Eine Figur mit Hut und einem Fernglas steht am 13.07.2013 in Berlin zwischen Sträuchern und Bäumen in einem Garten einer Kleingartenanlage und schaut versteckt aus den Büschen heraus.
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Ursprung und Gehalt von Mythen über Geheimdienste

25.4.2014

Verschmelzung von Realität und Fiktion



Mit dem Kalten Krieg und der größeren Verbreitung von Unterhaltungsfernsehen im Westen brach jene Zeit an, die bis heute zumindest für viele Deutsche, Briten und US-Amerikaner das Bild von Nachrichtendiensten prägt. Die gefühlte Bedrohung durch die Sowjetunion, das spärliche verlässliche Wissen um die politische Lage und das Gefühl, Spielball zwischen undurchschaubaren weltpolitischen Entwicklungen zu sein, förderten sowohl Angst als auch Interesse vieler Menschen. Die Bewertung der Arbeit von Nachrichtendiensten entfernte sich immer stärker von nüchterner Analyse hin zu Spekulationen, Gerüchten und Verschwörungstheorien.

Die auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs wachsende Furcht vor einem dritten, möglicherweise nuklearen Weltkrieg beförderte sowohl die Bemühungen der Politik, alle denkbaren Mittel zugunsten eines Informationsvorsprungs einzusetzen, als auch die Schreckensfantasien der Bürgerinnen und Bürger. Die universelle und ultimative Bedrohung sollte nicht nur die militärische Aufrüstung, sondern auch die nachrichtendienstliche rechtfertigen, wobei Letztere kaum offen kommuniziert wurde. Auch und gerade aus diesem Grund wuchsen die Befürchtungen, die von absoluter Kontrolle und Überwachung bis zum Versagen der jeweils "eigenen" Dienste führten.

Ein durch fehlende Kenntnis und verweigerte Transparenz entstehendes Vakuum an Wissen wird nicht selten mit imaginierten Handlungen und Möglichkeiten, mit Spekulationen und Plausibilitäten zu kompensieren versucht. Besonders die spärliche Informationslage über Geheimdienste, welche häufig, wenn überhaupt, mit negativen Schlagzeilen ins Bewusstsein dringen, bietet demnach ein weites Betätigungsfeld. Man denke an die US-amerikanische Invasion in der kubanischen Schweinebucht 1961 oder den bis zur Ausführung unentdeckten innerdeutschen Mauerbau im selben Jahr, die 1986 bekannt gewordene Iran-Contra-Affäre oder die Anschläge des 11. September 2001 – immer wieder sorgen Ereignisse, in die Nachrichtendienste verwickelt sind oder zu sein scheinen für Aufmerksamkeit und Besorgnis. Häufig ist es journalistische Arbeit, die Bruchstücke konkreter Tätigkeiten zutage treten lässt, die wiederum Spekulationen Vorschub leisten. Oder aber es können tatsächliche Verbrechen, illegale Aktionen und politische Komplotte aufgedeckt werden wie beispielsweise solche, welche die CIA in den 1960er und 1970er Jahren begangen und geplant hat, die aber erst ab 1975 durch das Church-Komitee teilweise ans Licht kamen.[12]

Je schwieriger der Enthüllungsprozess und seine Veröffentlichung sind, desto größer wird die Angst vor weiteren unentdeckten Skandalen, "Mitwissern" und "Mitverschwörern" aus Politik, Wirtschaft und Militär. Mit ergebener Resignation scheinen viele eine Art Allmacht anzunehmen und sich in die Unausweichlichkeit zu fügen. Allerdings versüßen erfundene Horrorgeschichten oder halbwahre Gerüchte diese pessimistische Weltsicht erheblich. Die Vergeblichkeit vieler Aufklärungsversuche, die nur teilweise plausibel mit Anforderungen staatlichen Geheimschutzes erklärt werden kann, heizt Debatten und Spekulationen erst recht an. Die Folge ist, dass der Nachrichtendienst schlechthin als undurchschaubare Institution mit scheinbar unbegrenztem finanziellen, politischen und moralischen Handlungsraum die Vorstellung vieler Menschen dominiert. Und an dieser Stelle bedienen Fiktion und Kreativität ein Bedürfnis. John le Carré formuliert es so: "Wir leben in einer Welt virtueller Nachrichten. Und so gesehen fällt Autoren und Filmemachern die Verantwortung zu, diese Informationslücke zu füllen."[13]

Tatsächlich erscheinen in kontinuierlich steigender Anzahl Romane und Kinofilme (oft Verfilmungen), aber auch Fernsehserien, Comics sowie Video- und Computerspiele, die sich mit Nachrichtendiensten, Agenten und Spionage beschäftigen. Handlungen und/oder Protagonisten sind nicht selten an "wahre Begebenheiten" oder reale Personen angelehnt, spiegeln den Zeitgeist (über Technik, Mode und politische Situation) wider und folgen einem klaren Spannungsbogen. Allein mittlerweile 23 James-Bond-Filme, eine Reihe über Jason Bourne, die Mission-Impossible-Serie, "Topaz", "The Day of the Jackal", "Syriana" oder "Argo" stellen nur eine kleine Auswahl der schier unüberschaubaren Fülle von erfolgreichen Geschichten und Protagonisten aus dem Umfeld der Nachrichtendienste dar. Trotz der offensichtlichen Fiktionalität prägt das hier erdachte Bild die grundsätzliche Vorstellung der Realität stärker als in den meisten anderen Genres. Für diesen Bereich fehlt schlicht der Abgleich, wie er etwa für Polizei oder Militär aus Alltagserfahrungen heraus möglich ist.


Fußnoten

12.
Vgl. Harry Rositzke, The CIA’s secret operations, Boulder 1988; John M. Diamond, The CIA and the Culture of Failure, Stanford 2008.
13.
Zit. nach: Die Welt vom 3.1.2003, http://www.welt.de/print-welt/article188220/Ich-bin-zorniger-geworden.html« (18.2.2014).
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Autor: Eva Jobs für bpb.de
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