Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

10.4.2014 | Von:
Annika Mombauer

Julikrise und Kriegsschuld – Thesen und Stand der Forschung

Kriegsursachenfrage und 100. Jahrestag

Anfang des 21. Jahrhunderts hatte man sich in der Debatte schließlich darauf verständigt, dass der Ausbruch des Krieges keineswegs zwangsläufig gewesen war. Es wurde sogar vom "unwahrscheinlichen Krieg" gesprochen, der die Zeitgenossen überrascht habe.[11] Historiker untersuchten die Vorkriegszeit genauer und befanden, dass man in Europa durchaus geschickt darin gewesen war, diplomatische Krisen am Verhandlungstisch und eben ohne einen Krieg zu lösen. Ob das nun dazu geführt hatte, dass die Entscheidungsträger etwas zu siegessicher wurden, was die Möglichkeit friedlicher Beilegungen internationaler Krisen anbelangte, sei dahingestellt. Aber die Sicht, dass der Krieg nicht unvermeidbar hatte kommen müssen und durchaus die Handlungen von Einzelnen für den Ausbruch des Krieges verantwortlich waren, wurde nun allgemein akzeptiert.

Neben Österreich-Ungarns Rolle wurden in den vergangenen Jahren auch die außenpolitischen Entscheidungen der anderen Großmächte in der Vorkriegszeit verstärkt untersucht. So argumentiert zum Beispiel der US-amerikanische Historiker Sean McMeekin, dass Russland am Erwerb der türkischen Meerengen und besonders am Besitz Konstantinopels interessiert gewesen und der Regierung in St. Petersburg die Julikrise mit der Möglichkeit eines europäischen Krieges nicht ungelegen gekommen sei. Zudem wird Russland beschuldigt, durch seine frühe Entscheidung zur Teilmobilmachung eine friedliche Lösung der Krise unmöglich gemacht zu haben.[12] In Paris sei man, so schreibt zum Beispiel der deutsche Historiker Stefan Schmidt, darauf bedacht gewesen, alles zu tun, um das französisch-russische Bündnis zu stärken, und deshalb bereit, die russische Politik zu unterstützen.[13] Es scheint durchaus so, dass der Krieg von den Regierungen dieser Großmächte zumindest nicht prinzipiell abgelehnt wurde, solange sie glaubten, daraus einen Vorteil ziehen zu können. Einzig in London war man durch innenpolitische Probleme abgelenkt, und ein Krieg auf dem Kontinent kam wenig gelegen.

Pünktlich zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns sind eine Reihe von Veröffentlichungen erschienen, welche die Kriegsschuldfrage wieder in den Vordergrund rücken. Das Thema ist erneut stark umstritten und wird in der deutschen Öffentlichkeit lebhaft diskutiert. Glaubt man den neuesten Untersuchungen, so waren Deutschland und Österreich-Ungarn nicht mehr verantwortlich für den Ausbruch des Krieges als Russland oder Frankreich, die in der Julikrise die Möglichkeit sahen, ihr Bündnis zu festigen und denen ein Präventivkrieg genauso willkommen war wie Deutschland oder Österreich-Ungarn. Angesichts der neuesten Forschungsergebnisse könnte man leicht den Eindruck gewinnen, dass Europa 1914 tatsächlich in den Krieg "geschlittert" war.

Ausgelöst wurde diese neue Debatte in Deutschland durch ein Buch des in Großbritannien lehrenden Historikers Christopher Clark, "The Sleepwalkers".[14] In England war es bereits 2012 erschienen und hatte dort zwar wohlwollende Kritiken bekommen, aber sonst keine größere Kontroverse ausgelöst. Dann aber kam im Herbst 2013 die deutsche Übersetzung auf den Markt, und damit begann eine öffentliche Debatte über den Ersten Weltkrieg, die es so seit der Fischer-Kontroverse nicht mehr gegeben hatte. Nicht nur, dass Clarks Buch die Bestsellerlisten wochenlang anführte, im ganzen Land wurde auch mit und über Clark und seine Thesen diskutiert. Der Erste Weltkrieg (jetzt neuerdings auch in Deutschland als "Der Große Krieg" bezeichnet) und besonders die Frage nach seinen Ursachen sind seitdem in Zeitungen, Zeitschriften, online, in Rundfunk und Fernsehen ein Dauerthema.

