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24.11.2014 | Von:
Silvia Popp

Die neue globale Mittelschicht

Angelehnt an die obere Armutsgrenze der Weltbank von zwei US-Dollar pro Tag und Person definieren Abhijit V. Banerjee und Esther Duflo die Mittelschicht in Entwicklungs- und Schwellenländern als Personen, die von zwei bis zehn US-Dollar pro Person und Tag in Kaufkraftparität leben.[12] Allerdings würde man im Allgemeinen Menschen, die in den Industrienationen eine Kaufkraft von weniger als zehn Dollar pro Tag hätten, nicht als typische Mittelschicht betrachten, sie würden eher als arm gelten.

Die Weltbank benutzt explizit die Bezeichnung "Mittelschicht" in den Schwellenländern und verweist darauf, dass diese Mittelschicht aus Personen besteht, die in den Industrienationen zwar als arm gelten würden, in den Schwellenländern jedoch nicht. Gemessen am Intervall von 2 bis 13 US-Dollar pro Person und Tag in Kaufkraftparität gehörten 2005 mehr als zweieinhalb Milliarden Menschen der globalen Mittelschicht an. Davon entfielen alleine mehr als ein Milliarde auf Ostasien und jeweils mehr als 350 Millionen auf die Regionen Osteuropa und Zentralasien, Lateinamerika und die Karibik sowie Südasien.[13]

Die OECD zählt all diejenigen zur globalen Mittelschicht, die ein tägliches Pro-Kopf-Einkommen zwischen 10 und 100 US-Dollar in Kaufkraftparität aufweisen können, um die Abgrenzung zu den Armen zu betonen. Die Berechnung setzt an der oberen Grenze an, die Birdsall et al. vorschlugen. Danach gehörten 2009 auf der Welt mehr als 1,85 Milliarden Menschen zur globalen Mittelschicht, entsprechend einem Viertel der Weltbevölkerung, davon 644 Millionen in Europa, 525 Millionen in Asien und dem Pazifik, 338 Millionen in Nordamerika, 181 Millionen in Süd- und Zentralamerika, 105 Millionen im Nahen Osten und Nordafrika sowie 32 Millionen in Subsahara-Afrika.[14]

Die von der ILO verwendete komplexere Klassifizierung der Mittelschicht orientiert sich an den Einkommensniveaus der jeweiligen Länder. So definiert die ILO die Mittelschicht in low income economies als Personen mit einem täglichen Pro-Kopf-Einkommen zwischen 4 und 13 US-Dollar, in lower middle-income economies zwischen 6 und 20 US-Dollar sowie in upper-middle-income economies zwischen 10 und 50 US-Dollar, jeweils in Kaufkraftparität. Die oberste Einkommensgrenze der ILO von 50 US-Dollar in upper-middle-income economies entspricht also nur der Hälfte der Obergrenze der OECD-Klassifizierung. Nach den Berechnungen der ILO gehörten 2010 – im Unterschied zu den von der OECD für 2009 errechneten 1,85 Milliarden Menschen – nur 695 Millionen Menschen zur globalen Mittelschicht, was gleichwohl nahezu einer Verdreifachung der Anzahl seit 1999 entspricht.[15]

Wer zur neuen Mittelschicht in den Schwellenländern gezählt wird, hängt demnach stark von der Betrachtungsweise ab. Der Vergleich verdeutlicht dennoch, wie nah Armut und Mittelschicht beieinander liegen: Je niedriger die Einkommens- oder Konsumgrenzen gewählt werden, desto mehr Menschen finden sich in der Klassifizierung zur globalen Mittelschicht wieder. Währenddessen findet gleichzeitig eine starke Zunahme des Anteils der Reichen statt; diese machten nach Berechnungen von Bussolo et al. zu Beginn des Jahrtausends nur zehn Prozent der Weltbevölkerung aus, bis 2030 soll sich ihr Anteil verdoppeln.[16]

Asien als Zentrum der neuen globalen Mittelschicht, Subsahara-Afrika weiterhin abgeschlagen

Asien wird vor allem aufgrund der Entwicklung in China die Zukunft der Mittelschicht maßgeblich beeinflussen. Obwohl nach den meisten Berechnungen derzeit dort nur ein geringer bis mittelgroßer Anteil der globalen Mittelschicht lebt, ist man sich in den Prognosen einig, dass zukünftig der größte Anteil der globalen Mittelschicht aus Chinesen bestehen wird. Laut ILO sind dort in der vergangenen Dekade über 100 Millionen Menschen in diese Schicht aufgestiegen, in Indien waren es bei annähernd gleich hohen Einwohnerzahlen nur 15 Millionen.[17]

