Qualitätssicherung in der Bildung

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20.4.2015 | Von:
H.-Georg Lützenkirchen

Dem Rechtsextremismus wirkungsvoll begegnen: Gelingensbedingungen in der Fortbildung von Multiplikator(inn)en

Zur Herausbildung einer aktiven Zivilgesellschaft in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft hat politische Bildung beigetragen. Die ursprünglich aus dem Impuls einer für die Deutschen neuartigen Demokratieerziehung sich entwickelnde Disziplin ließ tatsächlich etwas von dem entstehen, was angestrebt war: eine Bildung zum Zoon politikon. Das ist mithin auch eine stetige Mahnung an das Ideal einer lebenslangen Menschenbildung und des freien und qualifizierten Urteilsvermögens.[1] Die Erfüllung dieses Bildungsideals ist eine lebendige Demokratie, die von aktiven, mündigen Bürger(inne)n mitgestaltet wird.[2] Verlieren freilich die Menschen die Fähigkeit und die Lust, sich aktiv zu beteiligen, tauchen "Bruchstellen" auf, die den Konsens über die demokratische Gesellschaft in Frage stellen und "antidemokratische Mentalitäten" fördern. Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland nennt fünf "Bruchstellen": "1. Rechtsextreme Orientierungen und Einstellungen zum Rechtsextremismus; 2. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit; 3. Distanzen zur Demokratie; 4. Kalte ökonomistische Haltungen zum Sozialleben; 5. Feindliche Gesinnungen gegen die europäische Einheit und andere Länder."[3]

Nicht jede dieser benannten "Bruchstellen" ist für sich betrachtet per se rechtsextrem. Aber jede kann unter bestimmten Umständen zum Anknüpfungspunkt rechtsextremen und damit antidemokratischen Denkens werden. Diese Zusammenhänge deutlich zu machen, ist eine Aufgabe für politische Bildung in Fortbildungen mit Multiplikator(inn)en: die Bruchstellen als Bestandteile eigener lebensweltlicher Erfahrung bewusst zu machen und zu verdeutlichen, in welcher Wechselbeziehung sie mit rechtsextremen Einstellungen stehen – bevor sie pauschal als rechtsextrem etikettiert werden.

Politische Bildung soll – aus Sicht vieler Akteure in Politik und Gesellschaft – zu einer Art Gefahrenabwehr gegen antidemokratische Bedrohungen beitragen. Spätestens seit den 1990er Jahren zeigten sich diese Bedrohungen in Form rechtsextrem motivierter Straftaten, gewaltbereiter Ausländerfeindlichkeit und offen rechtsextremer Übergriffe bis hin zur Aufdeckung der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) 2011. Aber auch die Wahlerfolge rechtsextremer Parteien wie der DVU oder der NPD sowie rechtspopulistischer Parteien wie aktuell der AfD[4] fordern die demokratische Gesellschaft heraus. Politik und Gesellschaft reagierten mit verstärkten Anstrengungen zur Stärkung der demokratischen Zivilgesellschaft. Anbieter von politischer Jugend- und Erwachsenenbildung vermehrten ihre Angebote zum Thema Rechtsextremismus, zunächst mit dem Ziel, das gesellschaftliche Phänomen besser zu verstehen. Ein Problem wurde aber deutlich: Erreicht dieses Angebot überhaupt die Zielgruppen, vor allem junge Menschen, die selbst zu rechtsextremen Einstellungen tendieren? Nachhaltiger auf eben diese gefährdeten Gruppen ausgerichtet waren und sind Programme auf Bundes- und Landesebene.[5] Im Mittelpunkt steht dort die Förderung "themenbezogener innovativer Ansätze in der Kinder- und Jugendhilfe sowie angrenzenden Arbeitsfeldern".[6] Diese Ausrichtung folgt der Einsicht, dass insbesondere junge Menschen einerseits die gefährdete Gruppe darstellen, andererseits gerade sie aber auch im Sinne einer politisch-präventiven Zielsetzung noch "formbar" sind, bevor sie in ihrem Denken und Handeln eventuell rechtsextrem werden. Also unterstützen die Programme – sei es mit den sogenannten Lokalen Aktionsplänen (LAP), mit ausgewählten Modellprojekten oder dem Aufbau von Beratungsnetzwerken[7] – besonders die Menschen und Einrichtungen, die, wie beispielsweise in der Jugend(sozial)arbeit, über viel Erfahrung in der Projektarbeit mit gefährdeten jungen Menschen verfügen.

