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Zerstörtes Gebäude in der Nähe von Bab Dreeb, Syrien.
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Syrien, Iran, Hisbollah, Hamas: Bröckelt die Achse?


14.2.2013
Rechts der Bühne thront demonstrativ eine "Fajr 5"-Rakete. "Palästinensische Morgendämmerung" steht dahinter in arabischen Lettern, und auf einer Landkarte neben der palästinensischen Fahne sind israelische Städte mit Fadenkreuzen eingezeichnet: frei zum Abschuss. Ende November 2012 im Südbeiruter Stadtteil Dahijeh, Tausende sind in das kleine Rayah-Stadion gekommen, um Aschura, das höchste Fest der Schiiten zu feiern. Überall wehen die Fahnen der libanesischen Parteimiliz Hisbollah mit dem grünen Maschinengewehr auf gelbem Grund. Der zweite Gazakrieg zwischen der Hamas und Israel ist seit ein paar Tagen vorbei, per Liveschaltung versichert der Generalsekretär der Hisbollah, Hassan Nasrallah, der islamistischen Palästinenserorganisation seine Solidarität – Israel hingegen droht er mit neuen Angriffen.

"Tausende Raketen" würden das Land treffen, sollte die Führung in Jerusalem den Libanon angreifen, sagte Nasrallah in einer in das Rayah-Stadion übertragenen Rede. Der Jubel ist groß, obwohl er selbst in einem versteckten Studio sitzt. "Die Zeiten, in denen Israel uns terrorisieren konnte, sind vorbei", versichert Nasrallah seinen Zuhörern, die sich schon am frühen Morgen aufgemacht haben, um die religiösen Feierlichkeiten zum Tod des Prophetenenkels Hussein bei der Schlacht von Kerbala 680 zu begehen. Nasrallah spricht von neuen Schlachten: "Israel hat sich von einer Handvoll ‚Fajr 5‘-Raketen erschüttern lassen. Wie wird es erst reagieren, wenn Tausende Raketen in Tel Aviv und noch weiter einschlagen, sollte Libanon angegriffen werden?" Die Macht der Waffen, bekräftigte der Mann, der die schiitische "Partei Gottes" seit 1992 führt, habe nicht nur dem Libanon geholfen, sondern werde auch die Palästinenser verteidigen. "Das, was Gaza schützt, nach Gott, sind sein Widerstand, sein Volk, seine Waffen und Raketen."

Nasrallahs Beharren auf dem bewaffneten Kampf zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der nach der israelischen Belagerung Beiruts 1982 von Iran gegründeten Hisbollah. Dass er die "Fajr 5"-Geschosse so hervorhebt, liegt an der Reichweite der im Iran entwickelten Artillerierakete, die die von Katjuschas und Kassams weit übertrifft: Ziele in 75 Kilometern Entfernung können damit beschossen werden; vom Südlibanon aus gerät Haifa ins Visier der Hisbollah, vom Gazastreifen aus, wo die Hamas herrscht, Tel Aviv. Als "großen Sieg des Widerstands" preist Nasrallah den Waffengang zwischen Hamas und Israel im November 2012, bei dem 166 Palästinenser und sechs Israelis getötet wurden. Besonderen Dank spricht er der Führung des Iran aus, die sich "während der jüngsten Konfrontation" einmal mehr als "Verbündeter von Arabern und Muslimen" erwiesen habe. Arabische Länder hingegen hätten versucht, sich Israel als Freund anzudienen – ein Seitenhieb gegen Golfstaaten wie Katar, die durch ihre Vermittlung halfen, den Siebentagekrieg zu beenden.

Distanzierung der Hamas – Treueschwur der Hisbollah



Doch Nasrallahs Treueschwur zu Hamas und Iran fällt in eine Zeit, in der die einst so mächtige Allianz zwischen den beiden islamistischen Parteimilizen bröckelt. Die Feindschaft gegenüber Israel bleibt als Bindeglied, doch der sunnitisch-schiitische Graben, der den Nahen und Mittleren Osten durchzieht, hat auch die von Iran und Syrien angeführte "Achse des Widerstands" getrübt: Der Vorsitzende des Hamas-Politbüros, Khaled Meschal, verlegte seinen Sitz schon Anfang 2012 von Syrien nach Katar. In dem reichen Golfstaat profitiert er nun von den Millionen, die Emir Hamad Bin Khalifa Al Thani dem Gazastreifen zukommen lässt. Ausgelöst hatte den Austritt aus der Allianz mit Iran und der Hisbollah die Revolution in Syrien, wo die Hamas bis 2011 unter dem Schutz Präsident Baschar al-Assads ihr Hauptquartier unterhielt. Angesichts von Assads Krieg gegen die eigene Bevölkerung versagte er der Führung in Damaskus die Unterstützung – ein ideologisch motivierter Schritt, der durch die finanzielle Hilfe Katars, bei denen der alte Hamas-Verbündete Teheran kaum mithalten kann, begünstigt wurde.

