Fisch in einem Fluss in China schwimmt gegen den Strom.

20.6.2014 | Von:
Jürgen Zimmerer

Widerstand und Genozid: Der Krieg des Deutschen Reiches gegen die Herero (1904–1908)

Unaufgearbeitetes Erbe

In zeitgenössischer deutscher Lesart, deren Echo sich auch heute noch im national-konservativen Lager, den Leserbriefspalten der Windhuker "Allgemeinen Zeitung" oder einschlägigen Internetforen findet, hatten Herero und Nama den "Aufstand" mutwillig vom Zaun gebrochen und waren dadurch selbst verantwortlich für ihr Schicksal, sowohl für das in der Omaheke-Halbwüste als auch für das in der Nachkriegszeit erlittene.

Unabhängig von der Frage, wer nun tatsächlich als erster geschossen hat, ignoriert diese Lesart den Unterschied zwischen Anlass und Ursache. Denn die Ursachen lagen – ganz abgesehen von der kolonialen Invasion als solcher – zum einen in den radikalen Plänen der deutschen Kolonialverwaltung zur kompletten sozialen, ökonomischen und politischen Umgestaltung des Schutzgebietes ohne Rücksicht auf die dort lebenden Menschen. Zum anderen lagen sie im Auftreten vieler Deutscher als "Herrenmenschen", wie sich in zahlreichen Betrügereien und Übergriffen wie Mord und Vergewaltigung zeigte, gegen die es im dualen kolonialen Rechtssystem keine Möglichkeit der Bestrafung gab.

Wenn man überhaupt von einer Legitimität der deutschen Kolonialherrschaft ausgeht, dann ist das Verhalten der Herero, und später auch der Nama, als eine Art der Notwehr anzusehen, zum Schutz von Leib und Leben der afrikanischen Bevölkerung und ihrer angestammten Traditionen. Damit soll die Tötung von 123 deutschen Männern nicht kleingeredet werden. Es spricht aber Vieles dafür, dass die Herero, die den Unterschied zwischen Kriegern und Zivilisten nicht kannten, sie als Krieger und damit als legitime Gegner ansahen, die getötet werden durften, während sie Frauen, Kinder und Missionare nicht attackierten. Es sei an dieser Stelle auch darauf hingewiesen, dass im Unterschied zum gängigen Bild von den "primitiven Afrikanern" und den "zivilisierten Europäern" die Herero Frauen und Kinder schonten, währen die deutsche Schutztruppe den Krieg auch gegen Frauen und Kinder führte. Auch der deutsche "Rassenstaat", wie er vor allem nach 1907 etabliert wurde, war keineswegs die Konsequenz des Krieges, also eine Reaktion auf das Verhalten von Herero und Nama, sondern bereits vorher geplant.[15] Der Krieg beschleunigte nur dessen Errichtung, da nun die machtpolitische Rücksichtnahme nicht mehr notwendig schien.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Völkermord völkerrechtlich geächtet. Zu den in der UN-Genozidkonvention einzeln aufgeführten Verbrechen gehören das "Töten von Mitgliedern der Gruppe", die "Verursachung schwerer körperlicher oder mentaler Schäden bei Mitgliedern der Gruppe" sowie das bewusste "Auferlegen von Lebensbedingungen für die Gruppe, die darauf abzielten die physische Zerstörung der Gruppe ganz oder teilweise herbeizuführen". Werden diese mit dem Ziel begangen, eine "nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise" zu zerstören, so handelt es sich um Genozid.[16] Ohne Zweifel lassen sich die die drei Tatbestände – die UN-Konvention kennt noch weitere – in den Aktionen der deutschen Schutztruppe wiederfinden, wobei der dritte Punkt sicherlich sowohl für die Omaheke-Wüste als auch für die Konzentrationslager gilt.

Seit geraumer Zeit fordern deshalb Vertreter der Herero, und in jüngerer Zeit auch der Nama, die Anerkennung des Völkermordes seitens der Bundesrepublik Deutschland, eine offizielle Entschuldigung und die Zahlung von Reparationen. Während die Zahlung von Reparationen von deutscher Seite grundsätzlich abgelehnt wurde und wird, schien es in den ersten beiden Punkten zeitweilig Bewegung zu geben. So bat 2004 die damalige Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, in Namibia im Namen der Bundesregierung um Vergebung für die Verbrechen der Schutztruppe und gestand ein: "Die damaligen Gräueltaten waren das, was heute als Völkermord bezeichnet würde – für den ein General von Trotha heutzutage vor Gericht gebracht und verurteilt würde."[17]