Gavrilo Princip und die Frage der serbischen Rolle in der Vorkriegszeit sind bei Clark deutlich mehr als nur eine Fußnote. Dass sein Buch im Jahr 1903 mit der grausamen Ermordung des serbischen Königspaares einsetzt und das Nationalitätenproblem auf dem Balkan und Serbiens Position als Störenfried so zentral diskutiert werden, ist ungewöhnlich. Aber Clark moniert zu recht: "Serbien ist einer der blinden Flecken der Historiographie zur Julikrise."[15]

Kontrovers an seinem Buch ist nicht, dass er Serbien auf die Anklagebank setzt (zumindest in Deutschland – in Serbien war die Reaktion eher negativ), sondern, dass er versichert, dass die Suche nach einem Schuldigen oder einer smoking gun weder nötig noch sinnvoll sei. Historiker, so meint Clark, sollten nicht über die Handelnden der Vergangenheit richten, sondern verständlich machen, wie diese Handlungen zustande kamen, und er fragt: "Ist es wirklich nötig, dass wir ein Plädoyer gegen einen einzigen, schuldigen Staat halten oder eine Rangordnung der Staaten nach ihrem jeweiligen Anteil an der Verantwortung aufstellen?"[16]

Er lenkt den Blick damit weg von der deutschen Schuldfrage hin zu einer Interpretation, in der alle Großmächte mehr oder weniger dafür verantwortlich waren, dass es im Sommer 1914 zum großen Krieg kam. So werden bei ihm die Mittelmächte, also Deutschland und Österreich-Ungarn, zum Opfer französisch-russischer Aggression, und die Vermittlungsvorschläge aus London werden als "halbherzig" abgetan. Der Ausbruch des Krieges sei "eine Tragödie, kein Verbrechen" gewesen. Für viele Kommentatoren in Deutschland war dies der Anlass, Deutschland von der Schuld am Ersten Weltkrieg freizusprechen. Clarks Buch habe "die These von der Hauptverantwortlichkeit des Deutschen Reichs klaftertief begraben", urteilte etwa die Publizistin Cora Stephan.[17]

Das Argument von der deutschen Unschuld wird in einer weiteren erfolgreichen Publikation untermauert. Kurz nach Clarks Buch erschien Herfried Münklers Werk "Der Große Krieg", in dem der Politikwissenschaftler – auch wiederum von der Warte der Bestsellerliste aus und von diversen Medien extensiv zitiert – Deutschland von der alleinigen Kriegsschuld freispricht: "Zweifellos war Deutschland im Sommer 1914 einer der maßgeblichen Akteure, die für den Kriegsausbruch verantwortlich waren – aber es trug diese Verantwortung keineswegs allein."[18] Münkler bescheinigt der politischen und militärischen Führung Deutschlands "zweifellos eine Reihe von Fehlurteilen und Fehleinschätzungen (…), aus denen dann Führungsfehler erwachsen sind, die zunächst in den Krieg und dann in die Niederlage geführt haben".[19] Der Krieg war demnach das Resultat von Fehlern – nicht, wie so oft behauptet worden ist, ein absichtlich von Berlin und Wien heraufbeschworener Präventivkrieg.

Nach den Veröffentlichungen von Clark und Münkler konstatierten einige Kommentatoren in Deutschland einen Paradigmenwechsel – die Frage nach der Verantwortung für den Krieg scheint wieder zu Deutschlands Gunsten beantwortet zu sein. "Die Deutschen tragen Schuld am Ersten Weltkrieg – aber nicht mehr als andere", stellte zum Beispiel der Historiker Holger Afflerbach im "Spiegel" fest.[20]

