Plakat mit ehrenamtlich engagierten Berlinern auf der Siegessäule
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27.3.2015 | Von:
Misun Han-Broich

Engagement in der Flüchtlingshilfe – eine Erfolg versprechende Integrationshilfe

Politische Krisensituationen mit gewaltsamen und kriegerischen Konflikten in verschiedenen Ländern lösen aktuell hohe Fluchtwellen aus. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind weltweit noch nie so viele Menschen auf der Flucht gewesen, und die syrische Flüchtlingskrise gilt schon jetzt als Jahrhundertkatastrophe. Auch im Irak ist es aufgrund des Terrors des "Islamischen Staates" zu neuen großen Fluchtbewegungen gekommen.[1] Insgesamt sind nach Angaben der UNO-Flüchtlingshilfe derzeit fast 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht, der Großteil davon (33,3 Millionen) sind Binnenvertriebene. Von den Menschen, die in ein anderes Land geflüchtet sind, leben 86 Prozent in Entwicklungsländern.[2] Nur ein kleiner Teil flieht nach Europa, dennoch steigt auch hier die absolute Zahl der Flüchtlinge stetig an. In Deutschland kletterte sie 2014 mit insgesamt 202834 Asylanträgen auf die bislang vierthöchste Zahl von Asylbewerberzugängen seit 1994. Dies stellt Deutschland vor enorme Herausforderungen, die nicht vom Staat allein zu bewältigen sind.

Die aktuelle Unterbringungssituation für Flüchtlinge in Deutschland in Sammellagern oder in provisorisch hergerichteten Sporthallen ist besonders prekär. Ein Viertel der Asylantragsteller in Deutschland sind dazu traumatisierte "Menschen, die die Schrecken im Herkunftsland, die Traumata der illegalen Flucht und noch dazu Erfahrungen mit Inhaftierung, Obdachlosigkeit oder Hunger in Randstaaten Europas mit sich herumgetragen und Angst vor der Rückschiebung haben".[3] Hinzu kommen Sprachprobleme, Ausschluss aus Integrationskursen, Diskriminierung, Isolation, Arbeitsverbot und Ähnliches als sequenzielle Traumatisierungsfaktoren.

Ein neuer Problembereich ist der rasante Anstieg unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge, die von der Jugendhilfe in Obhut genommen und sowohl pädagogisch als auch psychologisch betreut werden. Die Anzahl der Inobhutnahmen unbegleitet einreisender Jugendliche stieg im Zeitraum von 2005 (602 Fälle) bis 2013 (6584 Fälle) um das Zehnfache an. Dies entspricht knapp 16 Prozent aller Inobhutnahmen 2013.[4] Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind von noch schwerwiegenderen Problemen als erwachsene Flüchtlinge betroffen. Sie fliehen überwiegend aus Kriegs- und Katastrophengebieten, aber auch aus Gründen wie familiäre Gewalt, Zwangsheirat, Beschneidung und sexuelle Ausbeutung. Von vielen betroffenen Diensten und Praktikern wird insbesondere auf die Bildungsproblematik dieser Personengruppe aufmerksam gemacht und nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. Den jugendlichen Flüchtlingen, besonders den 14- bis 18-Jährigen, wird häufig nur eingeschränkter Zugang zu Schulen gewährt, und auf dem Weg zur beruflichen Ausbildung stehen ihnen zahlreiche Probleme und Hürden entgegen.[5] Der erhebliche Anteil an unbegleiteten jungen Flüchtlingen stellt die (überforderten) Kommunen und Jugendhilfen vor immense Herausforderungen. Für die Bewältigung dieser aktuellen gesellschaftlichen Lage ist vor allem die zivilgesellschaftliche Beteiligung erforderlich, da der Staat die Problematik nicht alleine lösen kann und soll. Die Bürgerinnen und Bürger sind dabei – zu Recht – gefragt und gefordert.

