Der Dortmunder Torschütze Timo Konietzka (hinten) und sein Teamkollege Lothar Emmerich (vorn) bejubeln das erste Tor der Fußball-Bundesliga am 24.08.1963 im Bremer Weserstadion.
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Die Bundesliga als Objekt wirtschafts- und kulturgeschichtlicher Betrachtungen - Essay


24.6.2013
Ist es aus geschichtswissenschaftlicher Sicht lohnend, sich mit der Bundesliga zu beschäftigen? Bei flüchtiger Betrachtung ist diese Frage klar zu verneinen. Das Wissen darum, dass vor rund 50 Jahren ein gewisser Timo Konietzka für Borussia Dortmund das erste Bundesligator markierte, ist für das Verständnis der Geschichte der Bundesrepublik ziemlich belanglos. Ebenso wenig verdient die Tatsache, dass Borussia Mönchengladbach und der FC Bayern München in den 1970er Jahren die beiden dominierenden Mannschaften im bundesdeutschen Fußball waren, irgendeine besondere Beachtung, wenn es darum geht, die politische, wirtschaftliche und soziale Entwicklung dieses Landes zu beleuchten. Und dass der FC Schalke 04 seit mehr als einem halben Jahrhundert darauf wartet, die Meisterschale in die Höhe zu recken, mag für seine vielen Anhänger schmerzvoll sein – Historiker sollten daran nicht einmal eine Fußnote verschwenden. Kein Zweifel: Wird die Geschichte der Bundesliga auf die Nacherzählung von wichtigen Spielen, auf die Beschreibung von spektakulären Toren oder die Auflistung von Ergebnisstatistiken reduziert, tendiert ihr Erkenntniswert gegen null.

Anders verhält es sich hingegen, wenn die Bundesligahistorie mit kultur- und wirtschaftshistorischen Problemstellungen verknüpft wird. Sobald solche bewährten Fragen und Methoden aus der Geschichtswissenschaft auf die 50 Jahre des Kampfes um Tore, Punkte und Meisterschaft angewandt werden, offenbart sich das enorme Erkenntnispotenzial der Bundesligageschichte. Mehr noch: Dadurch eröffnen sich Einsichten, welche die Beschäftigung mit scheinbar wichtigeren und seriöseren Themen kaum noch zu bieten vermag. Schon ein erster Blick auf die nackten Zahlen verrät, dass es erhebliche Schwierigkeiten bereitet, ein gesellschaftliches Phänomen zu benennen, das in den vergangenen 50 Jahren größeren Zulauf erfuhr als der Fußball im Allgemeinen und die Bundesliga im Besonderen. Welchen 1963 etablierten Parteien, Verbänden oder Glaubensgemeinschaften in der Bundesrepublik gelang es wie dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), den Mitgliederbestand mehr als zu verdreifachen? Und welches Ereignis vermag im Jahre 2013 die Bevölkerung noch in einem derart hohen Ausmaß zu elektrisieren wie ein Spiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München? Eine wichtige Regierungserklärung, die gefeierte Neuinszenierung einer Wagner-Oper oder eine bedeutsame Verlautbarung der Deutschen Bischofskonferenz jedenfalls schon lange nicht mehr.

Doch mit welchen Fragestellungen und mit welcher Methodik lassen sich der Bundesligageschichte Einsichten entlocken, die für das Verständnis der bundesrepublikanischen Geschichte aufschlussreich sind? Unübersehbar handelt es sich bei Fußball- zunächst um Kulturgeschichte, die dadurch gekennzeichnet ist, dass der im Grunde profane Kampf um das Tor in der Vergangenheit stets mit unterschiedlichen Sinnbezügen aufgeladen wurde.[1] Dass dieser Sport eine wichtige Quelle für nationale Mythen geworden ist, die ins kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik eingegangen sind, ist schon 2004 klar geworden, als sich das "Wunder von Bern" – der als Sensation empfundene Sieg der Nationalmannschaft über Ungarn bei der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz – zum 50. Mal jährte. Die Spiele um das runde Leder – genauer: die Gespräche und die Fachsimpeleien darüber – sind aufgrund der enormen Popularität des Sports und seiner Breitenwirkung offenkundig zu zuverlässigen Indikatoren für Stimmungen und die geistige Verfassung einer Gesellschaft geworden.

