Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.

23.4.2013 | Von:
Christiane Bender

Die Geburt der Wissensgesellschaft aus dem Geist des Kalten Krieges

Macht der Wissenseliten

Die Verfügung über theoretisches Wissen ist für Bell die zentrale Ressource, aus der sich der ökonomische Fortschritt künftig speisen wird. "Die nachindustrielle Gesellschaft ist in zweifacher Hinsicht eine Wissensgesellschaft: einmal, weil Neuerungen mehr und mehr von Forschung und Entwicklung getragen werden (…); und zum anderen, weil die Gesellschaft immer mehr Gewicht auf das Gebiet des Wissens legt." (S. 219) Waren für frühere Gesellschaften Rohstoffe und Energie die wesentlichen Ressourcen, nimmt die Bedeutung des theoretischen Wissens zu und werde zu einem neuen "axialen Prinzip": "Universitäten, Forschungsorganisationen und wissenschaftliche Institutionen (…) entpuppen sich immer deutlicher als axiale Strukturen der entstehenden neuen Gesellschaft." (S. 41)

Produzenten dieses theoretischen Wissens sind vor allem die Universitäten. Sie bilden die Ingenieure und Techniker aus, die die Innovationen in den Unternehmen voranbringen, wie auch die Sozialwissenschaftler mit ihren Kompetenzen zur Steuerung gesellschaftlicher Prozesse. Bei Bell und vielen seiner Zeitgenossen zeigt sich eine immense Faszination gegenüber den damals neuen, zunehmend computergestützten Methoden, die schier unbegrenzte Datenmengen verarbeiten und das Wissen explosionsartig erweitern. Aber nicht nur wegen dieser Methoden gilt für ihn die Wissenschaft als Keimzelle der neuen Gesellschaft. Die besondere Leistung der Wissenschaft besteht für Bell darin, dass es ihr als universitäre Expertenorganisation geglückt sei, sich selbst zu steuern, professionelle Autonomie zu bewahren und das Ethos der Wahrheitssuche zu institutionalisieren: "Die Gemeinschaft der Wissenschaft stellt innerhalb der Zivilisation eine ebenso ungewöhnliche wie einzigartige Institution dar. Sie kennt keine Ideologie (…)." (S. 278)

Diese Wissenschaftseuphorie lässt Bell ein geschöntes Bild der sogenannten universitären Gelehrtenrepublik zeichnen: Sie rekrutiere ihr Personal selbst und definiere eigene Leistungsstandards. Das Personal werde daran gemessen, sich unermüdlich für den Erkenntnisfortschritt einzusetzen. Die Resultate des einzelnen Forschers kämen vorwiegend der Gemeinschaft zugute. Problemlösungen würden in Teams durch die Rationalität des besseren Arguments erarbeitet. Als Belohnung für den einzelnen Wissenschaftler fungiere allein Reputation, die Anerkennung in der Gemeinschaft. Bell hofft, dass dieser Geist der Gelehrtenrepublik in die übrige Gesellschaft ausstrahlt. Die akademischen Experten würden nach ihrer Universitätszeit Führungspositionen in Unternehmen und Verwaltungen erobern und dort dem universitären Ethos treu bleiben. Auf diese Weise, so Bells große Hoffnung, tragen sie dazu bei, die alte Industriewelt zu beerdigen. Diese akademisch qualifizierten Experten bilden für Bell die Trägerschichten und neuen Eliten einer heraufziehenden Wissensgesellschaft. Statt sich in Kämpfen um Macht und Ideologie aufzureiben, würden die Eliten für ein gemeinschaftsorientiertes Arbeitsethos und rationale Strategien zur Bewältigung von Konflikten eintreten.

