30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Wortskulptur "Einheit" von Hüseyin Arda vor dem Pei-Bau des Deutschen Historischen Museums, Berlin

7.8.2015 | Von:
Costanza Calabretta

Feiern und Gedenken: Zur Entwicklung einer gemeinsamen Erinnerungskultur seit dem 3. Oktober 1990

Im Juni 1990 führte "Die Zeit" eine Umfrage unter Persönlichkeiten aus Kultur und Politik durch (darunter Fritz Stern, Hans Modrow, Ernst Nolte, Ralph Dahrendorf, Golo Mann, Antja Vollmer und Lea Rosh) und bat darum, Namen, Datum und Hymne für einen Nationalfeiertag für das neue Deutschland vorzuschlagen.[1] Am schwierigsten schien die Frage nach dem Datum zu sein. Dies zeigte sich nicht zuletzt an den zahlreichen, gänzlich unterschiedlichen Vorschlägen. So wurden bereits belegte Feiertage der alten Bundesrepublik vorgeschlagen (20. Juli, Attentat auf Hitler 1944; 17. Juni, Volksaufstand in der DDR 1953 und bisheriger Tag der Deutschen Einheit in der Bundesrepublik; 23. Mai, Unterzeichnung des Grundgesetzes 1949; 8. Mai, Ende des Zweiten Weltkriegs 1945) ebenso wie der 18. März (im Gedenken an die Märzrevolution 1848) und zwei weitere Daten, die sich auf den Sturz des DDR-Regimes bezogen (9. Oktober und 9. November). Favorit schien der 9. November zu sein, ein Tag, an dem mehrere Ereignisse die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägt haben: Novemberrevolution und Beginn der Weimarer Republik 1918, gescheiterter Hitlerputsch in München 1923, Reichspogromnacht 1938, Fall der Berliner Mauer 1989.[2] Letztendlich entschieden sich die Verfasser des Einigungsvertrages für ein Datum, das nur von wenigen Befragten vorgeschlagen worden war: den Tag, an dem die politische Einheit durch den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes vollzogen werden würde. Und dies war der 3. Oktober 1990.

Mit der Wiedervereinigung verloren die gesetzlichen arbeitsfreien Feiertage der DDR ihre Gültigkeit und es wurden nur die Feiertage behalten, die auch in der Bundesrepublik galten (beispielsweise der 1. Mai und die christlichen Feiertage). Außerdem wollte man generell einen Perspektivwechsel wagen. Als zutiefst geprägt vom Diskurs des Kalten Krieges und in der Bevölkerung kaum wahrgenommen oder gelebt, wurde der in Westdeutschland seit 1954 geltende Nationalfeiertag des 17. Juni diskussionslos abgeschafft, er gilt aber nach wie vor als ein nationaler Gedenktag, an dem der Opfer des SED-Regimes gedacht wird.

Der Vorschlag, den 3. Oktober als neuen Nationalfeiertag zu wählen, wurde von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) während eines nicht öffentlichen Kolloquiums den Ministerpräsidenten der alten Bundesländer am 29. August 1990 unterbreitet und schließlich angenommen.[3] Unverzüglich wurde der Feiertag in den Einigungsvertrag aufgenommen.[4] Einige Tage später begrüßte Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) den Beschluss im Bundestag und erweckte den Eindruck, dieser sei auf "spontane Zustimmung" gestoßen. Einige Abgeordnete der Fraktion der Grünen unterbrachen Schäuble und wollten wissen, wann und mit wem die Wahl des 3. Oktobers besprochen worden sei.[5] Die fehlende Diskussion auf institutioneller Ebene und der undemokratische Entstehungsprozess des Nationalfeiertages "im Grau der administrativen Beschlüsse"[6] ließen sich auch in der Entscheidung darüber wiedererkennen, wie die Feierlichkeiten zum 3. Oktober gestaltet werden sollten. Auf ursprünglichen Vorschlag Schäubles hin beschlossen Kohl und die Ministerpräsidenten im Mai 1991, den Tag der Deutschen Einheit nicht in Berlin zu feiern, sondern in der Hauptstadt des Bundeslandes, das gerade den Vorsitz im Bundesrat inne hatte.[7] So wollte man eine auf europäischer Ebene gänzlich unübliche Praxis einführen und den Nationalfeiertag jedes Jahr in einer anderen Stadt und einem anderen Bundesland begehen.

