blaue Platine

6.3.2015 | Von:
Peter Langkafel

Auf dem Weg zum Dr. Algorithmus? Potenziale von Big Data in der Medizin

"Personalisierte" Medizin?

Als ein weiteres wichtiges Anwendungsfeld von Big Data in der Medizin wird die sogenannte personalisierte oder auch individualisierte Medizin gesehen. Hierunter wird häufig das individuelle "Zuschneiden" einer Therapie verstanden, basierend auf dem genetischen Code eines Patienten, was bis heute nur in sehr wenigen, häufig onkologischen Fällen gelingt. Da jedoch die Dimension der Genetik sehr betont wird und andere Bereiche (Soziales, Psychologisches) vernachlässigt werden, lehnen Organisationen wie der Deutsche Ethikrat oder die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung den Begriff "personalisierte Medizin" ab. Grundsätzlich sollen sich alle diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen ja nicht erst seit heute oder seit Aufkommen der Genetik an der besten verfügbaren Evidenz, sondern auch an individuellen Merkmalen des Patienten und, unter dem Aspekt der Angemessenheit, dessen Wünschen im Sinne einer Patientenautonomie orientieren. Medizinisch-kritischer Sachverstand ist hier dringend vonnöten, um das ein oder andere Mal ein wenig Luft aus dem Hype zu nehmen. "Computer heilt Krebs" – so einfach ist das nicht.

Das Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin[7] ist in diesem Kontext eine relevante Organisation, die hilft, medizinisches Wissen einzuordnen. Da immer schneller und immer mehr Wissen generiert wird, stehen wir vor der Herausforderung, dieses und das bekannte Wissen – welches sich konsequenterweise ebenso mehrt – rascher und direkter in den Alltag medizinischer Behandlung zu integrieren (von bed to bench and from bench to bed). Innovative Modelle zu entwickeln, das Expertenwissen und die neuen Publikationen in das tägliche Handeln zu integrieren, ist ein zentrales Potenzial von Big Data.

Ein größtenteils unterentwickeltes Potenzial ist im Bereich Public Health zu sehen: Wenn wir wissen, dass bis zu 80 Prozent der Gesundheit von psychosozialen Faktoren abhängig ist – warum konzentrieren wir uns so sehr auf das Genom? Sind Fahrradwege (Organisation) und der Kauf eines Fahrrades (persönliches Handeln) bessere Ansatzpunkte, um Gesundheit nachhaltig zu fördern? Kann Big Data helfen, hier auch neue Zusammenhänge zu erkennen – sowohl auf individueller als auch auf epidemiologischer Ebene? Welche Faktoren sind entscheidend für das Vermeiden, Entstehen und den Verlauf von Krankheiten? Was macht und hält gesund? All dies sind große Fragen – für deren Beantwortung einige Hoffnung auf Big Data liegt.

Big Data – Big Grauzone?

Wie bei allen Prozessen – ob mit IT oder ohne – müssen Datenschutz und die Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben. Wenn Datenschutz allerdings zu einem Vorwand wird und wichtige Einsichten verhindert, um Patienten besser zu behandeln, dann steht er selbst auf dem Prüfstand. Wer heute in Deutschland wissen möchte, welcher niedergelassene Arzt wirklich gute Medizin macht, kommt praktisch nicht an valide Informationen, obwohl sie zum großen Teil digital vorliegen – aber nicht ausgewertet oder publiziert werden. Wohl zu Recht klingt in dem Wort "Big Data" ja aber auch "Big Brother" an – unter dem Aspekt der laufenden Diskussion um geheimdienstlichen Missbrauch von Daten ist das Sammeln von Daten im Gesundheitsbereich ein besonders sensibles Thema.

Wir sind erst am Anfang einer wohlgemerkt politischen und nicht technischen Diskussion um Big Data – und damit um einen der wichtigsten Rohstoffe globalisierter Ökonomie. Der Vergleich mit der Diskussion um den Nutzen der Atomenergie in den 1940er und 1950er Jahren ist hier durchaus hilfreich: Heute sind Nuklearwaffen geächtet, Atomkraftwerke umstritten und nuklearmedizinische Abteilungen willkommen – aber wir sprechen im Kern über die gleiche Technologie.

Wo, wann und wem stelle ich wie meine Daten und damit "mein Innerstes" zur Verfügung, welche Organisationen und Unternehmen dürfen was nutzen? Hier brauchen wir klare Regeln und Gesetze und keine ungeklärten "Big Grauzonen". Heute haben wir in Deutschland nicht nur ein Bundesdatenschutzgesetz, sondern zudem lokale Ausprägungen von Landesdatenschutz. Eine Regelung von Datenschutz auf der europäischen Ebene, wie im Entwurf des Europäischen Parlamentes für eine Datenschutz-Grundverordnung vorgeschlagen, wird notwendig sein.[8]

Der Schutz der Privatsphäre und der persönlichen Daten von Bürgern ist ein gesamtgesellschaftliches Anliegen. Dies gilt für alle Lebensbereiche – die Anwendungen rund um das Thema Big Data unterliegen hier einer besonderen Sensibilität. Auch die Themen informationelle Selbstbestimmung und das "Recht auf Nichtwissen" oder das "Recht auf Vergessenwerden" spielen hier eine Rolle – womit wir uns mitten in einer ethischen Diskussion befinden, der sich die Akteure im Gesundheitswesen, die Politik und die Gesellschaft insgesamt stellen müssen.

Ausblick

Wir verstehen Gesundheit nur, wenn wir über die Silogrenzen von Krankenhaus, Krankenkasse und niedergelassenem Bereich hinaus denken. Das heißt, es gibt immer mehr Daten, die wir noch miteinander vernetzen müssen, um Gesundheit und Krankheit besser nachvollziehen zu können. Dazu kommen die Daten aus der Forschung und die entsprechenden Publikationen: Dieses Wissen besser und schneller in den Behandlungsprozess einzubeziehen – etwa als digitaler Coach oder auch als "Dr. Algorithmus" – würde die Gesundheitsversorgung dramatisch verändern.

Natürlich müssen wir hier über Datenschutz sprechen. Aber auch darüber, wer denn die Daten davor schützt, dass sie nicht nicht benutzt werden – also zur Verfügung stehen, aber nicht ausgewertet werden. Das Potenzial von Big Data in der Medizin liegt damit vor allem in der Transparenz. Die Diskussion darüber, dass dies nicht der "gläserne Patient" sein kann, aber auch nicht der in Sachen Gesundheitsdaten digital ausgeschlossene Bürger, hat gerade erst begonnen.

Fußnoten

7.
Siehe http://www.ebm-netzwerk.de« (24.2.2015).
8.
Vgl. Technologie- und Methodenplattform für die vernetzte medizinische Forschung e.V. (TMF), Die Daten der Bürger schützen, biomedizinische Forschung ermöglichen: Medizinische Forscher kommentieren den Entwurf einer europäischen Datenschutz-Grundverordnung, 27.7.2014, http://www.tmf-ev.de/News/articleType/ArticleView/articleId/1582.aspx« (24.2.2015).
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Autor: Peter Langkafel für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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