Dem sunnitischen Herrscher Al Thani ist so teilweise gelungen, was westliche Politik seit fast einem Jahrzehnt versucht: die Loslösung der Hamas und der Hisbollah aus den Armen Syriens und des Iran. Nach dem von Ägyptens Präsident Muhammad Mursi vermittelten Waffenstillstand zwischen Hamas und Israel gab Nasrallah kund, dass es die Staaten der Arabischen Liga im Gazakonflikt versäumt hätten, der bedrängten palästinensischen Bevölkerung wirksam beizustehen; Verhandlungen brächten nichts. Doch das Gegenteil ist der Fall: Der Widerstandsrhetorik Nasrallahs wollte sein sunnitischer Counterpart Meschal nicht nur beim jüngsten Krieg gegen Israel nicht mehr bis zum Schluss folgen. Die internationale Aufwertung der Hamas, der Besuch arabischer Außenminister in Gaza-Stadt, bedeutete ihm mehr als markige Worte.

Nasrallah hingegen beteuert Assad auch zwei Jahre nach Beginn der Revolution seine Treue. Jene, die glaubten, die Aufständischen könnten gewinnen, lägen "sehr, sehr, sehr falsch", sagte er im Dezember 2012, als bereits mehr als 60.000 Menschen in Syrien getötet worden waren. Für die Hisbollah bedeutete ein Sturz des Assad-Regimes einen schweren Schlag: Das alawitische Minderheitenregime steht Nasrallahs schiitischer Parteimiliz nicht nur konfessionell nahe, sondern sichert seit Jahrzehnten den Waffennachschub über die Grenze in die libanesische Bekaa-Ebene. Bis zuletzt galt der unweit der nordlibanesischen Grenze gelegene syrische Seehafen Latakia als Hauptumschlagplatz für iranische Waffen, die zuvor auf den Flughafen von Damaskus gebracht worden waren.

Seit Beginn des Krieges in Syrien ist diese Hilfe in Gefahr – und damit auch die Allianz, die nach der Wahl Mahmud Ahmadinedschads zum iranischen Präsidenten im Juni 2005 immer enger wurde. Unmittelbar nach dem – von der EU und den Vereinigten Staaten nie anerkannten – Sieg der Hamas bei der palästinensischen Parlamentswahl im Januar 2006 war er in Damaskus mit Assad, Nasrallah und Meschal zusammengekommen. Israels Verteidigungsminister Shaul Mofaz sprach von einem "Terrorgipfel"; die "zwischen Iran und Syrien operierende Achse des Terrors" machte er für einen Selbstmordanschlag in Tel Aviv tags zuvor verantwortlich.

Die Entwicklungen in den Monaten danach sorgten für weitere Instabilität in der Region. Palästinensische Milizionäre entführten im Juni 2006 am Rande des Gazastreifens den israelischen Soldaten Gilad Shalit, der erst im Oktober 2011 wieder freikam. Zwei Wochen später brachte die Hisbollah bei einer Kommandoaktion zwei israelische Soldaten in ihre Gewalt; beim Versuch, ihre Kameraden Ehud Goldwasser und Eldad Regev zu befreien, wurden fünf weitere getötet. Am Tag danach griff die israelische Luftwaffe Hisbollah-Stellungen an, auch der Beiruter Flughafen wurde bombardiert, der Zweite Libanonkrieg begann. Nasrallah feierte ihn in seiner Ansprache nach dem Waffenstillstand im August 2006 als "Sieg Gottes". Ein Jahr später, im Juni 2007, übernahm die Hamas die Kontrolle über den Gazastreifen – der Höhepunkt iranischen Einflusses in der Levante war erreicht, mit freundlicher Unterstützung aus Damaskus.

Assad war der erste ausländische Staatschef, den Ahmadinedschad nach seiner Wahl in Teheran empfing. Von Anfang an war die syrisch-iranische Achse ein Bündnis der Ausgegrenzten: Iran stand seit Jahren wegen seiner atomaren Ambitionen unter internationaler Beobachtung. Assad war spätestens nach dem Mord an Libanons langjährigem Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri im Februar 2005 zum Paria geworden. Frankreich und die Vereinigten Staaten setzten danach unverhohlen auf Isolation. In der Resolution 1559 hatte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen bereits im September 2004 ein Ende der syrischen Dominanz über den Libanon und die Auflösung aller Milizen gefordert. Nach dem Anschlag auf Hariri wurde eine UN-Sonderkommission eingerichtet, um den Fall aufzuklären – ihr erster Chef, der Berliner Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis, bezichtigte hochrangige syrische Sicherheitskreise des Anschlags. Angesichts des äußeren Drucks baute Assad darauf, den in Vergessenheit geratenen "strategischen Pakt" mit Teheran wiederzubeleben. Der war Anfang der 1990er Jahre zwar nicht formal aufgekündigt, durch die Parteinahme seines Vaters Hafis al-Assad für die Vereinigten Staaten im Irakkrieg gegen Saddam Hussein aber stark beschädigt worden. Nach dem Abzug der syrischen Truppen aus dem Libanon im April 2005 ermunterte Assad Hisbollah-Chef Nasrallah, noch stärker auf militärische und finanzielle Unterstützung des Iran zu drängen.


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Autor: Markus Bickel für bpb.de
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