"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Uffa Jensen
Stefanie Schüler-Springorum

Antisemitismus und Emotionen

Emotionsgeschichtliche Erforschung von Stereotypen und Vorurteilen

Eine emotionsgeschichtliche Perspektive wird gerade diesen Automatismus problematisieren müssen. Es lassen sich drei Einwände gegen diese sozialwissenschaftlichen und sozialpsychologischen Versuche formulieren, Emotionen in die Vorurteilsforschung zu integrieren. Zunächst wird dabei mit einer Gegenüberstellung von Emotion und Kognition argumentiert, obwohl eine solche Trennung von einer wachsenden Anzahl unterschiedlicher Disziplinen inzwischen angezweifelt wird.[22]

Zweitens untersucht diese Forschungstradition nur selten die Gruppenbildungsprozesse selbst, was in anderen Bereichen der Sozialpsychologie geschieht. Die Gruppen, denen sich Individuen zugehörig fühlen (oder nicht), denen gegenüber sie verschiedene Emotionen empfinden (oder nicht), existieren eben nicht "einfach so", sondern werden durch diese unterschiedlichen Haltungen erst mitkonstituiert. Die sozialwissenschaftliche Forschung läuft Gefahr, die Gruppen, die sie zu analysieren vorgibt, bereits vorauszusetzen – und damit mittels Fragebögen, wissenschaftlichen Gestus und politischer Einflussnahme eine realitätsgenerierende und -normierende Funktion auszuüben.

Schließlich – so lautet der dritte Kritikpunkt – enthistorisieren und dekontextualisieren diese Forschungen auch die Kategorie Emotion. Dabei werden Emotionen als eigenständiges Gebilde mehr gesetzt denn analysiert, um eine Prognose über die folgende Handlung zu ermöglichen. In der Regel erscheinen sie stets als klar abgrenzbare, unterschiedliche Einheiten – die Angst, die Wut, der Hass –, obwohl diese weder ontologisch noch in der sozialen Wirklichkeit so einfach voneinander zu unterscheiden sind.[23] Letztlich kulminiert die doppelte Abstrahierung – die von der Gruppen- wie die von der Emotionsgenese – in einer entscheidenden, auch politisch problematischen Leerstelle der interdisziplinären Vorurteilsforschung: Wenn vorurteilsbehaftete Gruppen und handlungsleitende feindliche Emotionen de facto existieren, wieso sollte sich dann etwas an ihnen ändern lassen, nicht zuletzt durch derartige Forschung? Erst die historische Perspektive auf die Herausbildung von Gruppen und Emotionen lässt auch in Zukunft einen historischen Wandel möglich erscheinen und erlaubt es, über etwaige Bedingungen für diesen Wandel nachzudenken. Eine emotionsgeschichtliche Vorurteilsforschung muss somit bestimmte Kriterien erfüllen: Sie sollte von historisch wandelbaren Emotionen ausgehen, vorgefasste, eindeutige Gruppenzuschreibungen vermeiden und eine strikte Unterscheidung zwischen Emotion und Kognition unterlassen.

Mit dem Ziel, eine Emotionsgeschichte zu begründen, die sowohl die psychologischen Erkenntnisse über die Funktionsweise von Emotionen zur Kenntnis nimmt als auch offen für einen Begriff von historischer Wandelbarkeit sein kann, soll hier ein theoretisches Angebot unterbreitet werden: der Core-affect-Ansatz des Psychologen James A. Russell.[24] Russell argumentiert zunächst gegen die Vorstellung von klar abgrenzbaren Einzelemotionen wie Angst, Wut oder Hass. Beschreiben lässt sich hingegen lediglich ein neurologischer Zustand, den Russell core affect nennt. Diesen könnte man als eine Art "emotionales Grundrauschen" beschreiben, das man gelegentlich als Stimmung wahrnehmen kann, das in der Regel aber vorbewusst bleibt. Dieser core affect ist nur vage nach Vergnügen/Missvergnügen und Erregung/Trägheit unterschieden. Aus dem Grundrauschen können dann Emotionen entstehen, sollte man sich in einer bestimmten Situation darauf konzentrieren – oft ausgelöst durch ein bestimmtes Objekt oder einen bestimmten Anlass. Je nach Objekt, Situation und kulturellem Kontext sowie nach bestimmten Regeln und kognitiven Bewertungen bildet man dann Emotionen aus. Ein individueller Körper, so lassen sich Russells Überlegungen radikal-historistisch wenden, hat also bestimmte Fähigkeiten erworben, wie aus einer körperlichen Grundstimmung ein konkretes Gefühl gebildet wird.

