Ausschnitt eines noch nicht ausgefüllten Kreuzworträtsels.

23.4.2013 | Von:
Peter Wehling

Soziale Praktiken des Nichtwissens

Anonymisierte Bewerbungen – ein Weg zu mehr Gerechtigkeit?

Dass Wissen zu sozialer Diskriminierung beitragen kann, ist oben bereits angedeutet worden. Dies ist besonders dann der Fall, wenn die Kenntnis etwa der ethnischen Zugehörigkeit, Hautfarbe, Religion, sexuellen Orientierung oder von Geschlecht und Alter einer bestimmten Person die Einstellungen zu dieser Person negativ beeinflusst, sei es in Form offener Vorurteile oder einer oft kaum bewussten, aber dennoch folgenreichen Voreingenommenheit. Solche Effekte existieren in vielen Bereichen des sozialen Lebens. Beobachtet werden sie auch am Arbeitsmarkt, mit negativen Auswirkungen auf Gerechtigkeit und Chancengleichheit: Wenn es um die Besetzung von Arbeitsplätzen geht, haben Angehörige ethnischer Minderheiten, Migranten, Frauen, Ältere und Menschen mit Behinderung auch bei gleicher Qualifikation häufig deutlich schlechtere Chancen als andere Bewerber.[11] Anonymisierte Bewerbungsverfahren sind ein mögliches Mittel, solchen Benachteiligungen entgegenzuwirken: Um "wissensbasierte" Diskriminierungen gar nicht erst entstehen zu lassen, werden in Bewerbungsschreiben Name, Geschlecht, Nationalität, Geburtsort, Gesundheitszustand, Alter und Familienstand der Bewerberinnen und Bewerber nicht angegeben und auch indirekte Hinweise hierauf vermieden. Verzichtet wird außerdem auf ein Foto. Aus naheliegenden praktischen Gründen erstreckt sich die Anonymisierung nur auf die erste Stufe des Bewerbungsverfahrens bis zur Einladung zu einem persönlichen Gespräch. Manches deutet jedoch darauf hin, dass die "Diskriminierungsrate" gerade in dieser Phase am höchsten ist und im persönlichen Kontakt etwas abnimmt.[12]

Während anonymisierte Bewerbungsverfahren in Staaten mit einer längeren Einwanderungsgeschichte, wie die USA, Kanada oder Großbritannien, eine gewisse Verbreitung besitzen, sind sie in Deutschland bisher nicht üblich und werden hinsichtlich ihrer Notwendigkeit wie ihrer Erfolgsaussichten teilweise sehr skeptisch bewertet. Ein 2012 abgeschlossenes Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in Zusammenarbeit mit ausgewählten Unternehmen kam jedoch zu positiven Ergebnissen. Danach hat die Anonymisierung der persönlichen Daten tatsächlich zum Abbau der Benachteiligung vor allem von Frauen sowie von Bewerbern mit Migrationshintergrund geführt.[13] Mit anonymisierten Unterlagen wurden Angehörige dieser Gruppen ebenso häufig oder zumindest annähernd so häufig zu einem Gespräch eingeladen wie Kandidaten aus anderen, strukturell nicht-benachteiligten Personengruppen. Anscheinend kann Nichtwissen tatsächlich zu größerer Gerechtigkeit und Chancengleichheit beitragen, während Wissen offenbar die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Menschen aufgrund ihrer (zugeschriebenen) Gruppenzugehörigkeiten diskriminiert werden.

Man kann natürlich einwenden, nicht das Wissen selbst wirke diskriminierend, sondern erst die daraus abgeleiteten Stereotype und negativen Bewertungen von Frauen, Migranten, Älteren oder Menschen mit Behinderung. Dieses Argument ist nicht falsch, doch es unterschätzt, in welchem Maße identifizierendes Wissen schon durch die sprachliche Einordnung bestimmter Personen (als Türkin, Schwarzer oder Behinderter) vermeintliche Gruppeneigenschaften evoziert und den Betreffenden zuschreibt. Sehr leicht und fast unmerklich kann daraus eine den Handelnden oft gar nicht bewusste und daher kaum kontrollierbare Voreingenommenheit hervorgehen.[14] Hinzu kommt die grundlegende Einsicht, dass kognitive Kategorien und Klassifikationen, so unverzichtbar sie im sozialen Alltagsleben sein mögen, niemals in der Lage sind, der Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit jeder und jedes Einzelnen gerecht zu werden: Kein Individuum geht jemals vollständig in sozial konstruierten Gruppenidentitäten auf. Dies mag trivial erscheinen, doch das Beispiel der Diskriminierung am Arbeitsmarkt verdeutlicht, dass soziales Handeln sich in vielen Situationen, ob bewusst oder unbewusst, von dem Wissen um die Gruppenzugehörigkeit von Menschen und ihre dadurch vermeintlich bedingten Eigenschaften leiten lässt. Demgegenüber kann aktives Nichtwissen, selbst in der eher unscheinbaren Praxis anonymisierter Bewerbungen, für die Unangemessenheit und die Gefahren eines primär auf Wissen beruhenden Zugangs zum Anderen sensibilisieren.