Dabei wird in den Programmen kein direkter politischer Bildungsauftrag formuliert. Er ist freilich indirekt vorhanden, indem die Programme immer auch eine über die akuten Anlässe ihrer Implementierung hinausgehende präventive Intention verfolgen. Tatsächlich zielt ja politische Bildung auf die Gestaltung einer Zukunft, in der eine aufgeklärt-selbstbewusste Zivilgesellschaft mit aktiven Bürger(inne)n Rechtsextremismus gar nicht mehr erst entstehen lässt. Um also diesen Präventionseffekt durch politische Bildung zu erreichen, ist es erforderlich, ihn mit den unterschiedlichen professionellen Ansprüchen und Erwartungen der von diesen Programmen Geförderten in Verbindung zu bringen. Das geschieht zielgerichtet in Fortbildungen für Multiplikator(inn)en aus Jugendarbeit, Schule, Polizei, Verwaltung und anderen Berufswelten, wie sie in ein- oder mehrtägigen Seminaren in Kooperation von Anbietern politischer Bildung und Anbietern beruflicher Bildung erprobt werden. "Erfolgreich" ist politische Bildung in dieser Konstellation also erst in der Verbindung mit den spezifischen berufsbezogenen Anliegen der Teilnehmenden. Wie diese Verbindung didaktisch und methodisch zu gestalten ist, bedarf eigener Überlegungen und Anstrengungen.

Ein Beispiel für einen entsprechenden Ansatz ist das Fortbildungskonzept "Qualifiziert handeln!", das die Bundeszentrale für politische Bildung in Kooperation mit dem Bundesarbeitskreis Arbeit und Leben, dem DGB Bildungswerk Bund sowie den Evangelischen Akademien in Deutschland für Multiplikator(inn)en aus sozialen, sozialpädagogischen und schulischen Arbeitsbereichen sowie aus Politik, Verwaltung, Ehrenamt und Polizei seit 2013 anbietet. Die bisherigen Erfahrungen der Kooperationspartner in diesem Themenfeld haben Eingang in die Seminarprogramme gefunden. Als Innovationen und gleichermaßen Gelingensbedingungen betrachten sie unter anderem das Prinzip, einen Teil dieser Veranstaltungen berufsbegleitend über einen längeren Zeitraum hin anzubieten, den Teilnehmenden Gelegenheit zu geben, das Gelernte in Praxisprojekten zu erproben und Vernetzung langfristig zu unterstützen.

Aus Sicht des Begutachters resultieren weitere Gelingensbedingungen vor allem aus der Umsetzung folgender Schwerpunkte politischer Bildung: die Sensibilisierung für die und Bewusstmachung der gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die das jeweils spezifische berufliche (und soziale) Handeln prägen; die Sensibilisierung für eigene "Anteile", die zu Anknüpfungspunkten für rechtextremes Denken werden können; die Grenzen des Expertenwissens, wozu auch die ständige Vergewisserung über klare Begrifflichkeiten gehört; die Ausbildung einer Haltung als glaubhafter "Repräsentant" der Zivilgesellschaft sowie die Ausbildung neuer Netzwerkkompetenz.

