignet sich dieser Kulturbegriff jedenfalls nicht. Auch wird deutlich, dass der gängige vereinfachende Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund, für die eine Zugehörigkeit allein zu "zwei sozialen Welten, nämlich zur Herkunftskultur und zur Aufnahmegesellschaft"[10] wahrgenommen wird, in jedem Fall zu kurz greift: Erstens sind weder die "Herkunftskultur" noch die Kultur der "Aufnahmegesellschaft" homogen, zweitens muss auf beiden Seiten von Kulturen im Plural (wie beispielsweise städtische und ländliche Kulturen, Jugendkulturen, Organisationskulturen, Lernkulturen) gesprochen werden, drittens ist stets auf Überschneidungen zwischen den verschiedenen Kulturen zu achten, und viertens müssen den einzelnen Individuen Mehrfachzugehörigkeiten zugestanden werden, die über eine binäre Denkweise hinausgehen.

Kultur und Individuum

Damit kommen wir zu einem sehr wichtigen Zusammenhang, der meist vernachlässigt wird. Es geht hier um die Vorstellungen, die über das Verhältnis von Kulturen und den individuellen Menschen, die jeweils damit zu tun haben, existieren. So ist zum Beispiel die Vorstellung einer kulturellen Prägung weit verbreitet. Dies ist überaus missverständlich, da damit oft (implizit oder explizit) auf die biologische Verhaltensforschung Bezug genommen wird, und dort wird unter Prägung eine biologische Festlegung verstanden: Es sind hier weder Entscheidungen noch Veränderungen denkbar, die mit der Interpretation, der Sichtweise, der Reflexionsfähigkeit oder dem Willen eines Individuums verbunden sind.

Der Begriff Prägung hat allerdings eine große Nähe zu einem weit verbreiteten Alltagsbewusstsein, demzufolge die einzelnen Menschen, die als Angehörige einer Kultur wahrgenommen werden, durch diese Zugehörigkeit bestimmte psychosoziale Eigenschaften und Fähigkeiten aufweisen und in ihrem Denken, Fühlen und Handeln determiniert sind. Die Anderen werden so gleichsam als Marionetten, die an den Fäden ihrer Kultur hängen, gesehen.[11] Tatsächlich ist der Blick in dieser Vorstellung stark auf die Anderen gerichtet: Denjenigen, die als Angehörige einer anderen Kultur wahrgenommen werden – und damit bestätigt sich eine Erkenntnis des Sozialpsychologen Henri Tajfel – wird eher ein für eine Kultur typisches und durch eine Kultur determiniertes Verhalten unterstellt, während – und hier erweisen sich auch festlegende Denkweisen erstaunlich flexibel und inkonsistent – Angehörige der eigenen Kultur eher als Individuen gelten.[12]

Neuere Konzeptualisierungen in den Gesellschaftswissenschaften hingegen gehen weder von einer völligen Festlegung durch Kultur noch von einer Eins-zu-Eins-Entsprechung beim Zusammenhang zwischen dem Makro- und Mesophänomen Kultur und den einzelnen Individuen aus. Zudem werden Kulturen als eine Art Reservoir betrachtet, das die Menschen aufgreifen, transformieren und weiterentwickeln, aber auch verdrängen, ignorieren oder uminterpretieren können. Menschen werden also nicht nur beeinflusst durch Kulturen, sie beeinflussen diese auch selbst, tragen durch ihre Handlungsweisen zu Veränderung und Erneuerung bei (doing culture), und sie können sich (potenziell) auch reflexiv und bewusst zu ihren Kulturen verhalten.[13]

Dies fügt sich sehr gut zu aktuelleren Entwicklungen in der Sozialisationsforschung: Das Individuum und die Gesellschaft werden hier zunehmend in einer eher interaktiven Konstellation gesehen, wobei die Individuen nicht nur als passive und empfangende Wesen erscheinen, sondern auch als aktiv und gestaltend: als "auf sich und ihre Umwelt immer auch selber" einwirkend.[14]

Um dies nun so fassen zu können, dass weder eine "völlige Determination" noch eine "völlige Freiheit" behauptet wird (beides wäre nicht nur illusorisch, sondern auch ideologisch), erweist sich der analytische Begriff Möglichkeitsraum als überaus nützlich: Es ist nicht alles möglich, aber eben auch nicht alles bestimmt.[15] Dabei sind diese "Räume" insofern spezifisch, als dass der historische, geografische und soziale Ort in der Welt, in den ein Mensch hineingeboren wurde, genauso darin eingeht wie die jeweils eigene Geschichte des Umgehens mit und Verhaltens zu den vorhandenen Möglichkeiten, Behinderungen, Zumutungen oder Bedrohlichkeiten. Und die Menschen haben in ihren Möglichkeitsräumen nicht nur mit dominierenden und dominierten kulturellen Mustern zu tun, sondern gleichzeitig auch mit politischen Verhältnissen, Geschlechterverhältnissen, Klassen- und Schichtungsverhältnissen oder Generationsverhältnissen.

