Ort:	Berlin, Charlottenburg
Gebiet:	Berlin
Alte PLZ:	W-1000
Neue PLZ:	10000
Beschreibung:	Luisenplatz; Berliner Straße; Rathaus
Verlag:	Berl. Phototyp. Inst. Rob. Prager, Berlin
Datierung:	1913
Status:	gelaufen
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Bedingt kriegsbereit. Kriegserwartungen in Europa vor 1914


11.3.2013
Das Jahr 1913 begann, wie 1912 endete: mit Krieg und Krise. Seit dem Herbst 1912 tobten Kämpfe auf dem Balkan und forderten die Interessen der konkurrierenden Mächte Österreich-Ungarn und Russland mitsamt ihrer Bündnissysteme heraus. Europa war erheblichen Spannungen ausgesetzt. In dieser bedrohlichen Situation – in kursierenden Depeschen sprachen die Diplomaten bereits von der Möglichkeit eines Krieges – verfasste der deutsche Generalstab eine Denkschrift, die sich mit den militärischen Zukunftsplanungen des Reiches befasste. Die Militärs hoben die Bedeutung der deutschen Allianzpartner, neben Italien war das vor allem Österreich-Ungarn, hervor. Nur "wenn das gesamte Volk von der Erkenntnis durchdrungen ist, daß mit der Schädigung der Bundesgenossen auch die eigenen Lebensinteressen gefährdet sind, wird die Opferwilligkeit in ihm aufleben, deren jeder Staat (…) bedarf, um einen energischen Krieg führen zu können". Sollte es auf dem Kontinent zum Krieg kommen, müsse man "den casus belli" so "formulieren, daß die Nation einmütig und begeistert zu den Waffen greift".[1]

Das Beispiel ist kein Sonderfall: Es spiegelt Denkweisen und Einstellungen wider, die in allen europäischen Großmächten verbreitet waren, sich auf die Politik auswirkten und uns viel über das Jahr 1913 und die "Vorkriegszeit" verraten. Offensichtlich waren die internationalen Beziehungen um 1913 von Konflikten gekennzeichnet. Sie entstanden, weil das politische Handeln von gefährlichen Ideen geprägt war. Die Großmächte setzten auf eine herausfordernde Machtpolitik, mit der sie nationales Prestige gewinnen und ihre Sicherheit gewährleisten wollten. Dabei spielten die Bündnissysteme eine zunehmend wichtige Rolle. Die Denkschrift verrät weiterhin, dass man im Kriegsfall mit einem zerstörerischen Kampf rechnete, für den die Mobilisierung der ganzen Nation notwendig sein würde. Doch war ein Krieg für die Zeitgenossen überhaupt wahrscheinlich? Konnten Politiker und Militärs in Europa auf eine breite Zustimmung der Bevölkerung hoffen? Gab es womöglich schon vor Kriegsausbruch 1914 Formen einer Propaganda, die den Krieg befürwortete und auf ihn hinarbeitete?

Gefährliche Tendenzen



Nicht nur in der Krise von 1912/1913 lag in Europa Krieg in der Luft. Zwischen Deutschland und Großbritannien gab es wegen der deutschen Flottenpolitik latente Spannungen. 1905/1906 und 1911 beunruhigten zwei Marokkokrisen die internationale Politik, bei denen Deutschland und Frankreich um Einfluss in Nordafrika rangen. Sie führten letztlich zur Festigung der 1908 geschlossenen Triple Entente zwischen Frankreich, Großbritannien und Russland. Ganz ähnliche Auswirkungen hatte die Bosnische Annexionskrise. Sie sorgte im selben Jahr für diplomatische Unruhe, nachdem sich Österreich-Ungarn einige Balkanterritorien einverleibt hatte. Letztlich führten diese Krisen dazu, dass sich in Europa bis 1913 zwei gefestigte Bündnissysteme herausbildeten: Der Dreibund mit Deutschland, der Habsburgermonarchie sowie Italien auf der einen und die Triple Entente auf der anderen Seite. Zwischen 1911 und 1913 ereigneten sich darüber hinaus drei Kriege, in denen zunächst Italien, dann durch das Handeln Italiens ermutigt auch Balkanstaaten wie Bulgarien und Serbien den Machtbereich des wankenden Osmanischen Reiches zurückdrängten. Dazu kamen Unruhen an der Peripherie Europas, in denen Gewalt stets eine naheliegende Option politischen Handelns war. In ihren Kolonien zögerten die europäischen Mächte ohnehin selten, Aufstände mit Waffengewalt zu bekämpfen.

Die zahlreichen kalt und heiß ausgetragenen Konflikte verschafften dem Krieg eine besondere Präsenz in der europäischen Politik. Überhaupt waren politische und militärische Entscheidungsträger, Professoren und Publizisten wie Heinrich von Treitschke oder James Ram davon überzeugt, dass Krieg ein quasi-natürlicher Bestandteil der staatlichen Entwicklung sei. Die Kriegsdenkmäler in den europäischen Hauptstädten – die Siegessäule in Berlin, die Nelsonsäule auf dem Londoner Trafalgar Square, der Arc de Triomphe in Paris oder die Alexandersäule in St. Petersburg –, riefen jedem Passanten die eigene kriegerische Vergangenheit ins Gedächtnis. Krieg und Militär spielten in den Mythen und Symbolen europäischer Nationen eine wichtige Rolle und verschafften den Staaten damit Traditionen und Legitimität.[2] So verwundert es wenig, dass Militär und Krieg auch in der Gesellschaft allgegenwärtig waren.

Die eigenartige Präsenz des Krieges in Europa speiste sich aber nicht nur aus Geschichtsbildern, sondern auch aus zeitgenössischen Mentalitäten und Ideologien. Neben dem Nationalismus und dem Imperialismus ist hier vor allem der Sozialdarwinismus zu nennen, der viel dazu beitrug, dass Staaten als Konkurrenten begriffen wurden. Er erhob Kampf und Macht zu den Leitlinien politischen Handelns, das auf nationale Expansion ausgerichtet sein müsse. Nur wenige Politiker hingen den radikalen Formen des Sozialdarwinismus an, dennoch waren Kampf ums Überleben, lutte pour la vie und struggle for life Schlagworte, die politisches Denken und Handeln beeinflussten. Vor allem die wirtschaftlichen Rivalitäten der Großmächte schienen sozialdarwinistische Annahmen zu bestätigen. In Großbritannien und Deutschland, weniger in Frankreich, ging man um 1900 davon aus, dass in Zukunft große Weltreiche entstehen würden. Man folgerte, dass allein Größe und Ressourcen der nationalen Einflussbereiche dafür entscheidend seien, welche Mächte das 20. Jahrhundert dominieren könnten.

Nationalismus, Imperialismus und Sozialdarwinismus führten zu einem Denken, das die internationale Politik zu einem Wettkampf der Staaten machte, in dem Ansehen, Einfluss und Ehre sowie Raum und Ressourcen bestimmend waren. Als Folge betrieben die europäischen Großmächte eine selbstbezogene Prestige- und Machtpolitik, in der Krieg immer eine mögliche Option darstellte. Es gibt jedoch unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die wichtigsten politischen Entscheidungsträger in Europa um 1913 einen Krieg erwarteten oder nicht.


Fußnoten

1.
Zit. nach: Erich Ludendorff (Hrsg.), Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit 1916/18, Berlin 19224, S. 53f.
2.
Vgl. Jörn Leonhard, Bellizismus und Nation, München 2008; James Sheehan, Kontinent der Gewalt, München 2008, S. 25–29.
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Autor: Christoph Nübel für bpb.de
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