Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.
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1989 – eine Zäsur von globaler Reichweite?


3.6.2014
Als Schlussakt des Kalten Krieges gilt das Jahr 1989: Der Runde Tisch in Polen, die "samtene Revolution" in der Tschechoslowakei, der Fall der Berliner Mauer und der Sturz des rumänischen Diktators Nicolae Ceaușescu sind nur einige Hinweise auf eine dichte Zeit des Wandels. Zur "Zäsur 1989" werden auch die Reformen unter Michail Gorbatschow, die deutsche Einheit sowie das Ende der Sowjetunion 1991 gezählt. Im Zentrum der 1989er Jahre[1] steht also zunächst eine kurze Zäsur, die den Zeitraum von 1989 bis 1991 zum Schwerpunkt hat.

Grundlegend hat Martin Sabrow zwischen der zeitgenössischen "Erfahrungszäsur" einerseits und der retrospektiven, historiografischen "Deutungszäsur" andererseits unterschieden.[2] Die erste reflektiert das Verhältnis von geschichtlichem Ereignis und persönlicher Wahrnehmung und bietet Orientierung in Bezug auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die zweite diskutiert Zugänge zum Umgang mit grundlegenden, verdichteten oder beschleunigten Übergängen sowie, in ihrem abschließenden und zugleich eröffnenden Charakter, Perspektiven auf eine sinnvolle Periodisierung von Geschichte. Rückblickend bringen Narrative, also sinnstiftende Interpretationen, die Bedeutung von Zäsuren auf eine Formel. In der Zeitgeschichte ist das besonders deshalb bemerkenswert und schwierig gleichermaßen, da sich hier häufig Erfahrungs- und Deutungszäsuren überschneiden. In dem Bestreben, der "Zäsur 1989" einen solchen sinnstiftenden Namen zu geben, haben Wissenschaftler vom "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama), vom Abschluss des "kurzen 20. Jahrhunderts" (Eric Hobsbawm) oder vom "Jahr der Wunder" (Timothy Garton Ash) gesprochen.

All diese Formulierungen erkennen die Zeit um 1989 als historisch relevante Zäsur an. Ihnen ist überdies gemein, dass sie 1989 vorwiegend als Einschnitt wahrnehmen, der den europäischen Kontinent, eingerahmt von den beiden Großmächten UdSSR und USA, grundlegend veränderte. Während sich Forscherinnen und Forscher mittlerweile zwar zunehmend die Frage stellen, ob die "Zäsur 1989" denn auch Auswirkungen auf Westeuropa gehabt habe, sind globalgeschichtliche Arbeiten noch immer ein Randphänomen.[3] Der Schwerpunkt liegt allerdings auch hier auf dem politikgeschichtlichen Wandel. Kurz gesagt: Die Forschung zu "1989" ist in ihrer Tendenz häufig noch zu kurzfristig oder räumlich wie thematisch zu reduziert angelegt. Zeit also, sich mit neuen Perspektiven zu beschäftigen und Europa für das Jahr 1989 nicht nur zu historisieren, sondern auch zu "provinzialisieren"?[4] In Zeiten der Schlagworte "Globalisierung" und "Globalgeschichte" ist es nicht nur legitim, sondern dringend ratsam, die Frage zu stellen: Gibt es eine globale Relevanz der "Zäsur 1989"? Und wenn ja, wie kann man sich ihr nähern?

Dabei sollte es nicht darum gehen, eine universell gültige Zäsur zu konstruieren,[5] deren Ursprung in der altbekannten Vorstellung einer nachholenden Modernisierung nach dem Maßstab eines westlich definierten Entwicklungsparadigmas liegt.[6] Auch kann es kein Ziel sein, allein mit der räumlich weiten Quantität bedeutsamer Ereignisse die Globalität einer Zäsur zu begründen. Stattdessen versteht sich die globalgeschichtliche Perspektive als "Ansatz, der die synchrone, aber polyzentrische Verflechtung verschiedener Modernen in den Mittelpunkt rückt"[7] und dabei die Dominanz der nationalen Kategorie zu überwinden sucht. Ist die "Zäsur 1989" also eine "Schlussszene, die die nationale wie globale Geschichte neu justierte"?[8] Im folgenden Beitrag konzentriere ich mich nicht auf mögliche Wandlungsursachen, sondern auf 1989 als Ausgangspunkt für Veränderungen von möglicherweise globaler Reichweite. Drei Fragen sollen dabei im Vordergrund stehen: Was passierte in der Welt um 1989 (Ereignisse)? Wie lassen sich diese Ereignisse im Rahmen der "Zäsur 1989" deuten (Narrative)? Und: Inwiefern lassen sich hier globale Wechselwirkungen in den Blick nehmen (Perspektiven)?

