APuZ Monster

16.12.2013 | Von:
Birgit Stammberger

Monströse Körper. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf historische Deutungsmuster

Wer sich mit monströsen Körpern beschäftigt, muss auf Tuchfühlung gehen mit dem Abseitigen, Fremden, Grotesken, mit dem Mythischen und Fiktiven. Diese Haltung bestimmte lange Zeit den Wissenschaftsdiskurs, und man beschrieb mit monströsen Körpern die Fantasiegestalten vormoderner Zeiten. Historische Untersuchungen galten dementsprechend antiken oder mittelalterlichen Darstellungen monströser Chimären, zoomorpher Wesen oder anderer hybrider Gestalten. Die modernen Betrachterinnen und Betrachter mögen weniger diese Wesen selbst als die in den Darstellungen zum Tragen kommende "Sorglosigkeit hinsichtlich der Trennung von Realität und Fiktion"[1] erstaunen. Die verstörenden Fantasiewesen, die keine Entsprechungen in der realen Natur finden, bezeugen, wie durch die Erschaffung monströser Wesen Erfahrungen mit Fremdheit oder dem Unheimlichen bewältigt wurden.

Das Körpermonster entspricht als das Andere, das Abseitige und Unheimliche immer auch den Vorstellungen und den Wissensordnungen einer Kultur. In dieser Hinsicht unterliegt das, was als monströs, unheimlich oder faszinierend dargestellt wird, einem spezifisch-kulturellen Kontext und einem bedeutungsgeschichtlichen Wandel. Die monströsen Körper lassen sich als vielfältige Figurationen von Macht oder Freiheit des Menschen deuten. Wer monströse Darstellungen eindringlich betrachtet, bemerkt, dass die antiken Mischwesen und Wundergestalten ebenso wie die Geschöpfe auf den Holzschnitten und Einblattdrucken der Frühen Neuzeit Ausdruck politischer, sozialer und kultureller Konventionen sind. Die Vereinigung von Eigenschaften phänotypisch verschiedener Lebewesen, die Hybridisierung des Anorganischen mit dem Lebendigen oder die Gestaltung eines bedrohlich lebensfähigen Typus mit tierischen Elementen sind aufs Engste mit dem jeweiligen Verhältnis zur Natur verbunden. Kulturkonstitutive Differenzen, wie die Unterscheidungen von Tier und Mensch, Tier und Pflanze, Leben und Tod oder Kultur und Natur, werden durch monströse Gestalten hergestellt und können umgekehrt über die analytische Betrachtung dieser Gestalten hinterfragt werden. Diese erhalten ihren bedrohlichen und monströsen Charakter erst über die ordnenden Unterscheidungen. Monströse Körper sind daher niemals nur Spezialfälle fehlgebildeter Lebewesen, sondern Figurationen symbolischer Ordnungen einer Kultur.

Wissenschaftliche Aufmerksamkeit im "Zeitalter des Wunderbaren"

In seinem 1573 veröffentlichten Monumentalwerk "Des monstres tant terrestes que marins avec leurs portraits" setzt der französische Kriegschirurg Ambroise Paré körperliche Fehlbildung mit menschlichem Fehlverhalten gleich. Die entstellten Wesen, auf deren historische Beschreibungen Paré zurückgreift, sind jedoch nicht einfach nur fehlgebildete Körper, sondern ihre ungewöhnliche Körperlichkeit verweist auf ein bestimmtes religiöses und moralisches Verhalten, das sich gegen die Natur und gesellschaftliche Normen richtete. Paré führt die Ursachen von Fehlbildungen auf eindrückliche Ereignisse zurück und nennt 13 Gründe zur Entstehung des Monsters. Neben Krankheit, der Gebärmuttergröße oder der Einbildung steht für ihn "the glory of God" an erster Stelle.[2] Das mit monströsen Körpern reich illustrierte Werk ist zugleich eine Zusammenstellung des Wissens einer bestimmten Zeit, das auf ästhetischen, theologischen und (pseudo)wissenschaftlichen Geistesschöpfungen basiert und damit die Empfindungen sowie die Natur- und Weltauffassungen jener Zeit präsentiert.