Engagement für Flüchtlinge

Bürgerschaftliches oder ehrenamtliches Engagement hat in Deutschland im Vergleich zu früheren Jahren insgesamt nicht merklich zugenommen und ist im Zeitverlauf eher stabil geblieben. Laut Freiwilligensurvey von 2009 ist der Anteil freiwillig Engagierter an der Bevölkerung ab 14 Jahren in Deutschland in den Jahren zwischen 2004 und 2009 mit einer Engagementquote von gut einem Drittel (36 Prozent) stabil geblieben, während unter den bis dahin nicht Engagierten ein steigender Anteil zum Engagement bereit ist.[6]

Beim Engagement in der Flüchtlingshilfe zeichnet sich jedoch eine positive Entwicklung ab: Verschiedene Bezugs- und Betreuungsstellen im Bereich der Flüchtlingshilfe sowie aktuelle örtliche Pressemeldungen berichten bundesweit über eine deutlich gestiegene Hilfsbereitschaft und reges Engagement seitens der deutschen Bevölkerung. So sind laut Günther Burkhardt, Geschäftsführer und Mitbegründer von ProAsyl, derzeit Tausende freiwillige Helfer und zahlreiche neu gegründete Initiativen zu beobachten: "Täglich melden sich derzeit bei ProAsyl, den Flüchtlingsräten der Länder und den lokalen Asylvereinen in der ganzen Republik engagierte Menschen, die Flüchtlinge unterstützen möchten. (…) In der breiten Gesellschaft wachsen derzeit die Solidarität und der Impuls, Menschen in Not beizustehen."[7] Die in Sammelunterkünften, Wohlfahrtsverbänden, Kirchen, Schulen und anderen Einrichtungen sowie bei ProAsyl tätigen Freiwilligen engagieren sich in den unterschiedlichsten Bereichen: soziale Kennenlernprojekte, Deutschunterricht, Hausaufgabenhilfe, Nachhilfe, Fahrradwerkstatt und -börse, Begleitung bei Behördengängen und Arztbesuchen, Hilfe bei der Arbeits- und Wohnungssuche, Dolmetschertätigkeit, Initiativen und Patenschaften für Einzelpersonen oder -familien, direkte ärztliche Hilfe, Hilfe bei der beruflichen Qualifizierung von Flüchtlingen, Begegnung/Kontakte in diversen Veranstaltungen (Feste, Feiern, Frauengruppen, Mutter-Kind-Gruppen), Freizeitaktivitäten (Zoobesuche, Sport), karitative Beratung, Rechts- und Sozialberatung, Bildungsberatung, Öffentlichkeitsarbeit (Projektarbeiten, Ausstellungshilfe), Hilfe bei der Ausbildungssuche, Frauencafé, interkulturelles Sprachcafé, Musikunterricht und vieles mehr.

Nach meinen Erfahrungen in der Flüchtlingssozialarbeit haben sich auch kreativ-therapeutische Freiwilligenprojekte für traumatisierte Flüchtlinge (Gymnastikkurs als Bewegungstherapie, Massagekurs oder Yoga als Entspannungstherapie, Musik-, Kunst- und Tanztherapie) bei entsprechender Qualifikation der Freiwilligen als außerordentlich nützlich für die Integration herausgestellt.

Mit Blick auf die aktuelle Situation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge rege ich in einem gesonderten Abschnitt eine ehrenamtliche Patenschaftsbeziehung an, in welcher der/die Ehrenamtliche als dauerhafte Bezugsperson und Bildungsbegleiter fungiert. Für eine weitere Mobilisierung ehrenamtlichen Engagements reicht es nicht, dies allein im Sinne der gesellschaftlichen Mitverantwortung der Bürger zu begründen. Vielmehr muss die besondere Bedeutung der Ehrenamtlichkeit für die Integration der Gesellschaft neu beleuchtet werden, um hieraus geeignete Praxisempfehlungen für ein breiteres Engagement in der Flüchtlingshilfe abzuleiten.