Jahr der Polyvalenz



Zu den prominentesten Ereignissen außerhalb Europas um das Jahr 1989 zählen sicherlich die Freilassung Nelson Mandelas aus seiner fast drei Jahrzehnte andauernden Haft und das verkündete Ende der Apartheid in Südafrika, aber auch das Massaker an studentischen Demonstrantinnen und Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. In China stärkte die Führung der kommunistischem Partei ihren Einfluss in der Folge der Ereignisse von Tian’anmen.[9] In Afrika kam es dagegen zu Unabhängigkeiten (Namibia) und zum Truppenabzug (Angola). Sierra Leone allerdings, Algerien, Liberia oder Ruanda belasteten in den Folgejahren teils unerwartete Gewaltausbrüche.

Diese Beispiele zeigen bereits die Uneinheitlichkeit der globalen Entwicklungen auf. Deutlich wird dies auch mit Blick auf Mittel- und Südamerika:[10] Der gewaltvolle Caracazo-Aufstand in Venezuela und der US-amerikanische Militäreinsatz in Panama standen den ersten freien Wahlen in Chile nach Jahrzehnten der Diktatur und dem Ende des Contra-Krieges in Nicaragua gegenüber. Ein Militärputsch entmachtete den paraguayischen Diktator Alfredo Stroessner, wohingegen der argentinische Präsident Raúl Alfonsín aufgrund von Inflation und Wirtschaftskrise zurücktrat.

So auch in anderen Weltregionen: Auf den Abzug der sowjetischen Truppen in Afghanistan folgte keine Befriedung, sondern innere Konflikte sowie "ein Ringen zwischen den Nachbarstaaten um Einfluss und Vorherrschaft",[11] wie etwa von Iran, Pakistan oder Usbekistan. Das militärische Eingreifen der USA und ihrer Verbündeten machte aus der vom Westen zunächst wenig beachteten südlichen Peripherie der ehemaligen Sowjetunion mittlerweile ein globales Konfliktzentrum. Die Destabilisierung der Region wurde durch den Aufstieg der Taliban, durch die Gründung von al-Qaida und nicht zuletzt durch den Kaschmir-Aufstand verstärkt. Pakistans Zukunft stand im Zeichen der neuen Premierministerin Benazir Bhutto und die des Irans unter dem Eindruck des Todes von Staatsoberhaupt Ruhollah Khomeini, als 1990 in dessen Nachbarland Irak der zweite Golfkrieg ausbrach.


Fußnoten

1.
Für den Formulierungsvorschlag in Anlehnung an die "68er Jahre" danke ich Martin Stallmann.
2.
Vgl. Martin Sabrow, Zäsuren in der Zeitgeschichte, in: Frank Bösch/Jürgen Danyel (Hrsg.), Zeitgeschichte. Konzepte und Methoden, Göttingen 2012, S. 107–130, hier: S. 122.
3.
Zur globalen Bedeutung des Jahres 1989 sind mittlerweile drei Sammelbände erschienen: Jacques Rupnik (Hrsg.), 1989 as a Political World Event. Democracy, Europe and the New International System in the Age of Globalization, London–New York 2014; Susanne Stemmler et al. (Hrsg.), 1989/Globale Geschichten, Göttingen 2009; George Lawson et al. (Hrsg.), The Global 1989. Continuity and Change in World Politics, New York 2010.
4.
Dipesh Chakrabarty, Provincializing Europe: Postcolonial Thought and Historical Difference, Princeton 2000.
5.
Vgl. M. Sabrow (Anm. 2), S. 122.
6.
Vgl. William H. McNeill, Argumente für Weltgeschichte (1982), in: Fritz Stern/Jürgen Osterhammel (Hrsg.), Moderne Historiker. Klassische Texte von Voltaire bis zur Gegenwart, München 2011, S. 479–506, hier: S. 497.
7.
Matthias Middell, Erinnerung an die Globalisierung? Die Portale der Globalisierung als lieux de mémoire: Ein Versuch, in: Kirstin Buchinger et al. (Hrsg.), Europäische Erinnerungsräume, Frankfurt/M.–New York 2009, S. 297–308, hier: S. 304.
8.
M. Sabrow (Anm. 2), S. 126.
9.
Vgl. Jean-Philippe Béja, China and the End of Socialism in Europe: A Godsend for the Beijing Communists, in: J. Rupnik (Anm. 3), S. 220.
10.
Vgl. Wilfried Röhrich, Die politischen Systeme der Welt, München 20012, S. 63.
11.
Faheem Dashty, Afghanistan – eine Geschichte (nicht nur) von 1989, in: S. Stemmler (Anm. 3), S. 242.
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Autor: Angela Siebold für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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