Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Michael Hartmann

Deutsche Eliten: Die wahre Parallelgesellschaft?

Höhere Steuern für hohe Einkommen und Vermögen – wichtig oder unwichtig?

Die Haltung gegenüber Maßnahmen, die die sozialen Unterschiede anzugehen versuchen, ist daher auch eindeutig (vgl. Tabelle in der PDF-Version). Forderungen, die eine höhere Besteuerung von hohen Einkommen, Vermögen und Erbschaften vorsehen, werden von den Großbürgerkindern mit einer überwältigenden Mehrheit von neun zu zwei als unwichtig erachtet. Unter den aus diesen Kreisen stammenden reichen Spitzenmanagern und Unternehmern fällt das Urteil sogar noch unmissverständlicher aus. Sie, die von solchen steuerlichen Maßnahmen besonders betroffen wären, sprechen sich im Verhältnis von elf zu zwei dagegen aus. Bei den Arbeiterkindern in den Eliten sieht das Bild demgegenüber anders aus. Sie halten nicht nur insgesamt mit einer Mehrheit von fünf zu zwei derartige Steuererhöhungen für wichtig, sondern selbst jene unter ihnen, die es in der Wirtschaft in Spitzenpositionen gebracht haben, teilen diese Ansicht mehrheitlich. Am schärfsten fällt der Unterschied zwischen den Eliteangehörigen, die in privilegierten Verhältnissen groß geworden sind, und jenen, die in Arbeiterfamilien aufgewachsen sind, allerdings in der politischen Elite aus. Dort bietet sich ein Bild wie schwarz und weiß – ungeachtet der jeweiligen Parteizugehörigkeit. Kein einziger der Spitzenpolitiker, die aus bürgerlichen oder großbürgerlichen Familien stammen, kann sich für derartige Steuererhöhungen erwärmen. Neun von zehn sind vielmehr explizit dagegen. Genau entgegengesetzt sieht es bei den Spitzenpolitikern aus, die aus der Arbeiterschaft kommen. Für neun von zehn Arbeiterkindern sind Steuererhöhungen ein wichtiges Anliegen und kein einziges von ihnen spricht sich gegen sie aus.

Offensichtlich beurteilen jene Eliteangehörigen, die aus der unteren Hälfte der Gesellschaft stammen, die Notwendigkeit von steuerlichen Maßnahmen zur Angleichung der sozialen Unterschiede mehrheitlich vollkommen anders als jene, die aus den oberen drei bis vier Prozent der Bevölkerung stammen. Während Letztere die Unterschiede im Wesentlichen als Ausdruck unterschiedlicher individueller Leistungen betrachten und deshalb als gerechtfertigt ansehen, wissen Erstere aufgrund ihrer Erfahrungen beim Weg nach oben noch um die vielfältigen Grenzen des Leistungsprinzips, die in der Realität greifen und die eigenen Lebenschancen beeinflussen. Sie erinnern sich noch an die Benachteiligungen, denen sie aufgrund ihrer Herkunft im Bildungssystem ausgesetzt waren, an die zahlreichen Schwierigkeiten, denen sie als soziale Aufsteiger in den oberen Rängen der Gesellschaft gegenüberstanden, und an die große Bedeutung einer intakten staatlichen Infrastruktur für ihren Aufstieg. Das bestimmt ihr Urteil, wenn es um staatlichen Einfluss und steuerliche Belastungen geht. Ihre Einstellung gegenüber sozialen Unterschieden und deren Reduzierung mittels steuerlicher Maßnahmen entspricht daher im Großen und Ganzen der Haltung, die auch in der breiten Bevölkerung vorherrscht.

Es ist also weniger der Elitestatus als solcher, der für die Differenzen in der Wahrnehmung der sozialen Realität sorgt, als vielmehr die eigene familiäre Herkunft. Wer schon immer zu den Privilegierten zählte, der hat die Wirklichkeit der normalen Bevölkerung, geschweige denn die der ärmeren Bevölkerungskreise, nie wirklich kennengelernt. Wer sich dagegen mühsam nach oben arbeiten musste, der erinnert sich mehrheitlich noch daran. Das gilt zwar nicht für jeden einzelnen, wie viele Beispiele zeigen – man denke nur an den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder –, aber im statistischen Sinne doch für eine klare Mehrheit. Von einer Parallelgesellschaft der Eliten kann man dementsprechend in erster Linie nur in Bezug auf jene Eliteangehörigen sprechen, die in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen sind.