Bedeutung des Ehrenamts im Bereich der Flüchtlingshilfe

Aufgrund der Ergebnisse einer im Rahmen meiner Dissertation vorgenommenen empirischen Studie[8] über Ehrenamtlichkeit in der Flüchtlingssozialarbeit vertrete ich eine ganzheitliche dreidimensionale Integrationstheorie, die neben einer kognitv-kulturellen (Denken) und einer sozial-strukturellen (Handeln) auch eine seelisch-emotionale (Fühlen) Dimension umfasst. Ich definiere Integration als einen Zustand des inneren Gleichgewichts eines Migranten in diesen drei Dimensionen. Überraschenderweise zeigt die Studie, dass ehrenamtliche Tätigkeit für Flüchtlinge ihre größte Wirkung in der seelisch-emotionalen Integration entfaltet. Durch den Aufbau persönlicher Beziehungen stehen die Ehrenamtlichen den Flüchtlingen insbesondere bei der Überwindung ihrer seelisch belastenden Vergangenheits- und Gegenwartsprobleme zur Seite. Obwohl Ehrenamtliche nach ursprünglicher Aufgabenvereinbarung keine therapeutische beziehungsweise psychosoziale Arbeit explizit zu leisten haben, sondern eher konkrete Hilfestellungen (Bildungs- und Betreuungsarbeit, Begegnung, praktische Lebenshilfe und so weiter) geben sollen, zeigt sich die größte Wirkung ihrer Arbeit gerade nicht in diesen (die praktische Integration betreffenden) kognitiv-kulturellen und sozial-strukturellen Bereichen, sondern vielmehr im seelisch-emotionalen Bereich.

Dieses zunächst nicht ins Auge gefasste Integrationsziel ehrenamtlicher therapeutischer Hilfestellung erweist sich als ihre besondere Leistung, die ganz wesentlich mit den dem Ehrenamt zugrunde liegenden intrinsischen Motiven[9] und Beziehungsfähigkeiten der Ehrenamtlichen selbst zusammenhängt: Sie können durch die persönliche Art ihrer Kontakte eine einzigartige Beziehung zu Flüchtlingen aufbauen, indem sie gezielt auf Menschen zugehen, persönliche Berührungspunkte herstellen und mit den Flüchtlingen eine ganzheitliche Begegnung[10] erleben. So tragen sie zur seelisch-emotionalen Stabilisierung und Integration insbesondere auch der traumatisierten Flüchtlinge bei. In der Ehrenamtsbeziehung findet eine Begegnung statt, in der sich Ich und Du als gleichberechtigte Subjekte begegnen und keiner dem anderen bewertend gegenübersteht. In einer solchen Beziehung wächst die Fähigkeit, sich dem Anderen zu öffnen. Von daher ist es möglich, dass in den Ehrenamtsbeziehungen (familiäre) Nähe und Wärme entstehen, zumal die Akteure ihrem Gegenüber ohne Erwartungen einer Gegenleistung begegnen und in der Regel bereit sind, auch seelische Zuwendung und Zuneigung zu schenken.

So werden Flüchtlinge, die aufgrund ihrer extrem schwierigen seelischen und strukturellen Ausgangssituation und negativer Erfahrungen mit der Aufnahmegesellschaft eine nur geringe oder gar keine Motivation zur Integration hatten und sogar negativ voreingestellt oder blockiert waren, erst durch die mit ehrenamtlicher Hilfe überwundene seelisch-emotionale Blockade zu weiterführenden Integrationsschritten in den beiden anderen Dimensionen aufgeschlossen. Damit leistet das Ehrenamt einen entscheidenden, seelisch-emotional vorbereitenden ersten Schritt zur kognitiv-kulturellen und sozial-strukturellen Integration. In diesem Sinne versteht sich das Ehrenamt als ein unverzichtbarer Baustein zur Integration.

