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9.7.2013 | Von:
Ulrich Dovermann

Narrative und Gegen-Narrative im Prozess von Radikalisierung und Deradikalisierung

Islamistische Narrative

Im Bereich des Islamismus ist diese Hierarchie der unterschiedlichen Mitteilungsformen von Extremismus mit den Narrativen im Bereich zwischen Dogmatik und persönlicher Meinung seit Längerem Gegenstand intensiven Interesses und genauen Hinsehens. Auch wenn der Begriff "Narrativ" mit einigen Problemen belastet ist und er derzeit in den entsprechenden Diskursen der Fachleute schon wieder an Aufmerksamkeit zu verlieren scheint, hat er doch einigen Nutzen, und ich möchte ihn im Folgenden ohne Grundsatzdebatte verwenden.

Ein Narrativ des Islamismus ist beispielsweise die Behauptung, "die westliche Demokratie" sei eine Religion und "der Muslim" dürfe sich ihr nicht unterordnen, weil es kein Gott außer Allah gebe und keine Religion außer dem Islam gelte. Schon die Unterordnung unter die Verfassungen sei verboten und politische Parteien seien Ausdruck einer im Islam streng verbotenen Vielgötterei. Da im Übrigen die Scharia alle Dinge ausreichend regele, benötige man auch keine gewählten Parlamente, um Gesetze zu schaffen.[4]

Ein anderes Narrativ mit hoher Anerkennung unter den Islamisten betrifft die Gleichberechtigung der Geschlechter, die unter Hinweis auf die Scharia abgelehnt wird. Gewalt gegen Frauen sei in der Ehe als letztes Mittel erlaubt, und es sei feindselig gegen den Islam, wenn sich die Frau nicht verschleiere.

Wo diese Narrative gewissermaßen zur Orientierung in einer von westlichen Werten mitgestalteten Welt dienen sollen, sind die folgenden eher Gewalt begründender Art:

Wer den militanten Jihad nicht persönlich ausübe, – so ein weiteres Narrativ, – sei kein wahrer Muslim. Vielmehr sei der Terror gegen die Ungläubigen erlaubt und von Gott unterstützt. Islam und Nicht-Islam befänden sich demnach in einem kontinuierlichen und sehr alten Konflikt und nur der kampfbereite Muslim erfülle seine daraus resultierende geschichtliche Aufgabe.

Im Übrigen sei die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts eine Geschichte der Ausbeutung und der Erniedrigung der muslimischen Länder und deren Bewohner. Es sei deshalb eine Frage der Notwehr und der Wiederherstellung der muslimischen Würde, wenn die Muslime sich gewaltsam wehrten.

Der Kampf der Muslime richte sich – so ein weiteres Narrativ Gewalt begründender Art – vor allem gegen die Beherrschung muslimischer Staaten durch nicht-islamische Regime, durch nicht-islamische Personen oder – schlimmer noch – durch muslimische Verräter, also Muslime in staatlichen Führungspositionen, die nicht nach den Regeln des Islams regieren.

Die Liste ließe sich verlängern, aber der Grundgedanke dessen, was hier gezeigt werden soll, wird bereits deutlich: Die Narrative entwickeln sich aus dem muslimischen Glauben, aber sie sind keine unmittelbaren Glaubenssätze, selbst wenn jihadistische Autoren das behaupten. Sie können und dürfen diskutiert werden und sie werden auch diskutiert. Sie sollen Gemeinschaft herstellen, indem sie strittige Frage in bestimmter – islamistischer – Richtung abklären. Doch die Klärung ist nur scheinbar: Im Effekt machen sie auch die ideologischen Bruchlinien deutlich, sie zeigen die Zweifel an den Glaubensgewissheiten der Extremisten, und dem Diskurs wird Tür und Tor geöffnet.

Schon seit vielen Jahren und besonders seit dem 11. September 2001 bemühen sich Menschen, die auf den interkulturellen, besonders aber auf den interreligiösen Austausch bedacht sind, darum, eben solche Narrative mit hohem Grad an Verbreitung und Relevanz zu finden und mit Gegen-Narrativen zu verdeutlichen, dass es sich eben nicht um religiöse – also ideologische – Aussagen handelt, sondern um menschliche Interpretationen des Religiösen mit einer gewissen Fehlerwahrscheinlichkeit. Mehr noch: Ein Gegen-Narrativ kann auch selbst die Funktion eines Narrativs beanspruchen und behaupten, wahr zu sein, wo das Narrativ falsch ist.

