Ermordung von John F. Kennedy

28.10.2013 | Von:
Natan Sznaider

Entweder/Oder: Ein Nachspiel zur Opferung von Jitzchak Rabin - Essay

"Ich möchte gerne jedem einzelnen von Euch danken, der heute hierhergekommen ist, um für Frieden zu demonstrieren und gegen Gewalt. Diese Regierung, der ich gemeinsam mit meinem Freund Shimon Peres das Privileg habe, vorzustehen, hat sich entschieden, dem Frieden eine Chance zu geben – einem Frieden, der die meisten Probleme Israels lösen wird. (…) Der Weg des Friedens ist dem Weg des Krieges vorzuziehen. Ich sage Euch dies als jemand, der 27 Jahre lang ein Mann des Militärs war."

Mit diesen Worten beendete Ministerpräsident Jitzchak Rabin am 4. November 1995 eine von seiner Partei, der Israelischen Arbeitspartei, und anderen Akteuren des Friedenslagers organisierte Kundgebung. Danach fielen drei Schüsse, und der Bürgerkrieg in Israel war entschieden.

Es war ein angenehmer Herbstabend in Tel Aviv. Der "Platz der Könige Israels" war wieder einmal voll besetzt mit jenen, die kamen, um das zwei Jahre zuvor mit den Palästinensern geschlossene Oslo-Abkommen zu unterstützen. Viele kannten sich, hatten schon oft gemeinsam gegen die israelische Besatzung "der Gebiete" demonstriert, für den Frieden, für ein in ihren Augen besseres Israel. Sie waren auch dabei gewesen, als im September 1982 auf demselben Platz gegen den Libanon-Feldzug und das von libanesischen Falangisten begangene und von der israelischen Regierung offenbar geduldete Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila protestiert worden war. Schon damals war es ihnen um einen moralischen Staat und um das von ihnen für so wichtig gehaltene Selbstbild eines aufgeklärten westlichen Landes gegangen. Der in diesem Milieu verhasste damalige Außenminister Ariel Sharon hatte daraufhin seinen Posten räumen müssen. 19 Jahre nach jener Demonstration und knapp sechs Jahre nach dieser wurde Sharon dann Ministerpräsident und veranlasste im Sommer 2005 den israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen. Aber so weit sind wir noch nicht.

Glaube an Freiheit, Wirtschaft und materielle Interessen

Kehren wir zurück zum 4. November 1995. Nach vielen Jahren war man wieder am selben Ort; es herrschte gute Stimmung, und manche amüsierten sich, dass sie schon lange nicht mehr bei einer Solidaritätskundgebung einer Regierung mitgemacht hatten. Von 1977 bis 1992 war die Arbeitspartei entweder Opposition oder Koalitionspartnerin der rechten Likudpartei gewesen. Aber all das hatte sich im Sommer 1992 geändert: Die Arbeitspartei war wieder ans Ruder gekommen und mit ihr gestandene Veteranen der israelischen Politik wie der ehemalige Generalstabschef Rabin, der schon von 1974 bis 1977 die Regierungsgeschäfte geführt hatte, und sein innerparteilicher Rivale Shimon Peres, der als Außenminister natürlich auch der Demonstration beiwohnte. Seit drei Jahren regierten sie bereits mit der knappsten aller Mehrheiten. Die israelische Wirtschafts- und Kulturelite unterstützte diese Regierung mit großer Leidenschaft. Auch im Ausland war Israel wieder gern gesehen. Bill Clinton, der damalige US-Präsident und ein enger persönlicher Freund Rabins, sowie viele Investoren schauten hoffnungsvoll auf den Nahen Osten. Die Mauer in Deutschland war schon vor einigen Jahren gefallen, der Kalte Krieg eigentlich vorbei, Deutschland wiedervereint, und trotz anhaltender Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien glaubte man an einen neuen Aufbruch in der Welt. Ein "Ende der Geschichte" lag in der Luft. Man glaubte an das Primat der Freiheit und der Wirtschaft.

