APuZ Monster

16.12.2013 | Von:
Janina Scholz

Vampire Trouble: Gender, Sexualität und das Monströse

Komplexe Vampire, komplexes Geschlecht

Ein Beispiel für eine solche komplexe Darstellung einer vampirischen Figur findet sich in der Fernsehserie "Buffy the Vampire Slayer". Die Filmwissenschaftlerin Lorna Jowett bezeichnet die komplette Serie als "Aushandlung von Geschlechtsidentität".[14] Viele Darstellungen der Figuren verweigern sich einer eindeutigen, essentialistischen Reduktion auf ein Geschlecht. Vampirische Figuren ermöglichen diese Aushandlung von Geschlechtsidentität in besonderem Maße, wie sich an der Figur Spike zeigen lässt: Dieser wird bei seinem ersten Auftritt als Punk-Vampir eingeführt. Mit weiß-blonden Haaren, schwarzem Ledermantel, Alkohol trinkend und Zigarette rauchend, ist er ein Rebell und geschlechtsspezifisch "männlich" bestimmt.[15] Jedoch erweist sich diese geschlechtliche Eindeutigkeit als unzureichende Charakterisierung der Figur. In verschiedenen Szenen der Serie wird seine Männlichkeit als Konstruktion entlarvt. Immer wieder werden "männliche" mit "weiblichen" Eigenschaften und Zuschreibungen vermischt, und wenn der Vampir besonders "männlich" wirken will, enden diese Versuche oft im Gegenteil, mit seiner Entmännlichung. Im Kampf gegen die Vampirjägerin Buffy gibt er sich betont aggressiv, will sie mit bloßen Händen besiegen. Aber er kann Buffy nicht töten und wird sogar von ihrer Mutter niedergeschlagen.[16] Auch die Beziehung zu seiner Partnerin, der Vampirin Drusilla, wandelt sich im Verlauf der Serie entscheidend, nachdem Spike im Kampf verletzt wird und im Rollstuhl sitzt. Vorher hat er Drusilla beschützt, jetzt bringt sie Spike Hundewelpen zum Trinken, die er allerdings umsorgt, statt sie zu töten.[17] In diesem Paarverhältnis werden traditionelle Rollenzuschreibungen umgedreht. Die Ernährerrolle kommt der zartbesaiteten Vampirin zu, und der Vampir nimmt die Rolle der sich um die Kinder (Welpen) kümmernden Frau ein. Auch visuell tauschen Vampir und Frau oft die Rollen, beispielsweise wird Spike gefoltert, und eine "böse Buffy" sieht zu. Damit wird die Verletzlichkeit des vampirischen Körpers zur Schau gestellt, und im Kontrast symbolisiert Buffy den "männlichen" Bereich.[18]

Spike drückt seine emotionale Abhängigkeit von anderen in gender-uneindeutiger Weise aus: "I may be love’s bitch, but I’m man enough to admit it".[19] Hierdurch werden "männliche" und "weibliche" Eigenschaften nicht nur vertauscht, sondern untrennbar in einem Körper miteinander verbunden. In zahlreichen Szenen wird zudem eine "männliche" mit einer "vampirischen" Sexualität verbunden und beide auf diese Weise dekonstruiert. Für die Figur Spike gilt das Trinken von Blut als "männlich" und "vampirisch", allerdings wird das in der Serie durch "Entmännlichung" bestraft. Durch einen elektrischen Chip wird Spike "kastriert": Er bekommt Migräne, wenn er Menschen beißen und töten will.[20] Spike selbst bewertet die Unfähigkeit, Blut trinken zu können, als Kastration, und sein "Versagen" als Vampir wird somit mit männlichen Potenzschwierigkeiten verbunden. Kann er nicht beißen, ist er kein Vampir, ist er kein Mann.

In vampirischen Körpern werden "weibliche" oder "männliche" Eigenschaften in besonderer Weise kombiniert und diese binären Konstruktionen somit als performativ hergestellt entlarvt. Mit dem Konzept "Genderperformativität" kritisiert Judith Butler essenzielle Konzeptionen von Geschlecht, die geschlechtsspezifische Eigenschaften auf biologische Ursachen zurückführen. Innerhalb von Diskursen wird Genderidentität durch Handlungen und Sprache immer wieder neu hergestellt. Gender ist sozusagen eine Aufführung von sich selbst, wobei die "Äußerungen", wie beispielsweise sprachliche Anrufungen als "Mädchen" oder "Junge" sowie geschlechtsspezifische Handlungen, als die Resultate gelten, die sie gleichzeitig erst erzeugen.[21] Allerdings gelingt nie eine genaue Reproduktion, es werden auch "unpassende" Wiederholungen produziert. Diese Abweichungen bedrohen die hegemoniale Ordnung, indem sie die Eindeutigkeit der binären Zuordnungen hinterfragen.