Wo Islamisten behaupten, die Demokratie sei eine Religion, sollten nun islamische Gegenstimmen zitiert werden, die die Demokratie als System und Wissenschaft bezeichnen, die nichts mit dem religiösen Glauben zu tun haben. Im Übrigen wird darauf hingewiesen, dass in der Gelehrtenwelt des Islam die Meinung, Demokratie sei eine Religion, nur von einer Minderheit vertreten wird.

Wo behauptet wird, dass jeder, der sich nicht am Jihad beteilige, kein wahrer Muslim sei, sagen nun andere, dass es nicht von Menschen zu entscheiden sei, wo jihadistische Gewalt angewendet werden dürfe, und dass es anmaßend sei, hier stellvertretend für Gott zu handeln.

Es ist nun zu analysieren, was hintergründig mit dem Diskurs zum Islam und zur islamistischen Gewalt geschieht, wenn Narrative die Diskussionen beherrschen und wenn dann – wie gezeigt wurde – von einflussreichen Stimmen Gegen-Narrative positioniert werden. Wie wirkt sich das auf Radikalisierungen aus – ist das Gegen-Narrativ ein geeignetes Mittel zu deradikalisieren, Prävention zu gestalten?

Extremistische Muslime haben neben dem Islam, den sie nur in Ausnahmefällen umfassend kennen, mit den Narrativen nach innen eine eigentümliche, verstehbare und gemeinsame Handlungs- und Begründungswelt für ihre politischen Ambitionen. Sie schaffen mit den Narrativen untereinander notwendige Verbindlichkeiten, die aber vor allem auf alltägliche und real-weltliche Fragestellungen ausgerichtet sind. Die Narrative richten sich nach außen an das religiöse und kulturelle Umfeld mit der Forderung nach Gehorsam – schaffen aber gleichzeitig auch Öffentlichkeit für die Meinungen, die in ihrem Umfeld zur Diskussion, also im Streit stehen.

Für die Muslime, die nicht extremistisch sind und auch nicht sein wollen, haben die Narrative die Bedeutung, nicht allgemein-verbindlich zu sein aber gleichzeitig doch der islamischen Gedanken- und Glaubenswelt zu entstammen und also "verstehbar" zu sein. Das birgt die Gefahr, dass einige sich den Glaubenskämpfern anschließen oder zumindest deren Positionen in ihren Zirkeln vertreten, aber auch die Chance, dass in Glaubensdiskussionen offensiv und mit Erfolg Gegenpositionen – Gegen-Narrative – vertreten werden können.

Für die europäischen nicht-muslimischen Aufnahmegesellschaften schließlich sind die Narrative und Gegen-Narrative dann von Bedeutung und eine Chance auf dem Weg zu einem friedlichen Miteinander, wenn sie im Sinne einer interkulturellen und interreligiösen Didaktik genutzt werden, Diskussionskompetenzen auszutauschen. Wenn Muslime gewissermaßen für die Nicht-Muslime den Diskurs mit jihadistischem Gedankengut führen, dieses im besten Fall entkräften und dabei von nicht-muslimischen Mitstreitern unterstützt werden, hat das auf die Formen des Zusammenlebens in Integrationsgesellschaften positive Wirkungen.

Die Frage ist allerdings, ob die muslimischen Gruppierungen in größerer Zahl ein Eigeninteresse daran erkennen, sich in dieses doch sehr schwierige Feld hinein zu begeben. Die Sicherheitskräfte, die Bildungssysteme und alle Sozialarbeit, die mit diesen interreligiösen Feldern konfrontiert sind, sind auf jeden Fall interessiert und engagiert.

Fußnoten

4.
Die hier folgenden Beispiele von Narrativen und Gegen-Narrativen sind zum großen Teil aus folgender Broschüre entnommen: Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Zerrbilder von Islam und Demokratie, Argumente gegen extremistische Interpretationen von Islam und Demokratie, Berlin 2010.
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Autor: Ulrich Dovermann für bpb.de
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