In Bezug auf die Wahrnehmungs- und Emotionsprozesse, die bei der Vorurteilsbildung eine Rolle spielen, impliziert dies schematisch folgenden Ablauf: Man trifft auf eine Person (Ereignis), die man in dieser konkreten Situation als unangenehm empfindet (affektive Qualität). Die eigene Stimmung (core affect) verschlechtert sich; man nimmt eine körperliche Veränderung wahr. Wenn man erfährt (oder schon weiß), dass diese Person einer bestimmten Gruppe angehört, kann man für diese emotionale Erfahrung ihre Gruppenzugehörigkeit verantwortlich machen (Zuschreibung). Ist der Stimmungsumschwung markant genug, beginnt man darüber nachzudenken (Reflexion): "Warum habe ich ein schlechtes Gefühl, wenn ich eine solche Person treffe? Was fühle ich? Was sollte ich fühlen? Was fühlen andere, wenn sie auf einen Angehörigen einer solchen Gruppe treffen? Warum haben sie auch schlechte Gefühle?"

Schließlich kann man aufgrund der Bewertung der Situation, des impliziten, kulturgebunden und historischen Emotionswissens und der normativen Einschätzungen angeben, welche Emotion man empfindet: Abneigung, Ärger, Wut, Ekel, Hass. Gegebenenfalls wird man dann entsprechend handeln: das Gespräch beenden, die Person meiden. Zugleich besteht hier die Möglichkeit, die eigenen Emotionen zu beeinflussen und zu steuern (emotionale Regulierung).

Ein weiterer wichtiger Aspekt lässt sich zudem annehmen, obwohl er keine Rolle in Russells Modell spielt: Derartige Abläufe können erinnert werden. Wenn man erneut auf diese Person trifft, wird man sich möglicherweise an die emotionale Reaktion erinnern und diese erneut aktivieren. Es ist auch möglich (aber keineswegs zwingend), dass man solche Gefühlserfahrungen auf andere Personen gleicher Gruppenzugehörigkeit überträgt, sodass sich das Gefühl gegen diese Person zu einem Gefühl gegen deren Gruppe verstetigt, wie auch immer man deren Beschaffenheit imaginiert.

Obwohl Modelle wie das von Russell wichtige Einsichten auch für die Geschichtswissenschaft bieten können, darf man bei der Übertragung auf konkrete historische Fälle deren schematischen Charakter nicht außer Acht lassen. Insbesondere an zwei Punkten geraten die dargestellten Überlegungen an ihre Grenzen. Zunächst ist natürlich auch ein anderer Verlauf dieser schematischen und zugespitzten Darstellung eines Zusammentreffens denkbar – und dies geschieht in historischen Situationen ständig. So kann man eine positive Reaktion auf die betreffende Person haben; es kann dann einigen Aufwand erfordern, die sich entwickelnden positiven Gefühle zu begründen. Wenn man bereits eine negative Haltung der entsprechenden Gruppe gegenüber besitzt, muss man in der Regel auf die Figur der Ausnahme rekurrieren: "Generell mag ich die Menschen dieser Gruppe nicht, aber dieser ist mir aufgrund seines außergewöhnlichen Charakters sympathisch." Gespeichert werden kann mit dieser Begegnung dann nicht nur die "Ausnahme", sondern ein weiteres Mal auch die negative Sichtweise.

