Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Wolfgang Lauterbach
Miriam Ströing

Vermögensforschung: Reichtum und seine philanthropische Verwendung

Im Jahr 2014 ist die Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt zum 28. Mal erschienen.[1] Mit der Erstveröffentlichung 1986 wurde im Banken- und Anlagenwesen auf den Anstieg der Anzahl der Millionäre reagiert, um wirtschaftlich attraktive Kapitalbesitzer zu zeigen und erkennbar zu machen, wie sich Vermögensreichtum verteilt und wandelt. Damit wurde auf eine Entwicklung aufmerksam gemacht, die in den Jahrzehnten davor in den USA und auch in Europa noch keine große Bedeutung hatte: die Anhäufung von Vermögen im Besitz einzelner Personen, die gegebenenfalls weltumspannend agieren können.[2] Bis in die 1980er Jahre stellten diese nur eine verschwindend kleine Gruppe dar. Die Erwerbstätigkeit, das daran gekoppelte Einkommen und die Klassenzugehörigkeit galten als bedeutendste Faktoren zur Einordnung gesellschaftlicher Positionen. So war es nur folgerichtig, dass das Thema Vermögen in der Ökonomie kaum und in der Soziologie kein Gegenstand von Debatten und Untersuchungen war. Schicht- und klassentheoretische Diskurse über die "nivellierte Mittelstandsgesellschaft" dominierten.[3]

Rückblickend zeigt sich, dass in der Zeit von 1950 bis etwa 1970 aufgrund von Währungsumstellungen, Lastenausgleich und weiteren Regelungen das Vermögen in deutschem Privatbesitz nicht nennenswert angestiegen ist. In den darauffolgenden Jahren von 1971 bis 1992 begann sich das Nettohaushaltsvermögen gegenüber dem verfügbaren Einkommen auseinander zu entwickeln, was sich bis in die Gegenwart fortsetzt. Betrug das Verhältnis von Nettovermögen zum verfügbaren Einkommen 1970 noch das Dreifache, so entwickelte es sich auf das 3,6-fache bis 1993 und betrug 2005 das 4,6-fache.[4] Gleichzeitig stieg die Anzahl der Millionäre in den vergangenen 20 Jahren und jüngst auch die der Milliardäre an. Für 2012 lassen sich weltweit 12 Millionen Millionäre und 1645 Milliardäre verzeichnen, deutschlandweit waren es etwas mehr als eine Million Millionäre.[5]

Die historische Entwicklung der Nachkriegszeit ließ es also zunächst nicht notwendig erscheinen, sich mit der kleinen Gruppe der Reichen zu beschäftigen. Erst ihr zahlenmäßiger Anstieg und die dadurch bedingte Umgestaltung der ökonomischen Zusammensetzung der Bevölkerung veranlassten dazu. Klassische Begriffe wie "Eliten" oder "Oligarchen" schienen die gewachsene Gruppe der Reichen nicht mehr zufriedenstellend zu beschreiben.[6] Als Folge dieser Veränderungen kam die Frage auf, wer "die Reichen" überhaupt sind.

Auf diesen Wandel in den 1980er und 1990er Jahren, dem Anstieg der Anzahl reicher Personen einerseits und der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger andererseits bei gleichzeitiger generationenübergreifender Verfestigung der Armut in einigen wenigen gesellschaftlichen Gruppen und steigenden Ungleichheiten, reagierte die Bundesregierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts mit dem ersten Armuts- und Reichtumsbericht. In der Zwischenzeit sind vier Berichte (2001, 2005, 2008, 2013) erschienen, in denen die Entwicklung der Einkommensverteilung und jüngst auch der Vermögen in der Gesellschaft nachgezeichnet wird. International hat auch die OECD mit entsprechenden Berichten auf die Einkommens- und Vermögensentwicklung reagiert.[7]

Die Vermögensforschung setzt sich daher zum Ziel, die zahlenmäßig relevanter gewordene Gruppe der Reichen in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung einzuordnen, die Entstehungszusammenhänge sowie die Verwendung von Reichtum zu verstehen und zu erklären. Hierzu sind individualbasierte quantitative Daten unverzichtbar, da sie es ermöglichen, individual- oder haushaltsbezogene Aussagen über die Lebenssituation von Reichen zu treffen. Diese Studien können selbstverständlich kaum repräsentativ sein, da die Stichproben sich auf eine kleine Gruppe von etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung beziehen.[8] Hinzuzufügen sind qualitative Studien, mithilfe derer es möglich ist, die Lebenswirklichkeit von Reichen, vor allem von Superreichen und Milliardären, eingehend und detailliert zu untersuchen. Durch die Verwendung individualbasierter quantitativer wie qualitativer Daten wird es möglich, ein Sozialprofil dieser Gruppe zu erstellen und die Entstehung und Verwendung von Vermögen zu betrachten.