Gesellschaftspolitische Rahmenbedingungen

Eine Bedingung gelingender politischer Bildung ist der Versuch, die Multiplikator(inn)en anzuregen und zu befähigen, über die für ihr berufliches Handeln unabdingbaren gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen nachzudenken. Dazu gehört zunächst die Fähigkeit, die Herausforderung der demokratischen Zivilgesellschaft durch rechtsextrem motiviertes Denken und Handeln rechtzeitig zu erkennen und zu verstehen. Sie ist immer dann herausgefordert, wenn die allem rechtsextremen Denken immanente Abwertung von Menschen zu strafrechtlich relevanten Übergriffen führt. Jeder dieser Übergriffe zielt auf den Geltungsbereich der Werte, die für eine demokratisch-rechtsstaatlich verfasste Gesellschaft maßgebend sind – und zwar unabhängig davon, ob das durch eine gezielte rechtsextreme Tat wie einen Anschlag oder eine Schändung direkt intendiert ist oder nicht.[8] Es ist eine entscheidende Gelingensbedingung für politische Bildung, dass sie die Teilnehmenden für diesen Zusammenhang zu sensibilisieren vermag.

Ein Beispiel mag erläutern, was gemeint ist: Bei der sozialpädagogischen Arbeit mit einem Jugendlichen kann es sinnvoll sein, auf die Thematisierung des ideologischen Kontextes, in dem er sich bewegt, zu verzichten, um nicht durch eine stigmatisierende Zuschreibung den Blick auf die individuellen Bedingungen des Jugendlichen zu versperren. In einem politischen Bildungskontext muss indes die sozialpädagogische Maßnahme immer auch im gesamtgesellschaftlichen Rahmen reflektiert werden,[9] um auf das Handeln des Jugendlichen nicht nur professionell reagieren zu können, sondern es auch "gesellschaftspolitisch" zu verstehen und bewerten zu können. Das gelingt in dem Maße, wie politische Bildung in den Fortbildungssituationen auch die prägenden Sozialisierungszusammenhänge der Jugendlichen zu thematisieren versteht. Die Diskussion über die Bedeutung dieses Lebensumfelds, in dem Erwachsene in den Familien, in Schule, Ausbildung und Vereinen auf die Entwicklung und Meinungsbildung der Jugendlichen Einfluss nehmen – oft ist das die typische "Mitte der Gesellschaft" – eröffnet den Multiplikator(inn)en zudem zusätzliche Handlungsoptionen. Sie bestehen beispielsweise darin, "vor Ort" in Netzwerken die Bevölkerung für die Gestaltung ihrer Lebenswelt zu aktivieren: "Was wollen/können wir gemeinsam tun, damit ‚unser Kiez‘ für uns lebenswert bleibt?"[10] Mit solchen lebensweltbezogenen, zugleich niederschwellig angelegten Veranstaltungen lassen sich aus der Mitte der Gesellschaft heraus Verbündete für lokale Initiativen finden und damit Personen, die Vorbildfunktion für die Jugendlichen des Kiezes erfüllen können.

Eine typische Erwartung, die von den Teilnehmenden im Rahmen berufsbezogener Fortbildung zum Umgang mit Rechtsextremismus immer wieder formuliert wird, ist es, zu erfahren, wie man im beruflichen Kontext mit Problemfällen umgehen sollte, welche "Lösungen" es für Konfliktsituationen gibt. Dahinter steht die Sehnsucht nach fertigen Konzepten, mit denen die unmittelbare Handlungs- und Einwirkungskompetenz verbessert werden kann. Sie betreffen zumeist eine "Dimension des Wissens" (Informationen zum Thema), eine "Dimension des Könnens" (Methodenkompetenz) sowie eine "Dimension der beruflichen Haltungen" (professioneller Habitus).[11]