Wichtig ist darüber hinaus die Erkenntnis, dass eine Situation, in der eine emotionale Erfahrung gemacht werden kann, niemals losgelöst ist von ihrem Kontext. Erfahrung "an sich" ist eine Chimäre.[25] Vorwissen strukturiert jede Erfahrung, sodass sich bestimmte Haltungen zu anderen Gruppen, die in einer Gruppe geteilt werden, dem einzelnen Gruppenmitglied gleichsam aufdrängen können. Sie nicht zu teilen, stellt nicht selten die Gruppenmitgliedschaft in Frage, insofern sind Gruppenbildungsprozesse für die Produktion von Vorurteilen und Emotionen elementar. In radikalster Form braucht man die Begegnung mit einer Person, die sich als Mitglied einer anderen Gruppe herausstellt oder so vorgestellt wird, auch gar nicht mehr, weil das entsprechende gruppenbezogene Vorwissen sich durch kulturelle und mediale Vermittlung verselbstständigt hat. Vorwissen beinhaltet dabei stets Emotionswissen, das Teil des moralischen Gewebes von Gruppen ist: "Welche Emotionen habe ich anderen gegenüber zu haben? Wie fühlen die sich an? Wie kommuniziere ich sie?" Und so weiter. Emotionen basieren insofern auch stets auf sozialen Einübungsprozessen in Gruppen und sogar ganzen Gesellschaften.

Trotz dieser Einschränkungen erscheint es für den Fall gruppenbezogener Vorurteilsstrukturen und auch für den Antisemitismus sinnvoll, die spezifische Eigenlogik von Emotionen näher zu definieren oder genauer: die Eigenlogik jener körperlichen "Erfahrungen", die in einem bestimmten historischen Kontext gemeinhin als Emotionen bezeichnet und wahrgenommen werden. Für diese Eigenlogik sind drei Dimensionen maßgeblich:

1. Intensität: Emotionen bewegen den Körper. Die von Russell beschriebenen komplexen Prozesse der Aktivierung, Bewertung und Mobilisierung eines core affect in konkrete Emotionen materialisieren sich im Körper. Dabei unterliegen beide Entitäten – Emotionen wie Körper – einem historischen Wandel mit eigener Zeitlichkeit. Gefühle gegen spezifische Gruppen stellen Verkörperlichungen dar, die insbesondere aus dieser Qualität ihre Evidenz und Intensität erhalten, wodurch subjektiv eine Dramatisierung erfahrbar wird. Man glaubt, Abneigung gegen andere buchstäblich am eigenen Körper zu erfahren.

2. Speicherung: Über Erinnerungsprozesse und Gedächtnisspeicherung lassen sich emotionale Reaktionen reaktivieren. Durch eine solche Archivierung werden Vorurteile übertragen, verallgemeinert und damit verstetigt. Dies eröffnet eine Erklärungsmöglichkeit für die Langfristigkeit und Zählebigkeit von Vorurteilen. Allerdings brauchen diese auch die beständige Wiederholung, Einübung und damit Speicherung, um nicht doch irgendwann vergessen zu werden.

3. Übertragung: Emotionen können ansteckend wirken, weil sie nicht nur per Sprache, sondern auch mit dem Körper kommuniziert werden können. Als Verkörperlichungen, die in sozialen Prozessen entstehen und als solche ebenso an sie gebunden bleiben, steuern sie diese mit. Kognitive Ansprache vermag die verkörperlichten Reaktionsmuster möglicherweise auch nur unter bestimmten Bedingungen zu beeinflussen. Zugleich kann die emotionalisierte Sprache besonders eindrücklich wirken.

Plädoyer für eine Emotionsgeschichte des modernen Antisemitismus

Was also trägt die Emotionsgeschichte zur modernen Antisemitismusforschung bei? Eine entsprechende Erweiterung der Antisemitismusforschung wirft neue Fragen auf; sie fordert dazu auf, neue Quellen zu analysieren und alte mit Blick auf ihre emotionale Qualität neu zu interpretieren. In ihr wird nach der jeweiligen Bedeutung von feindlichen Gefühlen wie Hass, Ekel, Neid, Verachtung oder Ressentiment für antisemitische Praktiken verschiedener Art gefragt.[26] Zugleich können ambivalente Gefühlslagen und emotionale Mischzustände ebenso berücksichtigt werden wie die Blockade von positiven Gefühlen für Juden. Letztlich fallen sogar Versuche in den Arbeitsbereich der Emotionsgeschichte, Antisemitismus möglichst nüchtern und emotionslos zu verstehen – denn auch darin wird eine Emotionspraktik sichtbar. In diesem Sinne erweist sich die Emotionsgeschichte als eine Perspektive, die der Geschichtswissenschaft neue Erkenntnisse beschert.

