Comics

5.8.2014 | Von:
Martin Frenzel

Der Holocaust im Comic

Über "Maus" hinaus

Gerade in den vergangenen zehn Jahren sind auch hierzulande viele neuere Arbeiten erschienen, die belegen, dass es sich lohnt, über "Maus" hinaus zu denken, ohne dabei die Bedeutung des Spiegelman’schen Epos zu mindern.[11] Doch reichen die Anfänge des Holocaustcomics weiter zurück als "Maus". Eine Bestandsaufnahme im internationalen Vergleich zeigt, dass es nicht nur in der Gegenwart eine Fülle anderer, qualitativ anspruchsvoller Holocaustcomics gibt, sondern auch in historischer Perspektive von einer langen Tradition dieses Genres gesprochen werden kann.

Die Anfänge des Holocaustcomics sind in etwa zeitgleich mit dem Beginn der Vernichtung von Europas Juden zu verorten: Horst Rosenthal (1913–1942) schuf seine Comickurzgeschichte "Mickey au camps de Gurs" 1942, im Jahr der Wannseekonferenz, als er selbst Gefangener des gleichnamigen französischen Durchgangslagers und der Willkür seiner Peiniger ausgesetzt war, ehe er nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Dies ist der einzige bislang bekannte Holocaustcomic, der aus eigener Beobachtung heraus entstand. Der vermutlich früheste längere Holocaustcomic ist Edmond-François Calvos (1892–1957) eleganter Tierfabel-Klassiker "La Bête est morte" von 1944, dessen erster Band noch vor der Befreiung Frankreichs entstand und Hitler als bösen Wolf darstellt. Erstmals wurden hier die Unmenschlichkeit der NS-Diktatur, Deportation und Massenmord in Wort und Bild ins Zentrum gerückt. Ein vergessener Altmeister des Holocaustcomics ist der legendäre Comickünstler des US-amerikanischen Verlags EC (Entertaining Comics) Bernard Krigstein (1919–1990), dessen Kurzgeschichte "Master Race" über das Aufeinandertreffen eines ehemaligen KZ-Häftlings und des früheren Lagerkommandanten in der New Yorker U-Bahn von 1955 noch heute sowohl grafisch als auch textlich zu den Perlen des Genres gehört. Ein Mann wird gejagt: Die Leserschaft wird Zeuge einer atemberaubend rasant inszenierten Verfolgungsjagd – und bleibt lange Zeit im Unklaren darüber, wer Täter und wer Opfer war.

Während Holocaustcomics aus deutscher Feder bisher weitgehend fehlen, erschien seitdem in Frankreich, Belgien, Skandinavien und den USA eine Vielzahl an Werken unterschiedlicher Prägung. Erwähnt seien hier nur empfehlenswerte jüngere Arbeiten.[12]

Nach den Debatten der 1980er und frühen 1990er Jahre um "Maus" sowie um Paul Gillons und Patrick Cothias Comicadaption des autobiografischen Romans "Schrei nach Leben" (1988) von Martin Gray, der im Warschauer Getto spielt, lösten die beiden pädagogischen Ligne-claire-Arbeiten des niederländischen Comickünstlers Eric Heuvel, "Die Entdeckung" (2004) und "Die Suche" (2007), über eine fiktive jüdische Familie, die nach Auschwitz deportiert wird, eine erneute Legitimitätsdebatte in deutschen Medien aus. Trotz der Ausrichtung auf die Zielgruppe jüngerer Kinder lautete der Vorwurf, durch das Ausblenden etwa von Massakern werde einem Euphemismus Vorschub geleistet.[13] Mittlerweile wird "Die Suche" auch in Deutschland im Geschichtsunterricht eingesetzt.

In etwa zeitgleich mit Crocis "Auschwitz" erschien 2005 in Deutschland das skizzenhaft gezeichnete halbbiografische Holocaustmelodram "Yossel" des US-Altmeisters Joe Kubert, in dem er das Schicksal seines Alter Egos, eines zeichnerisch begabten Jungen im Vernichtungslager, erzählt. Dabei geht er von der Frage aus, was gewesen wäre, wenn er selbst und seine jüdische Familie nicht lange vor Beginn des Zweiten Weltkrieges in die USA ausgewandert wären. Kritische Stimmen hielten Kuberts Grafik vor, sie stelle etwa KZ-Häftlinge realitätsfern im Stile erstaunlich muskulöser Superhelden dar.[14] Die US-Amerikaner Ernie Colóns und Sid Jacobson legten 2010 eine durch das Anne Frank Haus autorisierte neue Anne-Frank-Biografie für Jugendliche vor, der es am Beispiel des jüdischen Mädchens grafisch und narrativ ausgesprochen gut gelingt, politisch-historische Bildung in Comicform zu transportieren.

