Männer mit einer israelischen Fahne protestieren am Brandenburger Tor in Berlin gegen die iranische Regierung.

 width=
30.1.2015 | Von:
David Witzthum

Israelische Deutschlandbilder - Essay

25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer findet in Israel ein komplexer und lebhafter Diskurs über Deutschland statt, der die traditionellen Deutschlandbilder in Israel radikal verändert. Deutschland war einst ein Land, das sowohl Furcht als auch Bewunderung auslöste. Mittlerweile gehört es in den israelischen Medien (und offensichtlich nicht nur in den israelischen) zu den beliebtesten Ländern. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist in Israel wahrscheinlich noch populärer als in ihrem eigenen Land. Sogar der deutsche Fußball, von hiesigen Kommentatoren früher mit Nazivokabular beschrieben, ist uns sympathisch geworden – und eine Quelle des Neids. Berlin steht im Zentrum eines intensiven Diskurses, als Option nicht nur für den Tourismus, sondern sogar für die Emigration: ein Land unbegrenzter Möglichkeiten – nicht in der Neuen Welt, den USA, sondern mitten in Europa.

Seit Kurzem ist sogar eine neue Definition von Identität im medialen Umlauf – mit einem langen historischen Echo: "Ich bin ein Berliner Israeli", sagte ein junger Mann kürzlich in eine deutsche Fernsehkamera. Hier stellt sich die Frage: Haben wir es mit einem Trend, einer Mode, einer Pose zu tun – oder eher mit einem tieferen Prozess unter Israelis und ihren früheren Identitäten? Oder sind wir mit einer Herausforderung kultureller oder politischer Natur konfrontiert, die sich auf uns selbst bezieht – mit einer Trotzreaktion auf die israelische Gesellschaft? Handelt es sich also um eine innerisraelische Debatte, die mit der politischen Situation des Landes zu tun hat? Um diese Behauptung wird es im Folgenden gehen.

Deutsche Identität in Israel

Von Beginn an spielten die deutschen Juden bei der Etablierung der israelisch-deutschen Beziehungen nach der Shoah eine besondere Rolle. Tatsächlich fühlten sich viele von ihnen als Deutsche, die nur von den Nazis daran erinnert worden waren, dass ihre Identität (auch) jüdisch ist. Die Nazis hatten sie zu Fremden in ihrer Heimat gemacht, und sie waren – fast paradoxerweise – die Pioniere, die nach dem Krieg die Verbindung wieder aufnahmen. Zahlreiche Akademiker, Schriftsteller, Künstler und Musiker gingen zurück nach Deutschland – zunächst als Besucher, manche später auch dauerhaft als Heimkehrer, in den Osten wie in den Westen.

Von Anfang an waren israelische Journalisten deutscher Herkunft maßgeblich daran beteiligt, das Image Deutschlands in Israel zu gestalten. Sie schrieben für die israelische Öffentlichkeit, und kritisierten Deutschland häufig, wie etwa Gershom Schocken, Herausgeber der Tageszeitung "Ha’aretz". Auch Azriel Carlebach gehörte dazu, der Herausgeber der "Ma’ariv", die unter seiner Leitung die beliebteste Zeitung Israels wurde, und später Uri Avneri, der den "Spiegel" als sein journalistisches Vorbild bezeichnete und in Rudolf Augstein so etwas wie einen beruflichen Zwilling sah.[1]

Da sie auf Hebräisch schrieben, konnten diese Journalisten die öffentliche Meinung in Israel mitprägen; und sie taten dies unter der schützenden Hand von Premierminister David Ben-Gurion, der die Beziehungen zum "anderen Deutschland" – und zu seinem Partner in dieser Sache, Konrad Adenauer – brauchte und förderte. Schon bald entstanden starke und komplexe Verbindungen; sie begannen mit der "Wiedergutmachung" und gipfelten, nach einigen Jahren verdeckter militärischer Kooperation, 1965 in der Aufnahme diplomatischer Beziehungen, die trotz aller Krisen niemals schwerwiegenden Schaden erlitten. Aber dies macht nur einen Teil des deutschen Images in Israel aus. Ein weiterer wichtiger Teil ist der Beitrag der deutschen Juden zur Kultur, den Künsten, dem Rechtssystem, der Architektur, der Musik und der Bildung in Israel. Generationen von Israelis sind in der hebräischen Sprache und Kultur aufgewachsen, ohne zu wissen, wie viel von Deutschland hier verwurzelt ist.

