Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

16.12.2014 | Von:
Ulrike Auga

Erfindungen von Sünde und Geschlecht

Erotisierung und Personalisierung: Die Erfindung von "Adam und Eva"

Die mehr als zweitausendjährige Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte der ersten Texte der Bibel verlief nicht geradlinig. Wann wurde begonnen, die Frau als Verführerin und als Hauptursache für die Probleme der Schöpfung zu belasten? Die Texte der Hebräischen Bibel wurden immer wieder neu ausgelegt. Die Schriftpropheten des 8. bis 6. Jahrhunderts v. Chr. warfen den Menschen zwar Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit vor, aber erwähnten keinen Zusammenhang mit dem ersten "weiblichen" Menschen. Dieser Zusammenhang wurde erst viel später, in den letzten Jahrhunderten vor der Zeitenwende unter anderem im Kontext griechischer Einflüsse hergestellt.

Nach den Eroberungen Alexanders des Großen (356–323 v. Chr.), etwa ab dem 3. Jahrhundert v. Chr., kam es zu zahlreichen Neuinterpretationen der überlieferten alttestamentlichen Texte. Die damalige Welt war bereits griechisch geprägt, und viele jüdische Menschen verstanden die hebräischen Texte nicht mehr. So wurde eine Übersetzung in die bestimmende Weltsprache nötig. Diese Übersetzung, die sogenannte Septuaginta, wurde etwa um das Jahr 100 abgeschlossen und wurde dann auch der Bibeltext des Neuen Testaments, das ja auch auf Griechisch entstand. Eine Übersetzung bedeutet immer eine komplexe Übertragung – sowohl von einer in eine andere Sprache als auch in eine andere Denktradition, und dies jeweils in einem zeitgemäßen Kontext. Der hellenistische Hintergrund führte zur Aufnahme des Aristotelischen Denksystems, zu einer Erotisierung zahlreicher Geschichten und zu einer Aufnahme von (negativen) außerbiblischen Traditionen in die Interpretation biblischer Texte. Diese Entwicklungen resultierten in einer gänzlich verschobenen Hierarchisierung von Geschlecht und Konstruktion von Sünde als genuin weiblich.

Einflussreich war zum einen der bis in die Gegenwart verhängnisvolle naturalisierte und hierarchisierte Geschlechtscharakter, der sich im Ansatz bereits bei Aristoteles (384–322 v. Chr.) findet. Aristoteles trennte – anders als Platon (427–347 v. Chr.) – oikos (Haushalt) und polis (Gemeinschaft, Staat). Wie Versklavten und Kindern sollte Frauen wegen ihrer behaupteten unzulänglicheren Seele der Zugang zur polis verwehrt bleiben. Das patriarchale Paradigma wurde damit festgeschrieben, denn vermeintlich könne nur der männliche und damit bessere Haushaltsvorstand das "gute Leben" sichern. Zum anderen wurden bei der Bibelübertragung ins Griechische etliche Texte über Frauen mit erotischer Nuance übersetzt, da die hellenistische Erzählwelt erotische Geschichten bevorzugte. Hier begann auch die Erfindung von "Adam und Eva", die erst durch die Namensgebung personifiziert wurden und seitdem als Paar bis in die Gegenwart mit bestimmten Attributen symbolisch aufgeladen sind.