Indes sind diese Bedeutungszuschreibungen, die der Fußball im Laufe seiner Geschichte erfahren hat, oft nur zu verstehen, wenn sie vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Entwicklungen und Verwertungsinteressen im Fußball betrachtet werden. Hier ist Hans-Ulrich Wehler zuzustimmen, der im letzten Band seiner Deutschen Gesellschaftsgeschichte Stellung gegen eine Kulturgeschichte bezog, die in der Tat in einer bisweilen weltfremden Weise ökonomische Fragestellungen schlichtweg ignoriert und daher nicht die "Synthesefähigkeit" wie die Gesellschaftsgeschichte entwickelt hat.[2] Dabei ist Fußball seit der Zeit der Weimarer Republik ein gewaltiges Geschäft[3] – eine Tatsache, die viele Historiker, die sich mit dem Sport beschäftigen, bislang nahezu vollständig ausgeklammert haben,[4] weil sie sich ausschließlich mit Sport als Stifter von Identitäten und als Vehikel zur Verbreitung von Ideologien beschäftigten.

Doch welche Schlüsse können aus einer Geschichte der Bundesliga gezogen werden, die sich ihr unter kultur- und wirtschaftshistorischen Aspekten zu nähern versucht? Die Erkenntnisse, die im Rahmen eines dreijährigen Projekts an der Universität Stuttgart zutage gefördert wurden, sind nicht zuletzt aufgrund der Auswertung einer Vielzahl bislang unbekannter Dokumente derart vielfältig, dass an dieser Stelle lediglich drei Aspekte in einer stark verkürzten und daher etwas zugespitzten Form dargestellt werden können.[5]

Gemeinschaftsdiskurse, ökonomische Interessen und kaufmännische Seriosität



Der Fußball eignete sich stets dazu, ihn mit bestimmten Vorstellungen von Gemeinschaft zu verbinden. Als sich dieser Sport zum Ausgang des 19. Jahrhunderts in Deutschland auszubreiten begann, behaupteten seine zumeist bürgerlichen Repräsentanten,[6] dass das Spiel den nationalen Gedanken fördere. In der Weimarer Zeit waren vermehrt Stimmen zu vernehmen, die den völkerverbindenden Charakter des runden Leders hervorhoben, während im "Dritten Reich" der profane Kampf um das Tor dem "Volksgemeinschaftsgeist" Vorschub leisten sollte.[7] Nach dem Krieg hingegen, als dieser Gedanke diskreditiert war, wurde eine unverfänglichere Variante von Gemeinschaftsvorstellung gefunden, welcher der Fußball vermeintlich diene: Nun war der Sport angeblich von "Kameradschaft" beseelt, einer Eigenschaft, mit der das "Wunder von Bern" erklärt wurde und als deren vornehmster Repräsentant sich Fritz Walter, der legendäre Kapitän der Weltmeisterelf, profilieren konnte.

