Das Bismarck-Denkmal in Goslar

20.3.2015 | Von:
Tilman Mayer

Was bleibt von Bismarck?

Geopolitik

Die Herausforderung, die Deutschlands Lage in der Mitte Europas birgt, beschäftigt deutsche Führungseliten schon seit Jahrhunderten. Stets hieß es, Deutschland sei als Hegemonialmacht in Europa zu schwach, entfalte aber Wirkung als Mittelmacht. "Gleichgewicht oder Hegemonie"[15] lautet ein Dauerthema in der Historiografie und der Politischen Wissenschaft, neuerdings lebt es unter dem Schlagwort "Kampf um Vorherrschaft"[16] wieder auf. Der deutsche "Flickenteppich" der Vor-Bismarck-Zeit war politisch für die umliegenden Mächte ein einladendes Spielfeld. Die westfälische Friedensordnung von 1648 – vom ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger als "Weltordnung" bezeichnet[17] – hätte eigentlich dazu führen können, dass sich in Europa ein Gleichgewichtssystem etabliert.

In deutschen Territorien waren die Fürsten zu stark, als dass es hätte gelingen können, über sie hinweg eine Nationalstaatsgründung auf den Weg zu bringen. Als die Demokratie- und Nationalbewegung sich 1848 bottom up abzeichnete, war Preußen jedoch unfähig, das Heft in die Hand zu nehmen. Die ungeklärte Frage des deutschen Dualismus zwischen Wien und Berlin stand noch bis 1866 im Raum.[18] Vor diesem Hintergrund blieben die bestehenden Mächte 1871 angesichts der Gründung eines Reiches in der Mitte Europas skeptisch. Hinzu kam der Geburtsfehler der Reichsgründung, dass die nationale Einheit im Dissens mit Frankreich erreicht wurde. Anders als das wiedervereinigte Deutschland 1990 sah sich das neu gegründete Kaiserreich nicht "von Freunden umgeben". Die souveränen Nationalstaaten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren bereit, Bündnisse zu Lasten Dritter einzugehen, die zur Not auch durch Kriege verteidigt wurden. Die geopolitische Lage in dieser potenziell anarchischen Situation der Nationalstaaten untereinander – in der realistischen Theorie der internationalen Beziehungen noch immer elementare Grundlage aller Analysen – war fragil, weil sie aus Bündniskonstellationen bestand. Bismarcks Albtraum war der cauchemar des coalitions, also ein Bündnis gegen das Deutsche Reich, das es isoliert – eine Konstellation, die knapp 25 Jahre nach Bismarcks Abgang tatsächlich durch die russisch-französische Entente und die Weltkriegskonstellation von 1914 zustande kam. Der außenpolitischen Philosophie Bismarcks entsprach es, Optionen offen zu halten, um die Lage des Deutschen Reiches zu stabilisieren – auch mit geheimen Rückversicherungsverträgen wie mit Russland 1887. Die der diplomatischen Kunst Bismarcks entspringende Bündniskonstellation wurde und wird allgemein noch immer bewundert. Die Kehrseite war jedoch die typische bündnisstrategische Volatilität. Nur wer diese Staatskunst beherrschte, konnte reüssieren.

Als "Staatskunst" qualifizierte der Historiker Gerhard Ritter ein auf eine dauerhafte Friedensordnung gerichtetes politisches Handeln. Bismarck beherrschte diese Kunst in bewundernswerter Weise. Seinen Epigonen in der wilhelminischen Ära, in der es zum Beispiel um den "Platz an der Sonne" im Machtpoker imperialer Mächte gehen sollte, fehlte wiederum die Sensibilität für diese Herausforderung. Allein die "Abwesenheit des Krieges" für eine längere Zeit stelle eine beachtliche Leistung dar, schreibt Theodor Schieder in seinem bereits erwähnten Artikel und fügt den aus heutiger Sicht etwa nach den Jugoslawien-Kriegen oder angesichts des Ukraine-Konflikts bemerkenswerten Satz hinzu: "Daran vor allem muss heute seine Leistung gemessen werden. Den Frieden zu schaffen ist dann uns und denen, die nach uns kommen, aufgegeben, und wir werden es dem Urteil der Geschichte überlassen müssen, ob wir dabei über Bismarck hinauskommen."[19]

