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Ukrainische Bürger im Februar 2014 auf dem Maidan in Kiew

11.11.2014 | Von:
Verena Bläser

Zum Russlandbild in den deutschen Medien

Diskrepanz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung?

In der Diskussion um die Rolle Russlands im Ukraine-Konflikt wird immer deutlicher, dass sich öffentliche Meinung und veröffentlichte Meinung bisweilen stark voneinander unterscheiden. Kritik an der Berichterstattung erreicht die Print-, Rundfunk- und Fernsehredaktionen in zahlreicher Leserpost;[32] in medienkritischen Artikeln, auf Podiumsveranstaltungen und in Online-Foren werden Debatten über die Verlässlichkeit, Sorgfalt und Unabhängigkeit deutscher Journalisten in der Ukraine-Krise geführt.[33] Insbesondere im Internet werden Bilder und Videos gesammelt, die die Berichterstattung kritisch begleiten und Falschmeldungen aufdecken sollen. Dieses Material wird dann wiederum über Social-Media-Kanäle verbreitet und findet eine breite Rezipientenschaft.[34]

Auch und gerade die öffentlich-rechtlichen Medien bleiben von Kritik an ihrer Berichterstattung nicht verschont. Eigens dafür ins Leben gerufene Portale wie die "Ständige Publikumskonferenz der öffentlich-rechtlichen Medien" bieten öffentliche Plattformen, die intensiv genutzt werden.[35] Tatsächlich trägt das genauere Hinsehen der Zuschauer wohl mit dazu bei, dass den Sendern die Problematik bewusst geworden ist. So bat "Tagesthemen"-Moderator Thomas Roth im Oktober 2014 um Verzeihung für einen im Mai ausgestrahlten Beitrag, der den gewaltsamen Tod zweier Ostukrainer fälschlicherweise den prorussischen Separatisten angelastet hatte.[36] Im Redaktionsblog erklärte der Chefredakteur dazu, "dass hier niemand aus Voreingenommenheit, aus politischem Kalkül oder in böser Absicht Fakten verfälscht hat", da er bereits ahnte, dass der Fehler "möglicherweise Wasser auf die Mühlen derer sein (wird), die uns vorwerfen, dass wir die russische Seite absichtlich schlecht aussehen lassen".[37]

Die Divergenz zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung tritt besonders deutlich im Zusammenhang mit dem Vorwurf auf, die Medien betrieben Kriegspropaganda und riefen zum Kriegseintritt des Westens auf. Die Reaktionen nach dem Absturz (beziehungsweise mutmaßlichen Abschuss) der malaysischen Passagiermaschine MH17 über der Ostukraine am 17. Juli 2014 bieten einige Beispiele, die in diese Richtung interpretiert werden könnten. "Die Zeit" etwa schrieb, dass der Einsatz von westlichen Kräften kein Tabu mehr sei,[38] und "Die Tageszeitung" (taz) verglich den Vorfall sogar mit den Geschehnissen vom 11. September: "Nach dem Terroranschlag des 11. September wurde der Bündnisfall erklärt. Die toten Passagiere des Flugs MH17 verdienen dieselbe Solidarität."[39] "Der Spiegel" gestaltete eine Titelseite mit Bildern der Opfer des Absturzes und der Überschrift "Stoppt Putin jetzt!" Nach vielfach geäußerter Kritik sah sich die Redaktion dazu veranlasst, den Titel in einem Blog-Beitrag zu rechtfertigen.[40]

Tatsächlich sind die Russlandberichterstattung und die Kritik an ihr selbst ein Thema in den Medien; das eigene Vorgehen wird kritisch hinterfragt.[41] Sabine Schiffer zufolge würden diese Recherchen und Aufklärungen jedoch rasch verhallen und letztlich meist nicht einmal die eigenen Nachrichtenredaktionen erreichen.[42] Auf der anderen Seite gibt es auch Stimmen, die sich den Kritikern entgegenstellen und die Berichterstattung rechtfertigen. Sie weisen auf ausgewogene Veröffentlichungen hin, verteidigen unter anderem das Recht, in Reportagen zu werten oder rufen zur Empathie für Journalisten auf.[43] Die kritisierten Medien selbst verweisen zudem darauf, dass Russland zahlreiche "Trolle" einsetze, die über Social-Media-Kanäle und auf den Seiten deutschsprachiger Medien gezielt propagandistische Kommentare im Sinne Russlands verfassten und auf diese Weise versuchten, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.[44]