Auch Lateinamerika gehört zu den Regionen, in denen in den vergangenen Jahrzehnten ein starkes Wachstum der Mittelschicht zu verzeichnen war. Laut ILO gab es in Brasilien zwischen 1999 und 2010 einen Zuwachs von 16 Prozentpunkten. Auch einige Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas konnten deutlich größer gewordene Mittelschichten verzeichnen. So hat sich beispielsweise in Marokko die Mittelschicht zwischen 1999 und 2010 mehr als verdoppelt, von vier auf neun Millionen Menschen. Aber auch die floating group, also die Personen knapp oberhalb der Armutsgrenze, hat um 18 Prozentpunkte zugenommen.[18] In diesen Ländern erscheint die Erwartung eines anhaltenden Wachstums der Mittelschicht aufgrund der vielfach vorherrschenden politischen Instabilität und der schwierigen Arbeitsmarktsituation fragwürdig. Letztere zeichnet sich durch fehlende Arbeitsplätze vor allem im öffentlichen Sektor und bei höher qualifizierten Jobs aus.[19] Auch Teile Lateinamerikas sind von diesen Problemen betroffen. Die derzeitige wirtschaftlich sehr angespannte Situation in Argentinien zeigt, wie vulnerabel die dortige Mittelschicht ist. Nicht nur die Armen, sondern auch die Menschen mit höheren Einkommen leiden erheblich unter den momentanen Preissteigerungen.

Die zahlenmäßig kleinste Mittelschicht findet sich gemäß der ILO in Afrika südlich der Sahara, wobei sie zwischen 1999 und 2010 auch in Südafrika von zwölf auf 18 Prozent der Bevölkerung oder in Gabun sogar von sechs auf 22 Prozent gestiegen ist.[20] Auch weitere Länder Afrikas südlich der Sahara weisen nach Berechnungen der Afrikanischen Entwicklungsbank einen nicht unerheblichen Teil an Mittelschichtsangehörigen auf, wie Botswana und Namibia sowie Kenia in Ostafrika und Ghana in Westafrika. Insgesamt gilt dennoch für nahezu alle afrikanischen Länder, insbesondere für jene Subsahara-Afrikas, dass der Anteil der floating group weiterhin beträchtlich ist.[21]

Interessant an der regionalen Betrachtung der wachsenden Mittelschichten ist der Stand der jeweiligen demografischen Transformation in den entsprechenden Ländern. Die Regionen, in denen die größten Zuwächse der neuen Mittelschichten stattgefunden haben, wie in Teilen Asiens, Lateinamerikas und Nordafrikas, befinden sich derzeit in der Phase des "demografischen Bonus". Man versteht darunter eine gute Voraussetzung für wirtschaftliches Wachstum durch eine günstige Altersstruktur der Bevölkerung, die wiederum eine Reduzierung der Geburtenrate voraussetzt. Dort gehören relativ viele Menschen der Arbeitskräftebevölkerung an (meist Personen zwischen 15 bis 64 Jahren), die nur relativ wenige junge und alte Menschen versorgen müssen. Diese Relation erhöht das Potenzial für Konsum, Ersparnisse und Investitionen.[22]

Demgegenüber weisen viele Länder südlich der Sahara immer noch derart hohe Geburtenraten auf, dass die Region bisher nicht in die Phase des demografischen Bonus eintreten konnte. Das Wachstum der Weltbevölkerung wird auch zukünftig in den am wenigsten entwickelten Ländern stattfinden,[23] weswegen dort auch mit dem geringsten Zuwachs der Mittelschichten zu rechnen ist. Dies ist in Ländern südlich der Sahara nicht nur dem Bevölkerungswachstum zuzuschreiben, auch ein geringer Industrialisierungsgrad bei geringer Arbeitsproduktivität spielt hier neben Problemen wie Korruption und schwachen Rechtssystemen eine große Rolle.

Abbildung 2: Angehörige der Mittelschicht weltweit und Veränderung nach Regionen (in Millionen)Abbildung 2: Angehörige der Mittelschicht weltweit und Veränderung nach Regionen (in Millionen) (© United Nations Development Programme (UNDP), Human Development Report 2013, The Rise of the South: Human Progress in a Diverse World, http://hdr.undp.org/en/ 2013-report (5. 11. 2014), S. 14.)
Die Prognosen der Vereinten Nationen sind eindeutig: Sie rechnen mit nahezu fünf Milliarden Menschen, die 2030 zur globalen Mittelschicht gehören werden (Abbildung 2). Der weitaus größte Zuwachs der globalen Mittelschicht wird in den Schwellenländern erfolgen, insbesondere in Asien. Kharas zufolge waren 2009 28 Prozent der globalen Mittelschicht Asiaten, bis 2030 sollen sie 66 Prozent stellen.[24] Unklar ist nur, welches asiatische Land Treiber dieser Entwicklung sein wird. Nach Bussolo et al. wird die Hälfte des Zuwachses der globalen Mittelschicht zwischen 2000 und 2030 auf die Bevölkerung Chinas entfallen.[25] Der National Intelligence Council hingegen geht davon aus, dass China auf lange Sicht von Indien überholt werden wird.[26]