Hier klingt ein utopisch-ideologischer Entwurf für eine am wissenschaftlichen und technischen Fortschritt orientierte, durchrationalisierte Gesellschaft an. Diese Vorstellung ist als technokratisch kritisiert worden, beruht sie doch auf der Annahme, dass mit einem ungebremsten wissenschaftlich-technologischen Fortschritt alle gesellschaftlichen Herausforderungen der damaligen Zeit zu lösen sind: das Wirtschaftswachstum voranzutreiben, den Systemwettlauf zu gewinnen, die Bevölkerung am Wohlstand partizipieren zu lassen, den Ausbruch sozialer Konflikte zu vermeiden und überkommene Machtpositionen durch rational ausgeübte Herrschaft zu ersetzen. Eine solche Utopie ist zutiefst ideologisch, weil sie die Interessen und die Meinungen einer bestimmten Klasse für die allgemein gültige "objektive" Wahrheit ausgibt. Dem Expertenurteil wird per se eine höhere Vernunft zugebilligt als dem Diskurs von Politik und demokratischer Öffentlichkeit. Damit tendiert Bell zu einem Modell "expertokratischer Elitenherrschaft". Aber wer kontrolliert die Experten, bedeutet doch unkontrollierte Macht der Eliten zugleich auch die Ohnmacht der Politik und der Bürger? Bell legt seiner Theorie, nicht weit vom Gesellschafts- und Geschichtsbegriff des Marxismus entfernt, ein deterministisches Fortschrittsmodell zugrunde, welches durch die höhere Vernunft einer elitären Klasse, nicht der Partei, sondern der Akademiker, realisiert wird.

Der Begriff des Wissens ist zwar zentral in Bells Buch, die Definition fällt jedoch eigentümlich blass und konventionell aus: "Wissen ist das, was objektiv bekannt ist, ein geistiges Eigentum, das mit einem (oder mehreren) Namen verbunden ist und durch Copyright oder eine andere Form sozialer Anerkennung (…) seine Bestätigung erfährt." (S. 181) An anderer Stelle (S. 178) beschreibt er die Tätigkeit von Experten als Daten sammeln, ordnen, systematisieren, darstellen sowie kommunizieren, experimentieren und urteilen. Bell skizziert hier den Alltag von Wissenschaftlern, vorwiegend von Naturwissenschaftlern.

Der Anspruch vieler Sozialwissenschaftler, kritische Wissenschaft zu betreiben, indem sie die ideologischen Verknüpfungen von Macht, Interessen und Wissen aufdecken, ist bei Bell nicht zu erkennen. Daher halten auch die Soziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel ernüchtert fest: "Bei Bell scheint am Ende die vage Vision einer Gesellschaft auf, die von Wissenschaftlern und politischen Technokraten beherrscht wird, eine Vision, die näher am militärisch-industriellen Komplex angesiedelt ist als an optimistischen Vorstellungen von einer Gesellschaft, in der die Menschen ihre Geschicke bewusst lenken."[11]

Was ist aus der Bell’schen Vision geworden?

In seinem dritten Bestseller "Die kulturellen Widersprüche des Kapitalismus" (1976) beklagt Bell das Auseinanderdriften von Politik, Kultur und Ökonomie. Gesellschaft war für ihn ein Elitenprojekt, soziale Bewegungen und gesellschaftliche Öffnung waren seine Sache nicht. Er sah darin die arbeitsethischen Grundlagen des wirtschaftlichen Erfolgs der westlichen Gesellschaften gefährdet. Bell kritisierte aber auch die Ökonomie, die dem Hedonismus, dem Konsumismus und der Profitgier zu wenig widerstehe. Sich selbst betrachtete er als "Sozialist in der Ökonomie, Liberaler in der Politik, Konservativer in der Kultur". Im Januar 2011 starb er in Cambridge, Massachusetts. Soziologen wie Daniel Bell, mit Ausstrahlung ins wissenschaftliche, kulturelle und politische System hinein, wurden selten.

Im Anschluss an Bell untersucht Robert B. Reich, Arbeitsminister der ersten Clinton-Administration, in seinem Buch "Die neue Weltwirtschaft" (1991) die soziale Positionierung der Wissensarbeiter. Die Verkleinerung von betrieblichen Stammbelegschaften im Zuge der Globalisierung nach dem Ende des Ost-West-Konflikts hat zur Erosion der amerikanischen Mittelschicht geführt und die Karrieren der Wissensarbeiter in den Unternehmen geschwächt. Statt aufzusteigen, erfahren viele ihren sozialen Abstieg.[12] Reich weist außerdem auf die Zunahme von niedrig qualifizierten und schlecht bezahlten Tätigkeiten in den modernen Dienstleistungs- und Wissensökonomien hin.