Die integrationsförderlichen Beziehungen zwischen Ehrenamtlichen und Flüchtlingen lassen sich ihrer Funktion nach als Ersatz-, Kompensations-, Lernbeziehung sowie Kapitalbeziehung typisieren:[11]

Ersatzbeziehung: Die Flucht als eine von außen aufgezwungene Entscheidung unterbricht abrupt den sozialen und vielfach auch familiären Lebenszusammenhang. Durch die Kontakte zu den Ehrenamtlichen können verloren gegangene soziale Bindungen teilweise ersetzt werden. Das trägt dazu bei, soziale Bezugssysteme für Flüchtlinge familienähnlich zu vergrößern und zu stabilisieren. Dadurch wird die soziale Integration gefördert. Darüber hinaus spielen die Ehrenamtlichen insbesondere für Flüchtlingskinder oder -jugendliche eine elterliche Rolle oder fungieren als Elternersatz. Gerade diese ehrenamtlichen Ersatzbeziehungen dürften im Hinblick auf die drastisch zunehmende Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge nach Deutschland von besonderem Interesse für die Praxis sowohl bei der Unterbringung als auch bei der Betreuung dieser Flüchtlingsgruppe sein.

Therapiebeziehung: Die durch Kriegs- und Fluchterlebnisse traumatisierten Flüchtlinge leiden unter deren Spätfolgen, weil ihnen in ihrer neuen Lebensumwelt keine oder nur unzureichende therapeutische Möglichkeiten für die angemessene Verarbeitung ihrer Traumaerfahrungen geboten werden. Wenn aber Flüchtlinge zu Ehrenamtlichen langsam eine Vertrauensbeziehung aufbauen, sich ihnen gegenüber allmählich öffnen und ihnen dabei nicht selten ihre oftmals leidvolle Geschichte anvertrauen, hilft ihnen das bei der Bewältigung ihrer Vergangenheit. In diesem Sinne wird dem Ehrenamt eine therapeutische Funktion zugeschrieben, wobei die Ehrenamtlichen durch ihre persönliche Begleitung[12] quasi als Therapeut zu den Flüchtlingen in Beziehung stehen. Diese Art von Therapiebeziehung bewegt und motiviert auch zunächst integrationsunwillige beziehungsweise -unfähige Menschen zur (seelisch-emotionalen) Integration und ermöglicht somit erst die soziale Integration der Flüchtlinge.

Kompensationsbeziehung: Die interviewten Flüchtlinge haben aufgrund ihres rechtlichen Status zwingend häufige Kontakte zu Behörden. Die Mehrheit macht dabei mit den Verwaltungsbeamten negative Erfahrungen, die zu neuen Traumata führen können. Sie fühlen sich nicht willkommen oder als Menschen wertgeschätzt, man begegnet ihnen nicht selten unhöflich und sogar im Befehlston. Auch im Umgang mit der einheimischen Bevölkerung kommt es zu Diskriminierungserfahrungen. Da sie ansonsten kaum positiv gestaltete Kontakte haben, entsteht ein eher negatives Bild der Aufnahmegesellschaft. Die Beziehungen zu den Ehrenamtlichen kompensieren dieses einseitige und negative Bild von Deutschland. Das Gefühl, abgelehnt zu werden, kann durch die Beziehung zu Ehrenamtlichen kompensiert und in ein Gefühl des Angenommenseins umgewandelt werden, das entscheidend für eine seelisch-emotionale Integration und die Bereitschaft zur sozialen Integration ist.

Lernbeziehung: Die Flüchtlinge lernen durch die Kontakte zu Ehrenamtlichen Sprache, Verhalten, Normen, Werte und Erwartungen der aufnehmenden Gesellschaft kennen. Dieser Lerneffekt fördert zweifellos am stärksten die kognitiv-kulturelle Integration der Flüchtlinge. Deutsche mit ihren Verhaltensweisen und menschlichen Regungen einschätzen zu können, erhöht die allgemeine Kontaktbereitschaft und führt nachweislich zur besseren sozialen Integration. Die Lernbeziehung ist keinesfalls einseitig. Auch die Ehrenamtlichen haben positive Lernerfahrungen. Sie lernen Menschen aus anderen Kulturkreisen kennen und verstehen es, zwischen den Flüchtlingen und der einheimischen Bevölkerung zu vermitteln und als Meinungsmultiplikator eine aufklärende Rolle in der Gesellschaft zu übernehmen.