Symmetrie von Wissen und Nichtwissen

Die vorangegangenen Überlegungen und Beispiele verdeutlichen, dass Praktiken des intentionalen Nichtwissens keineswegs per se unverantwortlich und irrational sind; sie können ganz im Gegenteil helfen, kulturell und normativ hoch bewertete Ziele wie Autonomie und freie Entfaltung der Persönlichkeit oder Chancengleichheit und Gerechtigkeit zu verwirklichen. Selbstverständlich wäre es unsinnig, die zahllosen Fälle in Abrede zu stellen, worin Ignoranz, Geheimhaltung und Anonymität höchst zweifelhaften Zwecken dienen und fatale Wirkungen zeitigen. Dennoch darf dies nicht übersehen lassen, dass soziale Praktiken des Nichtwissens in vielen Situationen und Konstellationen eine eigenständige Rationalität und Normativität zum Ausdruck bringen, die auf Ambivalenzen und Grenzen des Wissens angemessen zu reagieren vermögen. Gerade in den gegenwärtigen Gesellschaften mit ihrer expansiven Wissensdynamik sollte diese Korrektivfunktion des Nichtwissens anerkannt und geschätzt werden.

Ich möchte abschließend aus einer soziologischen Perspektive dafür plädieren, noch einen Schritt über die punktuelle Anerkennung dieser Korrektivfunktion hinauszugehen und sich bei der Analyse von Praktiken des Wissens und des Nichtwissens grundsätzlich an einem methodischen Symmetrieprinzip zu orientieren. Methodisches Symmetrieprinzip bedeutet, dass wir sowohl den Wunsch nach Wissen als auch die Bewahrung von Nichtwissen gleichermaßen aus jeweils sozial und kulturell geprägten Gründen und Motiven erklären müssen. Bisher wird zumeist stillschweigend davon ausgegangen, es gebe einen ursprünglichen, natürlichen Wissensdrang der Menschen, der keiner weiteren Begründung bedürfe, während intentionales Nichtwissen als eine singuläre Abweichung davon begriffen wird, die durch jeweils besondere Umstände empirisch erklärt und normativ gerechtfertigt werden müsse. Die Ethnologen Jonathan Mair, Ann Kelly und Casey High vermuten, dass wir es bei dieser Sichtweise mit einer fragwürdigen Projektion der eigenen Handlungsmotive und -ziele von Wissenschaftlern auf die von ihnen beobachteten sozialen Akteure zu tun haben. Ihrer Auffassung nach haben Kulturanthropologen (und man kann wohl ergänzen: auch viele andere Wissenschaftler) "too easily attributed to the people they study the same unambiguous desire for knowledge, and the same aversion to ignorance, that motivates their own work".[15] Folgt man dieser Überlegung, muss man sich erstens eingestehen, dass auch das Streben nach Wissen nichts Natürliches ist, sondern erklärungs- und gelegentlich auch rechtfertigungsbedürftige Gründe hat; zweitens gilt es anzuerkennen, dass viele alltägliche soziale Praktiken genau deshalb erfolgreich sind, weil die beteiligten Akteure bestimmte (Wissens-)Probleme situativ mehr oder weniger bewusst ignorieren und als irrelevant ausblenden. Man muss, kurz gesagt, akzeptieren, dass Nichtwissen nicht nur ebenso rational sein kann wie Wissen, sondern auch genauso "normal" ist.

Fußnoten

11.
Für die USA zeigt ein Feldexperiment, dass (fiktive) Bewerberinnen und Bewerber mit einem "weiß" klingenden Namen um 50 Prozent häufiger zu einem Gespräch eingeladen werden als solche mit einem "schwarzen" Namen. Siehe Marianne Bertrand/Sendhil Mullainathan, Are Emily and Greg More Employable than Lakisha and Jamal? A Field Experiment on Labor Market Discrimination, in: American Economic Review, 94 (2004), S. 991–1013. In Deutschland lässt sich ein ähnlicher, wenngleich schwächerer Effekt für türkeistämmige Migranten feststellen. Siehe Leo Kaas/Christian Manger, Ethnic Discrimination in Germany’s Labour Market: A Field Experiment, in: German Economic Review, 13 (2012) 1, S. 1–20.
12.
Vgl. Annabelle Krause et al., Pilotprojekt "Anonymisierte Bewerbungsverfahren". Abschlussbericht, IZA Research Report 44/2012, S. 3.
13.
Vgl. ebd.
14.
Vgl. Anatol Stefanowitsch, Sprache und Ungleichheit, in: APuZ, (2012) 16–17, S. 27–33.
15.
Jonathan Mair/Ann H. Kelly/Casey High, Introduction: Making Ignorance an Ethnographic Object, in: dies. (Anm. 1), S. 1.
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Autor: Peter Wehling für bpb.de
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