Nur wenige Stimmen widersprechen der in den deutschen Medien aufgekommenen Erleichterung, dass man die Schuld an diesem Krieg nach hundert Jahren von sich weisen kann. "Die Begeisterung für diese ‚neue Sicht‘ geht einher mit einer Herabsetzung Fritz Fischers, die in manchem an die Kampagne gegen ihn in den sechziger Jahren erinnert", kritisierte der Historiker Volker Ullrich. Hatte man damals Fischers Thesen als "politischen Masochismus" bezeichnet, so werden Kritiker der neuen Unschuldsthese jetzt des "Schuldstolzes" beschuldigt: "Sie stünden geradezu unter dem Zwang, immer wieder die deutsche Schuld bekennen zu müssen, ja zögen daraus die höchste Befriedigung. In solchen Attacken wird deutlich, worauf der teils schrille deutsche Jubel über Clarks Schlafwandler letztlich zielt: Es geht um eine geschichtspolitische Weichenstellung. Was den Konservativen im ‚Historikerstreit‘ der achtziger Jahre noch missglückte – nämlich die Deutungshoheit über die deutsche Geschichte zurückzugewinnen –, das soll jetzt gelingen. Es fällt auf, wie matt der Widerspruch bislang war. In der Zunft scheint man des Streites müde geworden zu sein."[21]

Ein weiterer Kritiker des neuen Paradigmas, der Historiker Gerd Krumeich, erläuterte in einem Interview: "Clark nimmt die Deutschen und die Österreicher zu sehr in Schutz. Das war vielleicht ein wenig nötig, nach den Jahrzehnten der Fokussierung auf die deutsche Schuld. Aber es geht nicht an, dass er die Serben zu einer Art Räuberbande macht, ähnlich wie Wilhelm II. damals. Der wirkliche Unruheherd für ihn (Clark) ist der Panslawismus und der russische Druck auf Österreich-Ungarn."[22] Die Frage nach der Verantwortung für den Kriegsausbruch beantwortete Krumeich kategorisch: "Die größte Verantwortung für den Krieg, wie er im August 1914 ausbrach, hatte nach meiner Überzeugung Deutschland, weil es versuchte, den Konflikt zu einem ‚Test‘ auf die russische Kriegsbereitschaft auszugestalten."[23] Und so stehen sich, ähnlich wie in den 1960er Jahren, wieder Historiker in diametral gegensätzlichen Positionen gegenüber. Die kurzzeitige Einigung auf einen Konsens ist dahin, und die Debatte bewegt sich wieder auf alten Bahnen.

Fußnoten

11.
Vgl. Holger Afflerbach/David Stevenson (Hrsg.), An Improbable War? The Outbreak of World War I and European Political Culture, Oxford 2007.
12.
Vgl. Sean McMeekin, The Russian Origins of the First World War, Cambridge, MA 2011; Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 2013.
13.
Vgl. Stefan Schmidt, Frankreichs Außenpolitik in der Julikrise 1914, München 2007.
14.
Vgl. C. Clark (Anm. 12).
15.
Ebd., S. 15.
16.
Ebd., S. 715.
17.
Cora Stephan, Die Urkatastrophe, 14.11.2013, http://www.welt.de/article121873002« (20.3.2014).
18.
Herfried Münkler, Der Große Krieg. Die Welt 1914–1918, Berlin 2013, S. 10.
19.
Ebd., S. 15.
20.
Holger Afflerbach, Schlafwandelnd in die Schlacht, in: Der Spiegel, Nr. 39 vom 24.9.2012, S. 50f., http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-88754330.html« (20.3.2014).
21.
Volker Ullrich, Nun schlittern sie wieder, in: Die Zeit, Nr. 4 vom 24.1.2014, http://www.zeit.de/2014/04/erster-weltkrieg-clark-fischer« (20.3.2014).
22.
Gerd Krumeich im Interview mit Sven Felix Kellerhoff, Das Kaiserreich unterschätzte 1914 Englands Macht, 11.9.2013, http://www.welt.de/article119906475« (20.3.2014).
23.
Ebd. In einer längeren Studie zur Julikrise nuancierte Krumeich die nun so dominante Interpretation der gemeinsamen Verantwortung für den Krieg weiter: Gerd Krumeich, Juli 1914. Eine Bilanz, Stuttgart 2013.
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Autor: Annika Mombauer für bpb.de
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