"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Uffa Jensen
Stefanie Schüler-Springorum

Antisemitismus und Emotionen

Vor einiger Zeit erregte ein Buch große mediale Aufmerksamkeit, das unter dem reißerischen Titel "Warum die Deutschen? Warum die Juden?"[1] versprach, das große "Warum" zu erklären, das der von Deutschen begangene, industriell betriebene Massenmord an den europäischen Juden bis heute bei allen auslöst, die sich damit befassen – sei es nach einem entsprechenden Film, bei einem Besuch in einer Gedenkstätte oder in Jahrzehnten akademischer Arbeit. Zwar konnte das Buch dieses Versprechen bei Weitem nicht einlösen, seinen argumentativen, in mancher Hinsicht nicht unproblematischen Furor aber gewann es genau dadurch, dass es wortgewaltig und in Wiederholungsschleifen immer wieder auf die große Leerstelle fast aller bisherigen Erklärungsversuche verwies: auf die Wucht der Emotionen. In der Tat waren (und sind) tief verwurzelte, gegen Juden gerichtete, "feindliche Gefühle" – mithin Neid, Wut, Ekel, Abscheu, Verachtung – nicht erst nach 1933, sondern schon in den Dekaden zuvor ein zentraler Aspekt des Judenhasses.[2]

Antisemitismus als emotionsgeschichtliches Problemfeld

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Feld der historischen Antisemitismusforschung haben sich bisher nur sehr selten für die emotionalen Anteile ihres Forschungsgegenstands interessiert, was auch damit zu tun hat, dass sie ohnehin nicht oft über ihre konzeptionellen und theoretischen Grundlagen nachdenken. Große Bereiche der historischen Forschung untersuchen vornehmlich antisemitische Texte, Bewegungen und Ereignisse und verzichten auf eine konzeptionelle Durchdringung des Materials. In einigen Arbeiten wird Antisemitismus sogar zu einem überzeitlichen Phänomen, das in fast allen nichtjüdischen Gesellschaften auftritt.[3]

Kommt es doch zu einer theoretischen Einordnung, geschieht dies zumeist mit Bezug auf einen bestimmten Teil der sozialwissenschaftlichen und sozialpsychologischen Debatten, nämlich der weitgehend empirisch arbeitenden Vorurteilsforschung.[4] Judenfeindschaft dient hierbei als ein besonders markantes Beispiel für andere Vorurteilsstrukturen.[5] Dadurch erbt die Antisemitismusforschung allerdings auch die systematischen Schwächen solcher Ansätze, die sich nicht selten in einer Einstellungsforschung erschöpfen, die mit Fragebögen und Interviews arbeitet, aber ebenfalls auf einer empirisch-deskriptiven Ebene verbleibt.[6]

Insgesamt muss das Urteil also kritisch ausfallen: Die Antisemitismusforschung ist, so das Fazit des Soziologen Werner Bergmann, nach einem "starken Auftakt" in der Mitte des 20. Jahrhunderts heute durch die "Entstehung und Verfestigung eines Methoden- und Theoriedefizits" und die fehlende Vermittlung von Empirie und Theorie geprägt.[7] Diese konzeptionelle und theoretische Unzufriedenheit mit der Gegenstandsbeschreibung und dem Vorgehen der Antisemitismusforschung bildet für unsere Argumentation einen wichtigen Hintergrund. Unser Ziel ist es, die Forschung zu öffnen, neue Fragen zu stellen und die historische Herangehensweise zu vertiefen und zu radikalisieren.[8] Eine wichtige Dimension stellt dabei die Frage nach den Gefühlen gegen Juden dar. Entsprechende Überlegungen sind schon andernorts als ein möglicher Ausweg aus den vorherrschenden "kategoriale(n) und definitorische(n) Unschärfen und Verwirrungen" beschrieben worden.[9]

Grundsätzlich stellt Antisemitismus eine soziale Praxis dar. Daher muss zunächst nach dem Verhältnis von Emotion und Handlung gefragt werden. In einem alltäglichen Verständnis von Emotionen – und nicht selten auch in deren wissenschaftlicher Erforschung – wird häufig eine direkte Verbindung von Emotion und Handlung angenommen. Wer auf einen Bären, eine Schlange oder einen Tiger – so oder ähnlich die Beispiele in der Forschungsliteratur[10] – trifft, bekommt Angst und flieht. In diesen Affektprogrammen, die in der Regel evolutionsbiologisch als Überlebensstrategie unserer menschlichen Vorfahren dargestellt werden, wird die Handlung auf einen Affekt zurückgeführt, der wiederum eine direkte Reaktion auf einen externen Reiz bildet.[11]

Allerdings gibt es schwerwiegende Einwände gegen einen direkten Zusammenhang von Emotionen und Handlungen. Zunächst ist es bei vielen Emotionen schwer, die angeblich automatisch folgenden Handlungen anzugeben. Oft sind mehrere Handlungen denkbar; selbst bei Angst reagiert nicht jeder Mensch mit Flucht. Zudem ist die Gegenüberstellung von Emotionen und Handlungen auf einer theoretischen Ebene fragwürdig, weil Emotionen bereits Praktiken darstellen. Emotionen haben wir nicht nur, wir machen sie auch.[12] Der Ansatz des doing emotions schließt dabei nicht aus, dass sich sozial erlernte Emotionsstrukturen in einem sozialen Habitus und damit auf einer körperlichen Ebene so verfestigen, dass sie zur zweiten Natur einer Person werden.[13] Damit wird es möglich, nicht einfach Affektprogramme ahistorisch vorauszusetzen, sondern die Entstehung, den Wandel und das Verschwinden von Emotionen sowie die wechselnden Zusammenhänge mit Handlungen historisch zu untersuchen.