Allerdings ist in jüngster Zeit ein Zurückweichen festzustellen. So kam es 2011 zum Eklat, als bei der Rückführung von 20 menschlichen Überresten aus Namibia, die während des Genozids zu rassenanthropologischen Untersuchungen nach Deutschland geschickt worden waren und von denen schätzungsweise noch mehrere Tausend in deutschen Museen und anthropologischen Sammlungen lagern, kein hochrangiger deutscher Regierungsvertreter bereit war, die namibische Delegation zu empfangen. Überdies vermied es die Vertreterin des Auswärtigen Amtes bei der Übergabezeremonie in der Berliner Charité, offiziell von einem "Völkermord" zu sprechen, wodurch sich die anwesenden namibischen Vertreter brüskiert fühlten.[18] Weitere Rückführungen solcher Leichenteile fanden seither nur vereinzelt und ohne große politische Beteiligung statt.[19]

Noch 2012 lehnte der Bundestag erneut die Anerkennung des Völkermordes ab. Die offizielle Begründung, dass die UN-Konvention erst seit 1948 in Kraft sei und nicht ex post angewendet werden könne, verwundert, denn das würde ja auch bedeuten, dass man etwa den Holocaust nicht als Völkermord anerkennen könnte. Auch 110 Jahre nach dem Genozid hat Deutschland seine Gewaltgeschichte also nicht wirklich vollständig aufgearbeitet und belasten die Ereignisse das Verhältnis zu der ehemaligen Kolonie, in der bis heute rund 20.000 bis 30.000 Menschen leben, die sich als deutsch oder deutschstämmig definieren.

Wie sehr dagegen diese Geschichte in Namibia noch präsent ist, zeigte sich etwa am ersten Weihnachtstag 2013, als der "Windhuker Reiter", 1912 von den deutschen Kolonialherren als Siegesmal im Krieg gegen Herero und Nama aufgestellt, in einer Nacht- und Nebelaktion demontiert wurde. In Namibia geht es dabei aber nicht nur um geschichts- und identitätspolitische Fragen.[20] Die Herero und Nama büßen ihren Widerstand gegen das kaiserliche Deutschland zum Teil bis heute.

Auch wenn es die staatlich sanktionierte Stigmatisierung seit dem Ende der Apartheid und der namibischen Unabhängigkeit nicht mehr gibt, so bleibt die soziale Zurücksetzung bestehen. Diese gründet aber zum nicht geringen Teil in deutschen Entscheidungen aus den Kriegsjahren, wurden doch noch während der Kämpfe die "Stammesorganisationen" der am Krieg beteiligten Herero und Nama aufgelöst, ihr Land und Vieh enteignet. Als Konsequenz daraus besitzen nach wie vor viele "Weiße", nicht wenige davon deutschstämmig, die Mehrzahl der Farmen im Hereroland. Statt wie einst Viehzüchter, sind die Herero heutzutage oftmals Lohnarbeiter. Auch dass die Herero, die um 1900 mit den Ovambo zu den zahlenmäßig stärksten Gruppen des späteren Namibia gehörten, heute auch zahlenmäßig marginalisiert sind, ist ein Resultat des Kriegs und des Genozids, der weder für Herero noch für Nama abgeschlossene Geschichte ist.

Fußnoten

15.
Vgl. ebd.
16.
Zur Debatte um das Vorliegen von Genozid vgl. J. Zimmerer (Anm. 3). Der entsprechende Passus der UN-Genozidkonvention ist abgedruckt in: ebd. S. 54. Mit deutlich politischer Stoßrichtung vgl. David Olusoga/Casper W. Erichsen, The Kaiser’s Holocaust. Germany’s Forgotten Genocide and the Colonial Roots of Nazism, London 2010; Jeremy Sarkin, Germany’s Genocide of the Herero. Kaiser Wilhelm II, his General, his Settlers, his Soldiers, Kapstadt 2011.
17.
Rede von Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul bei den Gedenkfeierlichkeiten der Herero-Aufstände am 14.8.2004 in Okakarara, http://www.windhuk.diplo.de/Vertretung/windhuk/de/03/Gedenkjahre
__2004__2005/Seite__Rede__BMZ__2004-08-14.html
(5.6.2014).
18.
Vgl. Berliner Charité: Rückgabe von Kolonialzeit-Schädeln endet im Streit, 30.9.2011, http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/-a-789434.html« (5.6.2014).
19.
Dazu und zum Folgenden vgl. Jürgen Zimmerer, Kolonialismus und kollektive Identität: Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, in: J. Zimmerer (Anm. 4), S. 9–37.
20.
Zur Verarbeitung des Krieges vgl. Larissa Förster, Postkoloniale Erinnerungslandschaften. Wie Deutsche und Herero in Namibia des Kriegs von 1904 gedenken, Frankfurt/M. 2010. Zum unabhängigen Namibia vgl. Henning Melber, Understanding Namibia. The Trials of Independence, London 2014 (i.E.).
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