Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Axel Schildt

Politischer Aufbruch auch im Westen Deutschlands?

Die beiden Jahre 1989/1990 markieren eine tief greifende Zäsur der deutschen, der europäischen und der Weltgeschichte.[1] Das "kurze 20. Jahrhundert" (Eric Hobsbawm) nahm seinen Abschied, die Blockkonfrontation des Kalten Krieges lief aus. Aber ging damit ein von den westdeutschen Zeitgenossen empfundener politischer Aufbruch einher und – wenn ja – welche gesellschaftliche Eindringtiefe und Nachhaltigkeit wies er auf? Welche Faktoren standen ihm entgegen?

Nach einem Blick auf Stimmungen in der Bevölkerung und Konstellationen des politischen Streits um die deutsche Einheit in der Bundesrepublik nach Mauerfall und Ende der DDR soll eine Skizze der seit Mitte der 1990er Jahre öffentlich diskutierten Aufbruchsbegriffe "Berliner Republik", "Generation 89" und "Generation Berlin" erfolgen, bevor nach Gründen gefragt wird, die diese Elitendiskurse ihrer Durchschlagskraft beraubten.

Kurze Euphorie – rasche Ernüchterung

Einschneidende politische Ereignisse werden in ihrer ganzen Tragweite zwar erst aus zeitlicher Distanz als solche deutlich, gerade in der neueren deutschen Geschichte gibt es jedoch gewichtige Beispiele für die nachhaltige Prägung der politischen Kultur durch große Brüche, die schon während des Geschehens als Aufbruch in neue Zeiten wahrgenommen wurden. So war es bei der blutigen Reichseinigung "von oben", deren Erleben sich über Jahrzehnte in "sozialmilitaristischen" (Hans-Ulrich Wehler) Dispositionen tradierte. Der Ausgang des Zweiten Weltkrieges mit dem tief empfundenen Ende nationalistischer Hybris ist in etlichen Erzählungen, insbesondere der sogenannten 45er, als Aufbruch zu neuen Horizonten illustriert worden. In komplizierten Entwicklungen und über Jahrzehnte hinweg, so die Wahrnehmung einer ganzen Generation im Westen, mündete die Nachkriegszeit in eine postnationale und postheroische Zivilgesellschaft, die wegen ihrer ökonomischen Überlegenheit im Systemwettbewerb mit dem ostdeutschen Staat – nicht zuletzt durch Rundfunk und Fernsehen – auch auf die Bewohnerinnen und Bewohner der DDR werbend ausstrahlte.

Verglichen damit fällt es schwer, von einem Aufbruch 1989/1990 im westlichen Deutschland zu sprechen, und es verwundert nicht, dass schon der Begriff selbst als Chiffre für subjektive Phänomene, eine Stimmung der Begeisterung und Freude, bisher kein Thema der jüngsten, allerdings erst in Fragmenten und Skizzen vorliegenden Zeitgeschichtsschreibung darstellt. Wir kennen die anrührenden Fernsehbilder von der Maueröffnung in Berlin am 9. November 1989, die den Aufbruch von Bewohnern Ost-Berlins in den Westteil der Stadt in seiner Wortbedeutung zeigen. Freude und Aufregung herrschten angesichts des Zerfalls der SED-Diktatur auch im Westen. Die Begeisterung angesichts des Mauerfalls und die Empathie mit den Bürgerinnen und Bürgern der DDR waren an Ort und Stelle, in West-Berlin wie in den grenznahen Gebieten, nachzuempfinden, die Gefühle der Bundesbürger am Fernsehschirm werden ähnlich gewesen sein.

Aber handelte es sich nicht doch eher um eine situativ begrenzte Medialisierung eines Ereignisses, das eine kurze Euphorie der Einheit schuf, der aber keine nachhaltige Prägung der politischen Kultur folgte?

Noch rascher als im Osten mischten sich im Westen zunehmend bedenkliche Töne in die anfängliche Begeisterung. Nicht von "Aufbruch", sondern von "Wende" war meist sehr vage die Rede. Und je weiter westlich man wohnte, desto weniger nahm man sie wahr. Mit einer glatten Fehlanzeige ist die Frage nach dem Aufbruch im Westen gleichwohl nicht zu beantworten, weil damit die heftige politische Debatte um das Ende der Zweistaatlichkeit und die deutschen Zukunftsaufgaben ignoriert würde, die den Einheitsprozess begleitete.

