Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.

21.7.2014 | Von:
Iris Pufé

Was ist Nachhaltigkeit? Dimensionen und Chancen

Nachhaltigkeit als Querschnittsdisziplin

Nachhaltigkeit ist theoretisch so beliebt wie praktisch schwer umzusetzen. Das liegt vor allem an ihrem interdisziplinären Charakter. Dieser erschwere es, Nachhaltigkeit auf einige ausgewählte Theorien zu beschränken, betont etwa der Jurist und Philosoph Felix Ekardt. Vielmehr wähle jede Disziplin ihrer spezifischen Ausrichtung entsprechend einen eigenen Zugang, und das seien potenziell sehr viele.[14] Was für die Wissenschaft gilt, gilt auch für den Bereich Recht. So steht eine Verrechtlichung des Leitbildes nach wie vor aus, auch deshalb, weil sie sich über zahlreiche Umwelt- und Sozialgesetzgebungen erstreckt wie etwa das Chemikalien-, Bodenschutz-, Emissions- sowie Antidiskriminierungs- und Arbeitssicherheitsgesetz, um nur einige zu nennen.

Mit Blick auf Nachhaltigkeit ist die Wissenschaft zu einer Frühwarninstanz für die Gesellschaft geworden, wie das Beispiel der Ozonlochvergrößerung zeigt: Hier haben wissenschaftliche Erkenntnisse dazu beigetragen, die Gefahr zu erkennen und ihr durch entsprechende politische Maßnahmen zu begegnen. Wie eingangs angesprochen, scheitert der Anspruch auf garantiert sicheres Wissen jedoch daran, dass Komplexität und Vielfalt sich überlagernder kausaler Zusammenhänge und Kreisprozesse analytisch kaum zu fassen sind.[15] Unabdingbar erfordert Nachhaltigkeit gleichwohl, in Langzeitkategorien zu denken. Die Herausforderungen an das Nachhaltigkeitsleitbild sind, für diese Dimension zu sensibilisieren – und das, was sie langfristig bedeutet, auch kurzfristig erfahrbar zu vermitteln.

Wie lässt sich nun Nachhaltigkeit von Unternehmen als zentrale Akteure umsetzen?[16] Ein Patentrezept für alle gibt es nicht, doch ist festzuhalten: Nachhaltige Unternehmen operieren nicht nach Gutsherrenart, sondern sie beziehen die Interessen von Bezugsgruppen ein – eine mannigfaltige Klientel, mit deren Einspruch, Widerrede und Stellungnahme zu rechnen ist. Fälle wie "Stuttgart 21", das Scheitern der Münchner Olympiabewerbung für 2018 oder die Proteste bei Atommülltransporten erinnern an dieses Potenzial. Mit diesen Bezugsgruppen kommt eine Vielzahl von Perspektiven in die Diskussion, mit all ihren Nach-, aber auch Vorteilen. Dabei zeichnet sich eine Ablösung der bisherigen Vormachtstellung der Shareholder (das heißt, "lediglich" die Aktieninhaber einer Unternehmung sind ökonomisch von Bedeutung und entscheidungsrelevant) durch die Stakeholder ab (das heißt, entscheidungsrelevant ist auch die Haltung anderer interessierter Gruppen, etwa Mitarbeiter, Kunden oder Anwohner). Positiv gedeutet kann jene neue Stakeholdertheorie als eine Entwicklung hin zu mehr Demokratie verstanden werden. In Besinnung auf die Stärke der unternehmensspezifischen Kernkompetenz bestimmt die Auseinandersetzung mit den Stakeholdern die individuelle Nachhaltigkeitsagenda. Ist diese erarbeitet, gilt es, diese in eine langfristige Strategie einzubetten.

Eine Organisation, die sich nachhaltig ausrichten möchte, kann dabei grundlegend zwischen drei Strategien wählen: der Effizienz-, der Konsistenz- und der Suffizienzstrategie.[17] Die Effizienzstrategie birgt ein hohes Potenzial für Produkt- und Prozessinnovationen. Ziel ist aber zunächst eine Erhöhung der Ressourcenproduktivität. Dass Effizienzgewinne um den Faktor fünf möglich sind, dass also bestimmte Ressourcen fünfmal effektiver genutzt werden könnten als bisher, hat der Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker 2010 vorgerechnet.[18]

Die Kritik an der Effizienzstrategie, nämlich "das Falsche zu perfektionieren", wie es der Verfahrenstechniker und Chemiker Michael Braungart im Rahmen seines Cradle-to-cradle-Produktionskonzepts formuliert,[19] führt zum Konsistenzansatz, der durch die Prämisse geschlossener Stoff- und Energieströme gekennzeichnet ist. Die Konsistenzstrategie basiert auf der Forderung, dass menschliche beziehungsweise wirtschaftliche Aktivitäten und deren Stoff- und Energieströme im Einklang mit jenen in der Natur ablaufen müssen. Die Logik dahinter lautet: Wenn ich von Anfang an dem Wald nur so viel Holz entnehme, wie auf natürliche Weise nachwächst, dann vermeide ich kostspielige Aufforstungsprogramme, wenn keine Bäume mehr da sind.