Das Verständnis adams – erst durch die hellenistischen Einflüsse als Eigenname übersetzt – hat überdies Einfluss auf weitere Interpretationen der Kapitel 2 und 3 im ersten Buch Mose. Viele Aussagen, die ursprünglich für alle Geschlechter galten, wurden allein auf den Mann gerichtet, der nun allein die Menschheit repräsentiert. Die Frau hingegen fiel damit aus wesentlichen theologischen Aussagen einfach heraus und musste ihre Gottesebenbildlichkeit, die Gott eindeutig allen Geschlechtern zugesprochen hatte, erst einklagen. Auch der übersetzte Name Eva ist ein Ergebnis dieser Missdeutung, denn im ersten Buch Mose, Kapitel 2 und 3 besitzen die Menschen keine Namen, sondern stehen für Mann und Frau an sich. Die speziell abwertende Interpretation der Evagestalt in der hellenistischen Zeit wurde vermutlich auch durch die griechische Sage der Pandora beeinflusst, in der diese aus ihrer Büchse heraus das Übel auf die Menschen losließ. Der Titel hawwah, in der Spätzeit mit Eva übersetzt, enthält mehrere Ableitungsmöglichkeiten. Die biblische Deutung als "Leben(dige)" oder "Leben(gebende)" steht im Einklang mit dem Titel "Mutter aller Lebenden". Diesen Titel verlieh man damals verschiedenen mütterlichen Gottheiten. Hier trägt ihn nun eine menschliche Person, die damit als Werkzeug Gottes für die Fortsetzung des Lebens gekennzeichnet wird.

Die Torah, die Bibel und der Koran erzählen ähnliche Schöpfungsgeschichten. Trotzdem werden Fragen der Nachordnung der Frau und der Vorwurf der Sündhaftigkeit der Frau unterschiedlich beantwortet. Der Koran konzentriert sich nicht darauf, wer zuerst geschaffen wurde, sondern entwirft ein breiteres Konzept von Schöpfung. So heißt es in Sure 4,1: "O, ihr Menschen, fürchtet euren Herrn, der euch erschaffen hat aus einem Wesen; und aus ihm erschuf seine Gattin, und aus beiden ließ er viele Männer und Frauen entstehen." Namentlich wird Eva nicht erwähnt. In einigen Hadithen (Überlieferungen über die Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed) heißt sie auch hawwah, die aus einem lebenden Körper Erschaffene. Die Muslime verehren sie als die Frau des ersten Propheten Adam und als die Mutter aller Glaubenden. In Bezug auf den Sündenfall werden – anders als in Torah und Bibel – sowohl Adam als auch hawwah als fehlgeleitet beschrieben, zugleich wird Satan verurteilt, weil er Adam angetrieben hätte. Dem Koran zufolge akzeptierte Gott die Reue von Adam und hawwah und vergab ihnen; entsprechend gibt es auch keine Vertreibung aus dem Paradies. Da der Koran nicht von den Problemen der griechischen Übersetzung betroffen ist, entfällt hier auch die Erotisierung der Erzählung mit der Prägung Evas als Verführerin. In der jüdischen Theologie existiert darüber hinaus die Figur der Lilith, eine ursprünglich babylonische Gestalt. Sie galt als erste Frau Adams, die sich ihm nicht unterwerfen wollte und über die Paradiesmauern entflog. Erst daraufhin sei Eva als sich unterordnende Partnerin Adams geschaffen worden.[3]

Sünde und Sündenüberwindung im Neuen Testament

Ein weiteres, sehr einflussreiches Beispiel für Entstehung der Vorstellung der Bindung der Sünde an die Frau stammt aus dem Buch Jesus Sirach (2. Jahrhundert v. Chr.). Dort heißt es in Kapitel 25: "Von einer Frau nahm die Sünde ihren Anfang, ihretwegen müssen wir alle sterben." Diese Schrift ist zwar nur in der Septuaginta überliefert und nicht in der Hebräischen Bibel. Und anders als in der katholischen Kirche gehört sie im Judentum und in den reformatorischen Kirchen nicht zum anerkannten Kanon, sondern zu den sogenannten Apokryphen. Aber dennoch gab dieser eine Satz Anstoß für eine mehr als zweitausend Jahre anhaltende Interpretation der Erzählung von der Versuchung der Menschheit als einer Sündenfallgeschichte, für die allein die Frau verantwortlich sei.

