Gespannte Richtschnur auf einer Baustelle

13.1.2014 | Von:
Mette Løvschal

Frühe Grenzziehungen

Eine der grundlegendsten Formen eines gesellschaftlichen Statements besteht darin, Grenzen zu ziehen. Wie wir dies tun, hängt vor allem von unserem Selbstverständnis ab und davon, wie wir uns in der Welt definieren und voneinander abgrenzen, mit welchen Menschen wir uns identifizieren, welche Regeln wo und unter welchen Umständen gelten. Wir leben in einer Gesellschaft, die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts eine Reihe radikaler gesellschaftlicher Veränderungen erfahren hat und in der zahlreiche gesellschaftliche "Grenzen" infrage gestellt und neu definiert wurden. Diese Veränderungen betreffen beispielsweise neue Arbeitsteilungen, einen Aufschwung urbanen Lebens und die Entvölkerung ländlicher Gebiete.

Noch immer sind jedoch materielle Grenzen vorhanden – etwa in Form von Zäunen und Hecken um Villengärten, Wohnblocks sowie öffentliche Plätze –, und sie nehmen mancherorts sogar zu. Von Menschen errichtete Grenzen scheinen daher nach wie vor zu den normalerweise als selbstverständlich betrachteten sozialen und physikalischen Bausteinen einer Gesellschaft zu gehören. Doch wann haben wir angefangen, Grenzen, wie die in unseren modernen Gesellschaften, zu errichten? Warum wurden sie entwickelt? Und welche Konsequenzen ergaben sich auf lange Sicht daraus?

Im Folgenden werden einige der frühesten Formen von Menschen gezogener Grenzen betrachtet, die während der ausgehenden Bronze- und beginnenden Eisenzeit, also etwa um die Wende des ersten Jahrtausends v. Chr., in Nordwesteuropa errichtet wurden. Zu diesen gehören Feldsysteme, die aus kleinen länglichen Parzellen bestehen und, umgeben von Erdwällen, Hecken oder Steinmauern, zusammen mit angrenzenden Ackerflächen größere Systeme bilden. Man nennt sie auch keltische Felder.[1]

Verschiedene Aspekte an ihnen sind besonders interessant: Trotz unterschiedlicher Größen und ihrer Verbreitung innerhalb einer enormen Zeitspanne wurden sie in weiten Teilen Südskandinaviens und Norddeutschlands sowie in Holland, Nordbelgien und Südengland entdeckt. Bis ins östliche Baltikum sowie weit im Westen, in Irland, ist ihr Vorkommen nachgewiesen. Manchmal scheinen sich Feldsysteme in Westjütland in Dänemark von denen in der holländischen Provinz Drenthe nicht zu unterscheiden, obwohl sie 600 Kilometer weit voneinander entfernt liegen. Und oftmals markieren sie den Beginn der Entwicklung weiterer Grenzsysteme – etwa umfriedeter Bauernhöfe und Dörfer, Befestigungsanlagen, Mobilitätsschranken, Geländedämme, Grubenreihen und Landschaftsgliederungen.

An einigen Orten verbreiteten sich diese Grenzziehungen – aus archäologischer Perspektive zumindest – sehr schnell. Mit der Zeit entwickelten sich aufwendige Konstruktionen, denen in manchen Fällen bisherige Grenzen wichen; andere wiederum erscheinen in Größe und Form standardisiert. So ermöglicht die Erforschung archäologischer Grenzen nicht nur Einblicke in die Entwicklung bestimmter Strategien der Subsistenzwirtschaft und Formen der Aneignung von Land.

Diese Grenzen bildeten auf lange Sicht auch ein Vehikel für grundlegende gesellschaftliche und politische Veränderungen. Zum Beispiel wurden mancherorts die Umzäunungen von Gehöften zum Angelpunkt für komplexe juristische Institutionen wie Haushalte oder Eigentumsrechte.[2] Einige dieser Grenzen existierten außergewöhnlich lange, viele wurden nicht nur im Laufe von Generationen, sondern bis ins Mittelalter hinein (11. Jahrhundert) verstärkt und erneuert; andere wiederum entsprechen in ihrem Verlauf modernen Feldbegrenzungen.

Zugleich zeichnen sich diese Grenzen durch zum Teil große Unterschiede im Baumaterial, in ihrer Morphologie sowie ihrer Nutzung aus. In dieser Hinsicht lässt sich daher nicht von einem Nordwesteuropa sprechen. Dennoch werden hier einige generelle Tendenzen, die sich in weiten Gebieten antreffen lassen, aufgezeigt und interessante Aspekte dieser spezifischen Form von Grenzziehung dargestellt.

