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20.6.2014 | Von:
Johannes Tuchel

Zwischen Diffamierung und Anerkennung: Zum Umgang mit dem 20. Juli 1944 in der frühen Bundesrepublik

Öffentliche Erinnerung

1952 legte Luise Olbricht, Witwe des am 20. Juli 1944 erschossenen Generals Friedrich Olbricht, den Grundstein für das Ehrenmal zur Erinnerung an die Opfer des Umsturzversuches im Berliner Bendlerblock. Es ist bezeichnend, dass die Anregung dafür von den Hinterbliebenen und nicht von staatlicher Seite kam. Seither finden jährlich am 20. Juli Gedenkfeiern statt; erst in den 1980er Jahren jedoch sollte der 20. Juli zu einem Gedenktag für die gesamte Breite und Vielfalt der Regimegegnerschaft werden.[24]

Umfassende öffentliche Würdigungen des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus gibt es erst seit 1953/1954, besonders markant durch den Berliner Regierenden Bürgermeister Ernst Reuter und Bundespräsident Theodor Heuss. Bei den zunehmenden Ehrenfeiern durch Angehörige der politischen Eliten der Bundesrepublik war der Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 in den 1950er Jahren ein immer wieder genutztes Argument. Damit konnte auf die Legitimität des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 hingewiesen werden. Typisch ist dafür die Rede Ernst Reuters vom 19. Juli 1953: "Der Bogen vom 20. Juli 1944 spannt sich heute, ob wir wollen oder nicht, zu dem großen Tage des 17. Juni 1953, zu jenem Tag, an dem sich ein gepeinigtes und gemartertes Volk in Aufruhr gegen seine Unterdrücker und gegen seine Bedränger erhob und der Welt den festen Willen zeigte, dass wir Deutschen frei sein und als ein freies Volk unser Haupt zum Himmel erheben wollen. Wir wissen, dass dieser 17. Juni wie einst der 20. Juli nur ein Anfang war. Aber ich glaube, es ist gut, es ist richtig, wenn wir auch an diesem Tage den Bogen vom 20. Juli zu den Ereignissen schlagen, die uns heute innerlich bewegen."

Auch Bundespräsident Theodor Heuss, der sich noch 1950 der Bitte versagt hatte, im Rundfunk Worte der Würdigung und des Gedenkens an den 20. Juli 1944 zu sprechen, äußerte sich in seinen Reden zu den Jahrestagen klar und eindeutig zum Erbe des Widerstandes, so etwa 1954: "Die Scham, in die Hitler uns Deutsche gezwungen hatte, wurde durch ihr Blut vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt. Das Vermächtnis ist noch in Wirksamkeit, die Verpflichtung ist noch nicht eingelöst."

In der deutschen Bevölkerung allerdings war der Widerstand gegen den Nationalsozialismus überwiegend noch nicht akzeptiert. So beurteilten 1951 nur 43 Prozent der Männer und 38 Prozent der Frauen die "Männer vom 20. Juli" positiv.[25] Im Sommer 1956 lehnte es eine überwiegende Mehrheit der Bevölkerung (54 Prozent der Männer und 44 Prozent der Frauen) ab, eine Schule nach dem Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg oder nach dem zivilen Kopf des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944, Carl Friedrich Goerdeler, zu benennen. Nur 18 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus.[26]

Der Anteil der positiven Beurteilung des 20. Juli 1944 sollte sich auch in den folgenden Jahrzehnten nur unwesentlich ändern. Eine Umfrage vom Frühjahr 1970 machte deutlich, dass 39 Prozent die "Männer vom 20. Juli" positiv beurteilten (gegenüber 40 Prozent im Jahr 1951) und nur noch 7 Prozent sie ablehnten (gegenüber 30 Prozent im Jahr 1951). Stark angestiegen war der Kreis derer, die nichts über die Ereignisse des 20. Juli 1944 wussten (37 Prozent gegenüber 11 Prozent im Jahr 1951).[27] 1985 veränderte das Umfrageinstitut zwar seine Bewertungsmethode, aber es bezog in seine Ergebnisse nur noch diejenigen ein, die über die Ereignisse des 20. Juli 1944 "richtige oder ungefähr richtige Angaben" machen konnten. Gegenüber 1971 war die Bewertung fast unverändert, lediglich die negativen Bewertungen gingen geringfügig zurück.[28] Erst im Jahr 2004 gab es in einer repräsentativen Befragung der deutschen Bevölkerung erstmals eine überwiegend positive Bewertung des 20. Juli 1944.[29]

Diese Wahrnehmung in der Bevölkerung muss immer mit beachtet werden, wenn man sich mit der Entwicklung der Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus befasst. Es musste immer aus der Defensive heraus argumentiert werden.[30] Nur ein Beispiel sei hier herausgehoben: In einem Vortrag erklärte der Publizist Rudolf Pechel 1958 in Berlin, dass "eine Zugehörigkeit zum Widerstand gegen Hitler (…) heute in keinem Bundesministerium eine Empfehlung sei". Er wies darauf hin, dass Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß und keiner der Offiziere des Bundesministeriums der Verteidigung 1957 an der Weihe einer Kapelle für die Brüder Stauffenberg teilgenommen hätten. "Der Einfluss der Überlebenden des Widerstandes ist heute in Deutschland gering (…) Intellektuelle Rollkommandos mit notorischen Denunzianten und Rufmördern an der Spitze können sich heute in Verunglimpfungen der Widerstandskämpfer versuchen, ohne dass ihnen etwas geschieht."[31] Pechel beschrieb damit anschaulich das Klima der späten 1950er Jahre.