Bedauerlicherweise führte Bismarcks Denken global gesehen nicht zu einer Ordnung, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte, etwa in Gestalt der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), die aber ihrerseits auch nicht verhindern konnte, dass sich eine klassische Konfliktsituation wie jene zwischen der Ukraine und Russland entwickelte. Das Denken in Weltordnungskategorien hat sich jedenfalls nicht erledigt. Daher ist Bismarcks diplomatische Kunst ein Erbe, das bei aller Abwandlung und Distanz gegenüber der damaligen Zeit dennoch eine Studiervorlage darstellt. Das Schicksal des Bismarck-Reiches, das als aufstrebende Macht in Europa zunächst geduldet, nach Bismarck jedoch aufgrund seines Bramarbasierens zunehmend isoliert wurde, ist von großer Bedeutung für Staaten in einer vergleichbaren Ausgangssituation. Nach wie vor spielt das Gleichgewicht der Kräfte eine wichtige Rolle.[20]

Nach der Wiedervereinigung wurde spekuliert, ob diesem demokratischen, "von Freunden umgebenen" Deutschland geopolitisch überhaupt noch Gefahren drohen können. Die Entwicklung des Euro und die Feindseligkeiten, mit denen im Zusammenhang mit der derzeitigen Krise eine deutsche Regierung im weiteren europäischen Umfeld bedacht wird, zeigen jedoch etwas auf, das mit der ökonomischen Größe selbst dieses im Vergleich zum Kaiserreich geschrumpften Deutschlands zu tun hat: Die wirtschaftlich stark gebliebene Stellung Deutschlands in Europa, die sich nach französischer Vorstellung durch die Einführung des Euro hätte ändern sollen, hat sich sogar verfestigt.[21] Deutschland dominiere schon wieder, stellte kürzlich der Bankenexperte David Marsh fest.[22] Im Unterschied zur Bismarck-Zeit wird Deutschland – das Werk Bismarcks – zwar nicht mehr infrage gestellt. Angesichts gewaltiger Finanzierungserwartungen und transeuropäischer Umverteilungsfantasien wäre es aber eine Illusion anzunehmen, dass die gegenwärtige Krise für Deutschland keine Gefahren berge. Deutschland steht heute in gesamteuropäischer Verantwortung.

Die Frage, warum das zweite deutsche Reich gescheitert ist und ob es nicht durch die diplomatische Kunst Bismarcks hätte erhalten werden können, ist im Rückblick auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts keine nebensächliche Angelegenheit und keinesfalls eine Frage, die nur Historikerinnen und Historiker interessieren sollte. Wir müssen die alte Frage immer wieder neu aufwerfen. Nur weil die öffentliche Meinung in Deutschland stark friedensorientiert ist, ist damit der Frieden keinesfalls gesichert.

Fußnoten

15.
Ludwig Dehio, Gleichgewicht oder Hegemonie. Betrachtungen über ein Grundproblem der neueren Staatengeschichte, Darmstadt 1996.
16.
Brendan Simms, Kampf um Vorherrschaft. Eine deutsche Geschichte Europas. 1453 bis heute, München 2014.
17.
Vgl. Henry Kissinger, Weltordnung, München 2014.
18.
Vgl. Ulrich Schlie, Förmlich geschieden? Der deutsche Dualismus, Bismarcks Kalkül und die Folgen des Duells von 1866, in: T. Mayer (Anm. 7), S. 149ff.
19.
T. Schieder (Anm. 2), S. 24.
20.
Vgl. H. Kissinger (Anm. 17).
21.
Arnulf Baring, Scheitert Deutschland?, Stuttgart 1997, S. 240.
22.
Vgl. David Marsh, Auf der Suche nach der wahren Größe, in: Die Welt vom 31.1.2015, S. 1.
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