Vampirinnen und Vampire stehen als Untote eigentlich außerhalb der binären Logik der Geschlechterordnung. Sie könnten sich genderspezifischen Zuschreibungen entziehen und kein Geschlecht annehmen. Trotzdem werden geschlechtsspezifische Zuschreibungen benutzt, um ihre Monstrosität zu belegen. Durch den Rollentausch, wenn beispielsweise "weiblich" dargestellte Vampirinnen "männlich" codierte Eigenschaften zeigen, wird die Monstrosität der einzelnen Figuren betont. Allerdings bleiben damit die binären Dichotomien, der Gegensatz und die Ausschließung, erhalten. Die Darstellung des Vampirs Spike geht über diesen Rollentausch hinaus. Diese Figur verkörpert Merkmale beider Geschlechter in einem Körper, ihre Monstrosität zeigt sich nicht in gewandelten Zuschreibungen, sondern indem sie alle Zuschreibungen gleichzeitig ausdrückt. Die scheinbar eindeutigen Kategorien "weiblich" und "männlich" verlieren dabei ihre Aussagekraft und werden als performativ entlarvt. Die Literaturwissenschaftlerin Arwen Spicer bezeichnet diese spezielle Verbindung der Identitätskategorien in einem Körper als "hybrides Gender". Sie erfasst damit, dass in der Serie zwar traditionelle Konzepte von einer binären Zweiteilung von Gender erhalten bleiben, allerdings werden Genderzuschreibungen von der zwangsläufigen Verbindung mit körperlichen Geschlechtsmerkmalen gelöst. Damit wird die Aussagekraft der binären Kategorien eher hinterfragt als bestätigt,[22] zugleich zeigt sich daran die Konstruiertheit der Kategorien. Indem "vampirische" Identitätsmerkmale mit den geschlechtlichen Markierungen "männlich" oder "weiblich" verbunden und gekreuzt werden, zeigt sich die Künstlichkeit der Kategorie Gender.

Vampirische Körper offenbaren somit in besonderem Maße den performativen Charakter von Gender. Doch Gender ist nicht die einzige Kategorie, die vampirische Figuren durchkreuzen. Sie bieten zahlreiche Gelegenheiten, strikte binäre Trennungen in der Kategorie Sexualität zu hinterfragen.

Vielfältige vampirische Sexualitäten

Vampirismus und Sexualität scheinen besonders miteinander verbunden zu sein. Unterschiedliche Interpretationen des sexuellen Begehrens von vampirischen Figuren zeigen, entlang welcher Grenzlinien Normen von Sexualität verhandelt werden. In diesen Interpretationen zeigen sich nicht nur binäre Trennungen zwischen "homosexuellem" und "heterosexuellem" Begehren, sondern auch, dass sexuelles Begehren eng mit Geschlechternormen zusammenhängt.

Der Filmexperte David Pirie spricht vom "modernen Sexvampir" in Filmen der 1970er Jahre und bezeichnet damit verführerische Vampirinnen, die willenlose Männer in ihren Bann ziehen.[23] Diese Vampirinnen verkörpern in Filmen eine deviante Heterosexualität, die vor allem darauf beruht, dass sich die Rollen zwischen "Mann" und "Frau" als Verführer und Verführte umdrehen. Das aktive Begehren der Frau wird in diesem Fall als monströs dargestellt, verunsichert es doch die vermeintlich "normale" Geschlechterordnung. Die Filmwissenschaftlerin Linda Williams bezeichnet den "männlichen" Vampir im klassischen Hollywoodkino als "Prototyp sexuellen Appetits", der die Potenz des "normalen" Mannes bedroht: Die Frau und das Monster symbolisieren in dieser psychoanalytischen Konzeption den Mangel und damit die Kastrationsdrohung für den Mann.[24] Frau und Monster sind damit auf besondere Weise miteinander verbunden und konkurrieren als Spektakel um den Blick der Zuschauerinnen und Zuschauer.