Das Image Deutschlands in Israel war stets janusköpfig: auf der einen Seite die verehrte Kultur, ein Vorbild seit Herzls "Altneuland", und auf der anderen die Nazis, die Täter der Shoah. Ironischerweise blockierten beide Gesichter einen großen Teil der konkreten Bezüge zum realen Deutschland, jenem geteilten Land, das mit der Nachkriegssituation zu kämpfen hatte. Aus israelischer Sicht wurde Deutschland fast zu einem fremden Land, ominös und stets kurz davor, sich in ein "Viertes Reich" zu verwandeln, worauf zahlreiche Kolumnisten – nicht nur in Israel, sondern auch in Europa und sogar in Deutschland – rasch hinwiesen, wenn Beunruhigendes geschah: Gewalt durch Neonazis, Schändung jüdischer Friedhöfe, antisemitische Äußerungen, Nachsicht gegenüber Kriegsverbrechern und so weiter. Und als Menachem Begin 1977 Premierminister wurde, wurde das Gedenken an den Holocaust politisiert. Es nahm einen zentralen Platz in der israelischen Perspektive gegenüber Deutschland ein, während auf der östlichen Seite der Berliner Mauer weiterhin jegliches Signal verweigert wurde.

Verändertes Image seit der "Wende"

All dies – und noch viel mehr – veränderte sich in der historischen Nacht des 9. November 1989. Plötzlich sahen sehr überraschte Israelis Bilder schierer menschlicher Freude über die neu gewonnene Freiheit. Diese Bilder zerstörten bestehende Stereotype über Deutschland und brannten sich tief in das israelische kollektive Gedächtnis ein. Der Mauerfall hatte in Israel jedoch nicht nur aufgrund der Freude in Europa eine tief greifende Wirkung, sondern auch wegen des Verhältnisses der Mauer zur israelischen Realität: der andauernden Erfahrung eines Lebens im Belagerungszustand, hinter Grenzen, Mauern und Zäunen. Dies ist für Israelis immer noch ein tiefes Trauma und hat in der jüngsten Zeit zu dem geführt, was als Paradigmenwechsel im israelischen Denken über den israelisch-palästinensischen Konflikt beschrieben werden kann – von Besetzung zu Separation. Diese Verlagerung hat ihre Inspiration möglicherweise in Berlin gefunden, wurde aber erst mit der zweiten Intifada und ihren Terrorangriffen sowie dem wachsenden Verlangen nach endgültigen, sicheren Grenzen politisch wirksam.

Der Wandel des deutschen Images in Israel war derart tief, dass auch schlechte Nachrichten die Uhren diesbezüglich nicht mehr zurückdrehen konnten – weder die Enthüllungen über den deutschen Beitrag zu Saddam Husseins Chemiewaffen noch die Gewalt von deutschen Neonazis gegen Ausländer und Juden im Winter 1992/93. Es hat sich gezeigt, dass das Bild Deutschlands trotz einiger Schwankungen positiv blieb und bis heute positiv ist.[2]

Es besteht jedoch eine bedeutende Dichotomie, was die Sicht der beiden Länder auf einander betrifft: Der Historiker Moshe Zimmermann hat festgestellt, dass zwar die breite israelische Öffentlichkeit Deutschland im Laufe der Jahre immer positiver sieht (90 Prozent bejahen die Frage "Halten Sie die Beziehungen für normal?"),[3] die israelischen Eliten (Politiker, Journalisten, Wissenschaftler und andere) aber deutlich reservierter sind – vermutlich, weil sie sich als "Hüter" des offiziellen israelischen Diskurses sehen, der in Bezug auf Deutschland nach wie vor eher von der Shoah geprägt ist.

