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Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.

14.2.2013 | Von:
Huda Zein

Identitäten und Interessen der syrischen Oppositionellen

Freie Syrische Armee und andere bewaffnete Gruppen

Die Freie Syrische Armee (FSA) bestand anfangs aus kleinen Einheiten desertierter Soldaten, der sich nach und nach viele Zivilisten sowie eine geringe Anzahl ausländischer Kämpfer anschlossen. Gegründet wurde sie im Sommer 2011 zunächst mit dem Ziel, friedliche Demonstrationen zu schützen. Im Laufe des Widerstands entwickelte sie sich jedoch zu einer Partisaneneinheit, deren Mitglieder die unterschiedlichsten ideologischen Hintergründe haben.

Neben der tendenziell gemäßigten FSA bestehen auch radikale islamistische Kampfgruppen wie die al-Nusra-Front, Kataeb Ahrar al Sham, Liwaa al Tawhiid, Dar al-Umma, Suqur al-Sham, Liwaa al-Nasr und andere, die relativ gut vernetzt und militärisch ausgestattet sind. Solange es keine Alternative gibt, zeigen sich viele Menschen in Syrien aus Not und Verzweiflung bereit, mit solchen islamisch-extremistisch orientierten Gruppen zu kämpfen, selbst wenn sie in vielen Punkten deren Auffassungen nicht teilen.

Dies vergrößert jedoch die Gefahr einer Aufspaltung der ohnehin äußerst fragmentierten syrischen Gesellschaft. Bei vielen Syrern nimmt die Angst vor diesen Gruppen und vor einer zunehmenden islamischen Identifizierung des bewaffneten Kampfes zu, doch das Vakuum des Kampfes gegenüber der extremen Gewaltanwendung des Regimes wird von keiner anderen Instanz gefüllt. Die radikal-islamischen Einheiten verfügen über reichlich militärische Fähigkeiten, Waffen und Erfahrung im Partisanenkampf und werden von der Golfregion finanziell unterstützt, was von den USA und anderen westlichen Staaten weitgehend ignoriert wird.

Trotz mehrfacher Versuche, den militärischen Körper der Opposition zu vereinheitlichen, bleibt dieser bislang zumeist heterogen und dezentral organisiert. Es besteht keine gemeinsame Strategie, und die eingeschränkte Koordination der Operationen reicht meistens nicht über die eigene Stadt und deren Umgebung hinaus. So kam es zu Rache- und Sabotageakten oder schweren Bombenanschlägen einzelner Kampfgruppen.

Die zunehmende Konfessionalisierung des Konflikts wird sowohl vom Regime als auch von ausländischen Sponsoren gefördert, und zunehmend verfestigt sich die Wahrnehmung eines von den Golfmonarchien und der Türkei unterstützten sunnitischen Aufstands gegen das alawitische Regime und seine schiitischen Bündnispartner (Iran, Hisbollah, die schiitisch dominierte irakische Regierung).[17]

Mehrmals wurde sowohl von der FSA, also auch von islamisch orientierten Gruppen, der Versuch unternommen, sich zusammenzuschließen und die bewaffneten Truppen zu vereinen. Im März 2012 beschlossen der FSA-Chef Riad Asaad, der zu den ersten Deserteuren und Begründern der FSA gehört, und General Mustafa al-Sheikh, der Leiter des Militärischen Rats, einer anderen bewaffneten Einheit, den militärischen Kampf zu koordinieren und Chaos im Land nach einem Assad-Sturz zu verhindern.