Kapitalbeziehung: Ehrenamtsbeziehungen können auch als eine Art von Sozialkapital betrachtet werden. Die Beziehungen zu Ehrenamtlichen werden in bestimmten Situationen, beispielsweise bei behördlichen Schwierigkeiten oder bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, nutzbringend und vorteilhaft für Flüchtlinge eingesetzt. So konnten durch Interventionen von Ehrenamtlichen die Abschiebetermine für Flüchtlinge verschoben werden oder durch ihre Vermittlung Mietwohnungen und Arbeitsstellen für Flüchtlinge besorgt werden. Dadurch wird auch die strukturelle Integration verbessert.

Die Integrationswirkung der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe variiert abhängig von der rechtlichen und psychosozialen Situation der Flüchtlinge:[13] In meiner Studie von 2005 habe ich zwei Flüchtlingsgruppen untersucht, sogenannte geduldete Flüchtlinge, die überwiegend aus dem ehemaligen Jugoslawien (Kosovo, Serbien) stammten und durch unerwartete Außenereignisse (Krieg, politische Verfolgung) flüchten mussten, und jüdische Kontingentflüchtlinge, die überwiegend aus der ehemaligen Sowjetunion stammten und aufgrund einer wohlüberlegten und langfristigen Entscheidung nach Deutschland migrieren wollten. Insgesamt wurde bei allen Flüchtlingen mit ehrenamtlicher Unterstützung eine höhere Gesamtintegration erreicht als ohne. Während sich bei den überwiegend gut gebildeten Kontingentflüchtlingen die ehrenamtliche Unterstützung insbesondere bei der sozial-strukturellen Integration auswirkt, zeigt sie bei den geduldeten Flüchtlingen, die wegen ihrer Kriegs- und Fluchterlebnisse nicht selten traumatisiert waren und dann auch noch wegen des unsicheren Bleiberechtes zusätzlichen Existenz- und Abschiebeängsten ausgesetzt waren, die größte Wirkung im seelisch-emotionalen Bereich. Dies lässt die Schlussfolgerung zu: Je schwieriger die Lebenssituation der Menschen ist, desto wirkungsvoller ist die ehrenamtliche Integrationsarbeit.

Ehrenamtliches Engagement in der Flüchtlingshilfe trägt nicht nur zur Integration der Flüchtlinge als Ehrenamtsadressaten bei, sondern hat auch in besonderer Weise eine integrierende Wirkung auf die an ehrenamtlichen Prozessen Beteiligten[14] und auf die Gesellschaft. Die integrative Wirkung des Ehrenamts zeigt sich besonders in einer versöhnenden Funktion, indem es (im Konfliktfall) zwischen den beteiligten Parteien – hier den Flüchtlingen und der Aufnahmegesellschaft – vermittelnd und ausgleichend wirkt. Diese versöhnende Rolle der Engagements zeigt sich in erster Linie in einer die öffentliche Meinung beeinflussenden Multiplikatorfunktion des Ehrenamts. Durch die Vermittlung der ehrenamtlichen Akteure revidiert die Aufnahmegesellschaft ihre durch Unkenntnis oder Vorurteile geprägte Haltung fremden Menschen gegenüber. Somit tragen die Ehrenamtlichen zur Versöhnung der beiden Parteien bei.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) sind zu einem festen Bestandteil der Migration geworden. Sie stellen ein ganz eigenes Problemfeld dar, für das nach neuen Lösungsansätzen gesucht wird. Hierbei kann ehrenamtliche Unterstützung insbesondere in Form einer Patenschaftsbeziehung – unterlegt mit geeigneten Ehrenamtskonzepten – eine Erfolg versprechende Rolle spielen.