In der 2006 gestarteten französischen Holocaustcomicserie für Kinder und Jugendliche "L’Envolée Sauvage" schildern Laurent Galandon und Arno Monin auf einfühlsame, wenn auch ungeschminkte Art die Geschichte des kleinen Simon in den Fängen der Holocaustmaschinerie. Die US-Amerikanerin mit ungarischen Wurzeln Miriam Katin erzählt in "Allein unter allen" von 2006 die Geschichte ihrer von einem deutschen Wehrmachtsoffizier sexuell missbrauchten Mutter. Auch der US-amerikanische Kommunikationsprofessor Martin Lemelman rekonstruiert in "Mendel’s Daughter" von 2007 die Familiengeschichte seiner Mutter im besetzten Polen in eindringlichen, skizzenhaften Schwarzweißbildern. Ein besonders erschütterndes Beispiel für eine biografische Aufarbeitung ist die 2008 erschienene Kurzgeschichte der drei US-Comicstars Neal Adams (Bleistiftzeichnungen), Joe Kubert (Tuschezeichnungen) und Stan Lee (Einleitung) mit dem Text des Direktors des David S. Wyman Insitute for Holocaust Studies, Rafael Medoff, über das Leben der Zeichnerin und Holocaustüberlebenden Dina Gottliebová Babbitt.[15] Aufgrund ihres zeichnerischen Talents wird die junge Frau in Auschwitz vom berüchtigten KZ-Arzt Josef Mengele auserkoren, Portraits von den Opfern seiner Experimente zu zeichnen.

Die beiden 2008 erschienenen Comicanthologien "Paroles d’Etoiles" und "Les Enfants Sauvés" widmen sich Kinderschicksalen im Holocaust. Catel, Emannuelle Polack und Claire Bouilhac setzten 2009 mit "Capitaine Beaux-Arts" der Widerstandskämpferin und Retterin französischer Kunstwerke aus den Pariser Museen, Rose Valland, ein beachtliches Comicdenkmal. Ein erzählerisch dichter, im Semi-funny-Zeichenstil gehaltener Wurf gelang dem finnisch-norwegischen Comiczeichner Mikael Holmberg 2010 mit "26. November": In vier Episoden über den norwegischen Holocaust schildert der Autor die Erlebnisse von Überlebenden. Ein bemerkenswertes, leider noch nicht auf Deutsch vorliegendes Werk ist das 2012 in Frankreich erschienene "Crimes de Papier. Retour sur l’affaire Papon" von Johanna Sebriens und Jean Baptiste Bertholom, das die Verbrechen des französischen Organisators der Deportationen und späteren Ministers unter Charles de Gaulle, Maurice Papon, in Form eines schwarzweißen Spiels mit Licht und Schatten in den Blick nimmt.

Die israelische Comiczeichnerin und Ligne-claire-Virtuosin Rutu Modan griff 2013 mit "Das Erbe" den von Art Spiegelman in "Maus" angelegten Faden des Traumas der zweiten und dritten Generation wieder auf, ebenso wie Michel Kichka jüngst mit "Zweite Generation. Was ich meinem Vater nie gesagt habe". Beide Autoren verstehen sich gekonnt auf das Mehrebenenspiel zwischen gestern, heute und morgen. In Modans autobiografisch inspirierter, bisweilen ironischer Comicnovelle kehrt eine resolute alte Dame und Holocaustüberlebende zu ihren Wurzeln in Polen zurück, begleitet von ihrer Enkelin. Der 1954 in Belgien geborene und 1974 nach Israel ausgewanderte Kichka setzt sich mit dem Trauma der Familie auseinander – sein Vater Henri war selbst in Auschwitz und verlor die gesamte Familie.