Es gab viele Journalistinnen und Journalisten, die nicht nur ihrer Begeisterung über das Ende der SED-Diktatur Ausdruck gaben, sondern deren Siegesgefühl sich an der endgültigen Niederlage aller Linken und jeder Form des Sozialismus für alle Zukunft delektierte. Manche freuten sich besonders über die endgültige Abrechnung mit den verhassten 68ern.[2] Zugleich fühlten sich viele Publizistinnen und Publizisten, die das "machtvergessene" Bonner Provisorium bereits in den 1980er Jahren kritisiert und eine der ökonomischen Stärke entsprechende selbstbewusste Außenpolitik angemahnt hatten,[3] von der Geschichte bestätigt; für eine Bonn-Nostalgie hatten sie kein Verständnis. Auch wenn sich lange gepflegte Rechtsansprüche, die über die vereinigten Territorien von Bundesrepublik und DDR hinaus nach Osten griffen, durch den "Zwei plus Vier"-Vertrag schließlich als obsolet herausstellten, war doch das kleinere Provisorium durch einen größeren Staat ersetzt worden, der Reminiszenzen an preußische Kernlande und an die alte Reichshauptstadt evozierte. Kaum zu unterscheiden war im aufgeregten Ton der Publizistik, wer dabei "nur" an eine selbstbewusstere Rolle der erweiterten Bundesrepublik innerhalb der NATO und der Europäischen Gemeinschaft dachte und wer tatsächlich von neuer weltpolitischer Größe jenseits überkommener "Westbindung" träumte.[4]

In der Spätzeit der Bonner Republik wurzelten auch die Positionen derjenigen, die keine nationalen Aufbruchsgefühle empfanden oder sich vor diesen sogar fürchteten. Von milder Melancholie angesichts des Ablebens der "alten" Bundesrepublik waren viele linke Intellektuelle erfüllt, die sich gerade erst – in den 1980er Jahren – mit dem einst abgelehnten Staat ausgesöhnt hatten.[5] Verbreitet war die Befürchtung einer Entsorgung der NS-Verbrechen, die im "Diktaturvergleich" mit dem "Unrechtsstaat" DDR verschwinden würden. Moralische Begründungen einer Ablehnung der Einheit "wegen Auschwitz", prominent bei Günter Grass, oder die bizarre Bewegung der "Antideutschen", die mit Parolen wie "Deutschland, halt’s Maul" demonstrierten und vor einem nationalistischen "IV. Reich" warnten, blieben allerdings Randerscheinungen.

Dass sich hinsichtlich der Einheit weder die Hoffnungen auf der rechten noch die Ängste auf der linken Seite bewahrheiteten, ist hinlänglich bekannt. Die von Jürgen Habermas gefürchtete "Deutschtümelei der Liberalkonservativen"[6] entfaltete keine größere Wirkung, eine Renaissance des Nationalismus gab es ebenso wenig wie eine Militarisierung der Gesellschaft. Die Erinnerung an die NS-Vergangenheit wurde in erhöhtem Maß zur deutschen Staatsraison und die Diskussion über die DDR versachlichte sich im Zuge empirischer Aufarbeitung, etwa im Rahmen zweier Enquête-Kommissionen des Bundestages, gerade weil kein restloser geschichtspolitischer Konsens entstand.[7] Die im Zusammenhang mit der "Asyldebatte" Anfang der 1990er Jahre – im Wortsinn – aufflammende Ausländerfeindlichkeit betraf beide Teile des vereinten Deutschlands und war nicht ein erst durch die Einheit entstandenes Problem.[8]

Fußnoten

1.
Vgl. zuletzt Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 1154ff.
2.
Vgl. Albrecht von Lucke, 68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die Deutungsmacht, Berlin 2008.
3.
Vgl. stellvertretend: Hans-Peter Schwarz, Die gezähmten Deutschen. Von der Machtbesessenheit zur Machtvergessenheit, Stuttgart 1985.
4.
Vgl. Rainer Zitelmann et al. (Hrsg.), Westbindung. Chancen und Risiken für Deutschland, Frankfurt/M. u.a. 1993; Hans-Peter Schwarz, Die Zentralmacht Europas. Deutschlands Rückkehr auf die Weltbühne, Berlin 1994; auf den politischen Unterschied macht aufmerksam Dominik Geppert, Republik des Geistes. Die Intellektuellen und das vereinigte Deutschland, in: Michael C. Bienert et al. (Hrsg.), Die Berliner Republik. Beiträge zur deutschen Zeitgeschichte seit 1990, Berlin–Brandenburg 2013, S. 159–180, hier: S. 164.
5.
Vgl. Otthein Rammstedt/Gert Schmidt (Hrsg.), BRD ade! Vierzig Jahre in Rück-Ansichten von Sozial- und Kulturwissenschaftlern, Frankfurt/M. 1992.
6.
Jürgen Habermas an Christa Wolf, 26.11.1991, in: ders., Die Normalität einer Berliner Republik. Kleine Politische Schriften VIII, Frankfurt/M. 1995, S. 101–111, hier: S. 103.
7.
Vgl. zusammenfassend Martin Sabrow et al. (Hrsg.), Wohin treibt die DDR-Erinnerung? Dokumentation einer Debatte, Göttingen 2007.
8.
Vgl. U. Herbert (Anm. 1), S. 1168ff.
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