Die unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge haben nicht selten traumatische Fluchterfahrungen gemacht und sehen sich jetzt in Deutschland vor neue Probleme gestellt. "Aufgrund ihres Alters, ihrer Herauslösung aus dem vertrauten Umfeld und wegen des fehlenden Schutzes durch die eigene Familie zählen umF zur Gruppe der besonders verletzlichen und daher besonders schutzbedürftigen Flüchtlinge."[15] Zwar fallen sie in Deutschland unter die Regelungen zur gesetzlichen Inobhutnahme mit staatlich verordneter Unterbringung und Betreuung durch einen Vormund. Dabei erfahren sie jedoch wiederholte Verschiebungen der Zuständigkeiten im Aufnahmeprozess und häufige Wechsel der Bezugspersonen in Ämtern und Jugendhilfeeinrichtungen, was im Hinblick auf zuvor erlittene Verluste der elterlichen beziehungsweise sozialen Bezugssysteme eine Wiederholung der Beziehungsverluste darstellt und eine sekundäre Traumatisierung auslösen kann. Mit Vollendung des 18. Lebensjahres müssen sie ihre Unterkunft wieder verlassen, sie verlieren ihren gesetzlichen Vormund und sehen sich zudem mit einer möglichen Abschiebung konfrontiert. Dass bei all dem die jugendliche Seele Schaden nimmt, ist nicht weiter verwunderlich und muss in Lösungsansätzen berücksichtigt werden. Wegen ihrer oben beschriebenen spezifischen Integrationswirkung gerade auch im seelisch-emotionalen Bereich stellt ehrenamtliche Unterstützung einen solchen Lösungsansatz in mehrfacher Hinsicht dar.

Intrinsisch motivierte Ehrenamtliche können nachhaltige patenschaftsähnliche Beziehungen – im Sinne der Ersatz- und Therapiebeziehung – zu jungen Flüchtlingen aufbauen, sie seelisch-emotional stabilisieren und dann auf allen weiteren Stufen des Integrationsprozesses wirkungsvoll begleiten und unterstützen. Hierfür muss ein konzeptioneller Rahmen geschaffen werden, der eine professionelle Zusammenarbeit der Ehrenamtlichen mit den hauptamtlichen Flüchtlingsbetreuern ermöglicht. Mit Blick auf die prekäre Unterbringungslage wäre zu erwägen, ob die unbegleiteten Minderjährigen nicht auch in die Lebensgemeinschaft der Ehrenamtlichen – analog den Pflegefamilien und individualpädagogischen Betreuungsstellen – aufgenommen werden können, wenn ehrenamtliche Betreuer dies wünschen, entsprechend qualifiziert sind und die räumlichen Möglichkeiten vorweisen können. Das hier vorgeschlagene Konzept müsste durch den Staat mit rechtlicher Weichenstellung eingeführt und finanziell und fachlich unterstützt werden.

Auch mit Blick auf die Bildungssituation der jungen Flüchtlinge kann die ehrenamtliche Unterstützung hilfreich sein. Sie schaffen in der Regel die Eingliederung in das reguläre deutsche Schulsystem nicht, andere unterstützende Angebote stehen nicht flächendeckend zur Verfügung. Oftmals findet für 16- bis 17-Jährige keine Beschulung statt, da sie nicht mehr der allgemeinen Schulpflicht unterliegen. In diesem Zusammenhang halte ich qualifizierte Ehrenamtliche als Ausführer des Bildungsauftrages für sehr geeignet. Denn gutes Lernen setzt gute Lernbeziehungen voraus, man lernt in und an der Beziehung zu den Lehrenden. Zu Flüchtlingsjugendlichen, die aufgrund ihrer belastenden Situation in ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sind, können die Ehrenamtlichen eine von Anteilnahme, Respekt und Anerkennung geprägte empathische Beziehung aufbauen und eine gute Lerngrundlage für die kognitiv-kulturelle Integration schaffen. Von daher könnten insbesondere die betroffenen Schulen (oder andere Organisationen, Kirchengemeinden) bewusst Ehrenamtliche aus dem Gemeinwesen, Freiwilligenagenturen oder der Eltern- und Schülerschaft rekrutieren und in die Arbeit einbinden.