Soziale Rekrutierung der Eliten

Der Umfang dieser Parallelgesellschaft hängt demnach davon ab, wie sich die Eliten in ihrer Gesamtheit sozial rekrutieren, ob sie mehrheitlich aus sozialen Aufsteigern bestehen, die in ihren Einstellungen zu sozialen Fragen, vor allem wenn es sich um Arbeiterkinder handelt, der breiten Bevölkerung noch relativ ähnlich sind, oder aus Bürger- und Großbürgerkindern. Die Antwort auf diese Frage ist eindeutig. Die Mitglieder der deutschen Eliten kommen mit einer Mehrheit von fast zwei Dritteln aus bürgerlichen oder großbürgerlichen Familien. Die größte Gruppe mit fast 40 Prozent stammt aus dem Bürgertum, ein weiteres knappes Viertel aus dem Großbürgertum. Der Nachwuchs der oberen fünf Promille der Gesellschaft ist damit genauso stark repräsentiert wie der aus Mittelschichtfamilien, obwohl diese in der Vätergeneration einen mehr als 70-mal so großen Anteil an der Bevölkerung ausmachten. Am schlechtesten vertreten sind Arbeiterkinder. Sie, deren Väter noch die Hälfte der Erwerbstätigen stellten, besetzen nicht einmal jede achte Eliteposition. Von einer halbwegs repräsentativen Rekrutierung der verschiedenen Bevölkerungsteile kann also keine Rede sein.

Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Sektoren. Am exklusivsten präsentiert sich die Wirtschaftselite. Nicht einmal jeder Vierte ist ein sozialer Aufsteiger. Arbeiterkinder bekleiden sogar weniger als sechs Prozent der Spitzenpositionen. Lässt man die öffentlichen Unternehmen, die knapp ein Fünftel der Elitepositionen ausmachen, außen vor, wird das Bild noch homogener. Während in den öffentlichen Unternehmen aufgrund politischer Einflüsse nur 46 Prozent der Spitzenpositionen von Bürger- oder Großbürgerkindern besetzt werden, sind es in den großen Privatunternehmen über 83 Prozent. An ihrer großen Dominanz hat sich hier seit Jahrzehnten nichts geändert.[3]

Die Eliten aus Justiz und Verwaltung sowie den Medien rekrutieren sich immerhin auch noch zu ungefähr zwei Dritteln aus Bürger- oder Großbürgertum. Bei den Spitzen der Justiz und der Medien sind es ziemlich genau zwei Drittel, bei denen der hohen Verwaltung mit gut 62 Prozent etwas weniger. Interessant ist dabei, dass im Mediensektor ein ähnlicher Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Institutionen zu verzeichnen ist wie in der Wirtschaft. Während in den Anstalten von ARD und ZDF Intendanten und Programmdirektoren "nur" zu gut der Hälfte aus privilegierten Verhältnissen stammen, gilt das bei den Herausgebern und Chefredakteuren der privaten Fernsehsender und Printmedien für über drei Viertel.

Da auch die Wissenschaftselite zu knapp 60 Prozent aus diesem Milieu kommt, bleiben nur die Eliten aus Politik, Militär, Kirchen, Gewerkschaften und gesellschaftlichen Organisationen (etwa Sport-, Umwelt-, Wohlfahrtsverbände), die sich überwiegend aus der breiten Bevölkerung rekrutieren. In der politischen Elite und in den Spitzen der Verbände liegen sie mit einem Anteil von gut 56 Prozent allerdings nur vergleichsweise knapp vorn. Wirklich stark vertreten sind sie nur in den obersten Gremien der Kirchen und der Gewerkschaften. Das gilt besonders für die Arbeiterkinder. Sie stellen immerhin jeden zweiten Spitzenrepräsentanten der beiden großen Kirchen und sogar drei von vier Spitzenvertretern der Gewerkschaften.

Als Faustregel für die soziale Rekrutierung der einzelnen Elitesektoren kann man folgendes festhalten: Je größer der Einfluss der Bevölkerung in einem Sektor ist, desto repräsentativer sind auch seine Eliten zusammengesetzt. Das gilt für die Politik, wo selbst die Spitzenvertreter letztlich immer noch von der Bevölkerung gewählt werden müssen, auch wenn ihre Macht unter einer sinkenden Wahlbeteiligung leidet. Vor allem aber trifft es auf die Kirchen und Gewerkschaften zu, die auf die aktive Unterstützung ihrer Mitglieder, und sei es nur in Form von Mitgliedsbeiträgen, angewiesen sind, um überhaupt etwas durchsetzen zu können. Genau umgekehrt verhält es sich in den Bereichen, wo das Prinzip der Kooptation dominiert, wo also die in den Spitzenpositionen sitzenden Eliteangehörigen weitgehend oder ganz allein entscheiden, wen sie in ihre Reihen aufnehmen. Das trifft vor allem in der Privatwirtschaft zu, wo nur wenige Personen, manchmal sogar nur ein einziger Eigentümer, entscheiden, wer in den Vorstand oder die Geschäftsführung eines Unternehmens aufrückt und wer nicht.

Die soziale Zusammensetzung der einzelnen Sektoreliten schlägt sich gleich in doppelter Hinsicht in deren Einstellungen nieder. Zum einen sorgt das jeweilige Gewicht von sozialen Aufsteigern auf der einen und bereits in privilegierten Verhältnissen aufgewachsenen Personen auf der anderen Seite für eine vorherrschende Grundhaltung in der gesamten Teilelite. Zum anderen beeinflusst diese Grundhaltung auch die Einstellung jener Elitemitglieder, die nicht der dominanten Herkunftsgruppe entstammen. Arbeiter- oder Mittelschichtskinder, die es in die Top-Positionen der Wirtschaft geschafft haben, stehen den sozialen Unterschieden zwar kritischer gegenüber als ihre Kollegen, die aus bürgerlichen oder großbürgerlichen Familien kommen, aber doch deutlich unkritischer als die Arbeiterkinder, die in der Politik oder gar in Kirchen und Gewerkschaften Spitzenstellungen bekleiden. Soziale Herkunft wirkt insofern immer zweifach.