Erstaunlich ist jedoch, dass Paré trotz seiner auf religiösen Glaubenshaltungen und auf der Kategorie der Einbildungskraft aufbauenden Argumentation ein neues Verständnis für Fragen nach der Entstehung von "Missgestalten" mit begründete. Paré ist im "Zeitalter des Wunderbaren" auch ein Vertreter einer neuen medizinischen Autorenschaft des Monströsen. Ende des 16. Jahrhunderts entstanden zahlreiche Monumentalwerke über Monster.[3] Wie die Wissenschaftshistorikerinnen Lorraine Daston und Katherine Park in ihrer Studie "Wunder und die Ordnung der Natur" gezeigt haben, brachte die "Rhetorik des Staunens" nicht nur neue Aufmerksamkeit gegenüber Naturvorgängen hervor. Das Sammeln außergewöhnlicher Fälle und Sonderbarkeiten war nun nicht mehr ausschließlich, wie noch im Mittelalter, "den Patriziern oder Fürsten vorbehalten, sondern wurde jetzt von Gelehrten und Medizinern betrieben".[4] Diese Aufmerksamkeit und die Beschwörung von Wundern und Monstern führten somit zur Herausbildung eines neuen Expertentums des wissenschaftlichen Gelehrten. Der Status von Ärzten, Naturgelehrten und Philosophen war nun an eine akademische Ausbildung gebunden, und zur Erklärung wundersamer Erscheinungen wurde die Natur und nicht mehr Gott bemüht.[5] Parés Werk ist also auch Ausdruck einer neuen, naturphilosophischen Haltung, die auf dem Akt des Sammelns und Vergleichens bekannter und unbekannter Naturtatsachen beruhte. Erst die umfassende Sammlung und Zusammenstellung von Materialien – wie beispielsweise mittelalterliche Kupferstiche, anatomische Zeichnungen, gedruckte Flugblätter – schuf überhaupt die Grundlage für Klassifizierungen, in denen die "Entstehung von Missbildungen als naturentsprechender Vorgang" begriffen wurde und den "missgebildeten Menschen" zum Gegenstand wissenschaftlicher Medizin machte.[6] Auch als Gegenstand historischer Untersuchungen ließen sich fortan die Prozesse der Herausbildung von Objektivitätsidealen sowie der Wandel gesellschaftlicher Empfindungsweisen und wissenschaftlicher Deutungsmuster der Natur und des Menschen nachzeichnen. Das Monster als eine singuläre Erscheinung war folglich das Resultat einer bestimmten Ordnung; Darstellungen monströser Körper waren Zeugnisse eines Wissens, das auf Kategorien, wie der Einbildung oder des Staunens, beruhte, die mit den Einstellungen und Haltungen moderner Wissenschaften unvereinbar waren.

Das auf ästhetische und visuelle Strategien reduzierte Körpermonster ist damit eine Denkfigur der Moderne, die im fortschrittsgeleiteten Narrativ der empirischen Wissenschaften selbst angelegt ist und nicht nur als zeitdiagnostischer Moment einer Geschichte, sondern als Motiv einer wirkmächtigen Geschichtsauffassung des Wissens selbst gelesen werden kann. In dieser Auffassung differenziert sich die Geschichte des monströsen Körpers in eine Geschichte des Fortschritts und in eine Geschichte kulturell-tradierter Vorstellungen. Die modernen Humanwissenschaften – als Träger wissenschaftlichen Fortschritts – haben demnach durch Anhäufung eines empirischen Wissens und positiver Erkenntnisse die Monster-Deutungen des Körpers als Irrtümer einer fehlgeleiteten Sinngebung des Natürlichen herausgestellt, die es zu überwinden galt. In den Alltagswelten hingegen schienen sich die Vorstellungen eines monströsen Körpers frei von modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu halten, also weiterhin in einem eher vage bestimmten Raum moralischer und mythischer Sinndeutungen.

Die Unterscheidung des Monsters in fiktive Gespinste und anormale Körper hat jedoch ihren Preis. Wie der Mediziner und Wissenschaftsforscher Michael Hagner schreibt, sei vor aller kritischen Befragung "das dichotome Schema solcher Erklärung allzu offensichtlich: Aberglauben vs. logische Stringenz, Stigmatisierung und Dämonisierung vs. Humanität, spekulative Imagination vs. empirische Überprüfung, Zeichenhaftigkeit vs. biologische Erklärung, Kultur vs. Wissenschaft".[7] So wurden gerade im Namen dieser wissenschaftlichen Attribute, die das Monster rationalisiert und verwissenschaftlicht haben, eben jene Monster erzeugt, die heute auch auf der Matrix des technisch Machbaren und Möglichen als im Labor produzierte Hybridgestalten eines neuen, synthetischen Naturzeitalters erscheinen.

Fußnoten

1.
Georges Canguilhem, Die Monstrosität und das Monströse, in: ders., Die Erkenntnis des Lebens, Berlin 2009, S. 309–336, hier: S. 319.
2.
Vgl. Ambroise Paré, On Monsters and Marvels, Chicago 1982, S. 3.
3.
Vgl. Lorrain Daston/Katherine Park, Wunder und die Ordnung der Natur 1150–1750, Berlin 1998, S. 203.
4.
Ebd., S. 174, S. 177.
5.
Vgl. ebd., S. 247.
6.
Josef N. Neumann, Der missgebildete Mensch, in: Michael Hagner (Hrsg.), Der falsche Körper. Beiträge zur Geschichte der Monstrositäten, Göttingen 20052, S. 21–44, hier: S. 44.
7.
Michael Hagner, Monstrositäten haben eine Geschichte, in: ders. (Anm. 6), S. 7–20, S. 9.
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