Doch inwieweit liefert die Emotionsgeschichte der Antisemitismusforschung mehr als "nur" eine neue Perspektive? Kommt mit der Emotionsgeschichte etwas Konzeptionell-Theoretisches in den Blick, was man ohne sie gar nicht oder nicht deutlich genug gesehen hat? Ließe sich mit ihr vielleicht die besondere Hartnäckigkeit und Zählebigkeit von Vorurteilen im Allgemeinen und von Antisemitismus im Besonderen erklären? Die Attraktivität des Emotionszugangs liegt – das verdeutlichen die affekttheoretischen Debatten der vergangenen Jahre – in dem Wunsch begründet, soziales Handeln im Rückgriff auf ein automatisiertes, vorbewusstes, schnelles und körperliches Agieren zu erklären. Gleichwohl, so haben wir argumentiert, liegt darin auch die Krux: politisch, weil es damit kaum eine Rettung aus einmal automatisiert ablaufenden Vorurteilsstrukturen zu geben scheint, und konzeptionell, weil viele Argumente gegen derartige Programme geliefert werden können.

Alternativ muss, so meinen wir, bei einer Geschichte des menschlichen Körpers angesetzt werden, in der dieser nicht als ahistorische Einheit gedacht, sondern konsequent historisiert wird. In dieser Perspektive lässt sich über Antisemitismus als eine doppelte körperliche Verankerung neu nachdenken. Einerseits materialisiert er sich im Körper: des Antisemiten – und dies vornehmlich als Gefühle gegen Juden. Andererseits materialisiert sich Antisemitismus stets am Körper: des Juden als Marker für Emotionen. Dass diese Markierungen die Realität sozialer Interaktionen verfehlen, unterminiert nicht die Glaubwürdigkeit solcher Markierungsversuche, sondern befördert diese Bemühungen nur zusätzlich in dem Wunsch, das antisemitische Gefühl mit einer imaginierten Realität in Übereinstimmung zu sehen.[27] In der sorgfältigen Analyse solcher Dynamiken liegt das große Potenzial einer Emotionsgeschichte des Antisemitismus.


Dieser Text ist eine gekürzte Version unserer Einleitung für das Themenheft "Gefühle gegen Juden" der Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft", 39 (2013) 4, S. 413–442. Das Themenheft versammelt zudem vier Detailstudien zum Thema

Fußnoten

22.
Vgl. Luiz Pessoa, Emergent Processes in Cognitive-Emotional Interactions, in: Dialogues in Clinical Neuroscience, 12 (2010) 4, S. 271–286.
23.
Vgl. dazu Jerome Kagan, What Is Emotion? History, Measures, and Meanings, New Haven 2007, S. 8.
24.
Vgl. James A. Russell, Core Affect and the Psychological Construction of Emotion, in: Pychological Review, 110 (2003) 1, S. 145–172.
25.
Vgl. Joan Wallach Scott, The Evidence of Experience, in: Critical Inquiry, 17 (1991) 4, S. 773–797; Harold Mah, The Predicament of Experience, in: Modern Intellectual History, 5 (2008), S. 97–119.
26.
Vgl. dazu gewissermaßen als kleine Pionierstudie Andrea Hopp, Antijüdische Emotionen adeliger Frauen: zwei Fallbeispiele (1824–1945), in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, 21 (2012), S. 268–293.
27.
Vgl. Uffa Jensen, Gebildete Doppelgänger. Bürgerliche Juden und Protestanten im 19. Jahrhundert, Göttingen 2005.