Fußnoten

1.
Vgl. Zur Situation und Aufgabe der deutschen Erwachsenenbildung, in: Empfehlungen und Gutachten des deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen 1953–1965. Gesamtausgabe im Auftrag des Ausschusses besorgt von Hans Bohnenkamp, Walter Dirks, Doris Knab, Stuttgart 1966, S. 857–928.
2.
In diesem Verständnis ist Partizipation dann das "Königsziel" der politischen Bildung. Vgl. Benedikt Widmaier, Außerschulische politische Bildung nach 1945 – Eine Erfolgsgeschichte?, in: APuZ, (2012) 46–47, S. 9–16, hier: S. 14.
3.
Andreas Zick/Anna Klein, Fragile Mitte – feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014, Bonn 2014, S. 139, http://www.fes-gegen-rechtsextremismus.de/pdf_14/FragileMitte-FeindseligeZustaende.pdf« (7.4.2015). Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wird hier verstanden als "Feindseligkeiten gegenüber Gruppen, die in einer Gesellschaft als schwach, abweichend, minderwertig oder zum Beispiel unpassend bezeichnet werden und ein hohes Diskriminierungsrisiko aufweisen. Die Feindseligkeiten können in Vorurteilen, negativen Emotionen, als Hass-Reden oder -Taten erscheinen. (…) Wir reden von Menschenfeindlichkeit, weil die unterschiedlichsten Feindseligkeiten miteinander verbunden sind in einem Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit." Ebd., S. 18.
4.
Vgl. zu dieser Einordnung beispielsweise Karl-Rudolf Korte, Alternative für Deutschland (AfD), 28.4.2014, http://www.bpb.de/politik/wahlen/wer-steht-zur-wahl/europawahl-2014/180972/afd« (9.4.2015).
5.
Seit 2011 bündelte das Bundesprogramm "Toleranz fördern – Kompetenz stärken" die Vorgängerprogramme "Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" und "kompetent. für Demokratie – Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus" (http://www.toleranz-foerdern-kompetenz-staerken.de«) (20.3.2015). Im Januar 2015 startete das zuständige Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend das neue Bundesprogramm "Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit" (http://www.demokratie-leben.de«). Hinzu kommen Programme einzelner Bundesländer.
6.
Ursula Bischoff et al., Abschlussbericht der Programmevaluation der Bundesprogramme "Vielfalt tut gut. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" und "kompetent. für Demokratie – Beratungsnetzwerke gegen Rechtsextremismus" für den Berichtszeitraum 1.7.2007 bis 31.12.2010, München–Halle (Saale) 2011, S. 15.
7.
Vgl. Bundesprogramm (Anm. 5).
8.
Das meint aber auch: es gibt keine derartige Tat, die "unpolitisch" wäre! Unabhängig davon, wie die individuelle Verantwortung des Jugendlichen zu bewerten ist, gibt es immer ein Umfeld, aus dem heraus die Tat in ihrer konkreten Erscheinung möglich wurde. Wenn dies schon nicht (wie in der Vergangenheit leider sehr oft) von zuständigen Behörden (Polizei, Justiz) genügend erkannt wird, aus Sicht der politischen Bildung ist es zentral. Sie muss Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Aufmerksamkeitslevel hoch bleibt. Rechtsextrem motiviertes Handeln muss immer wieder bemerkt werden. Vgl. A. Zick (Anm. 3), S. 152.
9.
Vgl. BIKnetz – Präventionsnetz gegen Rechtsextremismus: Feinkonzept des Rahmencurriculums "Handlungskompetenz – ein Bildungsangebot zum Umgang mit rechtsextrem gefährdeten bzw. orientierten Jugendlichen für Pädagoginnen und Pädagogen", S. 2, http://www.biknetz.de/kompetenzen-staerken/curriculum.html« (10.3.2015).
10.
So wie es beispielsweise der Jugendhilfeträger RheinFlanke Köln mit dem "Generationendialog" intendiert. Vgl. H.-Georg Lützenkirchen, Teilhabe und Partizipation. Spielen und Verantwortung. Fußball für Toleranz – Vom Spiel zur Teilhabe. Der Generationendialog. Zwei Modelle, Norderstedt 2013.
11.
Vgl. BIKnetz (Anm. 9), S. 5f.
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Autor: H.-Georg Lützenkirchen für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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