Von der Bronze- zur Eisenzeit

Die Gesellschaften entlang der Nordseeküste sahen sich beim Übergang der Bronze- zur Eisenzeit gravierenden Veränderungen in vielerlei Hinsicht ausgesetzt. Zunächst wurde das Klima feuchter und kälter. Die Landschaft wird vielerorts aus Weideflächen und Heideland mit einem Bewuchs aus Gräsern, Kräutern, Sträuchern sowie einzelnen Waldflächen bestanden haben. Der Beginn einer verstärkten Waldrodung zwecks Ackerbaus zog in den sandigen Regionen ernste Probleme wie Sandtreiben und die Auszehrung der Böden nach sich. Von Belgien bis nach Mittelschweden wurden die Grundrisse der Häuser kleiner, und Bauten wurden durch eine auffallend einheitliche Architektur verbunden – zu einem rechteckigen Langhaus, bestehend aus separatem Wohnbereich und angrenzenden Ställen: das sogenannte Wohnstallhaus. Diese Gebäude galten üblicherweise als Häuser für Kernfamilien, die weitgehend autark wirtschafteten.

Die Gesellschaften bestanden meist aus kleineren Gemeinden, die eine gemischte Landwirtschaft betrieben: mit dem Anbau einer Reihe von Feldfrüchten sowie der Haltung von Kühen, Schafen, Ziegen, Schweinen und Pferden. Die Gesellschaften Nordwesteuropas unterschieden sich von denen in Mitteleuropa auch durch das Fehlen feudaler Ländereien und urbaner Siedlungen (bis weit ins erste Jahrtausend v. Chr. hinein), die für das Europa der Hallstatt- und Latènezeit (die zweite Hälfte der Eisenzeit) so charakteristisch sind. Stattdessen lagen die Gehöfte üblicherweise weit verstreut – nicht zuletzt aufgrund der extensiven Wirtschaftsweise mit großen Weideflächen, die es mit sich brachte, dass immer weitere Teile der Landschaft landwirtschaftlich angeeignet werden mussten.[3]

Während die Architektur und das Wohnmodell eine generelle Betonung des individuellen Haushalts widerspiegeln, gibt es gleichzeitig Belege dafür, dass die Menschen in weit umfassenderen sozialen Gemeinschaften lebten, die gewiss eine aktive Einbindung und Kooperation mehrerer Haushalte erforderten. Von Zeit zu Zeit taten sich also Bauernhöfe zu kleinen, dorfähnlichen Gemeinden zusammen; dennoch weiteten sich erst im letzten vorchristlichen Jahrhundert Dörfer – manchmal mithilfe einer gemeinsamen Umfriedung – in größerem Maßstab und überregional aus.

Wenn Menschen starben, wurden sie meistens verbrannt und notdürftig bestattet – das macht es sehr schwer, Geschlecht, Alter, Gesundheit und Grabausstattung in dieser Zeit näher zu bestimmen. Anders als zuvor entwickelten sich riesige Urnenfelder von manchmal bis zu mehreren Tausend Gräbern. In Norddeutschland sowie in Westjütland wurden Menschen bisweilen in kleinen Stein- und Hügelgräbern bestattet; andere beerdigte man in Grabhügeln aus vergangenen Epochen.

Schätzungen über Bevölkerungszahlen kommen nicht ohne eine nahezu endlose Reihe von Unsicherheitsfaktoren aus und variieren daher für dieses Gebiet beträchtlich. Die Entstehung großer, gemeinsamer Gräberfelder gilt jedoch als Indiz für Bevölkerungswachstum. Auch ist der Übergang zur Eisenzeit mit der Ausdehnung von Siedlungen sowie der Aneignung von bisher unbewohnten oder nur spärlich bewohnten Gebieten durch Warften (künstlich aus Erde aufgeschüttete Siedlungshügel) verbunden.

Ein weiteres Kennzeichen sind Spuren linearer, von Menschen errichteter Grenzen in den Landschaften Nordwesteuropas mit dem Ziel einer Sichtbehinderung oder Bewegungseinschränkung. Mit Blick auf das erste Jahrtausend v. Chr. haben wir es hierbei mit Formen von Grenzverläufen zu tun, die den gebauten nationalen oder formal administrativen Grenzziehungen vorausgingen. Sie wurden vielmehr im Zusammenhang mit individuellen Höfen, Dörfern oder einem relativ begrenzten Gelände vorgenommen, um so einzelne Gruppen von Menschen oder Teile der Landschaft zu trennen und voneinander abzugrenzen. Sie hängen von einer gewissen Bevölkerungsgröße beziehungsweise -zahl ab, orientieren sich jedoch nicht an einer materiellen Kultur, Sprache oder ethnischen Gruppe.

Fußnoten

1.
Der Begriff wurde im Rahmen der britischen Forschungsgeschichte geprägt und umfasst keinerlei ethnische Zuschreibung.
2.
Vgl. Mads Kähler Holst, Inconstancy and stability – Large and small farmsteads in the village of Nørre Snede (Central Jutland) in the first Millennium AD, in: Niedersächsisches Institut für historische Küstenforschung (Hrsg.), Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet, 33 (2010), S. 155–179.
3.
Vgl. Michael Meyer (Hrsg.), Haus – Gehöft – Weiler – Dorf: Siedlungen der Vorrömischen Eisenzeit im nördlichen Mitteleuropa, Berlin 2010.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Mette Løvschal für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.