Von einer wirklichen Parallelgesellschaft kann man daher vor allem in Bezug auf die Wirtschaftselite sprechen, wo sich diese beiden Wirkungsfaktoren besonders spürbar gegenseitig verstärken. Deshalb ist dort die Einstellung gegenüber steuerlichen Delikten auch so anders als in der übrigen Bevölkerung. Man hat dort zumeist schon in seiner Kindheit und Jugend, quasi mit der Muttermilch, eine Grundhaltung gegenüber Steuern aufgesogen, die sich später dann noch weiter verfestigt. Sie lässt sich kurz und knapp so charakterisieren: Der Fiskus kassiert vom durch eigene Leistung erwirtschafteten Geld stets einen zu großen Anteil, und er kann mit diesem Geld auch nicht richtig umgehen, schlechter jedenfalls, als man es in der Wirtschaft selbst vermag. Deshalb sollte man dem Staat auch nicht mehr Geld zukommen lassen als unbedingt nötig. Das bedeutet in der Realität, dass eine starke Neigung besteht, steuerliche Regelungen durch Ausnutzen legaler Schlupflöcher zu unterlaufen oder die Grauzonen des Steuerrechts ausgiebig zu nutzen. Zu einem nicht unerheblichen Teil ist man sogar bereit, wie in den genannten Fällen, auch illegale Wege zu beschreiten. Das Verständnis für solche Handlungen scheint in diesen Kreisen traditionell jedenfalls relativ weit verbreitet zu sein.

Parallelgesellschaft oben – Resignation unten

Das Verständnis, das Steuerhinterziehern dort vielfach entgegengebracht wird, zeigt noch ein weiteres Charakteristikum der Parallelgesellschaft oben. Die Gewöhnung an Macht hat zur Konsequenz, dass man für sich oft andere Regeln reklamiert als die, die für den Rest der Bevölkerung gültig sind. Das gilt wieder ganz besonders für jene Elitemitglieder, denen die Verfügung über gesellschaftliche Macht schon aus der Familie vertraut ist. Wer einen Großunternehmer, ein Vorstandsmitglied, einen Gerichtspräsidenten oder einen Klinikchef zum Vater hatte, der hat meist schon in seiner Kindheit und Jugend erfahren, dass für ihn andere Regeln galten als für die Normalbevölkerung. Das prägt schon sehr früh eine generelle Haltung, die später im Verlauf der eigenen Berufskarriere noch weiter bekräftigt und vertieft wird.

Die Kehrseite der Parallelgesellschaft oben ist die Parallelgesellschaft unten. Sie ist hier aber nicht in dem Sinne zu verstehen, wie es im Rahmen von Debatten über Migration vielfach in den deutschen Medien zu hören und zu lesen war. Es geht vielmehr um den Rückzug eines erheblichen Teils der deutschen Bevölkerung, vorwiegend aus deren unterem Drittel, aus den politischen Willensbildungsprozessen. Besonders deutlich wird das bei der Wahlbeteiligung. Der Unterschied zwischen dem Zehntel der Wahlkreise mit der höchsten und dem mit der niedrigsten Beteiligung hat sich bei Bundestagswahlen seit 1972 von 5,4 auf über 15 Prozent fast verdreifacht. Bei den kleineren Stimmbezirken liegt die Differenz inzwischen sogar bei fast 30 Prozentpunkten. Besonders häufig zur Wahl geht man in den gutbürgerlichen Wohnvierteln mit geringer Arbeitslosenquote, hohen Einkommen und Bildungsabschlüssen, besonders selten in den Wohnvierteln mit hoher Arbeitslosigkeit und niedrigem Bildungsstand. Arbeitslosigkeit ist dabei der die Wahlbeteiligung mit Abstand am stärksten beeinflussende Faktor.[4] Wenn "die da unten" nicht mehr wählen gehen, so liegt der wesentliche Grund darin, dass sie sich von "denen da oben" nicht mehr vertreten und zunehmend auch aus der Gesellschaft ausgegrenzt fühlen. Sie ziehen sich daher immer häufiger einfach resigniert zurück. Für die Zukunft der parlamentarischen Demokratie und der Gesellschaft insgesamt ist das eine dramatische Entwicklung.

Fußnoten

3.
Vgl. dazu Michael Hartmann, Eliten und Macht in Europa, Frankfurt/M. 2007, S. 144.
4.
Vgl. Armin Schäfer/Robert Vehrkamp/Jérémie Felix Gagné, Prekäre Wahlen, Gütersloh 2013, S. 8f., S. 22ff.
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Autor: Michael Hartmann für bpb.de
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