Eine parallele Dichotomie – wenngleich in umgekehrter Richtung – ist in den deutschen Einstellungen zu Israel zu erkennen: Die offiziellen Vertreter Deutschlands – Minister, Parlamentsmitglieder, Amtsträger und kulturelle Eliten betonen eher die Verantwortung Deutschlands aufgrund seiner Vergangenheit, und Kanzlerin Merkel hat sogar beteuert, dass die Sicherheit Israels Teil der deutschen Staatsräson sei. Dagegen ist die deutsche Öffentlichkeit viel stärker antiisraelisch eingestellt. Dies wird von zahlreichen Meinungsumfragen bestätigt: Viele Deutsche sehen in Israel eine "Gefahr für den Weltfrieden"[4] und sind der Ansicht, die israelische Politik gegenüber den Palästinensern sei so grausam und ungerecht, dass sie gar der Politik Nazideutschlands ähnele. Dieses Paradox – die breite und wachsende Sympathie in Israel gegenüber Deutschland, verglichen mit wachsender deutscher Antipathie gegenüber Israel – ist keineswegs einzigartig: In anderen europäischen Ländern ist die Lage ähnlich.

Fußnoten

1.
Vgl. Uri Avneri, Optimist. An Autobiography, Tel Aviv 2014 (hebräisch).
2.
Vgl. David Witzthum, The Image of Germany in the Israeli Media, Masterarbeit, Hebräische Universität Jerusalem, 2002 (hebräisch); aktuell: Konrad-Adenauer-Stiftung (Hrsg.), Das Heilige Land und die Deutschen, Januar 2015, http://www.kas.de/wf/doc/kas_40104-544-1-30.pdf« (13.1.2015).
3.
Vgl. Moshe Zimmermann, Facelift – Das Image der Deutschen in Israel seit der Wiedervereinigung, Jerusalem 2013, http://www.tau.ac.il/GermanHistory/TAJB_2013_Zimmermann.pdf« (13.1.2015).
4.
Die berüchtigtste Umfrage war das "Eurobarometer" vom November 2003: http://ec.europa.eu/public_opinion/flash/fl151_iraq_full_report.pdf« (13.1.2015). Eine BBC-Umfrage im Frühjahr 2014 hat ermittelt, dass nur 14 Prozent der Deutschen Israel positiv sehen. Vgl. A Turning Point in German-Israeli Relations, 24.2.2014, http://www.dw.de/a-17449202«
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: David Witzthum für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Israel

Israel

Die Entwicklung Israels ist eine Erfolgsgeschichte: Seit seiner Gründung hat es Menschen aus über 120 Ländern in einen jüdisch-demokratischen Staat integriert. Aus einem landwirtschaftlich geprägten Land ist eine Hightech-Nation geworden.

Mehr lesen

Publikationen zum Thema

Coverbild Heimat? - Vielleicht

Heimat? - Vielleicht

In 16 Interviews berichten Kinder von Holocaust-
überlebenden, die in Deutschland aufgewachsen s...

Coverbild Israel kurzgefasst

Israel kurzgefasst

Die Autorin führt ihre Erfahrungen aus mehr als 20 Jahren Leben und Erleben in Israel zu einem diff...

Die Praxis der Wiedergutmachung

Die Praxis der Wiedergut-
machung

Viele Opfer des nationalso-
zialistischen Terrors erhielten materielle Entschädigung, doch weita...

Deutschland und Israel Bild

Deutschland und Israel

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis ist 40 Jahre nach der Aufnahme offizieller Beziehung...

Zum Shop

Publikation zum Thema

Coverbild APuZ - Jahresband 2013

APuZ - Jahresband 2015

Der APuZ-Jahresband 2015: Sämtliche Ausgaben der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" aus dem Jahr 2015.Weiter...

Zum Shop