Solche sympathischen Zuschreibungen hatten zwei gravierende Wirkungen. Zum einen trugen sie dazu bei, die Akzeptanz des Fußballs in der bildungsbürgerlich orientierten bundesdeutschen Gesellschaft zu steigern. Immerhin galt es, den wenig schmeichelhaften Ruf dieses Sports als billiges Massenvergnügen zu überwinden. Zum anderen erleichterten sie es den Verantwortungsträgern in den großen Vereinen und beim DFB, unter dem fußballbegeisterten Publikum die Illusion zu erzeugen, als handelte es sich bei den großen Stars der 1950er und 1960er Jahre um biedere Amateure, zumindest Halbamateure, die nur bescheiden für ihre Ballkünste entlohnt wurden. Dabei erhielten die besten Spieler bereits auf legalem Wege etwa das Sechsfache des damaligen durchschnittlichen Verdienstes eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers in der Bundesrepublik. Hinzu kamen nicht selten zusätzliche Einkünfte über Scheinarbeitsplätze, Sponsoringverträge, die Einrichtung von Kleinbetrieben oder Zahlungen aus "schwarzen Kassen", die viele Vereine der Oberligen, ab 1963 der Bundesliga, außerhalb der offiziellen Bilanzen unterhielten. In anderen Worten: Die großen Fußballstars der Bundesrepublik waren schon in der Zeit des Wiederaufbaus großzügig entlohnte Profis, die sich oft nur noch zum Schein in anderen Berufen ablichten ließen und nicht zuletzt über versteckte kommerzielle Aktivitäten finanziert wurden.

Die hervorragenden Verdienstmöglichkeiten, die sich jungen Fußballspielern eröffneten, wurden im Zuge der Bundesligagründung mit Bedacht geheim gehalten. Ein Grund war das Bewusstsein dafür, dass eine zu stark sichtbare Kommerzialisierung des Fußballs mit dem Harmonie-, Kompromiss- und Sozialgedanken des Rheinischen Kapitalismus nicht zu vereinbaren war. Viele Vorstände bevorzugten es angesichts der in den Medien und in der Anhängerschaft verbreiteten Empörung über die "Geschäftemacherei", das gesamte Ausmaß der Bedeutung des Geldes im Fußball möglichst zu kaschieren. Dies erschien ihnen umso notwendiger, als sie großen Wert darauf legten, als gemeinnützig anerkannt zu bleiben, so dass sie in den Genuss einer Vielzahl steuerlicher Privilegien kamen (z.B. Befreiung von der Körperschaftssteuer, Vermögenssteuer und ab Ende der 1960er Jahre von der Vergnügungssteuer).

Aufschlussreich für die Charakterisierung der sozialen Marktwirtschaft in der Bundesrepublik waren die tatsächlichen Verhältnisse, die sich unter den Bedingungen eines scheinbar "gezügelten Kapitalismus" einstellten: Während der DFB und die großen Vereine große Anstrengungen unternahmen, in der Öffentlichkeit das Bild von einem solidarisch und wirtschaftlich maßvoll operierenden Fußballbetrieb aufrechtzuerhalten, stellten sich im Hintergrund geradezu anarchisch anmutende Verhältnisse ein. Spieler und Trainer wurden derart großzügig entlohnt, dass trotz eines regen Zuschauerzuspruchs 14 der 18 Bundesligavereine im Frühjahr 1971 erhebliche Liquiditätsschwierigkeiten hatten. Die meisten Lizenzspielerabteilungen konnten nur dadurch vor der Insolvenz bewahrt werden, dass die Kommunen ihnen mit juristisch äußerst fragwürdigen Rettungsaktionen zu Hilfe eilten, Steuerschulden erließen oder mit sonstigen Subventionen aus der Misere halfen.[8] Geduldet, teilweise sogar gefördert durch politische Institutionen, hatte sich im Fußballoberhaus ein gehöriges Maß an Wirtschaftskriminalität in Form von Bilanzmanipulationen und Steuerhinterziehung ausgebreitet. Der große Bundesligaskandal von 1971, der Kauf von zahlreichen Spielen, erklärt sich aus dieser jahrzehntelangen Finanzanarchie im deutschen Berufsfußball und war daher auch kein Novum: Schon zuvor hatte es Bestechungsversuche gegeben, mit denen der Ausgang einzelner Partien beeinflusst werden sollte.

