Steg am Comer See
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Exil, Diaspora, Transmigration


6.10.2014
Auf der Suche nach analytischen Konzepten, um die Erfahrungen von Migrantinnen und Migranten zu untersuchen und zu beschreiben, haben die Begriffe Exil, Diaspora und Transmigration über die Grenzen verschiedener Wissenschaftsdisziplinen hinweg (unter anderem Politikwissenschaft und Soziologie, Ethnologie und Anthropologie, Kulturwissenschaften und Geografie) viel Aufmerksamkeit erfahren. Während Exil und Diaspora historische Begriffe sind und insbesondere letzterer seit den 1960er Jahren zunehmend in akademischen Debatten Verwendung findet, wurde die Idee von transnationaler Migration beziehungsweise Transmigration in den 1990er Jahren populär.

In der gegenwartsbezogenen Migrationsforschung sind Diaspora und Transmigration neben Exil häufig genutzte Termini, deren Bedeutungen sich zu unterschiedlichem Grad überschneiden und mitunter schwer voneinander zu trennen sind. Auch wenn diese Begriffe bisweilen synonym verwendet werden, so unterscheiden sich die (idealtypischen) Konzepte zu Exilierten, Diasporen und Transmigranten doch insbesondere hinsichtlich ihrer Vorstellungen von Heimat und Fremde, ihren Beziehungen zum Aufenthalts- und Heimatland sowie in Bezug auf ihre Identität und Loyalität und dem Gefühl von Marginalisierung und Hybridität (Zugehörigkeit zu mehreren kulturellen Räumen) voneinander.

Der Begriff Exil ist eng mit der klassischen Verwendung des Konzepts Diaspora verknüpft, dessen prototypisches Beispiel die jüdische Diaspora ist. Beide Begriffe beschreiben dabei Gruppen, die die historische Erfahrung von Verfolgung oder erzwungener Migration aus ihrem Heimatland teilen. Diese Erfahrungen sind geprägt durch die (mitunter weltweite) Zerstreuung ihrer Mitglieder, von einem Leben in der Fremde, dem Gefühl des Verlusts und der Marginalisierung sowie der Sehnsucht nach der Heimat und dem Wunsch nach Rückkehr. Exil und Diaspora beschreiben somit eine geografische Vertreibung beziehungsweise Entwurzelung von Menschen, Identitäten und Kulturen, die häufig auf die eine oder andere Art zu Widerstand und Hybridität führen.[1]

In den 1990er Jahren führten Debatten über die klassische Definition und Bedeutung von Diaspora zu einer Begriffserweiterung dieses Konzepts. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen begannen, den exilbezogenen Eigenschaften von Diaspora (wie der unfreiwilligen Migration, Verfolgung, Leiden und dem Rückkehrwunsch) weniger Bedeutung zu schenken und stattdessen transnationale Aktivitäten und Praktiken hervorzuheben, die die Diasporagemeinschaften in verschiedenen Aufnahmeländer und das Herkunftsland miteinander verbinden.

Vor diesem Hintergrund bietet der Beitrag im Folgenden einen Überblick und eine Auseinandersetzung mit drei zentralen, sich überschneidenden Konzepten der Migrationsforschung. Dabei werden die Begriffe Exil, Diaspora und Transmigration aus semantischer und historischer Perspektive betrachtet und ihre Schnittmengen und Unterscheidungsmerkmale herausgestellt.

Exil und Diaspora



Wie Migration sind auch Exil und Diaspora Begriffe, die allgemein geläufig sind und auch außerhalb wissenschaftlicher Diskurse genutzt werden, deren Definition jedoch nicht einfach ist. Sowohl für Diaspora als auch für Exil gibt es eine Vielzahl von Auslegungen. Exil (lateinisch exilium, zu ex(s)ul = in der Fremde weilend, verbannt) bezeichnet im Allgemeinen die Vertreibung oder Verbannung von einem bestimmten Ort durch einen institutionellen Akt der Gewalt, während Diaspora (vom griechischen Verb diaspeirein = aus- beziehungsweise verstreuen) als Zerstreuung einer Gemeinschaft aus ihrer ursprünglichen Heimat über mehrere fremde Regionen verstanden werden kann.[2] Exil und Diaspora beschreiben jedoch nicht nur Formen geografischer Entwurzelung, sondern auch emotionale beziehungsweise mentale Zustände, die eng verbunden sind mit Fragen von Identität und Zugehörigkeit. In der allgemeinen Migrationsliteratur beziehen sich beide Konzepte auf Menschen, die die schmerzhafte Erfahrung teilen, aus ihrer Heimat vertrieben worden zu sein und nun in einem anderen Land getrennt von dem Volk und der Kultur zu leben, die ihre Identität ausmachen und zu denen sie sich zugehörig fühlen. Beide Konzepte beschreiben somit Menschen, die außerhalb ihres Herkunftslandes leben (müssen), eine ausgeprägte Heimatlandorientierung aufweisen und in der Fremde (wenn auch zu unterschiedlichem Grad) ein Leben in sozialer und kultureller Abgrenzung von ihrer Aufnahmegesellschaft führen.