Auseinandersetzungen um den Termin des neuen Nationalfeiertages

Vorteilhaft war zwar, dass der 3. Oktober geschichtlich nicht negativ besetzt war, aber er erinnerte auch lediglich "an etwas so Aufregendes wie ein bürokratisches Verfahren".[8] Allein der Name verlieh dem Tag etwas mehr Feierlichkeit: Getauft wurde er "Tag der Deutschen Einheit", "um als Staatsgründungstag Geltung im Bewusstsein der Bevölkerung zu erlangen".[9] Es wurde bei der Wahl des 3. Oktobers nur wenig Wert auf Symbolik gelegt. Dies ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, wie wichtig die Symbolik gewesen war "während der Revolution vom Oktober und November 1989. Die Entlegitimierung der DDR und das Streben nach Wiedervereinigung waren wochen-, gar monatelang allgegenwärtig in den öffentlichen Demonstrationen. (…) Gerade Symbole und kulturelle Aktionen trugen entschieden dazu bei, den Sturz des DDR-Regimes zu beschleunigen."[10] Dass man der Symbolik so wenig Beachtung geschenkt hat, könnte eventuell dadurch zu erklären sein, dass ein gewaltiger Druck bestand, innerhalb kürzester Zeit außergewöhnlich viele Entscheidungen zu treffen, um das Ziel der Wiedervereinigung zu erreichen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die tief greifenden kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland und der "Grad der Entfremdung",[11] wie es der Historiker Fritz Stern genannt hat, maßgeblich unterschätzt wurden.

Aufgrund der nicht erfolgten Aussprache im Bundestag kam es immer wieder zu öffentlicher Kritik an der Wahl des 3. Oktobers als Datum des Nationalfeiertages. Unter anderem von den Historikern Arnulf Baring und Hans-Ulrich Wehler wurden Alternativen wie der 17. Juni und der 18. März vorgeschlagen. Hauptkonkurrent des 3. Oktobers blieb jedoch der 9. November.

Einer der einflussreichsten Befürworter des 9. November war im Jahr 2000 der damalige Außenminister Joschka Fischer (Bündnis 90/Die Grünen), der in einem "Spiegel"-Interview erklärte: "Für mich ist immer noch die Frage, warum diese Republik nicht den Mut hatte, den 9. November zum Nationalfeiertag zu bestimmen. (…) Das ist unsere ganze Geschichte. Tiefste Trauer und Betroffenheit über das, was der deutsche Staat seinen jüdischen Bürgern und anderen angetan hat. (…) Der 9. November war aber auch die Nacht, in der die Mauer fiel, als die Menschen auf der Straße tanzten. Dieses Datum hat eine ganz besondere emotionale Qualität."[12] Paul Spiegel, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, antwortete wenige Wochen später gegenüber demselben Magazin: "Der Gedanke, sich zwischen Würstchenbuden und Volksfeststimmung an die Pogromnacht vom 9. November 1938 zu erinnern, erscheint mir unvorstellbar."[13] Der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) bezeichnete den 9. November als "verfluchtes deutsches Datum" und fand ähnliche Worte: An einem Tag, der an die Pogromnacht 1938 erinnern solle, "finde ich es einfach deplatziert, wenn man sich an Bierständen und Würstchenbuden in die Schlange stellt".[14]

Die Gefahr, dass die Erinnerung an die Reichspogromnacht von 1938 durch die Feierlichkeiten zum Gedenken an den Mauerfall verdrängt werden könnte, wurde im Übrigen schon sehr früh von dem Publizisten und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel benannt. Dieser kritisierte im Dezember 1989 den Westberliner Bürgermeister Walter Momper (SPD) für seine Äußerung, der 9. November würde in die Geschichte eingehen. Dabei habe Momper vergessen, "dass der 9. November seinen Platz in der Geschichte bereits hat: An diesem Tag vor 51 Jahren fand die ‚Reichskristallnacht‘ statt".[15] Wenngleich die fehlende historische Bedeutung und emotionale Wertigkeit gegen den 3. Oktober sprachen, so waren es doch eben diese Argumente, die den 9. November historisch und emotional so überfrachteten, dass es unmöglich war, diesen Tag zum Nationalfeiertag zu ernennen.

Auf der Suche nach einem Datum, das die Schwächen des 3. Oktobers überwinden könnte, wurde der 9. Oktober vorgeschlagen im Gedenken an die Leipziger Montagsdemonstrationen, die eine entscheidende Etappe der Friedlichen Revolution hin zum Zusammenbruch der DDR darstellten. Ab September 1989 "versammeln sich die Leipziger jeden Nachmittag um fünf in vier Kirchen im Zentrum der Altstadt. Die Pfarrer sprechen über Leipzig und über die Stadt Gottes. Weltliche begleiten sie in einem langen Gebet, dessen Text aus einer ungewöhnlichen Mischung aus Auszügen aus der Bibel und diversen Tageszeitungen besteht. Die Gläubigen nehmen sich an der Hand und singen die alten Kirchenlieder von Luther. Danach kehren sie zurück in die dunklen Straßen voller Menschen, in den Händen Kerzen und Fahnen, und bilden einen Zug, der bei seinem Marsch durch die Straßen stetig größer wird".[16] Dem gleichen friedlichen und führerlosen Ritual folgend demonstrierten am 9. Oktober 1989 etwa 70000 Menschen gewaltfrei gegen das Regime der SED. Dieser Tag "war der entscheidende Wendepunkt der Friedlichen Revolution. Für viele Menschen, die jetzt ebenfalls Mut zum Protest fassten, wurde er zum ‚Symbol des Aufbruchs‘ in eine andere DDR."[17]

Im Jahr 2004, fünfzehn Jahre nach 1989, erklärte Thierse, "mit dem 9. Oktober hätte vor allem auch der Beitrag der Ostdeutschen zur deutschen Geschichte gewürdigt werden können".[18] Der Vorschlag kam bereits 1990 durch den Abgeordneten Gerald Häfner (Bündnis 90/Die Grünen) ins Spiel, der sagte, der 3. Oktober sei "wirklich der ungeeignetste Termin zum Feiern".