Fazit

In einer Zeit, in der die meisten Menschen ihre Informationen vorwiegend aus den Massenmedien beziehen und ihr "Wissen" darauf aufbauen, kommt den Medien eine besondere Verantwortung zu. Um dieser auch in der Berichterstattung über Russland und über den Konflikt in der Ukraine gerecht werden und einseitige Berichterstattung vermeiden zu können, gilt es, das vielfach noch vorherrschende Ost-West-Denken sowie das bequeme Zurückgreifen auf bestehende Freund-Feind-Bilder zu überwinden und eigene Vorurteile und Bewertungsroutinen häufiger infrage zu stellen.

Es gibt an der russischen Politik tatsächlich viel zu kritisieren. Es sollte jedoch nicht außer Acht gelassen werden, was darüber hinaus in dem Land geschieht. Die Medien täten gut daran, ihren Fokus bei der Auslandsberichterstattung nicht nur auf die außergewöhnlichen, akuten Geschehnisse zu legen. Es ist wichtig, dass Ereignisse in historische, kulturelle Hintergründe eingeordnet sowie Lebensweisen, Einstellungen und alltägliche Gegebenheiten durch die Berichterstattung transportiert werden. "Sich hin und wieder in die Lebensrealität derjenigen zu versetzen, über deren Lebensrealität man berichtet, hilft."[45] Nur so besteht die Möglichkeit, ein anderes Land und dessen Kultur in Gänze zu verstehen, Brücken für Kommunikation und Politik zu erhalten und einen möglichen "Wandel durch Annäherung" zu schaffen.

Fußnoten

32.
Vgl. Immer auf Putin? Breite Kritik an Medien, TV-Magazin "Zapp" (NDR), 16.4.2014, http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/zapp/Immer-auf-Putin-Breite-Kritik-an-Medien,ukraine419.html« (27.10.2014).
33.
Vgl. G. Pörzgen (Anm. 20).
34.
S. Schiffer (Anm. 24).
35.
Vgl. zum Beispiel das Forum "Programmbeschwerden" der "Ständigen Publikumskonferenz" mit zahlreichen Beschwerden zur Ukraine-Berichterstattung: http://forum.publikumskonferenz.de/viewforum.php?f=30&sid=218b6a83887d531a601923e982d10ae9« (27.10.2014).
36.
Vgl. "Tagesthemen"-Sendung vom 1.10.2014, http://www.ardmediathek.de/tv/Tagesthemen/tagesthemen/Das-Erste/Video?documentId=23838986&bcastId=3914« (27.10.2014).
37.
Kai Gniffke, Noch einmal: Ukraine-Berichterstattung, 1.10.2014, http://blog.tagesschau.de/2014/10/01/noch-einmal-ukraine-berichterstattung/« (27.10.2014).
38.
Vgl. Carsten Luther, Dieser Absturz verändert alles, 18.7.2014, http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-07/russland-ukraine-malaysia-airlines-abschuss« (27.10.2014).
39.
Vgl. Dominic Johnson, Eine Bankrotterklärung des Westens, 21.7.2014, http://www.taz.de/!142762/« (27.10.2014).
40.
Vgl. Der Spiegel, Nr. 31 vom 28.7.2014; Wer ist der Kriegstreiber?, 29.7.2014, http://www.spiegel.de/spiegel/-a-983484.html« (27.10.2014).
41.
Vgl. zum Beispiel Charlotte Wiedemann, Im Zweifel für Zwischentöne, 12.3.2014, http://www.taz.de/!134627/« (27.10.2014); David Goeßmann, Rebellion der Leser, 10.5.2014, http://www.deutschlandfunk.de/ukraine-berichterstattung-rebellion-der-leser.761.de.html?dram:article_id=285010« (27.10.2014).
42.
S. Schiffer (Anm. 24).
43.
Vgl. zum Beispiel Hannah Beitzer, Blick aus der Blase, 19.3.2014, http://www.sueddeutsche.de/politik/1.1914499« (27.10.2014).
44.
Vgl. Julian Hans, Putins Trolle, 13.6.2014, http://www.sueddeutsche.de/politik/1.1997470« (27.10.2014).
45.
G. Krone-Schmalz (Anm. 22).
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