Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Morten Reitmayer

"Elite" im 20. Jahrhundert

Neue Elitesemantik nach 1945

Nach 1945 waren alle diese Begriffe und die in ihnen gespeicherten Erfahrungen und "Weltwollungen" zutiefst diskreditiert. Sowohl der Führerglaube als auch die neoständischen Adelsvorstellungen hatten sich durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, durch die europäischen Führerdiktaturen und die autoritär-korporativen Experimente des zurückliegenden Vierteljahrhunderts zutiefst kompromittiert. In das politisch-ideelle Vakuum, das nach ihrem Verschwinden entstanden war, drangen in Westdeutschland noch vor 1949 verschiedenste Ordnungsentwürfe und Semantiken, die hauptsächlich von reformkonservativen Gruppen aus den Evangelischen Kirchen (katholische Gruppen beteiligten sich an dem gesamten Erörterungszusammenhang nicht) sowie von einer konservativen Avantgarde mit Wurzeln in der Konservativen Revolution vor 1933 propagiert wurden.[22] Auf komplexe Weise vermischten sich hier unter den Vorzeichen der bis Ende der 1950er Jahre währenden konservativen Hegemonie im intellektuellen Feld ein bis ins Religiöse gesteigerter Antikommunismus mit dem Avantgardeanspruch intellektuell ambitionierter Kriegsheimkehrer sowie dem Willen zur Integration der Bundesrepublik in den "Westen". Hinzu kam eine sozialexklusive Ablehnung der Demokratie und der "Massengesellschaft" gepaart mit der Erleichterung über den Erfolg der Regierungen Konrad Adenauers, Westdeutschland als bürgerliche Gesellschaft zu stabilisieren, sowie mit bildungsbürgerlichen Traditionen geistesgeschichtlicher Weltdeutungen. In dieser Konstellation verbreitete sich der Elitebegriff schnell in der politischen Sprache der Bundesrepublik und damit einhergehend der Glaube an die Notwendigkeit – und zunehmend auch an die Existenz – von Eliten in allen entwickelten Gesellschaften, kurz: eine neue Elitesemantik etablierte sich.

Bemerkenswerterweise war es zunächst die vor allem unter konservativen Intellektuellen weitverbreitete Rede vom Fehlen einer "echten" Elite – ein Verlust-Narrativ, das auf das oben genannte politisch-ideelle Vakuum verweist –, die die Durchsetzung des Elitebegriffs und die Verbreitung des Eliteglaubens antrieb.[23] Diese Klage bezog sich in erster Linie auf den Niedergang des altpreußischen Adels, der sowohl seinen Besitz östlich der Elbe als auch seine Herrschaftsstellung verloren hatte, sowie auf die Auflösung der obrigkeitsstaatlichen Bürokratie als gesonderter und sich selbst reproduzierender Stand, versehen mit politisch-rechtlichen Privilegien. Erst im Verlauf der 1950er Jahre wurde klar, dass der Elitebegriff eine semantische Brücke darstellte, über die sich die Rechtfertigung von Ungleichheit in die scheinbar egalitäre Demokratie transportieren ließ.

Ein zweiter Strang der Verbreitung des Eliteglaubens verdankte sich der starken kirchlichen Präsenz in den politisch-ideellen Auseinandersetzungen dieser Zeit und bestand in der Forderung, die Handlungen aller Entscheidungsträger christlichen Wertbindungen zu unterwerfen.[24] Daraus resultierte das Postulat einer christlichen Wertelite, die in allen gesellschaftlichen Bereichen (im Sinne einer "Rechristianisierung" der westdeutschen Gesellschaft) Einfluss nehmen sollte. Bemerkenswerterweise verband sich mit diesem Konzept die Vorstellung vollständiger sozialer Offenheit dieses spezifischen Elitebegriffs. Gegenüber der Semantik einer sozialen Elite in der genannten Verlustperspektive stellte dies eine deutliche Differenz dar, die die einschlägigen Akteure jedoch keineswegs daran hinderte, in den einschlägigen Veröffentlichungen und auf Tagungen gemeinsam hervorzutreten.[25]