Ich möchte deshalb eine Debatte darüber anregen, ob und wie ein professionell gestaltetes Ehrenamtskonzept für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge die jetzigen staatlichen Lösungen verbessern und ergänzen kann und welche infrastrukturellen, personellen und finanziellen Rahmenbedingungen hierfür zu schaffen wären. Kurzfristig ist es wichtig und notwendig, hauptamtliche Flüchtlingsbeauftragte auf die Möglichkeiten ehrenamtlicher Unterstützung bei der Inobhutnahme der Jugendlichen hinzuweisen, über Motivation und spezifische Einsatzmöglichkeiten Ehrenamtlicher zu informieren und Konzepte für eine professionelle Zusammenarbeit zu entwickeln.

Erfolgsrezept für die Praxis des Engagements

Angesichts der konstant hohen Flüchtlingszahlen aus den verschiedensten Kulturkreisen und den damit verbundenen Integrationsanforderungen darf ehrenamtliches Engagement in diesem Bereich nicht dem Zufall überlassen werden, wie es vielfach in der Praxis geschieht. Das Engagement muss vielmehr zum Gegenstand eines planvollen systematischen Handelns bei den Flüchtlingsbehörden und anderen mit der Integration von Flüchtlingen befassten Organisationen werden.

Auch muss das Engagement adäquat durch interkulturelle Bildung getragen werden, damit es ohne Nebenwirkungen die Flüchtlingsintegration erfolgreich voranbringen kann. Interkulturelle Kontakte führen, auch wenn sie mit wohlwollender Bereitschaft erfolgen, nicht automatisch zum Abbau von Vorurteilen oder zu mehr Toleranz. Es können sich durch interkulturelle Missverständnisse und Irritationen oder im Konfliktfall die ablehnenden Einstellungen eher noch verfestigen, wie Empirie und Praxis zeigen.[16] Von daher ist es ratsam, dass Ehrenamtliche, die mit Flüchtlingen in Beziehung treten, durch Weiterbildungsangebote auf die interkulturelle Begegnung vorbereitet und in ihrem Engagement begleitet werden. Das gilt umso mehr für die interkulturelle Kompetenz von Hauptamtlichen, die diese Ehrenamtlichen beratend und unterstützend begleiten sollen.

Ausschlaggebend für den Erfolg ist jedoch eine neue Ehrenamtskultur, die die organisationsspezifische Kultur der Anerkennung und die Bewusstseinsveränderung bei den hauptberuflich tätigen Mitarbeitern dieser Institutionen und Organisationen umfasst, sei es in Vereinen, Verwaltungen, Kirchengemeinden oder Schulen. Hauptamtliche sind in der Regel diejenigen, die durch Direktansprache potenzieller Ehrenamtlicher diese für den Beginn oder das Weiterführen eines Engagements motivieren und durch Wertschätzung, Anerkennung und gute Begleitung entlohnen. Doch bestehen nicht selten Vorbehalte gegenüber den Ehrenamtlichen verbunden mit Desinteresse an einer Zusammenarbeit mit ihnen. Es ist daher dringend erforderlich, bei den Hauptamtlichen eine Bewusstseinsänderung über die Bedeutung des Ehrenamts und seine integrativen Wirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft herbeizuführen. So sollten die Hauptamtlichen als Schlüsselfiguren für den Erfolg der Ehrenamtsprojekte (an)erkannt werden und ihre Handlungskompetenzen für den adäquaten Umgang mit Ehrenamtlichen durch kontinuierliche Aus- und Fortbildung gefördert werden. Hierzu gehört die Vermittlung von Kenntnissen über Motive, Wirkmechanismen und Potenziale von Ehrenamtlichen und wie man sie rekrutieren, einsetzen und professionell begleiten kann.
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Fußnoten