Nun stellt die Bundesliga zweifellos nur einen Ausschnitt der Gesellschaft dar. Doch gerade weil die Vorstände der Vereine und Verbände in einem auffällig hohen Maß von Kaufleuten, Unternehmern und Juristen beherrscht wurden, stellt sich die Frage, ob angesichts der oft zu hörenden Klage über den vermeintlichen "Raubtierkapitalismus" der Gegenwart die verklärende Verherrlichung der sozialen Marktwirtschaft der frühen Bundesrepublik nicht unangemessen ist. Vielmehr drängt sich die Hypothese auf, dass Geschäftsinteressen, Gewinnorientierung und die angeblich so große "Gier" von "Eliten" bis weit in die 1980er Jahre hinein lediglich besser hinter der gesellschaftlich erwünschten Fassade von Maß, Solidarität und möglichst geringen sozialen Ungleichheiten versteckt werden konnten als in Zeiten der "Globalisierung". Anders gewendet: Was heute – aus welchen Gründen auch immer – in der Öffentlichkeit heftig skandalisiert und als Ausdruck "wachsender Ungleichheit" gegeißelt wird, drang früher entweder nicht an die Öffentlichkeit oder rief keine sonderlich große Aufregung hervor. Daher sollten gegenwärtig hitzig diskutierte Fälle von prominenten "Steuersündern" aus der Bundesliga über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen: Im Vergleich zu den 1960er, 1970er und teilweise auch 1980er Jahren ist die kaufmännische Seriosität, Solidität und Integrität im heutigen Fußballoberhaus erheblich gestiegen. Dies wird nicht zuletzt daran ersichtlich, dass die 36 Vereine und Kapitalgesellschaften der beiden obersten Ligen immerhin wieder Steuern und Abgaben zahlen – laut Auskunft der Deutschen Fußball Liga (DFL) allein in der Saison 2010/11 knapp 719 Millionen Euro.[9] In der Saison 1970/71 hingegen hatten zahlreiche Bundesligisten die Entrichtung fälliger Steuern und Abgaben eingestellt oder arbeiteten mithilfe des DFB bei den zuständigen Justiz- und Finanzbehörden an weiteren Subventionen für ihre Lizenzspielerabteilungen.


Fußnoten

1.
Vgl. Wolfram Pyta, Sportgeschichte aus der Sicht des Allgemeinhistorikers, in: Andrea Bruns/Wolfgang Buss (Hrsg.), Sportgeschichte erforschen und vermitteln, Hamburg 2009, S. 9–21.
2.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 5: Bundesrepublik und DDR 1949–1990, München 2008, S. 362.
3.
Vgl. Erik Eggers, Fußball in der Weimarer Republik, Kassel 2001, S. 154ff.; Nils Havemann, Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz, Frankfurt/M.–New York 2005, S. 67ff.
4.
Ähnlich trist ist der Zustand der sporthistorischen Literatur aus dem angelsächsischen Raum, worauf jüngst Stefan Szymanski verwiesen hat: Economists and Sport History, in: Journal of Sport History, 37 (2010), S. 76f.
5.
Die folgenden Ausführungen werden im Detail belegt in: Nils Havemann, Samstags um halb 4. Die Geschichte der Fußballbundesliga, München 2013.
6.
Vgl. Christiane Eisenberg, Fußball in Deutschland 1890–1914, in: Geschichte und Gesellschaft, 20 (1994), S. 190.
7.
Vgl. Rudolf Oswald, "Fußball-Volksgemeinschaft". Ideologie, Politik und Fanatismus im deutschen Fußball 1919–1964, Frankfurt/M.–New York 2008.
8.
Besonders häufig zu beobachten in Gelsenkirchen, München und Berlin. Vgl. N. Havemann (Anm. 5), S. 167ff., S. 327ff., S. 380ff.
9.
Vgl. DFL (Hrsg.), Bundesliga. Report 2012, o.O. 2012, S. 18.
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Autor: Nils Havemann für bpb.de
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