Mitte der 1950er Jahre begannen dann einige führende CDU-Politiker, die überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich dem protestantischen Flügel der Partei angehörten,[26] den Elitebegriff in einer völlig neuen Bedeutung öffentlichkeitswirksam zu verwenden, nämlich zur Bezeichnung von Parlamentsabgeordneten. Bundesinnenminister Gerhard Schröder, Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, Kurt Georg Kiesinger (Ministerpräsident von Baden-Württemberg) sowie der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Franz Meyers betrieben mit dieser semantischen Strategie den Versuch einer symbolischen Aufwertung der politischen Funktionsträger einer repräsentativen Demokratie, die spätestens seit der Bismarckzeit im Ruch ineffizienter Vertreter von Partikularinteressen gestanden hatten, deren Streit jederzeit die Einheit der Nation bedrohte.[27] Denn angesichts der damals vorherrschenden Bedeutung des Elitebegriffs als Bezeichnung für moralisch und charakterlich vorbildliche Menschen (gemeint waren in der Regel aber meistens nur Männer) stellte seine Verwendung für Parteipolitiker nahezu zwangsläufig eine symbolische Aufwertung dar.

In die gleiche Richtung zielten seit den frühen 1950er Jahren auch Erörterungen aus dem sozialdemokratischen Umfeld, die indes stärker wissenschaftlich verwurzelt waren. Allerdings besaßen diese Anstrengungen gleich eine doppelte Stoßrichtung, denn neben der symbolischen Aufwertung aller Akteure, die an den Verfahren der demokratischen Willensbildung beteiligt waren (gemeint waren im Wesentlichen Politiker und Journalisten) zielten sie auch auf die Entwicklung eines kohärenten Elitekonzepts.[28] Erst seit diesen sicherlich nicht koordinierten, aber gleichwohl kollektiv wirksamen Anstrengungen konnte in Deutschland von einer "politischen Elite" die Rede sein; eine Redeweise, die die Politikwissenschaft dann um 1970 förmlich ratifizierte.[29] Die Tatsache, dass gerade die Politikwissenschaft während der 1990er Jahre vom Terminus der "politischen Elite" zu demjenigen der "politischen Klasse" überging,[30] verweist auf den Versuch, jene symbolische Aufwertung wieder rückgängig zu machen. Denn der Begriff der "politischen Klasse" war (und ist) in der politischen Sprache der Bundesrepublik nun einmal wie geschaffen dafür, Parteipolitiker ("Berufspolitiker") als von der Lebenswirklichkeit der Bevölkerung abgeschottete Gruppe oder gar Clique zu denunzieren und gleichzeitig alle anderen Akteure, die im und vom politischen Feld leben (Journalisten, Medienunternehmer, Politologen, Demoskopen und Weitere) semantisch als Unbeteiligte, wenn nicht sogar als kritisches Korrektiv zu überhöhen.

In den 1960er Jahren erfolgte jedoch zunächst einmal eine grundlegende Verwissenschaftlichung des Elitebegriffs und zwar hauptsächlich durch die akademische Soziologie, die nach einigem Zögern begann, der außeruniversitären Öffentlichkeit die Deutungshoheit über den Terminus streitig zu machen.[31] Nun erst wandelte sich – im wissenschaftlichen Feld schnell, in der politischen Sprache langsam – das vorherrschende Verständnis von "Elite" als einem Wert- und Charaktermodell hin zu Konzepten einer Funktions- und Leistungselite, deren Aufgabe es sei, unverzichtbare Führungs- und Koordinationsleistungen für soziale Systeme (von einzelnen Institutionen oder Gruppen bis hin zu nationalstaatlich verfassten Gesellschaften) zu erbringen.[32] Gleichzeitig erbrachte die empirische Sozialforschung nun erstmalig den "Beweis" für die (oft angezweifelte) tatsächliche Existenz einer Elite. Und auch die Rezeption der Werke von Mosca und Pareto setzte erst zu dieser Zeit in Deutschland ein; ebenso kam es zum ersten Mal zu einem nennenswerten Ideenimport aus dem Ausland, vor allem aus den Vereinigten Staaten und aus Großbritannien.

Elitebegriff seit den 1980er Jahren

Gegen Ende der 1960er Jahre jedoch verlor der Elitebegriff vorübergehend an politischer Relevanz. Bestimmend war zunächst die politische Sprache der Studentenbewegung, die Front machte gegen das "Establishment" und die "Bourgeoisie".[33] Nachdem jedoch vorübergehende Zweifel an den demokratischen Grundüberzeugungen vor allem der deutschen (Wirtschafts-)Elite zerstreut werden konnten,[34] verlor der Problemzusammenhang von "Elite" und "Demokratie" bis zur Gegenwart an Relevanz. Offensichtlich waren die demokratischen Institutionen in der Bundesrepublik mittlerweile gefestigt genug, um derartige Polemiken als ortlos im schlechten Sinne erscheinen zu lassen. Seit dieser Zeit steht vielmehr das Verhältnis zwischen Eliten und sozialer Ungleichheit im Vordergrund der Diskussionen.

