Fisch in einem Fluss in China schwimmt gegen den Strom.

20.6.2014 | Von:
Jürgen Zimmerer

Widerstand und Genozid: Der Krieg des Deutschen Reiches gegen die Herero (1904–1908)

Übergriffe und Rechtlosigkeit

In diesem rassischen Utopia blieb für afrikanische Selbstbestimmung kein Platz, und damit war eine Konfrontation mit dem kolonialen Staat programmiert. Der Konflikt war auch deshalb unausweichlich, weil die Vorstellung, der kolonisierten Bevölkerung einen sicheren und stabilen, wenn auch marginalen Platz in diesem Utopia zuzuweisen, reine Fiktion war. Innerhalb des kolonialen Systems mit seinem inhärenten Rassismus war ein dauerhafter Schutz der afrikanischen Bevölkerung nicht möglich, vielmehr lud dieses System zu übergriffigem Verhalten ein.

In Südwestafrika zeigte sich das von Anfang an in Betrügereien gegenüber und Misshandlungen von Afrikanerinnen und Afrikanern durch deutsche Siedler und Händler. Die Opfer hatten jedoch kaum Möglichkeiten, ihr Recht einzuklagen: Afrikanische Gerichte waren nicht zuständig, da sie grundsätzlich nicht über "Weiße" Recht sprechen konnten; deutsche Gerichte schenkten afrikanischen Zeugen meist keinen Glauben. Stand also Aussage gegen Aussage, setzte sich nahezu immer der Deutsche durch.

Und Betrügereien gab es viele, vor allem mit Kreditkauf wurde Schindluder getrieben: Deutsche Geschäftsleute verkauften Waren auf Kredit an afrikanische Kunden, welche die Geschäftsform des Kreditkaufes nicht kannten und sich oftmals weit über ihre Möglichkeiten verschuldeten. In der erst in Ansätzen bestehenden Geldwirtschaft hatten sie zudem kaum Möglichkeiten, ihre Schulden zurückzuzahlen. So mussten sie entweder in deutsche Dienste treten oder Vieh oder Land abgeben, wodurch ihre Möglichkeit zum selbstständigen Wirtschaften weiter eingeschränkt wurde. Als das Gouvernement unter Theodor Leutwein die Gefahr erkannte und androhte, gegen die verbrecherischen Kredite vorzugehen, verschärfte das die Krise noch, da alle Gläubiger nun binnen kürzester Zeit versuchten, ihre Außenstände einzutreiben. Die dadurch ausgelöste Pfändungswelle zu Anfang des Jahrhunderts verschärfte die Situation enorm und trug erheblich zum Kriegsausbruch bei.

Wirtschaftsdelikte waren jedoch nicht die einzigen Konflikte zwischen den Neuankömmlingen und der lokalen Bevölkerung. Meist kamen aus Deutschland junge Männer nach Südwestafrika, deutsche Frauen gab es dagegen kaum. Neben einvernehmlichen Beziehungen mit afrikanischen Frauen und Mädchen kam es immer wieder auch zu Vergewaltigungen. Deren Zahl wuchs mit der Zahl der deutschen Einwanderer. Versuchte nun der Vater, Ehemann, Sohn oder Bruder das Opfer zu verteidigen, so machte er sich des Übergriffs auf einen Deutschen schuldig und wurde vor ein deutsches Gericht gezerrt und meist verurteilt. Die Vergewaltiger kamen derweil ungeschoren davon. Über die individuelle Katastrophe der Gewaltverbrechen für die unmittelbaren Opfer hinaus sorgten diese für eine zusätzliche Destabilisierung der afrikanischen Gesellschaften, da die traditionellen Eliten augenscheinlich ihre ureigene Aufgabe, den Schutz von Leib und Leben ihrer Untertanen, nicht mehr gewährleisten konnten.

Kriegsbeginn und Kriegsverlauf

Körperliche Übergriffe, Betrügereien und der Verlust der Rinderherden führten zu einer Delegitimation der traditionellen Autoritäten, sodass jüngere Herero nicht mehr gewillt waren, ihren traditionellen Anführern, allen voran Samuel Maharero, blind zu folgen, sondern diese zum Widerstand drängten. Gegen Ende des Jahres 1903 war die Situation so aufgeladen, dass es nur noch eines Funkens bedurfte, um die Explosion herbeizuführen. Diesen Funken schlug offenbar ein junger deutscher Offizier, ein Leutnant Zürn, seines Zeichens Distriktsamtmann von Okahandja, der mit seinem arroganten Verhalten eine gewalttätige Reaktion der dortigen Herero provozierte.[8] Am 12. Januar fielen dort die ersten Schüsse. Gouverneur Leutwein weilte zu dieser Zeit mit dem Großteil der Schutztruppe im Süden des Landes, wo er versuchte, den schon im Herbst aufgeflammten Widerstand der Bondelszwarts zu ersticken. Ob nun die Herero zuerst geschossen haben oder die Deutschen – fest steht, dass der Kriegsbeginn 1904 eine direkte Konsequenz der Kolonialstaatserrichtung und dessen Durchsetzung war.