Fazit

Der nur schwer zu fassende Begriff der neuen globalen Mittelschicht erfreut sich insbesondere in der ökonomischen Debatte zunehmender Aufmerksamkeit. Auch wenn die verschiedenen Berechnungen zur Quantifizierung zu stark voneinander abweichenden Werten führen, so ergibt sich daraus dennoch ein grober Trend: Bisherige Wachstumsraten in den Entwicklungs- und Schwellenländern haben vielerorts für einen Einkommenszuwachs großer Bevölkerungsteile gesorgt und damit die weltweite Armut reduziert. Gleichzeitig ist die Zahl der Menschen, die den neuen Mittelschichten angehören, kontinuierlich gestiegen. Diese Entwicklung geht mit einer stagnierenden und in Teilen bereits schrumpfenden Bevölkerungszahl in den Industrienationen einher.

Die derzeitige Diskussion über die globale Mittelschicht bezieht sich meist nur auf ihre schiere Größe, also die bloße Anzahl der Menschen, die mehr konsumieren und damit mehr Ressourcen verbrauchen werden. Dies ist der Kern des Interesses an der Mittelschicht. Nur am Rande macht man sich Gedanken über deren sonstige Bedürfnisse wie soziale Absicherung, Bildungschancen, kulturelle Teilhabe und Partizipation an politischen Entscheidungsprozessen. Die globale Mittelschicht ist urban, hat Zugang zu Massenmedien und ist mobil. Unübersehbar ist diese neue globale Mittelschicht in den Städten der Welt, die internationale Produkte konsumiert und einen internationalen Lebensstil pflegt. Diese sichtbare Mittelschicht stimmt jedoch nicht mit den vorgelegten Zahlen überein, sondern ist nur ein kleiner Teil davon. Ein beträchtlicher Anteil der neuen globalen Mittelschicht gehört auch weiterhin zu der Gruppe, die nur knapp oberhalb der absoluten Armutsgrenze lebt, der floating group.

Wirtschaftliches Wachstum ermöglicht immer mehr Personen den Sprung in die globale Mittelschicht. Es ist jedoch zu erwarten, dass auch das soziale Konfliktpotenzial mit wachsender Mittelschicht steigt. Die Menschen fordern einen höheren Lebensstandard, der sich nicht nur auf materielle Werte bezieht, sondern auch auf Aspekte wie eine saubere Umwelt, mehr Entscheidungsfreiheit und politische Partizipation. Die Demonstrationen und sozialen Proteste der vergangenen Jahre in den Ländern Nordafrikas und Lateinamerikas, aber auch in der Türkei oder in Thailand sowie in jüngster Zeit in China scheinen dies zu bestätigen. Sie zeigen, dass der neuen globalen Mittelschicht bloßes wirtschaftliches Wachstum als Entwicklungsziel nicht mehr genügt.

Fußnoten

12.
Vgl. Abhijit V. Banerjee/Esther Duflo, What is Middle Class about the Middle Classes around the World? MIT Department of Economics Working Paper 29/2007, S. 4.
13.
Vgl. Martin Ravallion, The Developing World’s Bulging (but Vulnerable) "Middle Class", The World Bank Policy Research Working Paper 4816/2009, S. 27.
14.
Vgl. H. Kharas, (Anm. 5), S. 16.
15.
Vgl. ILO (Anm. 9), S. 36.
16.
Vgl. M. Bussolo et al. (Anm. 10), S. 17.
17.
Vgl. ILO (Anm. 9), S. 36.
18.
Vgl. ebd., S. 38f.
19.
Siehe hierzu Steffen Angenendt/Silvia Popp, Jugendarbeitslosigkeit in nordafrikanischen Ländern. Trends, Ursachen und Möglichkeiten für entwicklungspolitisches Handeln, SWP-Aktuell 34/2012.
20.
Vgl. ILO (Anm. 9), S. 39.
21.
Vgl. African Development Bank, The Middle of the Pyramid: Dynamics of the Middle Class in Africa, Market Brief 20/2011, S. 5.
22.
Siehe hierzu David E. Bloom et al., The Demographic Dividend. A New Perspective on the Economic Consequences of Population Change, Santa Monica 2003.
23.
Vgl. United Nations, World Population Prospects. The 2012 Revision, http://esa.un.org/wpp/documentation/publications.htm« (5.11.2014).
24.
Vgl. H. Kharas (Anm. 5), S. 28.
25.
Vgl. M. Bussolo et al. (Anm. 10), S. 17.
26.
Vgl. National Intelligence Council (Anm. 1), S. 9.
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Autor: Silvia Popp für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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