Das jüngste Gericht: Bildausschnitt aus der Ebene der Hölle und den Todsünden, hier Wollust (Dom S.Maria del Fiore in Florenz)

16.12.2014 | Von:
Dirk Schindelbeck

Vom Überlebensmittel zum Laster: Zur Kulturgeschichte der Zigarette

Symbolischer Mehrwert

Abbildung 3: Soldat im Mannschaftsunterstand Obere Luggauer Alm, Österreich 1915Abbildung 3: Soldat im Mannschaftsunterstand Obere Luggauer Alm, Österreich 1915 (© ÖNB/Wien, Kriegspressequartier (WK1/ALB033/09252))
Was uns heute aufgrund ihrer existenziellen Wucht besonders anrührt, sind die symbolischen Qualitäten, welche dem Rauchen von Zigaretten in den Schützengräben zuwuchsen. Einen Begriff davon mag eine Aufnahme vermitteln, die einen Soldat in einem Unterstand auf einer Pritsche liegend zeigt (Abbildung 3). Was er an der Holzwand hinter sich an Bildern und Karten aufgehängt hat, beschreibt das Ziel seiner Träume: Es sind Fotografien von Frauen, Kameradschaftsszenen, Heiligenbildchen sowie an Heimat und Frieden erinnernde Zeichnungen – in der Summe Ausdruck seines Bestrebens, sich einen kleinen Rest von Privatheit und Intimität zu erhalten. Und es ist die Zigarette, die ihm immer wieder hilft, in diese selbst gestaltete Traumwelt hinüberzugleiten. Solange er sie raucht, kann er kurzzeitig vielleicht sogar Intimität leben – denn der Rauch, in diesem Moment inhaliert, gehört nur ihm. Insofern wird die Zigarette hier ein Medium der Begegnung mit dem Ich, erlaubt und gewährt ein Stückchen Selbstbestimmung inmitten eines von Befehlen und Dienstanweisungen geprägten Frontalltags.

Was für den einzelnen Soldaten eine imaginierte Friedenssehnsucht bedeutete, wurde in seltenen Fällen sogar zu einer realen Grenzüberschreitung. Es gibt Tagebuchaufzeichnungen, die an hohen christlichen Feiertagen wie Weihnachten von temporären Verbrüderungen zwischen verfeindeten Truppen berichten, wobei neben dem reichlichen gemeinsamen Genuss von Alkohol auch der von Tabakwaren unverzichtbar war. Der Jäger Karl Groppe beschreibt, wie er den Heiligabend des Jahres 1914 erlebte: "Rechts von uns brannte ein elektrisch erleuchteter Christbaum. Erst schossen die Franzosen darauf, als aber die Weihnachtslieder durch die Nacht tönten, hörten sie auf. Am 1. Weihnachtstag kommen ein französischer Offizier und einige Leute unbewaffnet und mit einem weißen Tuch winkend auf unsre Stellung zu. Die gleiche Anzahl von unseren geht ihnen entgegen. Der Franzose entschuldigt sich wegen der Schießerei und bringt Wein und Zeitungen mit. Unsre holen Zigarren und deutsche Zeitungen. Es dauert nicht lange, dann kommen Freund und Feind aus den Gräben und geben sich die Hände. Es entstehen große Massensammlungen zwischen beiden Stellungen (…) Es wurde vereinbart, sich die Festtage nicht zu beschießen und nachher wieder zusammen zu feiern. Zu der Feier wollten die Franzosen die Getränke, unsere Lebensmittel und Rauchmaterial liefern. Als dann die englische Artillerie dazwischen schoss, gingen bei den 15ern 120 Mann freiwillig mit in unsre Gräben."[5]

Zum Medium einer existenziell besonders bewegenden Begegnung wurde die Zigarette letztlich dann, wenn Kameraden schwer verwundet wurden oder im Sterben lagen. Die letzte Zigarette, brüderlich geteilt und gemeinsam geraucht, bekam als materieller Ausdruck eines "letzten Dinges" den Charakter einer Liebesgabe und Abschiedsgeste.

Vom Frieden im Krieg zum Krieg im Frieden

Vergleicht man Konnotationen und Symbolwelten, welche die Zigarette des Jahres 2014 von jener des Jahres 1914 unterscheiden, so beschreiben sie einen Gegensatz, der größer gar nicht gedacht werden kann, als er in Wirklichkeit ist. In der Summe betrachtet war die Zigarette vor hundert Jahren immer wieder ein Zeichen des Friedens mitten im Krieg, wogegen sie heutzutage häufig Anlass ist, geradezu kriegerisch anmutende Auseinandersetzungen mitten im Frieden heraufzubeschwören (zwischen Rauchern und Nichtrauchern). Die Unschuld in der Wahrnehmung, im Gebrauch und in der Symbolhaftigkeit, welche diese Tabakware vor hundert Jahren besaß, wird sie mit Sicherheit nie mehr wiedergewinnen, dazu ist allein der sie diskreditierende medizinische Befund zu erdrückend.

Weil sie uns heute durchgängig mit negativen Assoziationen versetzt begegnet, mag uns die Unschuld und Naivität, mit welcher die "Manoli-Post" im Frühjahr 1918 die Zigarette als universale Friedensstifterin pries, vielleicht befremden, vielleicht aber auch berühren und nachdenklich machen. Nur der Tabak, so heißt es da, verscheuche "üble Gedanken und bedeutet keine tierische Befriedigung, sondern eine menschliche. Er erhitzt nicht, entfacht keine Wollust und führt zu keiner Sucht. Kein Mann kommt ins Heim getrottet, um infolge von Tabakgenuss ein Weib zu schlagen. Der Geist der Zigarette verursacht das Gegenteil von Wildheit. Tabak ist ein Friedensschätzer, reich an Milde, und kann deshalb beanspruchen, als Segen der Menschheit betrachtet zu werden."[6]

Fußnoten

5.
Karl Groppe, Impressionen vom Kriegsanfang 1914, Westfront, o.O., o.J., Deutsches Tagebucharchiv Emmendingen, Fasz. 3140 pdf.
6.
Tabak ist Lebensfreude, in: Manoli-Post, 5 (1918) 5, S. 58.
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Autor: Dirk Schindelbeck für bpb.de
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