Die Rückkehr des Elitebegriffs in die politische Sprache der Bundesrepublik erfolgte auf dem Feld der Bildungspolitik, wo in den frühen 1980er Jahren unter dem Stichwort der "Elitebildung an Universitäten" ein Elitebegriff entworfen und durchgesetzt wurde, in dem die zu fördernde "Leistung" als Folge "natürlicher Begabungen" betrachtet wurde, was angesichts der sattsam bekannten sozialen Segregationswirkung des Bildungssystems auf eine Naturalisierung sozialer Unterschiede hinauslief; erst recht, weil als Indikatoren jener "Leistung" die erst im zukünftigen Berufsleben zu erbringenden Erfolge (vor allem ökonomisch relevante Innovationsleistungen) angesehen wurden. Diese Koppelung des Elitebegriffs an ökonomisch relevante Erfolge, deren unmittelbare Bedeutung für das Bestehen des gesamten ökonomisch-sozialen Systems der Bundesrepublik vollkommen außer Frage gestellt wurde, zeitigte ein enormes Legitimationspotenzial für die Spitzenunternehmer der "Wirtschaftselite" und deren seit den späten 1990er Jahren exorbitant steigende Einkommen. Die Kritik an dieser Unterstellung – von der Entzauberung des "Mythos von den Leistungseliten"[35] bis zu den Kampagnen gegen "Nieten in Nadelstreifen"[36] und "planlose Eliten"[37] – blieb demgegenüber folgenlos. Bemerkenswert ist dagegen, dass bis in eben diese ausgehenden 1990er Jahre das Moment der individuellen Leistungsauslese unter Konkurrenzbedingungen als zentrales Kriterium der Elitezugehörigkeit kaum eine Rolle spielte. Selbst innerhalb der "Wirtschaftselite" war man sich nämlich der ausschlaggebenden Bedeutung von sozialer Herkunft und sozialem Kapital für die eigene Karriere bewusst.[38] Dem Privilegierungs- und Steuerungsanspruch der ökonomischen Eliten scheint dies jedoch keinen Abbruch getan zu haben. Ganz offensichtlich hat sich die symbolische Angreifbarkeit oder "Vulnerabilität" der Wirtschaftselite enorm verringert,[39] weil deren "Leistung" für das ökonomische System Deutschlands als unersetzlich und wichtiger als diejenige anderer Gruppen vorausgesetzt wird. Deutlich wurde dies vor allem in der Orientierung deutscher Unternehmer hin zum "Finanzmarktkapitalismus" in der Zeit bis zur Weltfinanzkrise. Weder die damit verbundenen Arbeitsplatz- und Einkommensverluste breiter Bevölkerungsgruppen noch die spiegelbildlich ansteigenden Managereinkommen konnten wirkungsvoll begrenzt werden. Als Reaktion auf diese gewandelte Konstellation verlagerten sich die Auseinandersetzungen über die deutschen Eliten auf die Frage, ob diese ihrer Verantwortung für das Gedeihen der Gesellschaft auch gerecht würden.[40] Inwieweit die Enttäuschung nicht nur, aber vor allem über die Finanzindustrie seit etwa 2007/2008 zu einem Umdenken hinsichtlich des Verhältnisses zwischen Politik und Wirtschaftselite führt, bleibt abzuwarten.