Innerhalb weniger Tage besetzten die Herero ganz Zentralnamibia mit Ausnahme der Militärstationen und plünderten Siedlungen und Farmen.[9] Dabei töteten sie insgesamt 123 deutsche Männer, schonten jedoch auf Anordnung Samuel Mahareros deutsche Frauen und Kinder. Aus bis heute nicht zufriedenstellend geklärten Gründen nutzten die Herero ihre anfänglichen Erfolge jedoch nicht zu einem raschen Sieg und erlaubten den Deutschen damit, ihre Kräfte zu sammeln und Verstärkung aus Deutschland heranzuführen. Nur dadurch konnten diese die drohende Niederlage abwenden. Mit dem Eintreffen der ersten Entsatztruppen kam es zu Vergeltungsaktionen der Deutschen, an denen sich auch aufgebrachte Siedler beteiligten. Die Massaker trieben auch ursprünglich unbeteiligte Hererogruppen in den Krieg. "Aufräumen, aufhängen, niederknallen bis auf den letzten Mann, kein Pardon",[10] so oder so ähnlich war es auf deutscher Seite vielfach zu hören. Wenn es sich dabei auch noch um unkoordinierte Einzelaktionen und nicht um eine systematische Strategie handelte, so verwies die Rhetorik jedoch schon auf den sich anbahnenden Völkermord.

Beschritten wurde der Weg zum Genozid unter General Lothar von Trotha, der im Frühjahr 1904 Theodor Leutwein als militärischen Oberbefehlshaber ablöste. Viele Siedler gaben Leutwein die Schuld am Kriegsausbruch: Zu weich sei er gewesen, lautete der Vorwurf, gepaart mit der Angst, dass er wohl auch jetzt die Gunst der Stunde nicht dazu nutzen würde, mit harter Hand durchzugreifen und die Machtfrage ein für alle Mal zu deutschen Gunsten zu lösen. Und in der Tat warnte Leutwein auch in der aufgeheizten Stimmung unmittelbar nach Kriegsbeginn vor allzu radikalen Schritten, etwa vor "unüberlegten Stimmen (…), welche die Hereros nunmehr vollständig vernichtet sehen wollen". Er tat dies allerdings nicht aus humanitären, sondern ökonomisch-rationalen Gründen, denn seiner Meinung nach brauchten die Deutschen die Herero noch als "kleine Viehzüchter und besonders als Arbeiter", ganz abgesehen davon, dass, wie er anmerkte, sich ein Volk von 60.000 bis 70.000 Menschen "nicht so leicht vernichten" lasse. Allerdings sah auch er jedwede politische Autonomie der Herero als verwirkt an: "Politisch tot" solle man sie schon machen, ihre soziale Organisation zerstören und sie in Reservate zurückdrängen, "welche für ihre Bedürfnisse gerade ausreichen" würden.[11]

Leutweins rational-ökonomische Begründung fand jedoch keinen Rückhalt mehr. Mit Lothar von Trotha wurde ein Kolonialkriegsveteran zum Oberbefehlshaber ernannt, der solcher "Milde" unverdächtig war, der weder Land noch Leute kannte, dafür jedoch feste Vorstellungen von einem künftigen "Rassenkrieg" besaß, in dem Afrikaner "nur der Gewalt weichen" würden, und der gewillt war, diese Gewalt "mit krassem Terrorismus und selbst mit Grausamkeit" auszuüben, um so "die aufständischen Stämme mit Strömen von Blut" zu vernichten.[12] Von diesem Programm ließ sich von Trotha auch durch Leutwein nicht abbringen, der ihn in einer denkwürdigen Besprechung auf die ökonomische Notwendigkeit hinwies, die Herero als Arbeitskräfte zu erhalten. Von Trotha wollte davon nichts wissen, fühlte er sich doch einer rein militärischen Logik verpflichtet, die auf den bedingungslosen Sieg und die Bestrafung beziehungsweise Vernichtung des Kriegsgegners abzielte.

Nach der aus deutscher Sicht gescheiterten Kesselschlacht am Waterberg Mitte August 1904, als es schätzungsweise 60.000 Herero gelang, der deutschen Umzingelung zu entkommen, setzte er diese Politik in die Praxis um. Die Schutztruppe verfolgte die nach Nordosten Fliehenden und machte erst am Saum der Omaheke-Halbwüste halt, in die die Herero geflohen waren. Von Trotha ließ nun die Wüste abriegeln, indem er die Wasserstellen besetzte und ordnete in seinem berüchtigten "Schießbefehl" vom 2. Oktober 1904 an, diejenigen Herero, die aus dem Trockengebiet zu entkommen versuchten, zurückzutreiben: "Die Hereros sind nicht mehr deutsche Untertanen (…). Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen", hieß es darin.[13] Das aber bedeutete das qualvolle Verdursten Tausender, wenn nicht Zehntausender.