1.
Vgl. Günter Burkhardt, Neue Zuwanderung und Engagement. Flüchtlingssolidarität: im Spannungsfeld von Abschottung und Aufnahme, in: BBE-Newsletter vom 27.11.2014.
2.
Vgl. UNO-Flüchtlingshilfe, Flüchtlinge weltweit. Zahlen und Fakten, o.D., http://www.uno-fluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/zahlen-fakten.html« (4.3.2015).
3.
G. Burkhardt (Anm. 1), S. 5. Weltweit rund ein Drittel aller Flüchtlinge würden Schätzungen nach an einer "posttraumatischen Belastungsstörung" leiden.
4.
Vgl. Jens Pothmann, Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) in Obhut der Kinder- und Jugendhilfe – Antworten der Jugendhilfestatistik, in: Forum Jugendhilfe, (2014) 4, S. 35–38.
5.
Vgl. Goran Ekmescic, Inklusion statt Exlusion! Zur Bildungsproblematik unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge in Deutschland, in: Jugendhilfe, 49 (2011) 1, S. 21–23.
6.
Vgl. Deutscher Bundestag, Erster Engagementbericht – Für eine Kultur der Mitverantwortung. Bericht der Sachverständigenkommission und Stellungnahme der Bundesregierung, Bundestags-Drucksache 17/10580 vom 23.8.2012.
7.
G. Burkhardt (Anm. 1), S. 1.
8.
Für diese Studie, die aus meiner langjährigen sozialarbeiterischen Praxis in der Flüchtlingsbetreuung der Stadt Münster hervorging, wurden Interviews mit Ehrenamtlichen, Flüchtlingen und deren Familien, hauptamtlich tätigenden Sozialarbeitenden und Vertreterinnen und Vertretern von Flüchtlingsorganisationen und Ämtern geführt. Vgl. Misun Han-Broich, Ehrenamt und Integration. Die Bedeutung sozialen Engagements in der (Flüchtling-)Sozialarbeit, Wiesbaden 2012.
9.
Die in der Studie hinterfragten Motive der Ehrenamtlichen sind entweder extrinsischen oder intrinsischen Ursprungs. Die extrinsische Motivation hat ihren Ursprung in einer (veränderten) biografischen oder gesellschaftlichen (Lebens-)Situation. Dahingegen liegt die intrinsische Motivation in der Erfüllung religiöser oder ethischer Ansprüche sowie in einer empathischen Persönlichkeitsstruktur der Ehrenamtlichen begründet. Vgl. ebd. S. 82–88.
10.
Im Sinne Martin Bubers begegnen sich Menschen dann ganzheitlich, wenn sie gegenseitig den anderen die Qualität eines Subjektes zuerkennen, wobei ein "Ich-Du-Verhältnis" eingeräumt wird. Wenn sich Menschen als Personen ganzheitlich begegnen, findet in der Beziehung ein Berühren und Berührt-Werden statt. Es ist nach Buber diese personale ontologische Begegnung, die das Herz öffnet und Kraft ausschüttet. Vgl. Martin Buber, Ich und Du, Heidelberg 198311; M. Han-Broich (Anm. 8), S. 193ff.
11.
Vgl. ebd. S. 157–166.
12.
Vgl. auch die "Soteria-Bewegung" ab Ende der 1960er Jahre, wobei der Heilungseffekt für psychisch Kranken mehr bei einer persönlichen Begleitung durch Laienhelfer als bei Medikation oder Therapieaufenthalt in Kliniken begründet und daher deren Umsetzung postuliert wurde.
13.
Vgl. M. Han-Broich (Anm. 8), S. 51–63, S. 128–150.
14.
Die integrative Funktion des Ehrenamts zeigt sich im Hinblick auf die ehrenamtlichen Akteure speziell darin, dass die mit der Wahrnehmung des Ehrenamts geknüpften neuen Kontakte auch Zugang zu neuen sozialen Netzwerken ermöglichen. Die Ehrenamtlichen überwinden durch "neuartige", außerhalb ihres herkömmlichen sozialen Umfeldes liegende Kontakte die Grenze des eigenen Sozialraumes und integrieren sich in einen anderen, bislang nicht zugänglichen sozialen Raum. Dadurch wird auch die sozialräumliche Integration begünstigt.
15.
Vgl. J. Pothmann (Anm. 4), S. 36; Peter Neher, Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Deutschland. Positionierung des Deutschen Caritasverbandes (DCV), in: Neue Caritas, (2014) 6, S. 31–41.
16.
Vgl. M. Han-Broich (Anm. 8), S. 206ff.
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