Zum 15. Jahrestag des 20. Juli 1944 im Jahr 1959 gab es schließlich einen Tagesbefehl des ersten Generalinspekteurs der Bundeswehr, Adolf Heusinger, in dem dieser erstmals den 20. Juli 1944 als "Vorbild" darstellte. Doch erst im Jahrzehnt danach sollte sich die positive Bezugnahme auf den 20. Juli 1944 in der Bundeswehr durchsetzen.[32] Der frühere bayerische Justizminister Josef Müller, der selbst im KZ gesessen hatte, zog am 19. Juli 1959 ein bitteres Fazit der Gedenkveranstaltungen. Er sah "fast immer das gleiche Bild: Wir waren unter uns. Die Redner sprachen zu Erfahrenen, nicht aber zu Menschen, die erfahren wollten. Hier standen Frauen und Männer, deren Gewissen bereits entschieden hatte, nicht aber jene, die sich sogar weigerten und bis heute weigern, zumindest ihr Wissen um das Geschehen jener Zeit zu vervollständigen. War das unvermeidbar, oder könnte das auch anders sein?"[33]

Zu einem gesetzlichen Feiertag zur Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus hat man sich jedoch nie entschließen können. 1960 kam es zu einer eher peinlichen Entscheidung: Die Regierung Adenauer konnte sich trotz heftiger Kritik der sozialdemokratischen Opposition nicht einmal dazu durchringen, eine bundesweite Beflaggung der Bundesgebäude am 20. Juli anzuordnen. Es gebe schon zu viele Tage, an denen geflaggt werde. "Die Frage, welcher davon würdiger sei als der 20. Juli", kommentierte die "Frankfurter Rundschau" sarkastisch, "dürfte kaum befriedigend beantwortet werden. Die Bonner Entscheidung paßt aber zu der geistigen und politischen Entwicklung der Bundesrepublik. Das Attentat ist mißlungen, der Widerstand eine unangenehme Erinnerung für viele längst wieder wichtige Männer. Fahnen wehen bei weniger eindeutigem Anlaß."[34] Und selbst der "Rheinische Merkur" fragte: "Hat man etwa Angst davor, daß die Ehrung der Männer vom 20. Juli die Grundlagen der staatlichen und besonders der militärischen Autorität zerstören könne, weil das doch Verschwörer, Eidbrecher und Revolutionäre waren?"[35]

Fazit

Widerstand gegen den Nationalsozialismus war immer die Haltung einer kleinen Minderheit, von einzelnen und oft sehr einsamen Menschen, von kleinen Kreisen und Gruppen. Auch diejenigen, die am Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 beteiligt waren und überlebten, blieben ebenso wie die Familienangehörigen der Ermordeten oftmals auch nach 1945 einsam und wurden in der Gesellschaft der entstehenden Bundesrepublik nicht akzeptiert, sondern vielfach diffamiert und mit dem Odium des "Verrats" belegt und ausgegrenzt.

Dies zeigt sich sowohl in der mangelhaften juristischen Aufarbeitung des nationalsozialistischen Unrechts gegenüber den Widerstandskämpfern, als auch an den nicht oder unzureichend geführten Ermittlungsverfahren gegen Gestapo-Beamte und Richter, die an Justizmorden im Nationalsozialismus beteiligt gewesen waren. Erst nach dem 17. Juni 1953 begann sich die politische Bewertung des 20. Juli positiv zu wandeln; dennoch war es ein langer und komplizierter Prozess, bis auch in der Öffentlichkeit die Bedeutung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus für die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland akzeptiert wurde.

Fußnoten

24.
Die ausführlichste Dokumentation der Gedenkfeiern und -reden zwischen 1952 und 2013 findet sich unter http://www.20-juli-44.de« (6.6.2014).
25.
Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Die Stimmung im Bundesgebiet August 1951, Allensbach 1951, S. 5.
26.
Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Jahrbuch der öffentlichen Meinung, Bd. 1: 1947–1955, Allensbach 1956, S. 145.
27.
Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Der 20. Juli 1944. Ergebnisse einer Bevölkerungs-Umfrage über das Attentat auf Hitler, Allensbach 1970, S. 2.
28.
Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach, Der Widerstand im Dritten Reich. Wissen und Urteil der Bevölkerung vor und nach dem 40. Jahrestag des 20. Juli 1944, Allensbach 1985, Tabelle 20.
29.
Vgl. Die Umfrageergebnisse in: Der Spiegel, Nr. 29 vom 12.7.2004, S. 44.
30.
Vgl. Peter Steinbach, "Stachel im Fleisch der deutschen Nachkriegsgesellschaft". Die Deutschen und der Widerstand, in: APuZ, (1994) 28, S. 3–14.
31.
Die Rollkommandos der Rufmörder, in: Der Telegraf, 12.11.1958, Ausgabe A.
32.
Vgl. Loretana de Libero, Trentzsch, die Bundeswehr und das Attentat auf Hitler, in: Helmut R. Hammerich/Rudolf Schlaffer (Hrsg.), Militärische Aufbaugenerationen der Bundeswehr 1955 bis 1970. Ausgewählte Biografien, München 2011, S. 181ff.; Claus von Rosen (Hrsg.), Wolf Graf Baudissin. Der Widerstand. "… um nie wieder in die ausweglose Lage zu geraten …". Ansprachen – Reden – An- und Abmerkungen aus Anlass des 20. Juli 1944, Berlin 2014.
33.
Vermächtnis ist der Sinn der Tat, nicht deren Ausgang. Gedenkrede des bayerischen Ministers für Justiz a.D. Josef Müller am 20.7.1959 im Ehrenhof des Bendlerblocks in der Stauffenbergstraße, Berlin, http://www.20-juli-44.de« (6.6.2014).
34.
Frankfurter Rundschau vom 19.7.1960.
35.
Rheinischer Merkur vom 22.7.1960.
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Autor: Johannes Tuchel für bpb.de
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