Aus der Kritik an eindeutig verlaufenden Affektprogrammen lassen sich zwei Rückschlüsse für die historische Antisemitismusforschung ziehen: Entweder man unterlässt die Erforschung von Emotionen und konzentriert sich auf die kognitiven Anteile des Antisemitismus, da die beteiligten Emotionen gar nicht untersucht werden können oder aber stets gleich funktionieren und somit keinem historischen und gesellschaftlichen Wandel unterworfen sind. Oder man versucht nachzuweisen, warum Emotionen für die historische und politische Erklärung von Antisemitismus relevant sind und wie man sich ihnen theoretisch nähern muss. Hier soll dieser zweite Weg beschritten werden, weil er aus unserer Sicht eine zutreffendere Beschreibung des Phänomens Antisemitismus verspricht. Damit ist nicht ausgeschlossen, dass kognitive Anteile des "Jüdischen" Antisemitismus mitprägen, vielmehr kann die jeweils historisch spezifische Wechselwirkung von Emotionen und Kognitionen konsequent in den Mittelpunkt der Forschung gerückt werden.

Fußnoten

1.
Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800–1933, Frankfurt/M. 2011; vgl. auch die Rezension von Stefanie Schüler-Springorum in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 60 (2012), S. 189f.
2.
Vgl. Aurel Kolnai, Ekel, Hochmut, Haß. Zur Phänomenologie feindlicher Gefühle, Frankfurt/M. 2007.
3.
Vgl. beispielsweise Robert S. Wistrich, A Lethal Obsession: Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad, New York 2010.
4.
Es gibt noch einen zweiten Strang der sozialwissenschaftlichen Forschungen, der allerdings kaum noch in der historischen Forschung aufgegriffen wird und deshalb hier nur erwähnt werden soll. Gemeint sind die Sozialtheorien zum Antisemitismus, die in der Tradition der Kritischen Theorie oder/und der Psychoanalyse stehen. Vgl. vor allem Moishe Postone, Die Logik des Antisemitismus, in: Merkur, 36 (1982) 1, S. 13–25; Samuel Salzborn, Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt/M. 2010.
5.
Vgl. etwa Wolfgang Benz/Angelika Königseder (Hrsg.), Judenfeindschaft als Paradigma. Studien zur Vorurteilsforschung, Berlin 2002.
6.
Vgl. dazu Werner Bergmann, Starker Auftakt – Schwach im Abgang. Antisemitismusforschung in den Sozialwissenschaften, in: ders./Mona Körte (Hrsg.), Antisemitismusforschung in den Wissenschaften, Berlin 2004, S. 219–239.
7.
Ebd., S. 222.
8.
Neuere Bemühungen um die Begründung der Antisemitismusforschung verfolgen ein ähnliches Interesse, wenn sie auch sozialtheoretisch orientiert und damit anders gelagert sind. Vgl. vor allem Klaus Holz, Nationaler Antisemitismus. Wissenssoziologie einer Weltanschauung, Hamburg 2001.
9.
Vgl. mit einem überzeugenden Argument für ein Konzept von Ressentiment Julijana Ranc, Ressentiment-Kommunikation in actu. Antijüdische Affekte und Argumentationen, in: Mittelweg 36, 19 (2010) 4, S. 20–36, hier: S. 22.
10.
Für das Bärenbeispiel: William James, What is an Emotion?, in: Mind, 34 (1884) 9, S. 188–205, hier: S. 190; für die Schlange: Joseph LeDoux, Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen, München 20032, S. 176–179; der Tiger findet sich in: Roy F. Baumeister et al., How Emotion Shapes Behavior: Feedback, Anticipation, and Reflection, Rather Than Direct Causation, in: Personality and Social Psychology Review, 11 (2007) 2, S. 167–203.
11.
Zu den Konzeptionalisierungen von Angst in der interdisziplinären Emotionsforschung vgl. Jan Plamper/Benjamin Lazier (Hrsg.), Fear. Across the Disciplines, Pittsburgh 2012.
12.
Vgl. dazu Pascal Eitler/Monique Scheer, Emotionsgeschichte als Körpergeschichte. Eine heuristische Perspektive auf religiöse Konversionen im 19. und 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft, 35 (2009) 2, S. 282–313; Monique Scheer, Are Emotions a Kind of Practice (and Is That What Makes Them Have a History)? A Bourdieuan Approach to Understanding Emotion, in: History and Theory, 51 (2012) 2, S. 193–220.
13.
Vgl. P. Eitler/M. Scheer (Anm. 12), S. 292.