Aber der 9. Oktober fand nicht genug Zustimmung, um sich als Alternative zum 3. Oktober durchzusetzen. Dies lag vor allem daran, dass man den Eindruck hatte, die Bürger Westdeutschlands seien durch dieses Datum nicht ausreichend repräsentiert. Eine mögliche Lösung wäre gewesen, 1990 das Beitrittsdatum der DDR zur Bundesrepublik auf den 9. Oktober zu legen und somit die Erinnerung an die Friedliche Revolution und die Vollendung der Wiedervereinigung vom Datum her abzustimmen. Dieser vom letzten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière (CDU), unterbreitete Vorschlag sollte den ostdeutschen Bürgern "ein gewisses Maß an Würde wahren",[19] fand jedoch keine Unterstützung.

Fußnoten

1.
Vgl. Symbol für das neue Deutschland. Welcher Name? Welche Hymne? Welcher Feiertag?, in: Die Zeit vom 15.6.1990 und 22.6.1990.
2.
Vgl. Hans-Jörg Koch, Der 9. November in der deutschen Geschichte, Freiburg i.Br. 1998; Peter Steinbach, Der 9. November in der Erinnerung der Bundesrepublik, in: Deutschland Archiv, 41 (2008) 5, S. 877–882.
3.
Vgl. Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Dokumente zur Deutschlandpolitik: Deutsche Einheit. Sonderedition aus den Akten des Bundeskanzleramtes 1989/90, München 1998, S. 1508ff.
4.
Vgl. Einigungsvertrag, Kapitel II, Artikel 2, Absatz 2.
5.
Vgl. Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll 11/222 vom 5.9.1990, S. 17491.
6.
Wilhelm Hennis, Aus Kohls Erbe, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28.9.2000.
7.
Vgl. Staatsarchiv Hamburg, Tag der Deutschen Einheit. Vorbereitung, 131.1 II, 9034 1, Bd. 1.
8.
Michael E. Geisler, In the Shadow of Exceptionalism, in: ders. (Hrsg.), National Symbols, Fractured Identities. Contesting the National Narrative, Middelbury 2005, S. 86.
9.
Anselm Doering-Manteuffel, 23. Mai 1949/7. Oktober 1949/3. Oktober 1990, in: Eckart Conze/Thomas Nicklas (Hrsg.), Tage deutscher Geschichte. Von der Reformation bis zur Wiedervereinigung, München 2004, S. 272.
10.
Vgl. Christoph Cornelißen, Il decennale e il ventennale della Riunificazione tedesca, in Massimo Baioni/Fulvio Conti/Maurizio Ridolfi (Hrsg.), Celebrare la nazione, Cinisello Balsamo 2012, S. 409.
11.
Fritz Stern, The Many Unifications of Germany, in: Bulletin of the American Academy of Arts and Sciences, (1995) 5, S. 33.
12.
Stephan Aust et al., 9. November als Feiertag, in: Der Spiegel vom 21.8.2000, S. 41f.; vgl. auch Joschka Fischer. Tag der Deutschen Einheit verlegen, 4.10.2000, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/joschka-fischer-tag-der-deutschen-einheit-verlegen-a-96515.html« (10.7.2015).
13.
Karen Andresen/Hans-Joachim Noack, Dieses schreckliche Aber, in: Der Spiegel vom 9.10.2000, S. 28.
14.
Verfluchtes deutsches Datum. Thierse gegen 9. November als Feiertag, 5.10.2000, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/verfluchtes-deutsches-datum-thierse-gegen-9-november-als-feiertag-a-96674.html« (10.7.2015).
15.
Elie Wiesel, Vergesst Ihr die Vergangenheit?, in: Die Zeit vom 15.12.1989.
16.
Robert Darnton, Diario berlinese. 1989–1990, Turin 1992, S. 69.
17.
Rainer Eckert, Der 9. Oktober: Tag der Entscheidung in Leipzig, in: Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.), Revolution und Vereinigung 1989/90, München 2009, S. 221.
18.
Thierse fordert neuen Nationalfeiertag, 7.9.2004, http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/debatte-thierse-fordert-neuen-nationalfeiertag-a-316977.html« (10.7.2015).
19.
Konrad H. Jarausch, Die unverhoffte Einheit, 1989–1990, Frankfurt/M. 1995, S. 286.
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