Auch wenn Reichskanzler Bernhard von Bülow diesen Befehl einige Wochen später wieder aufhob, so ändert dies nichts an der deutschen Verantwortung, denn zu diesem Zeitpunkt war die Katastrophe bereits geschehen: Man hatte von Trotha das Kommando gegeben und ihn wochenlang gewähren lassen. Grund für die Rücknahme des "Schießbefehls" waren auch nicht humanitäre Überlegungen, sondern strategische: Noch bis zur Schlacht am Waterberg hatten die im Süden des Landes lebenden Nama unter Hendrik Witbooi ihre Pflicht zur militärischen Unterstützung der Deutschen, wie sie vor Kriegsausbruch auch für Samuel Maharero bestanden hatte, erfüllt. Nachdem Nama-Krieger, die bei der Schutztruppe gedient hatten, gesehen hatten, wie brutal die deutsche Armee mit den Herero verfuhr, reifte auch bei ihnen der Entschluss zum Widerstand, zumal nicht wenige Deutsche forderten, nun auch mit den Nama kurzen Prozess zu machen. Aus den Erfahrungen der Herero zogen sie die Lehre, jede offene Feldschlacht zu vermeiden, und führten dagegen einen äußerst erfolgreichen Guerillakrieg, der sich über vier Jahre hinzog. Auch hier antwortete die deutsche Armee mit einer Vernichtungsstrategie, indem sie Brunnen vergiftete und Nahrungsmittel zerstörte. Um den Guerillakämpfern den Rückhalt in der Bevölkerung zu nehmen, wurden auch unbeteiligte Zivilisten in Lager deportiert.

Die Konzentrationslager, so der zeitgenössische Ausdruck, dienten als Kriegsgefangenenlager (zu denen auch Frauen und Kinder gezählt wurden), als Zwangsarbeits- und als Umerziehungslager. In ihnen wurden mit teilweise horrenden Opferzahlen Herero und Nama für ihren Widerstand betraft und zugleich die Überlebenden auf ihr Leben in der neuen Siedlergesellschaft, der "rassischen Privilegiengesellschaft", vorbereitet. Denn weder Herero noch Nama sollten – ging es nach der deutschen Kolonialverwaltung – die vollständige Autonomie über ihr Leben zurückerhalten.

Vielmehr wurde nun die rassische Utopie, die schon Theodor Leutwein und seinen jungen deutschen Helfern vor Augen gestanden hatte, konsequent in die Wirklichkeit umgesetzt. So erließ Gouverneur Friedrich von Lindequist, der als junger Assessor an der Seite Leutweins gedient hatte, 1907 drei "Eingeborenenverordnungen", die die lückenlose Kontrolle aller Afrikanerinnen und Afrikaner ebenso vorsah wie die Einschränkung ihrer Freizügigkeit und ihre möglichst gleichmäßige Verteilung als Arbeitskräfte, orientiert einzig an den Bedürfnissen der kolonialen Wirtschaft. Parallel dazu wurden sexuelle Beziehungen zwischen Afrikanerinnen und Deutschen stigmatisiert und kriminalisiert. Bestehende Ehen wurden – auch gegen den Willen der Beteiligten – annulliert. "Eingeborenenverordnungen" wie "Rassebestimmungen" wirkten Hand in Hand bei der Errichtung des ersten "Rassenstaates" der deutschen Geschichte.[14]

Fußnoten

8.
Vgl. Jan-Bart Gewald, Kolonisierung, Völkermord und Wiederkehr. Die Herero von Namibia 1890–1923, in: J. Zimmerer/J. Zeller (Anm. 2), S. 105–120.
9.
Zum Kriegsverlauf vgl. J. Zimmerer/J. Zeller (Anm. 2); Isabel Hull, Absolute Destruction: Military Culture And the Practices of War in Imperial Germany, Ithaca 2006.
10.
Missionar Elger an Rheinische Mission, 10.2.1904, zit. nach: H. Drechsler (Anm. 5), S. 146f.
11.
Gouvernement Windhuk an Kolonialabteilung, 23.2.1904, zit. nach: H. Drechsler (Anm. 5), S. 149f.
12.
Trotha an Leutwein, 5.11.1904, zit. nach: H. Drechsler (Anm. 5), S. 156.
13.
Proklamation von Trothas, 2.10.1904, abgedruckt in: Jürgen Zimmerer, Der erste Genozid des 20. Jahrhunderts. Der deutsche Vernichtungskrieg in Südwestafrika (1904–1908) und die Globalgeschichte des Genozids, in: ders. (Anm. 3), S. 40–70, hier: S. 52. Dort findet sich auch eine detaillierte Erörterung des Kontextes dieses Befehls.
14.
Vgl. J. Zimmerer (Anm. 5).
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