Mit "Der vergessene Garten" sind 2014 nun auch die kurzen Episoden für Erwachsene des vielfach preisgekrönten französischen Kindercomickünstlers Émile Bravo erstmals auf Deutsch erschienen: In einer dieser wortlosen Pantomime-Bildgeschichten geht es um das tiefe, lange nachwirkende Trauma der Shoah. Bravo erlaubt sich eine Referenz an Krigsteins "Master Race": Ein Holocaustüberlebender mit gelbem Stern und in KZ-Häftlingskleidung trifft im Juni 1945 im Nachkriegs-Paris ein. Sichtlich vom Grauen traumatisiert, kann der völlig ausgemergelte, ins Leere starrende Heimkehrer nichts mit dem Ratschlag eines anderen Metrofahrgasts im Pariser Untergrund anfangen, den Stern doch einfach in die Mülltonne der Geschichte zu werfen. Am Ende der Kurzgeschichte rast die Metro in einen dunklen Tunnel ohne Licht und ohne Hoffnung.

Die zwei bisher einzigen aktuellen deutschen Beiträge zur comickulturellen Erinnerungsarbeit sind Reinhard Kleists "Der Boxer" von 2012, eine biografische Annäherung an den polnisch-jüdischen Boxer Hertzko Haft, der in Auschwitz zur Unterhaltung der SS-Männer gegen andere Häftlinge um Leben und Tod kämpfen musste, sowie Volker Reiches autobiografische Graphic Novel "Kiesgrubennacht" von 2013. Reiche, Jahrgang 1944, arbeitet die eigenen Erinnerungen an die unversöhnte Kindheit und den ewig gestrigen, braun gesinnten Vater auf und nähert sich dabei dem Schrecken des Holocausts und der NS-Verbrechen aus metaphorischer Kinderperspektive – beispielsweise als der kleine Volker in einer Szene mit seinem großen Bruder "Experimente" an Schnecken macht und diese versehentlich im Feuer "schmelzen".

Eine grafisch und erzählerisch gesehene kleine Perle des Genres haben 2012 Loïc Dauvillier, Marc Lizano und Greg Salsedo geschaffen: "Das versteckte Kind" ist eine sensible Geschichte in scheinbar naivem Zeichenstrich, die aus kindlicher Sicht und für Kinder die Erzählung der Großmutter Dounia für ihre Enkelin Elsa über ihre Erlebnisse während des Holocausts in Bilder fasst. Ihren Vater sieht die kleine Dounia nie wieder, ihre Mutter kommt ausgemergelt aus dem KZ zurück. Zu den starken Szenen dieses Kindercomics gehört die symbolträchtige Sequenz, in der Dounias gelber Stern im Kaminfeuer landet.

Fazit

Art Spiegelmans "Maus" ist also beileibe nicht der einzige Holocaustcomic und auch nicht der erste, geschweige denn der letzte. Den Holocaustcomic gibt es nicht, dafür aber viele verschiedene und facettenreiche Werke vom Lerncomic für Kinder bis hin zum komplexen Mehrebenencomic für Erwachsene. Gerade diese Vielfalt des Genres erfordert eine dem einzelnen Werk angemessene Analyse und Einordnung – je nach grafisch-literarischer Form, Inhalt, Stil, Inszenierung und Zielgruppe.

Holocaustcomics stellen einen wichtigen Bestandteil moderner Erinnerungsarbeit und Medienpädagogik dar: Gerade für Kinder und Jugendliche eignen sie sich als Zugang zum Thema der Shoah. Insbesondere biografische Holocaustcomics vermögen Saul Friedländers Credo "Gebt der Erinnerung einen Namen" zu verwirklichen. Daher wäre es wünschenswert, dass Schulen, Bibliotheken, Hochschulen sowie die Erwachsenenbildung mehr Mut aufbringen, neue Wege zu gehen und Holocaustcomics dort vermehrt zum Einsatz kommen.

Fußnoten

11.
Vgl. M. Frenzel (Anm. 2); ders., Bilder eines Massenmords. Pascal Crocis Comic "Auschwitz" macht in Frankreich Furore, in: Jüdische Allgemeine vom 13.8.2003; ders., Holocaust und NS-Verbrechen im Comic, in: Comic-Jahrbuch 2004, Stuttgart 2003, S. 28–37.
12.
Für eine detaillierte Besprechung der einzelnen Werke vgl. M. Frenzel (Anm. 2).
13.
Vgl. Julia Franz/Patrick Siegele, Der Geschichtscomic "Die Suche", in: R. Palandt (Anm. 2), S. 353–358.
14.
Vgl. F. Kettner (Anm. 2).
15.
Vollständig einzusehen unter http://graphics8.nytimes.com/images/2008/08/09/arts/Babbitt_pages1-6.pdf« (17.7.2014).
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