Die Demonstranten auf dem "Platz der Könige Israels" fühlten sich als Teil dieses Aufbruchs. Sie verstanden sich als Teil des Westens, als Teil Europas und der USA, als Teil einer neuen, sich globalisierenden Welt. Sie vergaßen für einen Moment, dass die israelische Regierung zwar legal gewählt war, aber für einen großen Teil der Bevölkerung keine Legitimation mehr hatte. Aber das sahen die Anhänger des Friedenslagers nicht. Die Geschichte war – so dachten sie – auf ihrer Seite. Mit dem Ende des Kalten Krieges sollte auch der Nahostkonflikt ein Ende finden. Außenminister Peres sprach unermüdlich vom "neuen Nahen Osten". Dieser sollte künftig eine Brückenposition einnehmen zwischen dem geeinten Europa auf der einen und den "Tigerstaaten" im Fernen Osten auf der anderen Seite. Mit arabischen Ölvorräten und Arbeitskräften sowie israelischem Know-how und Hightech könnte die Welt neu gestaltet werden. Frieden sollte herrschen und die Juden in Israel endlich in Frieden mit sich und ihrer Umgebung leben. Man glaubte an das Primat der materiellen Interessen.

Wie hältst du’s mit dem Konflikt?

Die Stimmung war also gut auf dem "Platz der Könige" – im Kontrast zur aufgeheizten Atmosphäre im Land. Die Demonstranten wollten sich den öffentlichen Raum wieder zurückerobern. Zu viele schlimme Dinge waren in den Wochen und Monaten zuvor geschehen, und sie hatten deutliche Spuren bei den Israelis hinterlassen. Als im Oktober 1994 in einem voll besetzten Autobus im Zentrum von Tel Aviv die Bombe eines Selbstmordattentäters explodierte und mehr als zwanzig Menschen in den Tod riss, zweifelten viele am Sinn und an den Erfolgschancen eines Abkommens mit den Palästinensern. Wie oft konnte Rabin noch von den "Opfern des Friedens" sprechen? Und die Anschläge gingen auch 1995 weiter. Bereits im Februar 1994 hatte ein jüdischer Terrorist – Baruch Goldstein – in Hebron das Feuer auf betende Muslime eröffnet und dabei 29 Menschen getötet und mehr als hundert verletzt – bis dahin ein für viele Juden in Israel undenkbarer Vorgang.

All dies wussten die Demonstranten, die am Abend des 4. November kamen, um dennoch ihre Solidarität mit Rabin und dem Oslo-Abkommen zu bekunden. Damals war der Konflikt noch der entscheidende Punkt, an dem sich die israelische Gesellschaft spaltete. "Sag mir, wie hältst du’s mit dem Konflikt?" – das war die israelische Gretchenfrage damals. Noch war die israelische Gesellschaft nicht so nach innen gekehrt, wie sie es knapp zwanzig Jahre später sein sollte. Heute sind es nicht mehr die Besatzung und "die Gebiete", sondern die steigenden Lebenshaltungskosten, welche die Israelis auf die Straße bringen. Damals sah man das noch anders. An diesem Abend sahen sich die Demonstranten als das fortschrittliche, aufgeklärte, säkulare, demokratische, liberale und städtische Israel.

Das andere Lager, das waren die Ewiggestrigen, die Klerikalen, die Nationalisten, die Rechten – diejenigen, die auf die Heiligkeit der Erde pochten und nicht daran glaubten, dass die Palästinenser an einem Ausgleich mit Israel interessiert sein könnten. Ihr Protest gegen die Friedenspolitik war in den Augen der Demonstranten genauso illegitim wie die Friedensverhandlungen in den Augen der Anderen. Hier ging es nicht um verschiedene politische Ansichten, sondern um den gegenseitigen Versuch, die jeweils andere Seite außerhalb der Legitimation und des Konsensus zu stellen. Es ging um die Frage, wer das "wahre" Israel vertritt – eine Bürgerkriegssituation also.

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