Bei der Suffizienzstrategie legt ein Unternehmen sozial- und umweltverträgliche Obergrenzen für seine wirtschaftlichen Aktivitäten fest und verabschiedet sich von Anfang an vom "Immer-mehr-Wollen". Dieser Strategie liegt die Annahme zugrunde, dass weniger mehr ist und Lebensqualität wichtiger und befriedigender als Wirtschaftswachstum. Diesen Ansatz verfolgen erst eine Handvoll Unternehmen (etwa die GLS Bank, Weleda oder Rapunzel), dafür mehr Nichtregierungsorganisationen, diese aber umso erfolgreicher – genannt seien nur die Stichworte Transition Towns und Slow Food.[20]

Prinzipien des Nachhaltigkeitsleitbildes

Welche Prinzipien liegen nun dem Konzept, dem Leitbild und der Querschnittsherausforderung Nachhaltigkeit zugrunde? Woran kann man sich grundlegend für ein nachhaltiges, verantwortungsvolles Engagement orientieren? Die wichtigsten Prinzipien sind hier zusammengefasst:
  • Intragenerationelle Gerechtigkeit: Innerhalb einer Generation haben weltweit alle Menschen dieselben Chancen verdient, das heißt, eine Inderin hat die gleichen Rechte wie ein US-Amerikaner.
  • Intergenerationelle Gerechtigkeit: Zwischen den unterschiedlichen Generationen kommt es zu keiner Diskriminierung, das heißt, ein Neugeborenes hat nicht weniger Rechte als ein erwachsener oder ein greiser Mensch.
  • Ganzheitlichkeit und Integration: Keine der Nachhaltigkeitsdimensionen (sozial, ökologisch, ökonomisch) wird bevorzugt. Stattdessen wird nach einer integrativen Problemlösung gesucht, die alle Dimensionen einbezieht.
  • "Glokalität": Verknüpfung von globalen und lokalen Phänomenen und Entwicklungen nach dem Motto think global, act local.
  • Partizipation, Verantwortung und Stakeholderbeteiligung: Einbeziehung aller Betroffenen und Verantwortlichen.
  • Präventive Langzeitorientierung: Verminderung von Schädigungen bei ökonomischen Aktivitäten statt späterer Aufräumarbeiten.
  • Charakter eines normativen Leitbildes: Im Kern ist Nachhaltigkeit ein ethisch-moralisches sowie handlungsleitendes Prinzip.
Nachhaltigkeit sollte als konstruktiver Handlungsappell verstanden werden. So lassen sich auch obige Prinzipien als positiv und befähigend begreifen – was immer mehr Unternehmen, aber auch einzelne Menschen durchaus tun.

Zwar geht es den meisten dieser Unternehmen nach wie vor nicht primär um die Verbesserung oder gar Rettung der Welt oder das Lösen von Umwelt- und Gesellschaftsproblemen. Unternehmerische Sinneswandel hin zum nachhaltigen Wirtschaften werden oftmals zunächst angestoßen durch externe Entwicklungen wie die Globalisierung, die Verschärfung von Umweltgesetzgebungen, Fachkräftemangel oder veränderte Konsum- und Nachfrageverhalten seitens der Kunden. Doch es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass es kein Widerspruch sein muss, umwelt- und sozialverträglich zu wirtschaften und Gewinne zu erzielen. Dies gilt nicht nur für Firmen aus der Öko-Nische; auch etablierte Marken profitieren von einer konsequenten auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Unternehmensphilosophie. Manche profitieren kurzfristig auch davon, wenn sie sich nur den Anstrich geben, nachhaltig zu wirtschaften – was ihnen langfristig jedoch eher schaden dürfte, wenn das greenwashing auffliegt.

Um dem Prinzip der Nachhaltigkeit zu genügen, müssen sich Produktverbesserungen und Erfindungen in ihrer Entwicklung, Herstellung und Nutzung am Maßstab der Umwelt- und Sozialverträglichkeit messen lassen. Dazu gehören nicht nur ressourcenschonende Produktion und möglichst energiesparende Transportwege, sondern auch menschenwürdige Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung.

Abschließend sei an die zwei zentralen Treiber des Wandels unserer Wirtschaft, und damit auch Gesellschaft, erinnert: die Erwärmung der Erde und das explosionsartige Bevölkerungswachstum. Sie stellen Unternehmen, aber auch jeden Menschen individuell vor eine in der Geschichte beispiellose, neue Situation. Sie ließe sich mit der Metapher eines Hochgeschwindigkeitszuges beschreiben, der auf einen Tunnel zurast, in dem die Schienen erst allmählich verlegt werden. Ob die Gleise fertig werden und der Zug den Tunnel sicher durchquert, ist ungewiss – und ob ein Abbremsen ausreicht oder eine Vollbremsung notwendig ist, ebenfalls. Nachhaltigkeit als ganzheitliches Konzept bietet hierbei die angemessene Perspektive der Problemerkennung und der Problemlösung samt dazugehöriger Modelle, Prinzipien und Strategien. Es kann aufzeigen, wie der Tunnel passiert und neue Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen werden können.

Fußnoten

14.
Vgl. Felix Ekardt, Theorie der Nachhaltigkeit, Baden-Baden 2011.
15.
Vgl. Frederic Vester, Die Kunst vernetzt zu denken, München 2007.
16.
Vgl. Alexandro Kleine, Operationalisierung einer Nachhaltigkeitsstrategie, Wiesbaden 2009.
17.
Vgl. Michael von Hauff/Alexandro Kleine, Nachhaltige Entwicklung, München 2009.
18.
Vgl. Ernst Ulrich von Weizsäcker im Interview, 10.3.2010, http://www.utopia.de/magazin/ernst-ulrich-von-weizsaecker-faktor-fuenf-mal-so-viel-wohlstand-aus-kilowattstunde-energie-ressourcen« (3.7.2014).
19.
Vgl. Michael Braungart, Festvortrag bei der Ehrenpreis-Verleihung der Heinz Sielmann Stiftung, 1.10.2013, München; ders./William McDonough, Cradle to Cradle. Einfach intelligent produzieren, München 2013.
20.
Vgl. N. Paech (Anm. 12).
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Autor: Iris Pufé für bpb.de
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