2275799 Russia, Kazan. 09/02/2013 First-graders during a celebratory assembly on the first school day at a gymnasium in Kazan. Maksim Bogodvid/RIA Novosti

29.11.2012 | Von:
Käthe Schneider

Bildung zur Selbstbestimmung im Erwachsenenalter

Bedeutung der Lebensgeschichte

Ich komme nun zu der zweiten Teilfrage, inwiefern die Entwicklung des Selbst als eines Objekts begriffen werden kann. Dabei richte ich mein Erkenntnisinteresse nur auf die Entwicklung der Persönlichkeitsebene 3, der Lebensgeschichte, die für das Selbst als Objekt und auch für den Erwachsenen zentral ist.

Die Lebensgeschichte kann verstanden werden als die Art und Weise, wie das "Ich" (das Selbst als Subjekt) Elemente des "Mich" (das Selbst als Objekt) in einer zeitlichen Sequenz arrangiert und dadurch das "Mich" als Objekt konstruiert. Das Subjekt hat sich eine eigene Bedeutung gegeben, in dem es einen Zweck durch eine Geschichte herausgearbeitet hat.[32] Das "Ich" ist in diesem Prozess der Erzähler und das "Mich" der Protagonist der Erzählung. Erfahrungen sind von geringem Wert, wenn sie nicht miteinander verknüpft werden, was durch die in einer Geschichte hergestellte Einheit erfolgen kann; eine Einheit, welche eine Artikulation des Lebens ist, die diesem eine neue und reichere Bedeutung verleiht.[33] Das Erzählen der Lebensgeschichte vermag das "Mich" mit einer Einheit und einem Lebenszweck auszustatten. Eine Lebensgeschichte entspricht im Wesentlichen der Grammatik des zielgerichteten Verhaltens, denn die Intentionalität des Menschen ist auch der Kern jeder Erzählung.[34] Ein Protagonist handelt, um ein Ziel zu erreichen, und reagiert dann auf die Konsequenzen.[35]

Eine Person kann mehr als eine Lebensgeschichte haben und über zahlreiche unverbundene Geschichten zum Selbst verfügen, was übrigens als ein besonderes Kennzeichen der Postmoderne gesehen wird. Die Entwicklung der Lebensgeschichte stellt einen Prozess der mehrfachen Veränderung in Richtung guter Geschichte dar, die sich im Laufe der Zeit in eine größere Kohärenz, Differenzierung und Integrierung ausformt.[36] Lebensgeschichten verändern sich über die Zeit beträchtlich, was auf die Persönlichkeitsentwicklung hinweist. Der Prozess der Bildung, der als reflexiv gedacht wird und auf die Formung des Selbst gerichtet ist, ist somit eng mit dem Erzählen der eigenen Lebensgeschichte verbunden.

Zusammenfassung

Die Bildung Erwachsener zur Selbstbestimmung ist im Kern die Bestimmung des Menschen durch sich selbst als eines Wesens, das sich in der Erkennbarkeit und Bewusstwerdung von Objekten seiner Gründe und Normen des Handelns bewusst wird und diese als gültige anerkennt. Die Anerkennung ermöglicht der Person eine Autonomie im Handeln auf dem Weg zur Selbstbestimmung. Die handelnde erwachsene Person erlangt zunehmend Freiheit, wenn sie nach den selbst auferlegten Normen und Zwecken handelt, und Verantwortung, wenn sie die Folgen des Handelns begründen kann.[37]

Bildung verstanden als Selbstbestimmung manifestiert sich in einer Komplexitätszunahme der bedeutungsbildenden Systeme und in einer zunehmenden Kohärenz dieser intrinsisch wertvollen Systeme. Die Gründe des Urteilens und Handelns werden miteinander verbunden, in ein kohärentes System gebracht und allgemeingültig. In Anlehnung an William Stern können mit dem sich entwickelnden vieleinheitlichen Selbst (unitas multiplex) wiederum neue Beziehungen eingegangen werden.[38] "Damit wird die Beziehung zur Welt immer wieder integrierend differenziert."[39] Dadurch, dass die Welt immer mehr reflektiert und verändert werden kann, kann die Person mehr Beziehungen mit der Welt aufbauen. Mit zunehmender Komplexität und Integration der Bedeutungsprozesse wird auch die Lebensgeschichte kohärenter, offener und differenzierter. Die Betrachtung der Bildung als Selbstbestimmung verdeutlicht, dass Bildung im Erwachsenenalter analog zum Verständnis von Weisheit als Integration von Logos und Mythos begriffen werden kann:[40] Im Prozess der Bildung repräsentiert der Logos das Rationale, das Kognitive, das Objektivierbare, das Erklärbare, die Vernunft und das Wissen. Der Mythos steht dagegen für das Gefühlte und das Ganzheitliche.

Fußnoten

32.
Vgl. Dan P. McAdams, Personality, Modernity, and the Storied Self, in: Psychological Inquiry, 7 (1996) 4, S. 295, S. 307.
33.
Vgl. Guy A.M. Widdershoven, The Story of Life, in: Amia Lieblich/Ruthellen Josselson (eds.), The Narrative Study of Lives, Newburg Park 1993, S. 6f.
34.
Vgl. Dan P. McAdams, The Psychology of Life Stories, in: Review of General Psychology, 5 (2001) 2, S. 103.
35.
Vgl. Nancy L. Stein/Margret Policastro, The concept of a story, in: Heinz Mandl et al. (eds.), Learning and comprehension of text, Hillsdale 1984, S. 113–155.
36.
Vgl. D.P. McAdams (Anm. 3), S. 36.
37.
Vgl. Julian Nida-Rümelin, Strukturelle Rationalität, Stuttgart 2001.
38.
Vgl. William Stern, Die menschliche Persönlichkeit, Leipzig 1918.
39.
Urs Fuhrer et al., Selbstentwicklung in Kindheit und Jugend, in: W. Greve (Anm. 5), S. 54.
40.
Vgl. G. Labouvie-Vief/M. Diehl (Anm. 24), S. 219–235.
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