Fußnoten

22.
Vgl. hierzu und für die folgenden Ausführungen Morten Reitmayer, Elite. Sozialgeschichte einer politisch-gesellschaftlichen Idee in der frühen Bundesrepublik, München 2009.
23.
Vgl. Erwin Rack, Das Problem der Elite, Hamburg 1950; Ranke-Gesellschaft (Hrsg.), Führungsschicht und Eliteproblem. Konferenz der Ranke-Gesellschaft, Vereinigung für Geschichte im öffentlichen Leben, Frankfurt/M. 1957.
24.
Vgl. Heinz Zahrnt, Probleme der Elitebildung. Von der Bedrohung und Bewahrung des Einzelnen in der Massenwelt, Hamburg 1955.
25.
Siehe beispielsweise Axel Seeberg, Das Eliteproblem heute, in: Ranke-Gesellschaft (Anm. 23), S. 9–16.
26.
Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Franz Meyers war katholischer Konfession.
27.
Vgl. Gerhard Schröder, Elitebildung und soziale Verpflichtung, Bonn 1955; Eugen Gerstenmaier, Sinn und Schicksal der Elite in der Gemeinschaft (1958), in: ders., Reden und Aufsätze, Bd. 2, Stuttgart 1962, S. 119–136; Kurt Georg Kiesinger, Das Problem der Eliten im Ringen um die Freiheit. Vortrag vor der Poensgen-Stiftung am 17.11.1960, Archiv für Christlich-Demokratische Politik (ACDP); Franz Meyers, Elitebildung in der freiheitlichen Demokratie als gesellschafts- und staatspolitische Aufgabe, Essen 1961.
28.
Vgl. Otto Stammer, Das Elitenproblem in der Demokratie, in: Schmollers Jahrbuch, 71 (1951) 5, S. 1–28; ders., Demokratie und Elitenbildung, in: Gewerkschaftliche Monatshefte, 4 (1953), S. 294–297; ders., Politische Soziologie, in: Arnold Gehlen/Helmut Schelsky (Hrsg.), Soziologie. Lehr- und Handbuch zur modernen Gesellschaftskunde, Düsseldorf 1955, S. 277–333; ders., Elite und Elitenbildung, in: Wilhelm Bernsdorf (Hrsg.), Wörterbuch der Soziologie, Stuttgart 19692, S. 217–220.
29.
Exemplarisch Klaus von Beyme, Die politische Elite in der Bundesrepublik Deutschland, München 1971.
30.
Ders., Die politische Klasse im Parteienstaat, Frankfurt/M. 1993.
31.
Vgl. Urs Jaeggi, Die gesellschaftliche Elite. Eine Studie zum Problem der sozialen Macht, Bern 1960; Hans Peter Dreitzel, Elitebegriff und Sozialstruktur. Eine soziologische Begriffsanalyse, Stuttgart 1962; Wolfgang Schluchter, Der Elitebegriff als soziologische Kategorie, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 15 (1963), S. 233–256; Wolfgang Zapf, Wandlungen der demokratischen Elite. Ein Zirkulationsmodell deutscher Führungsgruppen 1919–1961, München 1965.
32.
Als Überblick empfiehlt sich Günter Endruweit, Elitebegriffe in den Sozialwissenschaften, in: Zeitschrift für Politik, NF 26 (1979), S. 30–46.
33.
Vgl. Morten Reitmayer, Comeback der Elite. Die Rückkehr eines politisch-gesellschaftlichen Ordnungsbegriffs, in: Archiv für Sozialgeschichte, 52 (2012), S. 433–458.
34.
Vgl. etwa Ralf Dahrendorf, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1965; Oskar Negt, Gesellschaftsbild und Geschichtsbewusstsein der wirtschaftlichen und militärischen Führungsschichten. Zur Ideologie der autoritären Leistungsgesellschaft, in: Gert Schäfer/Carl Nedelmann (Hrsg.), Der CDU-Staat. Analysen zur Verfassungswirklichkeit der Bundesrepublik, Frankfurt/M. 1969, S. 359–424.
35.
Michael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft, Frankfurt/M. 2002.
36.
Günter Ogger, Nieten in Nadelstreifen. Deutschlands Manager im Zwielicht, München 1992.
37.
Peter Glotz et al. (Hrsg.), Die planlosen Eliten. Versäumen wir Deutschlands Zukunft?, München 1992.
38.
Vgl. Morten Reitmayer, Fallstudien zum Aufstieg und den Grenzen des Marktes in der Bundesrepublik während der 1970er und 80er Jahre. Eine Skizze, in: Ralph Jessen (Hrsg.), Konkurrenz in der Geschichte, Frankfurt/M. 2014 (i.E.).
39.
So lassen sich jedenfalls neuere Überblicksbände zusammenfassen; vgl. Stefan Hradil/Peter Imbusch (Hrsg.), Oberschichten – Eliten – Herrschende Klassen, Opladen 2003; Ronald Hitzler et al. (Hrsg.), Elitenmacht, Wiesbaden 2004; Herfried Münkler et al. (Hrsg.), Deutschlands Eliten im Wandel, Frankfurt/M. 2006.
40.
Vgl. Peter Imbusch/Dieter Rucht (Hrsg.), Profit oder Gemeinwohl?, Wiesbaden 2007; Michael Hartmann, Soziale Ungleichheit – Kein Thema für die Eliten?, Frankfurt/M. 2013.
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Autor: Morten Reitmayer für bpb.de
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