Begriff und Verständnis der Vermögensforschung

Mit dem Begriff der Vermögensforschung bezeichnen wir ein interdisziplinäres Forschungsprogramm, das sich seit etwa zehn Jahren in Deutschland, aber auch international herausgebildet hat. Dieses Programm hat zwei Ziele: Erstens geht es darum, die Lebenslagen sowie die Lebenswirklichkeit von Reichen, vorwiegend in Deutschland, zu beschreiben und die Entstehung derartiger herausragender ökonomischer Positionen ursächlich zu erklären. Die Vermögensforschung untersucht die strukturellen Zusammenhänge, in denen reiche Menschen leben, und stellt die langfristig wirkenden Strukturmerkmale in den Mittelpunkt. Die gesellschaftliche Wirklichkeit reicher Personen wird aus den "objektiven" Bedingungszusammenhängen erklärt und in ihren subjektiven Handlungszusammenhängen verstanden.

Derartige außergewöhnliche Positionen lassen zweitens unweigerlich die Frage aufkommen, wie Vermögen verwendet wird. Hierbei steht nicht der Lebensstil im Vordergrund, sondern die Frage nach einem "verantwortungsvollen" Umgang. Der Vermögensforscher Thomas Druyen beschreibt Vermögen als Handlungsbegriff wie folgt: "Wir vermögen etwas zu tun, weil wir es wollen. Wir vermögen etwas zu tun, weil wir es können. Wir vermögen etwas zu tun, weil wir bereit sind, etwas zu leisten."[9] Die Begriffe Vermögen und Möglichkeit verweisen auf eine zukünftige Handlung, auf das Potenzial, womit das Wünschenswerte, das durch die zur Verfügung stehenden Ressourcen realisiert werden kann, im Mittelpunkt steht. Bei reichen Personen, die sich gesellschaftlich engagieren, handelt es sich also um spezifisches, in Handlung umgesetztes Vermögen.

In Abgrenzung zur herkömmlichen Analyse des Schichtungssystems der Gesellschaft lassen sich in der Vermögensforschung vier neue Herangehensweisen ausmachen: (1) Sie bezieht sich nicht nur auf statistische Querschnittsangaben über Verteilungen, sondern nutzt gezielt Individualdaten, um Aussagen über die Gruppe der Reichen tätigen zu können. (2) Sie bezieht sich auf ein Konzept von Reichtum, das Vermögen und nicht Einkommen als Basis fokussiert. Die gesellschaftliche Position von Reichen hängt daher nicht vom individuellen Erwerbs- oder Haushaltseinkommen ab, sondern vom Vermögen. (3) Sie erfasst die Genese von Reichtum als multifaktorielles Phänomen: Reichtum kann durch Heirat, Erbschaft, Unternehmertum oder Erwerbsarbeit entstehen und ist daher als ein heterogenes Phänomen zu begreifen, das sich vom "Millionaire next door"[10] bis hin zum Milliardär erstreckt. (4) Schließlich stehen die Verwendung von Reichtum durch philanthropisches Handeln sowie die handlungsleitenden Motive im Zentrum.

Fußnoten

1.
Vgl. Luisa Kroll, Inside the 2014 Forbes Billionaires List: Facts and Figures, http://www.forbes.com/sites/luisakroll/2014/03/03/inside-the-2014-forbes-billionaires-list-facts-and-figures/« (11.3.2014).
2.
Vgl. Edward Nathan Wolff, International Comparisons of Wealth Inequality. Review of Income and Wealth, 42 (1996) 4, S. 433–451; James B. Davies, Wealth and Economic Inequality, in: Wiemer Salverda/Brian Nolan/Timothy M. Smeeding (Hrsg.), The Oxford Handbook of Economic Inequality, Oxford 2011, S. 127–149.
3.
Vgl. Johann Handl/Karl-Ulrich Mayer/Walter Müller, Klassenlagen und Sozialstruktur, Frankfurt/M. 1977.
4.
Vgl. Joachim R. Frick/Markus M. Grabka, Die Verteilung der Vermögen in Deutschland. Empirische Analysen für Personen und Haushalte, Berlin 2010, S. 20f.
5.
Vgl. Capgemini/RBC Wealth Management, World Wealth Report 2013, o.O. 2013.
6.
Für einen historisch-konzeptuellen Überblick zur Entwicklung der Ungleichheit unter spezieller Berücksichtigung von Reichen und deren sozialen Merkmalen siehe Hans-Ulrich Wehler, Die neue Umverteilung. Soziale Ungleichheit in Deutschland, München 2013.
7.
Siehe OECD, Growing Unequal? Income Distribution and Poverty in OECD Countries, Paris 2008.
8.
Vgl. Stefan Weick, Wer zählt zu den "Reichen" in Deutschland?, in: Informationsdienst Soziale Indikatoren, 24 (2000), S. 1–5; Wolfgang Lauterbach/Melanie Kramer/Miriam Ströing, Vermögen in Deutschland: Konzept und Durchführung, in: Wolfgang Lauterbach/Thomas Druyen/Matthias Grundmann (Hrsg.), Vermögen in Deutschland. Heterogenität und Verantwortung, Wiesbaden 2011; J.R. Frick/M.M. Grabka (Anm. 4).
9.
Thomas Druyen, Entstehung und Verbreitung von Vermögenskultur und Vermögensethik, in: ders./Wolfgang Lauterbach/Matthias Grundmann (Hrsg.), Reichtum und Vermögen. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Vermögensforschung, Wiesbaden 2009, S. 29–41, hier: S. 30.
10.
Thomas J. Stanley/William D. Danko, The Millionaire Next Door, New York 1996.
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Autoren: Wolfgang Lauterbach, Miriam Ströing für bpb.de
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