Fallstrick Kulturalisierung

Es ist also überaus komplex und kompliziert, Kulturelles im Kontext einer Sozialisation in Migrationsgesellschaften zu thematisieren. Und obwohl auf den Kulturbegriff nicht verzichtet werden kann, gilt es gleichzeitig, auf der Hut zu sein vor Reduktionismen, die allerdings nicht nur "vereinfachend" sind, sondern aus bestimmten Gründen in einer bestimmten Weise vereinfachen. Dies lässt sich als Kulturalisierung beschreiben. Dabei wird aus einem dynamischen und heterogenen Phänomen etwas Festes und Statisches konstruiert und die Vorstellung einer einheitlichen "Großgruppe" erzeugt und reproduziert, und nicht zufällig geraten dann situative Faktoren, strukturelle Voraussetzungen oder individuelle Verantwortlichkeiten aus dem Blick. Die Rede von Kultur, Kulturkonflikt und kultureller Identität kann so der Ausblendung einer "sozialstrukturellen Benachteiligung" und der Rechtfertigung "mangelhafter Bildungsprogramme" dienen,[16] genauso wie sie zur Distanzierung, Ausgrenzung und Abwertung beitragen kann.

Fußnoten

6.
Brockhaus Konversationslexikon, Bd. 10, Leipzig–Berlin–Wien 189814, S. 792.
7.
Vgl. Georg Auernheimer, Einführung in die interkulturelle Pädagogik, Darmstadt 20033, S. 75.
8.
Vgl. Klaus P. Hansen, Kultur und Kulturwissenschaft. Eine Einführung, Tübingen–Basel 20033, S. 19ff.
9.
Vgl. G. Auernheimer (Anm. 7). Ähnlich: Wolfgang Welsch, Transkulturalität. Zur veränderten Verfassung heutiger Kulturen, in: Irmela Schneider/Christian W. Thomsen (Hrsg.), Hybridkultur. Medien – Netze – Künste, Köln 1997, S. 67ff. Deutlich früher bereits: John Clarke/Stuart Hall/Tony Jefferson/Brian Roberts, Subkulturen, Kulturen und Klasse, in: John Clarke et al. (Hrsg.), Jugendkultur als Widerstand. Milieus, Rituale, Provokationen, Frankfurt/M. 1979, S. 39ff.
10.
Vgl. in kritischer Perspektive hierzu: G. Auernheimer (Anm. 7), S. 74.
11.
Vgl. Rudolf Leiprecht, "Pech, dass Ausländer mehr auffallen …" Zum Reden über die Kultur der "Anderen" und auf der Suche nach angemessenen Begriffen und Ansätzen für eine antirassistische Praxis (nicht nur) mit Jugendlichen, in: ders. (Hrsg.), Unter Anderen – Rassismus und Jugendarbeit, Duisburg 1992, S. 93ff.
12.
Vgl. Henri Tajfel, Gruppenkonflikt und Vorurteil – Entstehung und Funktion sozialer Stereotypen, Bern 1982.
13.
Vgl. J. Clarke et al. (Anm. 9), S. 41ff.
14.
Klaus-Jürgen Tillmann, Sozialisationstheorien. Eine Einführung in den Zusammenhang von Gesellschaft, Institution und Subjektwerdung, Reinbek 200715. Ähnlich: D. Geulen (Anm. 1), S. 165ff.
15.
Vgl. Rudolf Leiprecht, "Subjekt" und "Diversität" in der Sozialen Arbeit, in: Sabine Wagenblass/Christian Spatscheck (Hrsg.), Bildung, Teilhabe und Gerechtigkeit – Gesellschaftliche Herausforderungen und Zugänge Sozialer Arbeit, 2013 (i.E.).
16.
Hierauf machte bereits recht früh im deutschsprachigen Fachdiskurs der Pädagoge Georg Auernheimer aufmerksam: ders., Der sogenannte Kulturkonflikt. Orientierungsprobleme ausländischer Jugendlicher, Frankfurt/M. 1988, S. 9.
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Autor: Rudolf Leiprecht für bpb.de
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