Die Theaterwissenschaftlerin Sue-Ellen Case sieht in dieser Verbindung zwischen Frau und Monster eine lesbische Anziehung. Die Vampirin in einer "lesbischen Form" hat das Potenzial, Grenzen zwischen Selbst und Objekt durch "ihren Kuss mit Fangzähnen" zu überwinden. Durch eine unreproduktive Sexualität entziehen sich lesbische Vampirinnen hegemonialen Ordnungen. Für Case bietet die lesbische Vampirin auch eine Möglichkeit, die innerhalb der Queertheorien bestehenden Unterteilungen nach Gendermerkmalen in "schwul" und "lesbisch" zu überwinden (und damit die binären Kategorien weiter zu hinterfragen).[25] Vampirismus wird zudem oft als Metapher für Homosexualität gedeutet. Der Filmwissenschaftler Richard Dyer zieht Parallelen zwischen Vampirismus und Homosexualität, die beide als "offenes Geheimnis" fungieren: Es gibt Hinweise auf Homosexualität, aber die entsprechenden Handlungen finden im Geheimen, im doppelten Sinne in der Dunkelheit der Nacht und abseits des heimischen, das heißt des vertrauten und sicheren sowie monogamen und heterosexuell konnotierten Schlafzimmers statt.[26] Der Literaturwissenschaftler Christopher Craft erkennt in dem Roman "Dracula" ein implizit homoerotisches Begehren zwischen Dracula und seinem menschlichen Gast Jonathan Harker, das aber als "monströse Heterosexualität und als dämonische Inversion von Gendernormen" dargestellt wird. Durch eine "vermittelnde Frau" wird das homoerotische Begehren hinausgeschoben und nie direkt ausgeführt. Der vampirische Mund mit Fangzähnen symbolisiert für Craft "die Subversion einer stabilen und klaren Unterscheidung von Gender": Der Mund ist sowohl "weiblich" als auch "männlich" besetzt, er kann verführerisch sein oder den Tod bringen.[27]

An diesen unterschiedlichen Interpretationen der vampirischen Sexualität zeigt sich, wie durch Vampirismus die Kohärenz von biologischem Geschlecht, Gender, sexueller Praxis und Begehren durchbrochen wird. Die vampirischen Körper sind uneindeutig "gegenderte" Körper, was für ein erstes Unbehagen sorgt. Der vampirische Kuss ist eine sexuelle Praxis, die damit droht, sowohl die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt, als auch zwischen normativer und nicht-normativer Sexualität zu überschreiten. Denn das vampirische Begehren passiert die binären Grenzen zwischen "aktivem" und "passivem" Begehren, "homosexuell" und "heterosexuell". Vor diesem Tableau an Bedeutungsfülle, die in diesen Figuren enthalten ist, werden die Diskurse um Sexualität erst sichtbar, die hegemoniale Sexual- und Geschlechterordnungen leiten.

Fußnoten

14.
Lorna Jowett, Sex and the Slayer. A Gender Studies Primer for the Buffy Fan, Middletown, CT 2005, S. 95.
15.
"Buffy the Vampire Slayer", Staffel 2, Episode 2.
16.
"Buffy the Vampire Slayer", Staffel 2, Episode 3.
17.
"Buffy the Vampire Slayer", Staffel 2, Episode 17.
18.
"Buffy the Vampire Slayer", Staffel 7, Episode 9. Vgl. zur Folter männlicher Vampire auch Markus Recht, Der sympathische Vampir. Visualisierungen von Männlichkeiten in der TV-Serie Buffy, Frankfurt/M. 2011.
19.
"Buffy the Vampire Slayer", Staffel 3, Episode 8.
20.
"Buffy the Vampire Slayer", Staffel 4, Episode 7.
21.
Vgl. J. Butler (Anm. 2), S. 49.
22.
Vgl. Arwen Spicer, "Love’s Bitch but Man Enough to Admit It". Spike’s Hybridized Gender, in: SlayageOnline – The Journal of the Whedon Studies Association, Ausgabe 2.3, Dezember 2002, http://slayageonline.com/PDF/spicer.pdf (22.10.2013).
23.
Vgl. David Pirie, Vampirfilmkult. Internationale Geschichte des Vampirfilms vom Stummfilm bis zum modernen Sex-Vampir, Gütersloh 1977, S. 95.
24.
Vgl. Linda Williams, When the Woman Looks, in: Mark Jancovich (Hrsg.), Horror. The Film Reader, New York 2002, S. 61–66.
25.
Vgl. Sue-Ellen Case, Tracking the Vampire, in: Ken Gelder (Hrsg.), The Horror Reader, London 2000, S. 198–209.
26.
Vgl. Richard Dyer, Children of the Night. Vampirism as Homosexuality, Homosexuality as Vampirism, in: Susan Radstone (Hrsg.), Sweet Dreams: Sexuality, Gender and Popular Fiction, London 1988, S. 47–72.
27.
C. Craft (Anm. 6), S. 218.
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Autor: Janina Scholz für bpb.de
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