Zuvor, während der Zeit der Entstehung vieler Religionen, waren Frauen sehr wohl beteiligt und konnten verschiedene religiöse Ämter in den entstehenden Gemeinschaften einnehmen. Auch Jesus hatte viele Frauen in seiner Gefolgschaft. Erst später wurden sie in untergeordnete Positionen zurückgedrängt. Im Neuen Testament heißt es, dass mit Jesus Christus eine neue Schöpfung beginne. Die endzeitliche Rückkehr, die die Scheidung der Menschen – inklusive der von Mann und Frau – beendet, wird in Sprüchen Jesu, Lehren des Paulus und anderen Texten dargestellt. Die Auswirkungen dieses neuen Lebens beschreibt Paulus in seinem Brief an die Galater: "Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Da ist nicht jüdisch noch griechisch, da ist nicht versklavt noch frei, da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einzig-einig in Christus Jesus."

Allerdings zeigen sich bereits bei Paulus Spannungen zwischen der Überwindung und der Fortschreibung hierarchischer Ordnungen: Die Sünde (hamartia) besitzt trotz des im Griechischen grammatikalisch weiblichen Geschlechts keine Züge, die sie als Frau zeigen würde. Vielmehr ist zum Beispiel in den Paulusbriefen die Machtausübung der Sünde politisch gekennzeichnet, nämlich als die des Kaisers, der Feldherren und Sklavenausbeutenden im Imperium Romanum. Der Apostel nimmt die Situation gesellschaftlich abgewerteter Menschengruppen, die von der Sündenmacht angegriffen werden, ernst und spricht von der versklavten Existenz, die Menschen gleich welchen Geschlechts erleiden. Wo Paulus davon spricht, dass der Dämon Sünde den Körper ergreift, können alle Geschlechter gemeint sein.[4]

In der jüdischen Religion, aus der sowohl Jesus wie Paulus stammen, werden Fortpflanzung, Sexualität und Begehren einerseits positiv und als Teil des menschlichen Lebens angesehen. Anderseits unterscheidet Sexualität den Menschen von Gott, denn Gott wird zwar männlich gedacht, aber nicht geschlechtlich. In der symbolischen Geschlechterordnung des Christentums ändert sich einiges, denn die Differenz von Gott und Mensch ist aufgehoben, da nach christlicher Theologie der christliche Gott in seinem Sohn einen Leib angenommen hat. Der Erlöser repräsentiert somit zugleich menschliche Sterblichkeit und Überwindung der Sterblichkeit. Diese Heilsbotschaft schlägt sich auch in der Geschlechterordnung nieder: Mit der Körperwerdung nahm der christliche Gott ein Geschlecht an. Zugleich gilt Askese nun als ein hohes Gut. Bisweilen wird Maria in ihrer Jungfräulichkeit und Mutterschaft daher als die "neue Eva" beschrieben. So entsteht ein Ideal, das für reale Frauen unerreichbar ist.

Der christliche Erlöser ist männlich, sodass es in der Tradition zu einer Kopplung von Heilsbringung an männliche Figuren und bestimmte hegemoniale Männlichkeitsvorstellungen kam. In der Umkehr wurden Frauen von Priesterämtern ausgeschlossen. So etablierte sich eine symbolische Ordnung, in der "männlich" mit Heil, Kultur, Progression – und "weiblich" mit Sünde, Natur, Tradition verbunden wurde. Während der männliche Mensch die Menschheit repräsentiert, ist der weibliche nur eine Abweichung davon. Die überhöhte Betonung der Differenz von "männlich" und "weiblich" wurde in der christlichen Tradition zentral, um Grundlagen für ein Ideal der Vereinigung zu schaffen, denn die christliche Ehe wurde ein Sinnbild der Vereinigung Christi mit seiner Kirche.

Fußnoten

3.
Vgl. Helen Schüngel-Straumann, Eva, in: Elisabeth Gössmann et al., Wörterbuch der Feministischen Theologie, Gütersloh 2002², S. 125–128.
4.
Vgl. Claudia Janssen, Hat die Sünde ein Geschlecht? Anfragen an das paulinische Sündenverständnis in Röm 7, in: Helga Kuhlmann/Stefanie Schäfer-Bossert (Hrsg.), Hat das Böse ein Geschlecht? Theologische und religionswissenschaftliche Verhältnisbestimmungen, Stuttgart 2006, S. 100–108.
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