Die Gründung eines Militärrats im Dezember 2012, welcher der parallel begründeten Nationalen Koalition unterstellt werden und einen Großteil der bewaffneten Einheiten unter seine Kontrolle bringen soll, war die Bedingung der USA, Saudi-Arabiens und Katars für neue Waffenlieferungen und Unterstützung. Dies zeigt sich jedoch als schwieriges Unterfangen, denn ebenfalls im Dezember 2012 verkündeten elf islamisch orientierte Bataillone die Gründung der Syrischen Islamischen Front für den Sturz des Assad-Regimes und den Aufbau einer islamischen Gesellschaft, die "den Islam als Religion, Lebensweise und Verhalten annimmt und deren Glaubensausrichtung sunnitisch orientiert ist".[18]

Die Gefahr für und durch die kämpfenden Kräfte, deren Entwicklungen auch von den Interessen ihrer Gast- und Geldgeber abhängen, bleibt die, dass sie für sich und durch sich selbst ihre Legitimität schaffen, wenn das Regime fällt oder sogar bevor es fällt. Sie erlassen für sich selbst ihre eigene spezielle Ordnung und ihre eigenen Gesetze. Diese Form des bewaffneten Widerstands bringt das Land in einen bedrohlichen, permanenten Ausnahmezustand.[19]

Fazit

Die Gewalthandlungen im syrischen Bürgerkrieg zerstören die Identifizierung der syrischen Gesellschaft mit einem einheitlichen Staat und trugen neben vielen weiteren Gründen, die im Rahmen dieses Beitrags nicht beleuchtet werden können, zum Scheitern einer politischen Lösung in den vergangenen zwei Jahren bei. Der Großteil oppositioneller Gruppen verfällt den Machtspielen und Selbstbehauptungen innerhalb der Machtverhältnisse, die sich auch durch die Einmischung konkurrierender ausländischer Akteure verschieben: Wer vertritt das Volk? Wer unterstützt welche bewaffneten Gruppen? Wer hat mehr Einfluss auf die Geschehnisse?

Einige oppositionelle Gruppen radikalisierten sich gegenüber der Gewalt des Regimes, andere haben sich stärker mit ausländischen Agenden verbunden, und wieder andere Gruppen konnten sich an die Geschehnisse nicht anpassen oder gegenüber internationalen Interessen behaupten. Trotz der Entwicklungen, die die Opposition im Laufe des Widerstandes durchlief, war sie aus den oben genannten Gründen unfähig, einen politischen Widerstand mit einer gemeinsamen Strategie für den Kampf gegen Assad zu organisieren. Damit konnte sie ihre Aufgabe als Opposition innerhalb eines revolutionären Widerstands nicht erfüllen. Ausgangspunkt ihres Handelns war nicht das politische Bedürfnis des revoltierenden Volkes. Deshalb fühlen sich viele Syrer in ihrem Kampf gegen das Assad-Regime im Stich gelassen.

Durch die enorme Aufsplitterung der Opposition und die Unfähigkeit der großen Organisationen wie NCC und SNC, eine identitätsstiftende politische Zukunftsvision zu entwickeln, erlebt Syrien eine Phase, in der die Revolution ihre Kinder frisst und der Krieg die Gesellschaft spaltet. Das Schaffen eines einheitlichen und säkularen Staates mit gleichen Rechten für alle Bürger als Voraussetzung für einen friedlichen Wiederaufbau des Landes und die dringlichen humanitären Hilfen für die Bevölkerung werden zur größten Herausforderung eines "freien" Syriens nach dem Fall des Assad-Regimes.

Fußnoten

17.
Vgl. Muriel Asseburg/Heiko Wimmen, Syrien im Bürgerkrieg. Externe Akteure und Interessen als Treiber des Konflikts, SWP-Aktuell 68/2012, online: http://www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2012A68_ass_wmm.pdf« (7.1.2012).
18.
Zit. nach: Al Hayat vom 23.12.2012, http://alhayat.com/Details/464832« (7.1.2012); vgl. auch http://www.youtube.com/watch?v=qVwEsEjJeuo« (7.1.2012); Übersetzung H.Z.
19.
Vgl. Huda Zein, The violence of the Revolution between Legitimacy and Deviance, 10.10.2012, http://www.jadaliyya.com/pages/index/7743/the-violence-of-the-revolution-between-legitimacy«- (7.1.2012).
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