Steg am Comer See

6.10.2014 | Von:
Inge Hansen-Schaberg

Exilforschung – Stand und Perspektiven

Vermittlung und Bildung

"Nirgends in diesem Land gibt es einen Ort, an dem man den Inhalt des Wortes Exil an einzelnen Schicksalen entlang darstellen kann. Das Risiko der Flucht, das verstörte Leben im Exil, Fremdheit, Armut, Angst und Heimweh." [31]

Die Erforschung des deutschsprachigen Exils während der NS-Zeit hat Modellcharakter, nicht nur, "weil es uns die eigene Geschichte besser verstehen lehrt, sondern auch, weil es für alle Zukunft Licht auf die Geschichte und die Mechanismen der Wanderungen, der Fluchten, des Exils, der Emigration zu werfen vermag".[32] Neben der wissenschaftlichen Arbeit an den historischen Quellen und der Analyse der kulturellen Leistungen ist es unerlässlich, auch die Frage der Vermittlung der sehr umfangreichen Forschungsergebnisse zu beachten und damit das Thema Exil in der universitären Lehre und in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit zu etablieren. Wichtig ist es dabei – und das bedeutet, das reformpädagogische Erbe zu nutzen –, nicht zu belehren, sondern in Projekten, die die unmittelbaren Zusammenhänge zwischen dem Exil und unserer heutigen Welt aufzuzeigen vermögen, Interesse zu wecken und neugierig zu machen, Fragen zu stellen und Methoden zu entwickeln, die Antworten oder zumindest Annäherungen erlauben. In schulischen Zusammenhängen könnte es motivierend und fruchtbar sein, die Ergebnisse der Exilforschung zu Kindheit und Jugend einzubeziehen. Es geht perspektivisch also darum, "die Ergebnisse und Erkenntnisse der Exilforschung nachhaltiger als bisher im Bereich edukativer und kommunikativer öffentlicher Einrichtungen in der Bundesrepublik, aber auch international zur Geltung zu bringen".[33]

Eine vielversprechende Anregung ist in dieser Hinsicht von der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ausgegangen, die beklagt, dass es kein Museum des Exils gibt. Eine Antwort darauf ist die finanzielle Förderung der im Aufbau befindlichen virtuellen Ausstellung und das Netzwerk "Künste im Exil", die auf Wunsch des ehemaligen Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Bernd Neumann, unter der Federführung des Exilarchivs 1933–1945 in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main angesiedelt sind. Mit über dreißig Kooperationspartnerinnen und -partnern ist ein hervorragendes Beispiel für zukünftige Bildungsprojekte entstanden.[34]

Fortsetzung und Erweiterung

"Aufgabe der Exilforschung scheint mir demnach zu sein, das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis zugleich an einem historisch und anthropologisch verbindlichen Gegenstand zu schulen. Eine solche Exilforschung (…) würde gehört und verstanden werden, weit über die Kreise der ‚Betroffenen‘ und die Fachkreise hinaus." [35]

Ein Kennzeichen der Exilforschung ist es bisher gewesen, dass das Engagement von Einzelnen tragend wurde, wenn es um die Rekonstruktion zerstörter Lebenswelten, die kritische Rezeption verdrängter und vergessener Traditionen und die Frage des Kultur- und Wissenstransfers in die Exilländer geht. Der Prozess des Einschreibens der Lebensgeschichten und der künstlerischen, wissenschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Leistungen in das "kulturelle Gedächtnis"[36] wird nie als abgeschlossen bezeichnet werden können, sondern auch zukünftig eine wichtige Aufgabe bleiben. Deshalb wäre es dringend notwendig, die Exilforschung an deutschen Universitäten zu institutionalisieren.

Das Exil wird seit dem vergangenen Jahrhundert zunehmend zur Erfahrungs- und Lebensform, weil Krieg, Hunger, Genozid, soziale Not, Wirtschaftskrisen, Fundamentalismus und Frauenfeindlichkeit zur Flucht zwingen. 2013 waren nach dem Report des United Nations High Commissioners for Refugees (UNHCR) 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht,[37] mit zurzeit wachsender Tendenz. Schon dieses ungeheuerliche Faktum spricht dafür, die Exilforschung zu erweitern und dabei die in der Untersuchung des historischen Exils und der NS-Geschichte erworbenen Expertisen zu nutzen. Bislang werden jedoch "die Ergebnisse und die Überlegungen der Exilforschung in diese globale Exil- und Fluchtdebatte kaum einbezogen" – eher könnte von einer "Entpersönlichung der Exilproblematik" und einer "technisch-administrativen Steuerung von Migrantenströmen" gesprochen werden.[38] Es sollte jedoch um Aufklärung und Sensibilisierung für die heutige Praxis des politischen und humanitären Asyls gehen und damit um ein besseres Verständnis der mit den aktuellen Prozessen von Migration, Integration und Akkulturation einhergehenden sozialen, kulturellen und politischen Probleme und "um die Einlösung der vergangenen Hoffnung".[39]

Fußnoten

31.
Herta Müller, Herzwort und Kopfwort. Erinnerung an das Exil, in: Harald Roth (Hrsg.), Was hat der Holocaust mit mir zu tun? 37 Antworten, München 2014, S. 119–129, hier: S. 129.
32.
Wolfgang Frühwald, Die "gekannt sein wollen". Prolegomena zu einer Theorie des Exils, in: Hermann Haarmann (Hrsg.), Innen-Leben. Ansichten aus dem Exil. Ein Berliner Symposium, Berlin 1995, S. 56–69, hier: S. 67.
33.
Vgl. Gesellschaft für Exilforschung (Anm. 12).
34.
Vgl. Künste im Exil, http://www.kuenste-im-Exil.de« (10.9.2014). Siehe dazu auch den Beitrag von Sylvia Asmus und Jesko Bender in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
35.
W. Frühwald (Anm. 32), S. 57.
36.
Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München 2006.
37.
Vgl. UNHCR, Global Trends 2013, Genf 2014, http://www.uno-fluechtlingshilfe.de/fileadmin/redaktion/PDF/UNHCR/GlobalTrends2013.pdf« (10.9.2014).
38.
W. Frühwald (Anm. 32), S. 61.
39.
M. Horkheimer/Th. W. Adorno (Anm. 1), S. 5.
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Autor: Inge Hansen-Schaberg für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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