Dienstleistungsfelder wie Gesundheit und Bildung, die vielerorts durch klamme öffentliche Haushalte finanziert werden, leiden unter der "Kostenkrankheit" (William J. Baumol) und geraten massiv unter Druck. Ökonomisierung und Rationalisierung, nicht das "Spiel zwischen Personen", prägen dort die Realität. Unter diesen Bedingungen gelingt es den Wissensarbeitern immer weniger, ihre sozialen Positionen aufgrund ihrer Expertise zu sichern. Hinzu kommt: Die Wissenseliten in den Unternehmen und Verwaltungen sind zu heterogen, um sich solidarisch zu verhalten. Sie bekämpfen sich gegenseitig mit Rationalisierungsvorschlägen. Gegenwärtig sind wir Zeugen, wie immer mehr Dienstleistungen in industriell gefertigte Systeme und Konsumgüter umgewandelt werden. Diese dramatische Entwicklung trifft besonders das wissenschaftliche Wissen, das aufgrund seiner Abstraktheit und Generalisierbarkeit enteignet, gespeichert und in entpersonalisierter Form als digitalisiertes Expertenprogramm weltweit vertrieben werden kann. Das Internet und die globalen Zugänge zu Informationen bedrohen die räumlichen personalgebundenen Bildungseinrichtungen in ihrer Existenz. Dies hat der Soziologe Jonathan Gershuny mit der These, dass der Weg in die postindustrialisierte Wissensgesellschaft versperrt ist, schon kurz nach dem Erscheinen des Buchs "Die nachindustrielle Gesellschaft" von Bell prognostiziert: Ihm erschien es wahrscheinlich, dass das Angebot an Dienstleistungen, und dabei dachte er auch an Universitäten, verschwände. Industriell gefertigte Massengüter würden die Chancen der Individuen optimieren, sich jeder Zeit und an jedem Ort Wissen anzueignen.[13] Es bleibt eine Frage der Kultur und der Politik, ob die Bürger mit dieser Perspektive einverstanden sind.

Trägt der Begriff der postindustriellen Wissensgesellschaft heute noch zum Verständnis der Gegenwart bei? Die Mehrheit der erwerbstätigen Bevölkerung in modernen Gesellschaften erbringt Dienstleistungen, aber ein stabil bleibendes Drittel arbeitet nach wie vor in der Industrie und sichert damit den materiellen Reichtum der Gesellschaft. Die Probleme des Industriezeitalters wie soziale Ungleichheit, Arbeitslosigkeit, Rationalisierung und Entfremdung bestehen weiterhin. Zunehmend ist davon auch die Wissensarbeit betroffen. Über Lösungsstrategien wird nach wie vor politisch gestritten.

Resümieren wir: Das Konzept der Wissensgesellschaft ist historisch längst aus der Zeit gefallen. Ideologisch war es an die Interessen einer Akademikerschicht gebunden, die im Zuge des Kalten Krieges in den USA aufstieg und einen heutzutage nicht mehr zeitgemäßen Politikstil propagierte. Als Kategorie zur Analyse des dramatischen Wandels und der damit einhergehenden Verwerfungen, denen das Wissen heutzutage gesellschaftlich unterliegt, taugt das Konzept nicht. Dazu wäre nach wie vor zwischen Wahrheit und Ideologie zu unterscheiden. Wissen wird sonst zur Legitimationsformel für alles und nichts. Wer sich nicht durch scheinbar besseres Wissen gesellschaftlich positionieren und inszenieren kann, wird schnell als selbst verschuldet "dumm" angesehen. Gerade in unserer komplexen Welt haben die Individuen ein großes Interesse an einer Kultur der kritischen Urteilsbildung, an der Fähigkeit zwischen Wahrheit und Scheinwissen zu unterscheiden, um ihren eigenen Weg zu finden. Dabei sollten sie sich nicht auf die Propagandisten der Wissensgesellschaft verlassen.

Fußnoten

11.
Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Dienstleistungsgesellschaften, Frankfurt/M. 1995, S. 40.
12.
Vgl. Christiane Bender/Hans Graßl, Arbeit und Leben in der Dienstleistungsgesellschaft, Konstanz 2004.
13.
Dazu passend: Christoph Drösser/Uwe Jean Heuser, Harvard für alle Welt, in: Die Zeit vom 14.3.2013.
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Autor: Christiane Bender für bpb.de
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