Die Bedeutungen beider Ausdrücke sind semantisch und historisch eng miteinander verknüpft, und ihre Definitionen überschneiden sich insbesondere in Bezug auf die für beide Begriffe zentralen Elemente der Vertreibung und der Beziehung zum Heimatland. Eine klare Abgrenzung der beiden Konzepte voneinander ist daher nicht möglich und auch nicht sinnvoll.

Der Begriff Exil ist Bestandteil vieler Definitionen von Diaspora. So beschreibt beispielsweise der Sozialwissenschaftler Robin Cohen Diaspora als ein kollektives Trauma, eine Verbannung, in der die Sehnsucht nach der Heimat einem Leben im Exil entgegensteht, das dazu beiträgt, starke kollektive Identitäten als Leidensgemeinschaft aufrechtzuerhalten.[3] Dass viele Definitionen Exil und Diaspora miteinander in Verbindung setzen, überrascht nicht, wenn wir einen Blick auf die Begriffsgeschichte beider Termini werfen, die eng mit der Geschichte des Judentums in Zusammenhang steht. Entwurzelung und Zerstreuung eines Volkes als Resultat eines traumatischen historischen Ereignisses und der Begriff Exil sind zentral, um die Erfahrungen der jüdischen Diaspora darzustellen.

Dabei unterlag der Begriff diaspora beziehungsweise diaspeirein in seiner semantischen Geschichte mehreren Bedeutungsänderungen.[4] Ursprünglich nur den Prozess materieller Zerstreuung bezeichnend, erfuhr er einen semantischen Transfer mit der Übersetzung der jüdischen Schriften im Alexandria des dritten vorchristlichen Jahrhunderts, wo Diaspora – nun auf eine soziale Gruppe bezogen – die Lebenssituation des jüdischen Volkes außerhalb des Gelobten Landes beschrieb.[5] Die Septuaginta (die Übersetzung der hebräischen Bibel, das spätere Alte Testament, ins damals geläufige Griechisch) gibt die hebräischen Begriffe galût und gôla (Deportation, Exil, Verbannung, Gefangenschaft) jedoch nicht mit dem griechischen, weniger negativ gefassten Wort diaspora wieder. Vielmehr unterschieden die jüdisch-griechischen Übersetzer zwischen galût, gôla und diaspora, um den historischen Erfahrungen der babylonischen Gefangenschaft im 6. Jahrhundert v. Chr. und späteren Abwanderungen und Lebenssituationen außerhalb Palästinas, die nicht notwendigerweise auf Zwang oder Unterdrückung basierten, sondern mitunter selbst gewählt waren, gerecht zu werden.[6] In den folgenden Jahrhunderten entwickelte sich Diaspora jedoch zu einem Begriff, der die Situation der jüdischen Bevölkerung außerhalb Israels im Allgemeinen bezeichnete – unabhängig davon, ob diese auf Vertreibung und Entwurzelung oder mehr oder weniger freiwilliger Migration aus wirtschaftlichen Interessen basierte. Der Migrationsforscher Khachig Tölölyan sieht in diesen frühen Beispielen des ambivalenten Gebrauchs des Begriffs Diaspora bereits den Ursprung seiner späteren Uneindeutigkeit.[7] Trotz der engen Verknüpfung der beiden Konzepte gibt es bei genauerer Betrachtung feine, aber wichtige Unterschiede, die verdeutlichen, dass Exil und Diaspora gleichwohl keine Synonyme sind:


Fußnoten

1.
Vgl. Stuart Hall, Cultural Identity and Diaspora, in: Jonathan Rutherford (Hrsg.), Identity, London 1990, S. 222–237; Paul Gilroy, It Ain’t Where You’re From, It’s Where You’re At … : The Dialectics of Diasporic Identification, in: Third Text, 13 (1991) 13, S. 3–16.
2.
Vgl. Nico Israel, Outlandish: Writing Between Exile and Diaspora, Stanford 2000, S. 1.
3.
Vgl. Robin Cohen, Global Diasporas, Seattle 1997, S. IX; Amanda Wise, Embodying Exile: Trauma and Collective Identities Among East Timorese Refugees in Australia, in: Social Analysis, 48 (2004) 3, S. 24–39.
4.
Vgl. Martin Baumann, Diaspora: Genealogies of Semantics and Transcultural Comparison, in: Numen, 47 (2000) 3, S. 313–337.
5.
Vgl. Matthias Krings, Diaspora: Historische Erfahrungen oder Wissenschaftliches Konzept?, in: Paideuma, 49 (2003), S. 137–156, hier: S. 139.
6.
Vgl. ebd.; M. Baumann (Anm. 4), S. 316–317.
7.
Vgl. Khachig Tölölyan, Rethinking Diaspora(s), in: Diaspora, 5 (1996) 1, S. 3–36, hier: S. 11.
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Autor: Jenny Kuhlmann für bpb.de
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